KW 14/15 2022

Die Nachbarin ist Ü70. Sie schreibt whattsapps wie Briefe. Meine liebe…, Text in ganzen Sätzen, neue Zeile ihr Vorname und der Nachname dargestellt durch das passende Emoji. Das hat was. Schön zu lesen.


Abends um zehn der letzte Blick auf die Vertretungsplan-app. Morgen zur ersten Stunde, seufzt Julikind. Morgens um halb sieben Nachrichten von den Mütterkolleginnen auf dem Handy – erste Stunde entfällt. Die Mathearbeit wurde verlegt, auf irgendwann nach den Ferien, sagt Julikind. In der Paralellklasse sind sieben Kinder positiv zu Hause diese Woche, da macht das keinen Sinn, wegen der Vergleichbarkeit der Ergebnisse, hat der Lehrer gesagt. Letzte Woche waren in der eigenen Klasse sechs Kinder nicht da. Die Deutscharbeit haben sie trotzdem geschrieben, weil, auf was soll man denn warten, hatte die Lehrerin gesagt. Ach, es gäbe da übrigens einen neuen Stundenplan, ob ich den vielleicht irgendwo aufhängen will, fragt Julikind. Nö. Schule ist wie Wetter, wir nehmen es wie es kommt.


Wegen Spritpreisen und Weltrettung schien es eine gute Idee zu sein, dass der Liebste auf dem Heimweg einkauft. Ich müsste ja sonst extra dahin fahren, wo er sowieso vorbeikommt. In der Praxis funktioniert das nicht, stellen wir fest. Ich habe die Bestände eher im Kopf und kaufe manchmal Sachen, die nicht sofort gebraucht werden, einfach, weil ich im Vorbeigehen dran denke. Wenn der Liebste „Filtertüten“ auf der Liste stehen hat und es gibt die in der passenden Größe nicht, ist das für ihn eine Stresssituation. Da wäre ich nicht drauf gekommen. Wir haben übrigens noch welche, ist halt nur die letzte Packung und ich beim Zettel schreiben ist mir das eingefallen… „Das ist schon richtige Arbeit, so ein Einkauf, hat er immer gewusst“, sagt er. Mir war das nicht so klar, aber ja, stimmt schon.


Der Hund bellt, meldet mein Hirn. Egal, da kommen bestimmt gerade Märzkind und Pluseinskind nach Hause, ich schlafe. Kann nicht sein, sagt das Hirn, die übernachten woanders. Es klingelt an der Haustür. Völlig verpennt mache ich Licht und schaue auf die Uhr. OK, wenn es um diese Zeit klingelt, dann muss was passiert sein. Jetzt bin ich wach, aber so richtig. Ich brauche Socken und meine Brille, und ach, ich wünschte, ich hätte ein Shirt ohne Zahnpastafleck drauf an… unglaublich, was man alles denken kann, in zwei Sekunden. Der Liebste ist schon auf halben Weg an die Tür. „Hallo?“ ruft er raus in die Nacht. Eine Minute später kommt er zurück. „Irgendwer ist lachend weggelaufen“, sagt er und knurrt fast, dabei. Ich bin erleichtert. Klingelstreiche Samstag morgen um halb zwei, „möge euch der Blitz der beim scheißen treffen“, denke ich und schlafe wieder ein.


Schnee, Regen, Sonne und wieder von vorn. In zwei Stunden „Aktion sauberer Ortsteil“ erleben wir so ziemlich jedes Wetter, dass dieser April zu bieten hat. Auf der Strecke, die ich mitlaufe finden wir gar nicht so viel. Es kommt trotzdem eine beeindruckende Menge zusammen. Beim Abschluss-Grillen steht man kopfschüttelnd vor dem Berg Müll und fragt sich, was das wohl für Leute sind, die Reifen dieser Größe in den Wald bringen. Das ist doch viel aufwendiger, als sie zum Entsorger zu bringen – mal ganz abgesehen davon, dass man eigentlich im Kindergarten schon lernt, dass man sowas einfach nicht macht.

Soziale Kontakte mit Nicht-Familien-Mitgliedern sind immernoch was Besonderes. Wenn man so läuft, kann man prima tratschen… Die beste Grundschul-Freundin des Märzkindes hat einen Ausbildungsplatz und zieht im Sommer aus. Häuser haben den Besitzer gewechselt, Leute sind gestorben…Die Zeit ist doch weitergelaufen, in den letzten zwei Jahren. Manchmal vergesse ich das.


Vor der Kapelle steht der Bestatter, die Urne ist unter dem Dach aufgebahrt. Außer mir sind nur vier andere Leute da. Beileidsbekundungen. Drei weitere Gäste kommen dazu, das Wetter ist frühlingshaft und dieser Friedhof ist wirklich schön. Wir unterhalten uns, es ist eine angenehme Atmosphäre. Anscheind sind alle da. Der Verstorbene habe eine stille Beerdigung gewünscht, sagt der Bestatter, aber, wenn noch jemand etwas sagen möchte… Alle gucken sich fragend an. Eine Frau zuckt mit den Schultern und sagt in einem feierlichen Ton: „Er war ein Chaot, sein Leben lang.“ Alle nicken und lachen – dieses flüchtige Beerdigungslachen. Die Frau ist die Schwester des Verstorbenen. Und das war wahrscheinlich eine der aufrichtigsten und herzlichsten Grabreden, die ich je gehört habe. Die Urne wird zum Grab getragen, man verabschiedet sich andächtig. 10 Minuten später stehen alle auf dem Parkplatz und unterhalten sich noch kurz. Die Angehörigen erzählen ihre Sicht auf die Dinge und alles puzzelt sich nochmal anders zusammen. Dieses „in aller Stille auseinander gehen“ fühlt sich sonst immer irgendwie seltsam an. Aber diese Feier war eine Runde Sache.


Jetzt Osterferien.

Anfang April 22

Der April startet mit 20cm Neuschnee und bitterkalt. Die Schneeschaufel hatte ich eigentlich schon nach hinten gestellt, im Schuppen. So richtig Lust hab ich nicht mehr, auf dieses Wetter.


Tja, dann haben wir jetzt offiziell nur noch halb so viele Bienen, wie im letzen Jahr, meldet der Liebste. Keine Ahnung wieso, vielleicht irgendwas mit Klimawandel.


Ob schon jemand was gehört hat, wegen Beerdigung, frage ich vorsichtig nach. Es dauert einen Moment, bis ich Antwort bekommen. Kontakt hatte bisher niemand, zu den Angehörigen, aber sie haben Eindruck hinterlassen. Das erklärt im Nachhinein so einiges.

*

Wir lernen daraus, dass wir unbedingt mal unseren Papierkram auf die Reihe bringen müssen. Es wäre doch schön, wenn die Ordner im Ernstfall intuitiv bedienbar wären. Der Liebste findet eine Unfallversicherung. Die hätten wir im letzten Jahr…nnaaargh


Der Außendienstler und der Liebste sitzen mit Kaffee am Tisch und rechnen mal ganz grob, was wir durch Warmwasserkollektoren sparen könnten – oder wenn man eine PV-Anlage installieren und die Heizung umrüsten würde. Also, wenn man da mal ganz ehrlich den zu erwartenden Stromverbrauch mit reinrechnet, so, wie das Haus steht und hier die Sonne scheint bzw, eben nicht scheint, wäre ein Pufferspeicher notwendig, den man im warmen viertel Jahr aufheizt, um die Wärme dann im Winter kontinuierlich zu entnehmen, der müsste natürlich die entsprechende Größe haben. Als sie gedanklich das Haus entkernen unterbreche ich kurz: Nope.


Maikind zwei Tage krank. Der Wechsel von „irgendwas Unterrichts-ähnlichem von acht bis eins, es sei denn es entfällt“ auf Betriebspraktikum von halb acht bis halb fünf mit körperlicher Bewegung hat ihn umgehauen. Wen wunderts?


Post vom Kultusminister. Sinngemäß: Mit der Maskenpflicht und dem Testen und so, das hat alles gut funktioniert, aber wir machen dann jetzt doch das mit der Durchseuchung, weil allmählich nervt es ja wirklich und so schlimm ist es gar nicht, wurde entschieden. Vielleicht ist das bei einer Inzidenz von 1600 keine richtig gute Idee, aber eigentlich betrifft es uns gar nicht. Ich glaube, in den drei Klassen, in denen die Kinder sitzen ist niemand mehr, der nicht geimpft oder genesen wäre. Man ist eher beides.

Julikind kommt fröhlich nach Hause. In der ganzen Schule kann man jetzt ohne Maske rumlaufen, einfach so, das war schön. Märzkind war Samstag Abend noch kurz was einkaufen. Da waren tatsächlich schon Leute ohne Maske im Laden. Sie hat ihre Maske dann kurz bis über die Nase gezogen, einmal geatmet und sie wieder aufgesetzt. Von jetzt auf gleich, mit wildfremden Leuten die gleiche Luft atmen, das ist ihr dann doch irgendwie zu persönlich, sagt sie.


Eigentlich wollte ich nur mal gerade Nachrichten gucken, so hin und wieder muss man das doch. Ich sehe Bilder aus Butscha und sitze dann eine Weile fassungslos da. Der Opa musste mit 15 in den Krieg, als der schon fast vorbei war, „zum aufräumen“ hat er gesagt, und dass er „für sein Lebtag genug Tote“ gesehen hat. Ich hab mich nie getraut, weiter nachzufragen, fällt mir gerade auf.

Ein Geburtstag und ein Großstadtmoment

Die Omas, der Opa, die Patentante mehr Gäste kommen gar nicht. Die können alle so am Tisch sitzen, es braucht nur eine weitere Platte. Oder kommt man sich da doch zu nah? Ich weiß es nicht. Und ich hab auch eigentlich keine Lust mehr, über sowas nachzudenken. Wir feiern jetzt so und fertig. Man merkt, dass es für einige Gäste ungewohnt ist, mit so vielen Leuten am Tisch zu sitzen, aber schön.

Ich altere mehr an den Geburtstagen der Kinder, als meinen eigenen. 17 Jahre, meine Güte. Diese verkleinerten Familienfeiern gefallen mir gut. Damals, als zu solchen Anlässen 26 Leute im Haus waren, habe ich alle nur im Vorbeigehen gesehen. Da war keine Zeit für Gespräche. Das Möbel rücken vermisse ich auch nicht.


Julikind und ich machen Frühstücks-Pause auf dem Bahnhofsvorplatz. Nach drei Stunden im Zug und anderthalb Stunden in einer Arztpraxis einfach mal ohne Maske atmen – herrlich. Obwohl, „es stinkt irgendwie“, sagt Julikind. Stimmt. Und es ziemlich laut, ohne das man die Lautstärke irgendwas Bestimmtem zuordnen kann. „Die Menschen sind so schön hier“, sagt Julikind. Stimmt auch. Im Wartezimmer saß mir eine Frau gegenüber, die sah in Leggins und T-Shirt schick aus. Sowas gibt es bei uns nicht. „Guck mal“, sagt Julikind, „diese Zug-Busse fahren da einfach mitten durch“. „Das ist eine Straßenbahn“, sage ich. „Ach, das ist eine Straßenbahn?“ „Jo“, sage ich. Auf der Rückfahrt winkt Julikind den Hochhäusern, solche Hochhäuser hat sie noch gesehen. Der Tag in der Großstadt war interressant, aber man kann sich eigentlich nicht vorstellen, dass es Leute gibt, die da wohnen wollen, sagt sie. Je weiter wir Richtung Heimat fahren, desto schöner wird der Blick aus dem Zugfenster. Wir sind Dorfkinder durch und durch, machste nix dran.

Abends bei der letzten kleinen Hunderunde höre ich die Rehe im Wald – ziemlich laut.


Morgens nach dem Aufstehen im Kopf die dringenden Tagesaufgeben durchzugehen, und festzustellen, dass es möglich ist, alles in den folgenden 17 wachen Stunden zu schaffen, es ist ein großartiges Gefühl. Wenn da zwischendurch sogar noch Zeit für eine Pause bleibt… Der Liebste und ich sitzen auf der Treppe vor dem Haus, trinken ganz in Ruhe einen Kaffee und können es kaum glauben. Wie Urlaub.

So könnte das gerne mal eine Weile sein jetzt.

Wahnsinn, ganz normaler

Alle drei Kinder waren an allen fünf Wochentagen in der Schule bzw. im Praktikum. Das hatten wir in diesem Jahr so noch nicht.


Ich stelle fest, das ich unbedingt mal wieder zum Frisör muss, dann lese ich beim Frühstück einen Artikel über ukrainische Frauen im Krieg. Ein rausgewachsener Haarschnitt ist ein banales Luxusproblem. Andererseits feiern wir nächste Woche Geburtstag – während gar nicht mal so weit weg von hier Bomben fallen. Es ist gerade kompliziert in meinem Kopf. Ich mache einen Frisörtermin. Das Städtchen hat ukrainische Flaggen gehisst. Och guck, das hätten wir rückblickend vielleicht besser schon mit der syrischen Flagge gemacht, vor zehn Jahren, denke ich, im Vorbeifahren.


Da bin ich aber froh, dass ich direkt nach der Quarantäne die Vorräte wieder aufgefüllt hatte. Mehl ist ausverkauft. Märzkind sagt, die Physiofrau hat erzählt, in der Nachbargemeinde gibts nicht nur kein Mehl, da fehlen sämtliche Corona-Klassiker in den Regalen: Hefe, Nudeln, Klopapier und jetzt neu, Speiseöl. Boar nee, nicht das wieder.


Ein Termin in Frankfurt, morgens um elf, wir würden die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen wollen. Das Kind kann mit dem Hessenticket fahren, ich brauche eine Fahrkarte. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, zu verschiedenen Preisen. Die Fahrzeiten unterscheiden sich aber nur um zwanzig Minuten. Nach einer halben Stunde Internetrecherche und einem Gespräch am Servicecenter entscheide ich mich für Plan C. Wir werden in den Zug einsteigen, und mangels Automat am Dorfbahnhof, ein Ticket bei der Zugbegleitung kaufen für was auch immer verfügbar ist und zahlen was es kostet. Und wenn das Kind bis dahin doch positiv ist, dann nicht.


Wir hatten verschiedene Wege durchs Städtchen und treffen uns beim Optiker. Eigentlich brauchte der Liebste nur Kontaktlinsen aber, seufzend zeigt er mir ein Etui. Vor diesem Tag hat er sich lange gefürchtet, mitfühlend streiche ich ihm über den Arm. Tja, nun sind wir ja nicht nur verheiratet, sondern auch befreundet. „Samma, kennst du diese Meilensteinkarten, mit denen man kleine Kinder fotografiert?“, frage ich. „Hä?“ sagt er. „kleine Schilder halt, da steht drauf *heute bin ich die ersten Schritte gelaufen* oder so“. Er zieht die Augenbrauen so zusammen. Ich grinse. „Wenn wir gleich zu Hause sind, dann bastle ich dir eins, *meine erste Lesebrille* und dann machen wir ein Foto…“ Er piekst mich in die Seite, ich quieke und rutsche fast vom Stuhl vor lachen. Dann kommt die Optikerin mit meiner frisch gerichteten Brille aus der Werkstatt und wir benehmen uns ganz schnell wieder wie Erwachsene im Lesebrillenalter.


Seit letzter Woche dürfen die Kinder im Unterricht am Platz die Maske abnehmen. Das war schön, weil sie dann nachmittags wacher und fröhlicher sind. Leider ist diese kleine Lockerung ganz gewaltig eingeschlagen. In der Klasse des Maikinds sind sie aktuell zu zwölft. Eltern dürfen entscheiden, ob sie die Kinder schicken, da gäbe es gerade eine Ausnahme, sagt Maikind. Nix. Er ist geboostert und genesen, wenn irgendwer gehen kann dann er, sage ich. Ein Seufzer, das hatte er sich schon gedacht. In der Klasse des Julikinds sind sie noch neun. Statt ganz ohne Maske sitzen wieder alle mit FFP2. Ich bin mir ziemlich sicher, dass man sich das nicht zweimal innerhalb von 8 Wochen einfängt. Aber diese bange halbe Stunde Montags, Mittwochs, Freitags ab 8.20 Uhr, sie ist wieder da.

Wenn alle anderen in Quarantäne sind, das ist fast so doof, als wäre man es selber. Julikind telefoniert jeden Nachmittag alle ihre Freundinnen ab. Das Kinder Corona bekommen, ohne es zu bemerken ist Quatsch.


Maikind hat so gar keine Lust auf Nachmittagsunterricht. Das der tatsächlich dreimal hintereinander statt findet ist eigentlich unzumutbar. Aber es gibt eine gute Nachricht. Die Dönerbude im Städtchen liefert bis an die Dorf- Schule. Wenn man da anruft, mittags, und sagt „bitte 6 Döner mit doppelt Fleisch und 3 Familien-Pizzen in den Ortsteil“, dann fragen die garnicht mehr wohin, die sind einfach eine halbe Stunde später da. Service der begeistert. Anscheind vermisst niemand die Schulcafeteria. Ich stelle mir eine Gruppe Jungs vor, alle ungefähr 1,80m groß und 65kg schwer, wie sie sich freuen, wenn das Dönerauto vorfährt. Sind bestimmt schöne Bilder. Man könnte ein Schild aufstellen, Fütterung der Teenager um 13.40 Uhr

KW 10/2022

Die gute Nachricht ist, mein Hirn findet allmählich wieder in den Normalbetrieb zurück. Ich kann wieder mehr Sachen denken und wahrnehmen als zur Aufrechterhaltung des Betriebes hier zwingend notwendig ist. Es fühlt sich gut an und ich freu mich. Die schlechte Nachricht ist, ich sehe jetzt, was im Haus so alles liegen geblieben und in der Welt passiert ist, während dieser 6 intelligenzgeminderten Wochen.


Ich fahre schon eine ganze Weile nur 90 km/h auf Landstraßen. Erstens weil mein Auto eine Flitschbimmel ist, zweitens wegen Weltrettung. Ich werde oft überholt, normalerweise. Seit neustem nicht mehr. Der Liebste berichtet, er sei auf der Bundesstraße 80 gefahren, in Kolonne, mit den LKW. Niemand überholt, niemand drängelt. Nimm das, Putin! Ganz nebenbei fällt mal auf, wie entspannt man Auto fahren kann. Und länger dauert es eigentlich auch nicht.

Spontan an der Tanke gehalten, es war eigentlich noch halb voll, aber 2,06 Euro der Liter, mensch, so ein Schnäppchen lässt man nicht liegen. Hätte mir das vor vier Wochen jemand erzählt…

Mit dem Hund ins Feld fahren um dort spazieren zu gehen, eigentlich geht das garnicht mehr. Wir machen es trotzdem. Auto fahren ist unser Urlaub dieses Jahr.


Es gibt wieder Anlässe und somit auch Bedarf für Sachen, die nicht Lebensmittel sind. Die Fussgängerzone im Nachbarstädtchen hat sich verändert, aber nicht zum Schlechten. Der Liebste und ich arbeiten eine Geschenke-Einkaufsliste ab. Ich weiß ehrlich nicht, wann ich zuletzt in so vielen verschiedenen Läden war. Zwischendrin gab es das erste Eis der Saison. Mal was anderes zu sehen hat richtig gut getan.


Es kraschpelt auf dem Flur, Blick auf den Wecker, halb eins. Vor drei hatte ich nicht mit Gekraschpel auf dem Flur gerechnet, lieber mal gucken. Märzkind ist im Bad. „Seid ihr rausgeflogen?“, frage ich. „Nee, garnicht erst reingekommen.“ Oh. Heute war erster Öffnungstag der Discos nach Corona. Sie hatte sich Hin- und Rückfahrt und die Unterschrift einer anwesenden volljährigen Person organisiert (damit darf bis nach Mitternacht). Geöffnet wurde um neun. Um zehn nach neun waren sie da. Viel zu spät, da ging die Schlange schon bis an die Straße. Drei Stunden haben sie angestanden, als sie einen Meter vor der Eingangstreppe waren, durfte niemand mehr rein, wegen zu voll. Man hätte natürlich warten können, bis die 14-jährigen um Mitternacht rausgefiltert werden, aber – sie waren so durchgefroren, dass sie keine Lust mehr hatten. Das ist scheiße. Aber jeder steht irgendwann mal vorm Utopia und kommt nicht rein. Das ist Teil der Magie dieser Dorf-Disco.

Am darauffolgenden Nachmittag, fröhlicher Gesang und lachende Teenager auf dem Flur. Es gibt wieder was zu erzählen. Die drin-Gewesenen tauschen auf allen Kanälen Geschichten mit den draußen-Gestandenen. Das Mutterherz bekommt eine Ahnung davon, was gefehlt hat, in den letzten zwei Jahren. Man weiß nicht, ob man lachen oder weinen möchte.


De Omma muss zum Arzt. Um elf klingele ich an ihrer Tür. Die wird sofort und schwungvoll geöffnet. De Omma hat die Jacke schon an, die Handtasche über der Schulter und wirkt ziemlich durch den Wind. Was denn los ist, frage ich. Sie dachte ich komme ich nicht. „Wir hatten doch gesagt, wir fahren um halb elf.“ Der Termin ist um viertel vor zwölf. Von der Haustür bis zum Parkplatz vor der Arztpraxis brauchen wir zwanzig Minuten. „Nee, Omma, du hattest gesagt, wir fahren um halb elf. Ich hatte gesagt, ich komme um elf. Es ist elf.“ Sie ist schon auf halbem Weg zum Auto. Anschnallen bitte, soviel Zeit ist noch. Ach so ja, anschnallen, ach, das geht eigentlich nicht. Ihre Hände zittern. Doch, doch, geht das. Ich helfe ihr. Sie ist sich ehrlich nicht nicht sicher, ob wir das jetzt zeitlich noch schaffen können. Einatmen, ausatmen. De Omma ist im Kriegszustand, sie macht das nicht mit Absicht. Anstrengend ist es aber trotzdem.


Oh ha, was ist denn da los? Das Scheunentor des Feststalls im Nachbarort ist bis auf halbe Höhe zugestapelt mit, ja mit was eigentlich? Für das ungeschulte Auge sieht es von Weitem so aus, als hätte jemand einen Messihaushalt ausgeräumt. Auf dem Parkplatz stehen Autos. Ach, anscheind nutzt die spontan gegründete Hilforganisation den Raum. Letzte Woche wurde um Spenden gebeten. Zwei hier lebende Ukrainier wollten mit einem Transporter an die Grenze fahren und Sachen für ein Krankenhaus zur Verteilung übergeben. Als ich noch überlegt habe, wir könnten da eigentlich die Orthese hinspenden, die braucht hier hoffentlich nie mehr jemand, da kam eine whattsapp, man habe jetzt Material für vier Transporter und brauche eigentlich noch Fahrer und Fahrzeuge. Diese Woche fahren sie wieder hin.

Die Mengen, die hier „gespendet“ werden, es ist beeindruckend. Gut, bestimmt ist da auch viel brauchbares dabei, aber, wieso das jetzt alles an ukrainische Grenze muss, verstehe ich nicht. Mir persönlich gehen die Bilder von flüchtenden Menschen in der Ukraine nicht näher, als die Bilder von Geflüchteten an der belarussischen Grenze oder im Mittelmeer. Vielleicht freuen sich die Leute einfach, das man mal was tun kann gegen die Apokalypse, außer zu Hause zu bleiben. Vielleicht ist bei mir auch Gewöhnung eingetreten, weil ich jede Woche bei der Omma in der Küche Geschichten vom Krieg höre. Im Edeka lege ich eingekaufte Nudeln und Haribo in den Spendenkorb für die Tafel. Vorsorglich. Nimm das AfD.


In der Schule haben sie jetzt neue Coronatests, mit kleineren Teststäben und die Flüssigkeit ist im Deckel von den Röhrchen mit drin, richtig cool, die besten die es je gab, erzählt das Maikind. „Hä? Du musst dich doch garnicht testen“. Doch, da war einer positiv, deshalb müssen sich diese Woche alle testen. „Ach so“, sage ich. Keine innere Unruhe, kein bodyscan auf Halskratzen oder ähnliches. Mit dem Thema sind wir durch. Das ist schön.

Halbzeit, Februar 22

Skifahren hat wider erwarten so richig Spaß gemacht, Julikind ist begeistert. Der Lehrer hat ihr gar nicht geglaubt, dass sie das noch nie gemacht hat. Wenn die Patentante fragt, was sie sich für einen Ausflug wünscht, dann weiß sie aber ganz genau was sie gerne würde. Skifahren war genauso blöd wie befürchtet, sagt Maikind. Seine Kumpels wollen alle mit, zur nächsten Skifreizeit, und, nur damit ich bescheid weiß, er nicht. Hatte ich mir schon gedacht, beides.


Die Kraniche kommen wieder, ein Schneeglöckchen steht im Garten, am Bäckerauto werden bunte Eier verkauft und der Nachbar erledigt Baumschnittarbeiten, im Flur liegt ein Motorradhelm. Frühling also. Mir war so, als wäre Weihnachten gerade durch, aber von mir aus gern. Die letzten Wochen sind irgendwie zu einem Klumpen Zeit verschmolzen.


Vorletzte Woche stand der Football-Brustpanzer mitsamt Helm im Esszimmer. Der Liebste fing sich einen „dein Ernst?“ Blick. Keine Sorge, hat er gesagt. Es wurde gefragt, ob irgendwer seine Ausrüstung verleihen würde und er braucht die im Moment ja leider nicht. Ob er das echt so verleihen will, hatte ich gefragt. Sicher, die Neuen fliegen sowieso in den Dreck. Gestern hat er erfahren, seine Ausrüstung war Teil der Superbowl-Dekoration im Foyer einer echt großen Firma. Hätte er das gewußt, er hätte ein frisches Jersey draufgezogen, da steht doch sein Name drauf. Tja, sage ich.


In der Familien-whatsapp Gruppe wird eine Idee angesprochen, und um Rat gebeten. Als ich den Chat sehe läuft das Thema anscheind schon eine Weile. Die Antworten überraschen mich. Das hatten wir schon mal, vor vier Jahren und es ging schief. So grundlegend und spektakulär schief, dass eine Neuauflage undenkbar ist. Anscheind bin ich die einzige, die das so sieht. Man versucht dem Fragenden mit einem bunten Stauß an Argumenten darzulegen, warum es keine gute Idee ist. Mir wird auf einmal etwas klar: Ich will und kann keine Energie mehr in dieses Projekt stecken. Nicht mal in Gedanken.


Drei Termine an einem Tag. Wann hatte ich sowas denn zuletzt?


Ein Elterngespräch. Die Ängste, bei einem der Kinder, sie sind nachweisbar in den psychologischen Tests. Es braucht aber im Moment weder Medikamente noch Therapie. Erleichtert und nachdenklich verlasse die Praxis, ausgestattet mit guten Ratschlägen und den Adressen sämtlicher Therapeuten im Umkreis von 50km, falls wir den Eindruck haben, dass es doch nötig werden könnte. Hoffentlich brauchen wir die nicht.


Die Zahnbaustelle ist fertig gestellt. Juhu! Endlich. Also, eigentlich nicht juhu, es fühlt sich im Moment an, als wäre ich in eine Kneipenschlägerei geraten. Aber morgen dann, oder übermorgen. Ein Haken auf meiner „dieses Jahr zu erledingen“- Liste. Ich freue mich.


Pluseinskind war am Wochenende in der Kneipe, in der es einen Coronaausbruch gab. Eigentlich sind alle positiv gewesen danach, aber er natürlich nicht. Man fragt sich wirklich, wie der das immer schafft, sagt Märzkind. Vielleicht hatte er schon längst und hat es einfach nicht mitgekriegt. Wir sind auf jeden Fall froh, dass niemand das Virus aus unserem Haus mitgenommen hat.


Ich gucke schon seit der Quarantäne keine Nachrichten mehr. Die Sturmwarnung begegnet mir durch Zufall im Internet. Unwetterwarnung haben wir ja immer mal, denke ich. Diesmal scheint es aber doch etwas mehr zu werden. Wir gehen einmal durch den Garten und sichern Dinge, die wegfliegen könnten. Der Liebste packt sich die Kettensäge ins Auto. Er hat Nachtschicht, Arbeit fällt leider nicht aus, Schule schon. Wobei, doch nicht. Die Mädels haben Distanzunterricht. Die Schule des Märzkinds kommuniziert da ganz klar die Erwartungen. Märzkind läd neue Sachen runter. Vielleicht funktioniert es mit diesem System ja tatsächlich. Das wär doch mal was.

Wiedereinstieg in den Alltag

Zwei Minuten nachdem ich geschrieben hatte, dass immernoch kein Testergebnis vorliegt, kam die Post. Darin die Quarantäneanweisung für das Julikind, genauso wie wir sie schon hatten nur mit Genesennachweis. Bedeutet das, der Test vom Liebsten war negativ? Anruf beim Gesundheitsamt. Und, anscheind läufts heute, schon beim dritten Versuch kommt er durch. Nee, nee, sagt die Frau am Telefon, sein Test sei auch positiv. Das wurde bereits einen Tag danach übermittelt. Warum da nichts gekommen ist weiß niemand. Er muss in Quarantäne, noch bis einschließlich morgen. Zwei Tage später kommt der Brief. Darin eine Quarantäneanweisung und eine Beschreibung, wen man jetzt benachrichtigen muss und welche Kontakte sich ebenfalls in Quarantäne begeben sollen. Auf Papier gedruckte Links zu den entsprechenden Infos auf den Seiten des RKI, man weiß nicht ob man lachen oder weinen möchte. Kein Genesen-Nachweis, warum auch immer, ist aber auch egal, der Booster gilt ja eh länger. Adressiert wurde „an die Erziehungberechtigten des Kindes Name des Liebsten„. Er schiebt mir den Brief zu. Danke, aber, ich finde, er ist alt genug, seine Kollegen vom vorletzen Wochenende selber darüber informieren, dass ihre Quanrantäne gestern endet. Auf sicher schickt er seiner Mama noch ein Bild von dem Schreiben. Die Personalabteilung amüsiert sich auch, aber, da war es doch gut, dass sie das alles so gehandhabt haben. Hätte man da erst auf ein Ergebnis gewartet, wäre es vielleicht nicht witzig geworden. Am nächsten Morgen bekommt der Liebste eine SMS. Der Coronatest war positiv. Läuft mit der Digitalisierung. Nur so zum Spaß probiert er auch nochmal, was die Corona-Warnapp heute sagt. Rot, er wurde positiv getestet und soll sich in Isolation begeben. Die App ist ein Idiot. Löschen.

„Es fühlt sich ein bisschen so an, als dürfte man eigentlich nicht da sein“, sagt Märzkind nach dem ersten Arbeitstag „danach“. Die Leute haben sich Mühe gegeben, aber man konnte doch merken, dass es ihnen nicht ganz geheuer war.

Ich hatte mir ein bisschen Sorgen gemacht, dass die Kinder, nachdem sie zwei volle Wochen ganz ohne Aufgaben zu Hause waren vielleicht den Anschluss verpasst haben. Ich sah mich Nachmittage lang home schoolend am Esstisch sitzen. Das scheint nicht nötig. Es wurde nicht wirklich viel gemacht, in den zwei den Wochen. Tja. Das ist gut – oder schlecht – oder egal, man weiß es nicht.

Zum Glück hat der Liebste letzten Woche einen Praktikumsplatz für das Maikind organisieren können. Diese Arbeitslehre-Lehrerin, die das Praktikum betreut, die hat sich eine Methode überlegt, wie sie die, die noch keinen Platz gefunden haben, daran erinnert, dass das jetzt aber mal erledigt werden muss. Maikind ist entsetzt, und das heißt was. Ich schreibe der Lehrerin eine Email. Freundlich aber bestimmt. Sicher handelt es sich um ein Missverständis, ansonsten wäre ich gesprächsbereit.

Freitag nur drei Stunden, wegen Zeugnissen. Die sind alle richtig gut. Wir freuen uns. Das Zeugnis vom Märzkind wurde vom vom Schulleiter und vom Klassenlehrer unterschrieben. Die Stelle für „Erziehungsberechtigter“ ist noch frei. Ich glaube es hackt. „Erziehungsberechtigter*innen“ muss das doch wohl heißen, das kann der Liebste unterschreiben. Bei den anderen Zeugnissen haben die Schulleiterin und der Klassenlehrer unterschrieben, ich unterschreibe bei „Elternteil“.

In einer perfekten Welt würden wir dieses Wochenende einen vierzigsten feiern. Ein Gedenk-Moment.

Beim Mittagessen am Samstag stellen wir fest, dass niemand etwas vor hat, heute. Als wären wir immernoch in Quarantäne. Man könnte vielleicht eine Runde mit den Großeltern spazieren gehen, schlägt Märzkind vor, der Onkel ist auch da, dieses Wochenende. Wir verabreden uns für den Nachmittag. Sieben Menschen und zwei Hunde, das ist ungewohnt, aber schön. Nach anderthalb Stunden sind wir alle total durchgefroren aber fröhlich. Essen. Sofa. Mehr geht eigentlich auch noch nicht.

Montag ist beweglicher Ferientag, und, ach übrigens, Mittwoch Winterwandertag. In diesem Jahr, haben die Kinder wegen der Situation keine Wahlmöglichkeit. Man bleibt im Klassenverband zusammen und hat sich für Skifahren entschieden. Wir sind keine Wintersportfamilie. Zu dritt brauchen wir eine Stunde, um ein Skioutfit für das Julikind zusammenzusuchen. Sie wäre viel lieber Schlittschuhlaufen gegangen. Die Magie dieses Winterwandertages bestand darin, dass die ganz Schule am gleichen Tag nach Willigen fährt, dort jeder das macht, was man am liebsten möchte und sich die Jahrgänge mischen. Naja, besser als nichts ist es auf jeden Fall.

Einmal die Restmülltonne vollgepackt mit Altlasten vom Dachboden. Der Plan ist, dass jetzt alle vier Wochen so zu machen, bis nichts mehr nachrutscht. Damit Platz in der Tonne ist, haben wir wieder angefangen, Müll zu trennen. Gut, dass ich die gelben Säcke nicht entsorgt habe. Gelbe Säcke sind gerade schwer zu bekommen, erfahre ich, die Lieferkette hängt. Bei uns in der Garage stapeln sie sich. Wir verschenken zwei Rollen.

Der Termin, der seit drei Jahren auf Donnerstag, 16 Uhr liegt hat sich auf Dienstag, 17 Uhr verschoben. Der dienstags, 18 Uhr Termin findet jetzt freitags um 19 Uhr statt. Eine Herausforderung.

Maikind hat „Heimstudientag“. Die politisch korrekte Umschreibung für „es sind halt nicht genug Vertretungslehrer da und dieser Jahrgang ist alt genug, mal einen Vormittag allein zu Hause zu verbringen“. Mit jedem Heimstudientag wird Schule ein bisschen egaler.

Ab dieser Woche wird 2G im Einzelhandel durch eine FFP2-Maskenpflicht ersetzt. Die Genesennachweise hinter denen wir so lange hertelefoniert haben braucht man nicht mehr. Einkaufen war für mich mit medizinischer Maske schon grenzwertig. Somit bin ich jetzt eine dreifach geimpfte, genesene online Einkäuferin. Naja, die Kinder können sich wieder unabhängig vom Impfstatus der Freunde gemeinsam durch die Stadt bewegen, das ist gut.

So. Wie war es denn? Das „Corona haben“? Die Frage kam oft, diese Woche. Tja. Wie im Fernsehen war es nicht. Aber wir waren alle so krank, dass wir es durchaus bemerkt haben, über mehrere Tage. Frische Impfung war auf jeden Fall besser als eine von August. Insgesamt würde ich sagen, wenn man die Chance hat, es nicht zu bekommen, einfach weglassen.

KW 01/22

An Sylvester hat das Julikind diesen Schnupfen, den wir uns hier rumreichen. Das Märzkind ist weg, da findet doch tatsächlich so eine Art Party statt. Eine Gruppe feiert im Jugendraum, eine andere Gruppe direkt daneben „im Schützen“. Keiner wird danach fragen, ob sich die Gruppen eventuell begegenen, im Lauf des Abends. Dorfjugend, die fahren sowieso alle in den gleichen Bussen, und es ist verdammtnochmal schon das zweite Corona-Sylvester. Niemand will ein Rudel Teenager im Haus.

Zu viert spielen ausgiebig Mensch ärgere dich nicht, in verschiedenen Versionen, und haben zu unser aller Überraschung tatsächlich Spaß. Danach stellen wir fest, dass es immernoch zwei Stunden sind, bis Mitternacht. Ganz kurz überlegen wir, ob es sich überhaupt lohnt, solange wach zu bleiben, weil es ja kein Feuerwerk geben wird, entscheiden uns natürlich für wach bleiben, aber jeder selber. So kommt es, dass der Liebste und ich den Sylvesterabend vor dem Fernseher verbringen. Das passt. Es war anstrengend, dieses Jahr.

Um kurz vor zwölf stellen wir den Fernseher ziemlich laut und gehen in den Garten. Vielleicht hat ja doch noch jemand Alt-Raketen von vor zwei Jahren gefunden. Im letzten Jahr gabs ja auch schon keine. Es ist schöne klare Luft, man kann richtig weit gucken. Ich staune. Das Feuerwerk ist nicht mit normalen Zeiten zu vergleichen, aber doch sehr viel mehr als nichts. Die Niederländer haben anscheind was mitgebracht. Kurz mal gucken, was der Hund macht. Alles gut, der wundert sich nur. Die Kinder kommen auch raus. Nach einer halben Stunde ist es wieder leise im Ort. Das ist dann doch seltsam. Kurz nach Mitternacht begegnet man sich eigentlich auf der Straße oder ruft Neujahrwünsche über den Gartenzaun. Das das eine ganz eigene Geräuschkulisse ist, fällt mir gerade erst auf. Egal, willkommen 2022!

Ich habe da eine Liste mit Wünschen und Erwartungen, (nagut, sagen wir Hoffnungen) in die Sylvester-Zeitkapsel gelegt. An 2021 hatte ich keine Erwartungen gestellt, weil 2020 so war, dass ich dachte, 2021 wird in jedem Fall besser. Passiert mir nicht wieder.


Sie wollen das neue Jahr mit einer schönen Nachricht beginnen. Hochzeit. Save the date. Jawoll, so soll das!


Ich habe dann wohl diesen Schnupfen. Ausser Niesen geht garnichts mehr. Kopf zu.


Morgens um acht müsste der Liebste eigentlich wieder da sein. Ich bin total erkältet, denken ist anstrengend gerade. Das Auto ist da, der Hund nicht. Also ist er mit dem Hund draußen, da müsste er aber um diese Zeit auch schon wieder da sein. Das ist nicht gut, vielleicht. Handy suchen. Ein Notruf steht in der Familiengruppe. Der Hund meiner Eltern wurde angefahren und ist in Panik geflüchtet, alle verfügbaren Kräfte werden gebeten, beim Suchen zu helfen. Kurzes Telefonat mit dem Liebsten, er ist in der näheren Umgebung unterwegs. Ich fahre Feldwege ab. Es hat über Nacht ein bisschen geschneit. Würde hier irgendwo ein flauschiger weißer Hund liegen, man könnte ihn leicht übersehen. Nach einer Stunde breche ich ab. Ich muss aufs Sofa, das hat so keinen Zweck. Alle anderen suchen. Nicht nur Familie, sämtliche Hundebesitzer halten die Augen offen, teilen die Suchmeldung und hoffen auf gute Nachrichten. Am späten Nachmittag ist die Stimmung gedrückt. Es gibt keinen Ort mehr, der nicht abgesucht wurde. Niemand traut sich, es laut zu sagen, aber es steht ein Gedanke im Raum.

Kurz vor Einbruch der Dunkelheit fällt dem Landwirt auf, dass die Rinder auf der Weide irgendwie komisch stehen. Zum Glück findet er es seltsam genug, um da mal genauer zu gucken. Sie stehen um einen Hund herum, und den Hund, den kennt er und bringt ihn nach Hause. Freude und Dankbarkeit! Ein Bild vom friedlich schlafenden Hund, eingemummelt in Wolldecken wird geteilt. Alles ist gut. Sonst hätte wohl keiner von uns schlafen können, heute Nacht.


Diese Erkältung dauert ja nur drei Tage, damit bin ich pünktlich zum booster-Termin wieder soweit fit. Über die erste Impfung hatte ich mich richtig gefreut, die zweite hab ich immernoch gerne genommen, aber jetzt nach dem dritten mal anderthalb Tage Impfkater, gebe ich ehrlich zu, lässt meine Begeisterung merklich nach.


Ab Montag wieder Schule. Das ist gut, wahrscheinlich. Wir werden sehen.

2021 war…

Schnee, Starkregen, ein schöner bunter Herbst

Lockdown, Ausgangssperre, Kontaktbeschränkungen, home schooling, Maskenpflicht, 3G, 2G, 2G+, Coronatests

Blinddarm-OP, Bänderriss, entzündeter Zeh, Schlafstörungen, Impfungen

Ohrwürmer Wir sind das Ruhrgebiet…., ….soon may the Wellerman come to bring us sugar and tea and rum.., BTS

definitiv vielleicht (alles immer unter Coronabedingungen)

Konfirmation, Schulabsschlussfeier, Geburtstage, eine Trauerfeier, Weihnachten, eine Rubinhochzeit

Dritte Adventswoche, im Nebel

Eine Elterntaxifahrt in der Dämmerung. Von rechts kommt ein Reh aus der Wiese, läuft vor uns über die Straße und auf der anderen Seite den Hang hoch. Kommentar vom Beifahrersitz aus: „Vorsicht. Weitere Einzeltiere können folgen“ Fahrschülerin an Bord.


„Mama, schnell“, ruft das Märzkind. Ich habs gesehen. Kurz nachdem sie der Haustür raus war, ist der Bus vorbeigefahren. Vier Minuten eher als üblich. Ich schnappe mir den Autoschlüssel und rufe nach oben, dass ich kurz nicht da bin. An der Bushaltestelle laden noch zwei ein, die auch zu spät waren, heute kommt kein Bus mehr. Leider steht im nächsten Ort niemand an der Haltestelle und der Bus fährt durch. Auf der schmalen Landstraße kann man keinen Bus überholen. Im nächsten Ort stehen zum Glück ein paar Leute. Ich halte, die drei Mädels bedanken sich herzlich und rennen los. Ich wende und fahre so schnell es geht durch den dichten Nebel wieder zurück. Wenn mir jetzt was vors Auto laufen würde, ich habe kein Handy dabei. Auch keine Jacke, und wenn ich so drüber nachdenke, ich hab Hausschuhe an.

Juhu, die anderen Kinder waren ausreichend geweckt und ziehen sich gerade die Jacken an als ich zu Hause ankomme. Ich hatte mich schon auf eine zweite Tour eingestellt.

Der Bus fährt ab jetzt vier Minuten früher. Es gab eine Fahrplanänderung. Die erste seit – schon immer. Ein Hinweis-Zettel im Bus wäre hilfreich gewesen.


Der Liebste fährt seine Mutter in die Klinik. Zwei bis drei Wochen wird das dauern. Weihnachten müssen wir dann mal sehen, ob und wann und wer und wie und wo.


Ich habe um neun einen Termin, normalerweise hätte jemand die Hunderunde übernommen. Normal wurde abgeschafft, scheint mir. Um halb acht ist es im Feld noch dunkel. Das macht aber eigentlich nichts, denn es ist so dermaßen neblig, da könnte man im Hellen auch nicht mehr sehen. Der Hund läuft zwanzig Meter vor und ist verschwunden. Ich hab schlecht geschlafen und für Kaffee war noch keine Zeit. Dieses Wetter, es ist wie in dem Buch, das ich heute nacht gelesen habe. Eigentlich um müde genug zum weiterschlafen zu werden, hat aber nicht funktioniert. Im Buch kamen die Hungernden aus dem Nebel. Eine Art Zombie-Vampire, die sehen aus wie Menschen, naja, wie tote Menschen, mit roten Augen, Klauen und Reißzähnen um den Lebenden das Fleisch von den Knochen… Drei Meter hinter mir springt etwas aus dem Graben. Da bin ich doch tatsächlich am eigenen Hund vorbeigelaufen, ohne es zu bemerken. Jetzt bin ich wach.


Am Eingang wird kurz ein Blick auf meinen QR-Code geworfen. Danke, alles super, bitte hier. Nachdem letzte Woche im Bastelladen mein Code gescannt und mit Perso abgeglichen wurde, scheint mir diese Kontrolle etwas lasch, aber egal. Es gilt sowieso FFP2-Masken-Pflicht. Einmal waschen, schneiden, föhnen dauert 40 Minuten und kostet 43,50 Euro. Gefühlte Inflation. Ich war allerdings auch schon länger nicht beim Frisör.


Ich lese ein bisschen was über die Omikron Variante und ergänze den Einkaufszettel. Hundefutter, Klopapier, Rotwein, Chips, Schokolade, Tiefkühlschnitzel, Frikadellen in Dosen. Ich will nicht wieder angeguckt werden wie der apokalyptische Hamster, wenn ich für mehrfach-Teenager-Haushalt mit geschlossener Kantine einkaufe. Vorräte verstecke ich im Keller, da vermuten die Blagen nichts Leckeres.


Der Klassenlehrer des Maikinds bittet alle, die bisher noch ohne sind, über die Ferien nochmal über eine Impfung nachzudenken, es gäbe erste Hinweise, dass Schule vielleicht, irgendwann nach den Ferien 2G werden könnte. „Das heißt, ich geh dann nicht mehr hin, oder was?“, erkundigt sich das Julikind, und freut sich schon. „Keine Ahnung“, knurrt das Maikind.


De Omma gibt mir ihr Rezept für Honigkuchen und ruft zwei Tage später an, um zu fragen, wie sie denn geworden sind. Bin ich noch nicht zu gekommen. Was? Wieso das denn nicht? Wegen Sachen. So kurz vor Weihnachten, da müsse man aber schon Prioritäten setzen, sagt de Omma.