Licht und Schatten, Anfang Oktober

Man übermittelt mir ein alternatives Stellenangebot den Fall, dass sich ab Montag wirklich etwas ändern sollte. Doppelt so viele Stunden, doppelt so weiter Anfahrtsweg und ich zitiere „leider noch schlechter bezahlt“, was natürlich Gründe habe, die kurz erläutert werden. Das beantwortet nicht meine Frage.

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Donnerstag ist Feiertag. Beim Abendessen fragen wir uns gegenseitig, was wir eigentlich den ganzen Tag gemacht haben. Nichts.

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Der Vater vom Zauberer ist jetzt Hypnosetherapeut. Manche Sachen kann man sich nicht ausdenken. Herzliche Glückwünsche gehen ins Land der Friesen.

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Die neue Waschmaschine wird geliefert. Sie kalibriert sich und nimmt anschließend fast geräuschlos ihren Dienst auf. Einen Moment lang stehen wir staunend im Durchgang, kein Vergleich zum Sound der Alten. Man kann hier jetzt eigentlich ganz gut sein, ein Barhocker vielleicht noch, ein kleiner Klapptisch an die Wand… gibt auch gutes W-Lan.

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Diese Erkältung war nie richtig weg, wenn man ehrlich und jetzt lässt sie sich nicht mehr ignorieren. Ich schleppe mich durch den Samstag, nützt ja nichts. Alle anderen sind zum Hecken-Schneide-Einsatz bei Schwiegermutter.

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Ach, er hat dann übrigens gleich einen Termin, sagt der Liebste, beim Mittagessen am Sonntag. Das passt, sagt der Neue, er nämlich auch, da können sie gemeinsam fahren, Maikind kann leider nicht, er ist schon woanders verabredet, ihm sagt ja keiner was… wusste man ja selber nicht, manchmal ergibt es sich einfach und dann passt das… Spoileralarm: Autos kaufen ist eine Superkraft des Liebsten. Das macht der einfach so, nebenbei.

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Montag morgen, sieben Uhr, es wäre interessant zu wissen, ob es meinen Job noch gibt, denn gegebenfalls müsste ich mich gleich auf den Weg machen. Anfrage beim Auftraggeber. Eine ungewöhnlich lange Zeit kommt garnichts. Ich packe meine Tasche und wappne mich, für einen besonderen Tag. Dann erhalte ich doch eine Antwort. Ja, die Situation hat sich geändert, ich werde nicht länger gebraucht. Vielen Dank für die tolle Arbeit. Ich wünsche von Herzen alles Gute und meine es ehrlich. Wenige Minuten später erkundigt sich die, mit der ich vor Ort direkt zusammen gearbeitet habe, ob ich denn schon etwas gehört habe, ob wir heute kommen? „Auftraggeber sagt nein“, antworte ich. „gerade sitze ich hier und frage mich, ob mein Arbeitgeber davon weiß“. Zehn Minuten später kommt eine whatssapp vom Arbeitgeber. Du bist ab heute raus, aus dem Auftrag, bitte sag bescheid, ob du in die Alternative einsteigen möchtest. Ich brauche einen kurzen Moment. Das haben die doch mit Sicherheit am Freitag schon gewusst. Mit einem sanften innerlichen Klick löst Mental-Health-Sicherung aus. Nein, ich möchte nicht einsteigen.

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Der Triathlet klingelt und der Hund schlägt an. Da hat auch recht, sagt der Triathlet, und knuddelt den Hund, so lange wie er nicht mehr hier war. „Ich habe schon gehört“, sage ich und setze Kaffee an. Bei der Geschichte, die er zu erzählen hat, reicht Kaffee alleine nicht aus. Ich fülle eine Schale mit Spekulatius. Sein Bruder ist gestürzt, es gab eine unklare Formulierung in der Vorsorgevollmacht. Um die Betreuung offiziell übernehmen zu dürfen musste er eine Schufa-Auskunft und ein polizeiliches Führungszeugnis vorlegen. Natürlich, man versteht den Sinn dahinter, aber – zwei Wochen hat das gedauert, eine Ewigkeit, wenn jemand auf Intensiv liegt. Dann Grundbucheinträge besorgen, Besitz auflisten, Pflegeplatz finden, alles kompliziert und zeitaufwändig und Preisschilder an gelebtes Leben heften zu müssen macht traurig.

Och guck, vor einer Stunde dachte ich noch, mein Tag läuft scheiße – es geht wieder.

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Statt außer-Haus-Arbeit nehme ich mir den Wäscheberg vor. Später ein Telefonat mit der Freundin, wir waren so larifari verabredet für diese Woche und ich hätte Zeit. „Von heute auf morgen gekündigt? das ist blöd“, findet sie. „von heute auf morgen wäre völlig in Ordnung gewesen, die Nachricht kam eine halbe Stunde vor Arbeitsbeginn. Aber ist egal, eine Lernerfahrung“. Natürlich gibt es eine Wetterwarnung wegen ergiebigem Dauerregen, an dem Tag, an dem wir uns zum wandern verabredet hatten. Wir verlegen den Termin, auf wann anders.

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Die Äpfel sind reif. Wir brauchen Apfelmus. Einkochen funktioniert bei mir unter normalen Umständen im Autopilot. In der kleinen Fewo-Küche nicht, aber man gewöhnt sich.

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Märzkind bringt mir Blumen mit. Einfach nur so. Ein Glas Wein, Herbst-Wetterereignis vor dem Fenster, der Duft von frischem Apfelmus – Pause – mental health matters.

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„Was machen die da?“, fragt Julikind. Zu zweit stehen wir eine Weile am Fenster und blicken schweigend auf den Parkplatz. Drei Männer in Arbeitskleidung gehen um das „neue“ Auto herum, wechseln dabei regelmäßig die Richtungen, blicken auf Reifen, knien sich hin, stehen wieder auf, jemand holt einen Wagenheber. Irgendeinen Grund scheint das ganze zu haben, denn sie reden miteinander. Nur mal gucken würden sie wahrscheinlich ohne Worte, „keine Ahnung“, sage ich, es ist ein bisschen so, als würde man ins Aquarium gucken.

Maikind hat ein Auto gekauft, Wunschzustand zum Wunschpreis, es wurde Dienstag geliefert. Am Freitag bringt der Liebste das Wunsch-Kennzeichen mit, weil er natürlich jemanden kennt, die nebenberuflich für Leute zur Zulassungsstelle geht. Leider sind die Bremsen, die der Neue bestellt hatte noch nicht da, das verzögert den Einbau.

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Freitag morgen steht die nächste Messung der Bautrocknung an. „Was hat Ihnen denn der Kollege gesagt?“, fragt der freundliche junge Mann. „Es waren drei verschiedene Leute aus Ihrer Firma da, jeder hat was anderes gesagt.“ „Ja“, er lacht „das ist immer so“. Er misst nach, er murmelt. Das decke sich mit dem, was der Kollege vor zwei Wochen gemessen und angegeben hat. Er habe dann jetzt im Auftrag stehen, dass er die Fliesen abnehmen soll. „Aha“, sage ich.

Während der in der Küche die Fliesen von der Wand geholt werden, klingelt der Postbote, er braucht meine Unterschrift. Die offizielle Kündigung kommt per Einschreiben, außerdem ein Paket mit 6 Kartuschen gratis Waschmittel, die gabs zu der Waschmaschine dazu.

Eine halbe Stunde später bittet der Handwerker um Entscheidungen. Soll ihre Firma die Sanierung übernehmen? Jo, so hatten wir das gedacht. Natürlich, er könne das so schreiben aber, „ich sag Ihnen ganz ehrlich, dies Jahr wird das nichts mehr“ Ok. Neuer Plan.

Ich würde also bei verschiedenen Handwerksfirmen Kostenvoranschläge einholen, denn wir möchten die Räume gern zeitnah wieder nutzen. Er wirkt erleichtert, dann schreibt er jetzt Fremdfirmen und dann muss er garnicht sooo genau dokumentieren, und für die Wand da hätte er noch einen Rat, wenn ich Bedarf hätte. Gerne. Wo wir uns so nett unterhalten, „wieso hat der Kollege, der hier vor vier Wochen die Trocknungsgeräte hingestellt hat nicht schon sofort die Fliesen abgenommen?“, frage ich. Ja, es sei so, man würde meinen, diese Fliesen gäbe es nicht mehr, kann man aber natürlich bestellen, in einer Firma die Kleinstauflagen nach Muster fertigt – da kostet dann so eine Fliese 10x10cm 20 Euro. „Die Fliesen sind vierzig Jahre alt und naja, sehen sie ja selber… Wir hätten die dann einfach alle abgemacht und irgendwas neues hin“ „Das sagen Sie, das sage ich, aber es gibt Leute… das stellen Sie sich nicht vor“, sagt er.

Herbstanfang

Es gibt gute Nachrichten, mehrere. Hinter jeder steht eine Geschichte. Aus Zeit- und Verschwiegenheitsgründen werden die unerzählt bleiben. Allzuviel Vorstellungskraft braucht es allerdings nicht, wenn man schon mal mit Teenagern zu tun hatte oder mit Altbauten.

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Maikind hat seinen Führerschein bestanden und darf jetzt begleitet fahren.

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Wenn „alle“ zum essen da sind, bedeutet dass wieder 6 Personen. Auf dem Plus-Eins-Platz sitzt jetzt allerdings jemand anderes. Drei Tage geben sich alle Mühe einen guten Eindruck zu machen, dann ist die Integrationsphase abgeschlossen.

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Der Estrich in der Küche kann drin bleiben. Juhu! Der Fussboden im Wohnzimmer auch. Wer hätte gedacht, dass das mal als gute Nachricht durchgeht. Bautrockner laufen, man freut sich darüber, nach neun Wochen. Andererseits – die Geräuschkulisse, die Raumluft, die Umstände… die Trockner ziehen Lebensenergie. Als Symbolbild der Stimmung, diese im Gewürzregal vergessene Chili.

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Ein abrupter Wechsel der Jahrezeiten. Zwischen „boar ej, man schwitzt im sitzen“ und „hätte ich mal lieber Handschuhe mitgenommen“ liegen nur 36 Stunden.

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Wir hatten SterneHerzenBrezeln, gefüllte Herzen, Marzipan-Nougat Baumstamm, Blätterkrokant und Spekulatius. Ich wäre dann durch mit Weihnachten, von mir aus könnte das Sortiment wieder raus. Leider ist das Gegenteil der Fall. Die Drogerie bietet 30 verschiedene Adventskalender. Am ersten Oktober. Ich spüre das Erwachen meines inneren Grinches.

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Es ist nur eine Erkältung. Wobei das „nur“ sich auf den Covid-Massstab bezieht. Früher – da hätte ich durchaus gejammert. Drei Tage bin ich völlig fertig und werde dann wieder gesund. Einfach so. Schön ist das.

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Autsch. Da bin ich aber irgendwo ganz fies hängen geblieben. Ich ziehe meinen Arm und die Wäsche wieder aus der Waschmaschine, kann aber nichts finden. Merkwürdig. Bei der nächsten Ladung das gleiche, ich fluche und wundere mich, erkältungsbedingt allerdings nur ein bisschen. Stunden später kommt mir eine Idee, was das für eine Art Schmerz gewesen sein könnte, aber das ist unmöglich oder, frage ich Maikind. „Naaargh“, sagt er, muss er mal gucken. Beim Abendessen ist klar, ich hatte recht. Da fließt Strom, wo keiner sein sollte, er hat auch direkt einen verbraten gekriegt, musste er garnichts messen, sagt Maikind. „Und jetzt? Lieber nicht mehr benutzen?“, frage ich nach. „Auf. Keinen. Fall.“, sagt er und guckt dabei einen Lebensgefahr durch Dummheit Blick. Dachte ich mir schon.

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Erkenntnisse im Vorbeigehen: Man hat viel Platz, so ohne Spülmaschine und Unterschränke und Waschmaschine. Man braucht eigentlich ziemlich wenig Geschirr, wenn man immer alles sofort mit der Hand spült. Man gewöhnt sich an die seltsamsten Abläufe. Zum Kochen und spülen gehen wir jetzt eben einmal ums Haus, in die Ferienwohnung. Was für ein Glück, dass wir die haben!

Nach 10 Tagen ohne Waschmaschine ist die Definition von „nichts zum anziehen“ eine andere.

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Er würde eventuell heute noch einen Whiskey trinken, sagt der Liebste, abends nachdem wir gemeinsam den Abwasch gemacht haben. Ich auch. Problem: Da wo wir sind gibt es keinen Whiskey, und wo der Whiskey ist gibt es kein Sofa, niemand hat Lust noch zweimal ums Haus zu laufen. Eine halbe Stunde später sitzen wir auf dem Bett, jeder mit einem Buch und reichen uns hin und wieder das Glas rüber. Eine richtig gute Lösung, hätten wir schon eher mal drauf kommen können. Der angemessene Abschluss für so eine Woche. Naja, fast, es ist Dienstag. Eventuell gibt es eine leichte Tendenz Richtung Schnauze voll.

Normal wäre schön

Wir verlassen die angenehm temperierte Kirche in Richtung Friedhof. Draußen ist es heiß und hell und man hat irgendwie das Bedürfnis, sich mal zu schütteln. „Also, der Nachruf des Sportvereins war sehr schön“, raunt man sich zu, am Friedhofszaun. „Sollte ich versterben, während der örtliche Pfarrer Urlaub hat, lagert mich bitte ein“ , flüstere ich Märzkind zu „kein Ding“, sagt sie halblaut. Ein nebenstehender Verwandter hat uns wohl gehört und erkundigt sich ganz vorsichtig, ob uns denn diese Ansprache auch irgendwie – speziell – vorgekommen sei. Speziell? Die war schauerlich. Er wirkt erleichtert.

Wir gehen weiter und treffen den, den ich in letzter Zeit öfter auf Beerdigungen treffe, nur auf Beerdigungen. Den Liebsten hat er schon länger nicht gesehen, man begrüßt sich herzlich, „wie geht`s euch denn? alles gut?“ die Frage ist ehrlich gemeint und erfordert keinen small talk, „nnnnaaaarrrghhh“, macht der Liebste, untermalt von einer abwinkenden Geste. „wieso, was passiert?“, fragt der Bekannte besorgt. „naaa-ahhhnee“ sagt der Liebste. „Wasserschaden gehabt diese Woche“, erkläre ich, „mittlerweile haben wir wieder Wasser, und das Chaos einigermaßen im Griff, also, im direkten Vergleich zu dem, was andere diese Woche zu stemmen hatten“ sage ich und mache eine Geste Richtung Friedhof und Trauergesellschaft „haben wir kein Problem“. „…trotzdem blöd, im Urlaub“, sagt der Liebste. „Da haste recht“, sagt der Bekannte, „die meisten Leute wollen es immer schön haben. Im Urlaub dann nochmal ganz besonders. Ich bin da gerade an so einem Punkt – ich brauche garnicht besonders schön, wenn mir dafür das besonders blöde auch vom Leib bleibt. Normal finde ich gut.“ „Normal find ich auch schön“, sage ich, „wenn da einfach Wasser aus der Leitung kommt, zum Beispiel, das weißte nach zwei Tagen ohne ganz anders zu schätzen“, „… und so ein Küchenabbau ist gewissermaßen auch eine Familienaktivität“, ergänzt der Liebste, „beim Laminat raustragen kann sich jeder einbringen, haben ja alle Urlaub“. Wir lachen, so man eben lacht, am Rande von Beerdigungen. „Naja, Wasserschaden ist immer scheiße“, sagt der Bekannte in tröstendem Tonfall.

Ich sehe die Omma alleine in der Menschenmenge stehen. Eigentlich hatte ich gedacht, der Sohn, der nicht der Vatta ist würde sie mitnehmen, aber nun denn. Ich hake mich bei ihr unter. Sie begrüßt mich herzlich und erzählt, dass ihre Hände irgendwie so kribbeln als würde sie da vielleicht einen Krampf oder so, aber das kann ja nicht sein? Ob sie denn heute schon was getrunken hat, frage ich, betont beiläufig. Selbstverständlich. Sie hatte eine Tasse Kaffee heute Morgen. „Weißte was“, sage ich, „wir gehen jetzt einfach schon mal schon mal vor, zum Kaffee trinken“. „Das ist eine gute Idee“, sagt sie. Drei Meter weiter wird sie von freundlichen Menschen namentlich angesprochen und schaut mich fragend an. Ich kann leider nicht helfen, wir kennen uns nicht. Das stimmt, man erläutert das Bekanntheitsverhältnis, die Omma freut sich sehr. „und das ist ihre Tochter?“ fragen die Leute. „Ja genau“ sagt die Omma. „ähm, ich will ja nicht pingeling sein“, sage ich und stupse Omma sanft gegen die Seite, “ aber – du hast gar keine Tochter“. „Äh ja, nee“, sagt sie und muss selber lachen, „Enkeltochter?“ schlägt ihre Bekannte vor „sicher, die Enkelin isses“.

Normal halt.

Ende Juni

Das Familienunternehmen mit Tradition, ist dann wohl offiziell insolvent, jemand schickt mir einen link zum Insolvenzregister und wirkt überrascht. Ich leite die Nachricht an den Liebsten weiter, „tja“, sagt er nur. Die Teams Traditon und Familie haben schon vor Jahren Abschied genommen. Aus Gründen.

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Die Mülltonnen, die laut Plan heute hätten geleert werden sollen stehen immer noch genauso da wie heute morgen. Ich ziehe sie hundert Meter weiter, denn hier kommt morgen niemand durch. Die Tonne, die für den nächsten Tag auf dem Plan steht hole ich dazu.

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Endlich Sommer. Statt im Auto zu warten nehme ich mein Buch und setze ich mich auf die Brücke am rauschenden Bach, umgeben von grünen Wäldern. Auf der anderen Uferseite wird Heu gewendet, der Wind trägt den Geruch bis hierher, als wäre eine Postkarte lebendig geworden. Die beste Mutti-Taxi-Wartezeit des Jahres.

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Seine Mitfahrgelegenheit sollte eigentlich jetzt hier sein, aber, der, der im Städtchen zusteigt steht noch, sagt Maikind und wird ein bisschen blass. Klassenarbeit in der ersten Stunde – ob ich ihn vielleicht fahren würde? Ja sicher. Der Bus ins Nachbarstädtchen mit Berufsschule ist seit 28 Minuten weg (Stadtkindern muss man vielleicht erklären: der Bus bedeutet, da fährt heute sonst nichts mehr) Wir bringen Julikind noch zur Bushaltestelle auf dem Berg, und dann aber… och guck, das Auto vor uns an der Bahnschranke kennen wir, es hat mit 99,5%iger Wahrscheilichkeit genau den gleichen Weg und hätte Maikind bestimmt mitgenommen. Warum haben wir uns denn vorher nicht gesehen? Muttitaxi-rush-hour an der Bushaltestelle… mein Hirn spielt spontan 90er Jahre Musik: isn`t it ironic?

Wenn ich jetzt eh im Nachbarstädtchen bin, kann ich auch gerade noch ein paar Lebensmittel einkaufen. OK, ich hatte gedacht, die stellen die Straßensperre 10 Meter weiter hinten auf. Gut, dass ich unterwegs war, denn unsere Einfahrt ist jetzt dicht. Ich parke hinter dem Haus und trage alle Einkäufe durch den Garten.

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Lieferengpass, jeder bekommt nur eine Packung. Kein Problem, reicht mir, aber ääähhh? Der Liebste war für mich in der Apotheke und hat etwas abgeholt, das fast so heißt wie das, was ich brauche. Nachfrage in der Hausarztpraxis. Das Rezept war korrekt, wenn die Apotheke es so rausgibt, hat es den gleichen Wirkstoff in gleicher Dosierung, sagt die Dame am Telefon. Na gut.

Fun fact: Dieses Importprodukt hat einen fett gedruckten Warnhinweis auf dem Karton. The action of *Medikament hier in der Schachtel* may last for up to 6 hours, weitere Dosierungshinweise und Handlungsanweisungen für den Fall, dass es nicht besser wird plus Infos zur richtigen Lagerung. Man geht also davon aus, dass es zu medinzinischen Zwecken genutzt wird, von Leuten, die nachts gern schlafen möchten. Das ist nett. Auf der deutschen Packung steht nur der Wirkstoff.

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Der Linienbus ist wohl schon weg, als wir drei Minuten vor der laut App planmäßigen Abfahrtszeit an der Bushaltestelle ankommen. Da steht kein Mensch. Wer jetzt hier lang fährt will mit ziemlicher Sicherheit Richtung Städtchen, spontan ergibt sich eine Mitfahrgelegenheit. Das Kind, bei dem ich mir sicher war, dass es zur Bushaltestelle gefahren werden muss, verlässt, leicht gehetzt aber pünktlich das Haus und erwischt den Schulbus. AS-Taxi-Verspätung bis zu 15 Minuten ist normal, solange muss man warten, dann kann man anrufen, was Märzkind gerade tut. Aha, ja, hatte sie sich gedacht. Wir waren um 7.59 Uhr hier, es war knapp, deshalb wissen wir es genau. Anscheind hat man uns nicht kommen sehen, auf der langen Geraden. Oder… ist vielleicht schon um 7.58 Uhr losgefahren? Egal, der Anschluss ist weg.

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Der Hund hat sich geschnitten, so richtig. Jeder Schritt hinterlässt eine kleine Blutlache auf den weißen Fliesen. Wieso hab ich das denn nicht vorher schon gesehen? Er läuft ganz normal, aber der Flur sieht aus wie ein Tatort. Nicht so schlimm, wie es aussah, zum Glück, aber – einen Hund ruhig zu halten, der lieber raus möchte ist anstrengend.

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Der einzige Facharzt, bei dem überhaupt noch jemand das Telefon abnimmt, kann einen Termin im September anbieten, nachdem man glaubhaft versichert hat, dass man im Einzugsgebiet seiner Zuständigkeit wohnt, verweist aber darauf, dass das eigentlich zu spät sei, denn Zeit sei hier wichtig. Mit Dringlichkeitscode auf der Überweisung könnte man über das medizinische Versorgunszentrum eventuell einen früheren Termin beim anderen Facharzt bekommen. Wir wussten nicht, dass es Dringlichkeitscodes existieren. Anruf in der Hausarztpraxis. Überhaupt kein Problem, der muss allerdings persönlich abgeholt werden. Ab ins Städtchen. Die abholberechtigte Person bringt einen 2×3 cm großen Papierschnipsel, der aussieht wie aus einem Kita-Papierkorb entnommen, darauf steht schlicht Vermittlungscode und eine 12 stellige Zahlenkombi. Man fragt sich Verschiedenes. Anruf im MVZ. Leider sind im 50 Kilometer-Radius innerhalb der nächsten 6 Wochen überhaupt keine Facharzttermine zu bekommen. ACH! WAS! genau das war doch das Ausgangs-Problem. Von sowas steht nie was in der Landlust.

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Eine Person verlässt das Nachbarhaus. Ich erkundige mich, ob da alles soweit… oder sollte lieber heute Nachmittag nochmal jemand gucken? Alles gut, da drin, erfahre ich und noch einiges mehr.

Dorftratsch: Ein Esel ist gestorben und zwei Hunde beinahe, zum Glück ist jemand drauf gekommen, dass es eine Vergiftung sein könnte, gerade noch rechtzeitig. Als kurz danach ein Pferd krank wurde haben sie das Futter durchgesiebt. Gefunden wurden Glassplitter, Heftzwecke und Teile einer Pflanze die für Pferde giftig ist. Die wächst hier nicht. Es gibt einen Verdacht. Man möchte das garnicht weiter denken.

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De Omma würde ihren Geburtstag gern so feiern wie immer. Das wird nicht möglich sein. Gut. Dann Frühstück. So wie die letzten beiden Jahre. Da hatte sie am Wochenende. Dieses Jahr nicht. Wer arbeiten muss, oder verstorben ist, wird nicht kommen können und außerdem hat ihr Wunschlokal leider geschlossen. Ach was, das haben wir letztes Jahr auch gesagt, dann hat sie nachgefragt und es ging. Nnnjaaa, richtig. Aber, dies Jahr ist wirklich geschlossen und vielleicht könnte eine Feier in einem Betrieb, der mehr als 2 Beerdigungskaffees und ein Frühstück im Jahr ausrichtet sogar noch schöner werden. War doch prima da, macht sie genau so wieder, sagt de Omma. Cheerio – Miss Sophie!

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Es ist schon Ende Juni und man kann hier noch schwimmen, das ist toll, stellen der Liebste und ich fest. Der Edersee ist voll, die nächste Badestelle liegt somit nur 15 Minuten entfernt. Herrlich ist das. Und tatsächlich das erste Mal in diesem Jahr, das ich im Wasser bin. Zu Hause trage ich die Winterjacken auf den Dachboden.

Pommes, Erdbeeren und Zecken

Es war aufgeräumt hier drin, das ist noch garnicht lange her. Tja. Ich räume einen Meter Platz frei, schichte kleine Stapel aus Kartons rund herum und hole einfach alles, was man zum Honig-Etiketten kleben braucht nach unten in den Keller. Das Wetter ist sowieso grau in grau, da kann man gut mal eine Weile neben dem Weck-Regal sitzen. Vorm Fenster sanfte Regengeräusche und dazu einen podcast über die Sprengung von nordstream zwei. Sehr stimmiges Ambiente.

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Ich hatte garnicht auf Thermometer geguckt, und mich gewohnheitsmäßig für Hunderunde bei 7°C angezogen. Schon auf dem Weg in den Wald kommt es mir ungewohnt warm vor, im Tal aber doch nicht. Als wir den Berg wieder hoch laufen ziehe ich die Jacke aus, kremple die Ärmel hoch. Der Hund geht direkt neben mir, hechelt, trinkt zu Hause einen halben Napf auf ex und legt sich danach auf die kühlen Fliesen. 14°C zeigt das Thermometer an, doppelt soviel wie gestern. Sind wir nicht mehr gewohnt, so eine Hitze.

Da krabbeln Zecken auf dem Hund. Mehrere. Viele. Bei 25 höre ich auf zu zählen, den Rest des Tages spüre ich Phantom-Zecken am Oberarm und an den Knöcheln, deshalb gehen wir am nächsten Tag lieber im Feld spazieren. Dort legt der Hund sich in eine schöne tiefe Pfütze, direkt neben einer frisch gegüllten Wiese. Irgendwas ist immer.

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„Ich wollte mal fragen…. eigentlich darf man das ja nicht sagen, aber, du wirst es wahrscheinlich eh nicht glauben…“ „Doch. Glaube ich, sofort. Ich hab auch mal in so einem Laden gearbeitet.“ Ein Gespräch unter Lebensmittelhandwerkern am Rande eines public-viewing-events. Leicht codiert, weil Leute drum herumstehen. Da kann ich einen Rat geben und es ist leider genau das, was der junge Mensch in Ausbildung sich schon selber überlegt hatte. Wir schweigen einen Moment. Der Liebste kommt dazu, fragt, ob wir denn vor Beginn der Veranstaltung noch irgendwas essen wollen. „Wenn ich dir auch einen Rat geben darf“, sagt der Azubi, „nimm Pommes. Die Brötchen sind von uns.“

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Das Brauchtumsfest neulich hatte so dermaßen gute Pommes, daran müssen sich dies Jahr sämtliche Veranstaltungen messen. Die public viewing Pommes waren gut essbar und die Schale für den Preis angemessen gefüllt, da hatten wir echt schon schlechtere für mehr Geld. Jemand eine zweite Portion? Nee, danke

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Da kommt fast überraschend doch ein bisschen Fussball-Stimmung auf.

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Gestern Abend wurde auf eine Vorwarnung für Unwetter hingewiesen. Ernsthaft. Ich gucke also morgens kurz in die Nachrichten. Jo, da kommt was, wahrscheinlich ab Mittag, nicht überall aber, man möge die Entwicklung im Blick behalten und sich vorbereiten auf Starkregen, Hagelkorngrößen zwischen 3 und 5 cm, Orkanböen und stellenweise Tornadobildung. Na dann. Ich klappe die Wäschespinne ein und lege sie unters Dach, schließe die Türen vom Gewächshaus, rolle den Grill in den Schuppen und baue die kleinen Starkregenschutzmauern vor den Kellerfenstern auf. Unwetterroutinen. Nachmittags regnet es heftig. Mehr nicht.

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Sonntag nachmittag bei der Omma in der Küche. Sie hat sich gerade einen Kaffee gekocht und ist dabei ein Stück Kuchen auszupacken, dass der Vatta ihr mitgebracht hat und bietet mir die Hälfte an, aber ich komme gerade vom essen, wir essen ja immer später Mittag… (als elf Uhr) Was das denn für Kuchen sei, erkundige ich mich, denn man kann es nicht richtig erkennen. De Omma guckt nachdenklich, nimmt noch eine Gabel voll, kaut und überlegt. Rhabarber? frage ich. „Nee, eigentlich, Rhabarber? Vielleicht nicht“, sagt sie. Ich gucke fragend, sie friemelt aus der Pudding-Creme-Schicht ein Stück Obst raus und hält es mir hin. Ich nehme es – und kann tatsächlich auch nicht sagen, was das ist. Eine Rosine? Die oberste Schicht dieses Kuchens scheint Baiser zu sein. Nehmen wir also an, es wären Stachelbeeren. Allmählich verschiebt sich die Grenze des Kuchenangebots von teuer Richtung dreist, scheint mir.

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Wir hatten das Gemüse-Abo nicht verlängert und sind seit vier Wochen ohne. Frage: Fehlt es uns? Nein. Tatsächlich garnicht. Die Solawi hat im Laufe des letzten Jahres das Gemüseangebot so zusammengeschrumpft, das ist jetzt Ablasshandel für Öko-Boomer.

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Es dauert nur eine halbe Stunde die drei kleinen Eimer voll zu pflücken. Die Erdbeeren sind riesig, dieses Jahr und man braucht nicht weit laufen, auf dem Feld. Ich koche einen Jahresvorrat an Marmelade und Sirup, dachte ich. Die Familie fragt nach, wie viele Gläser das denn jetzt genau gegeben hat? Zu wenige, da sind sie sich einig, nicht das die uns wieder ausgeht, die großen Kinder werden nach Feierabend nochmal aufs Feld fahren, der Liebste übernimmt alles andere, sagt er, nur, kochen müsste ich die Marmelade halt. Anscheind hatten sie Mangelerscheinungen. Fürs Protokoll: 10kg kosten 40 Euro, dies Jahr

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Ein bisschen wehmütig schaue ich abends bei der letzten Hunderunde in den Hang an der Straße. Es wurden Bäume markiert. Die kommen alle weg. Um die große Fledermaus-Buche tut es mir wirklich leid, andererseits hab ich hier abends schon öfter armdicke Äste von der Straße gezogen, die möchte man wirklich nicht aufs Auto bekommen, auf den Kopf noch weniger. Straßensperrung dann diese Woche an drei Tagen, jeweils ab 7.30 Uhr. Der Schulbus der um 7.35 Uhr an der Bushaltestelle gehalten hätte, kann diese deswegen nicht anfahren, man möge die auf dem Berg am anderen Ende des Ortes benutzen. Da läuft man doch bestimmt zwanzig Minuten? Julikind is not amused. Vielleicht bilden wir Fahrgemeinschaften. Zur Bushaltestelle. Obwohl wir nur 50 Meter von einer weg wohnen. Wegen fünf Minuten. Nicht. Witzig.

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Ein Baby-Feuersalamander, wie süüüß, ich hatte noch nie einen gesehen.

Der vier Uhr zwanzig Vogel

Mein Kopf ist schon wach, sehr wach, wie ein fünfjähriger nach einem halben Liter Isogetränk, mein Körper nicht. Wirkung und Nebenwirkung, es ist Mai, man muss sich entscheiden, tagsüber gut atmen oder nachts gut schlafen. Ich frage mich, wie spät es wohl ist, um auf die Uhr zu gucken müsste ich mich umdrehen. Oder auch nicht. Ein sanftes FlapFlap-Geräusch im Baum, vor dem Fenster dient als Zeitansage. Die Amsel ist da. Sie räuspert sich, macht ein paar Tschilp-Laute …Test, zwei drei… und begrüßt dann in wirklich beeindruckender Lautstärke den neuen Tag. Man könnte quasi, wie Mary Poppins den Arm einladend aus dem Fenster halten…mein Hirn spielt „wenn ein Löööööffelchen voll Zuuucckaaaa….“, im Bett neben mir ein Brummgeräusch. Der Liebste richtet sich auf und schließt das Fenster, setzt sich noch einen Moment, um wach zu werden und macht seinen Wecker aus. Der hat die ganze Woche noch nicht geklingelt denn, ich zitiere „irgendein scheiß-Vogel tririlliert da um zwanzig nach vier so dermaßen laut…“.

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De Omma hat einen guten Tag, wir sitzen am Küchentisch und unterhalten uns nett. Da hat sie aber eine schicke neue Pillendose, sage ich. Ja, die sei tatsächlich neu, und leer, bestimmt kommt dein Vatta gleich, der füllt ihr die jetzt immer, ist auch neu. Es klingelt an der Tür, „Och guck, da ist er schon“, sagt de Omma, „gerade von dir gesprochen“, sage ich, „die Dosen sind leer“. „Das kann nicht sein“, sagt der Vatta, hat er Donnerstag erst gemacht. Er nimmt das kleine Pillenregal auseinander, ordnet die Wochentage in die richtige Reihenfolge und stellt fest, es sind wirklich alle Fächer leer. „Ja sicher“, sagt de Omma, nimmt sie ja immer, so wie er gesagt hat. Wir haben Sonntag. Einen Moment lang wundert sich jeder im Raum über was anderes.

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Es regnet, aber das ist fast egal, denn es ist nicht kalt und viel nasser kann man nicht mehr werden – dachte ich. Dann setzt sich das Fahrgeschäft sanft in Bewegung “ uuuund jetzt mit Schwuuung“ sagt die fröhliche Jahrmarktstimme. Durch die entstehenden Fliehkräfte läuft sämtliches Regenwasser, dass sich während der minutenlangen Wartezeit irgendwo im Rückenbereich gesammelt hat auf den Sitz und wird von meiner Jeans aufgesogen, zeitgleich reagieren meine Innereien überrascht, auf die schnellen Veränderungen der Schwerkraft-Bedingungen und ich bin mir ehrlich gesagt einen Moment lang nicht sicher, ob ich diesen sensorischen Gesamteindruck angemessen schnell werde verarbeiten können…. dann nimmt der linke Fuss eine leicht angewinkelte Position ein, baut Verbindung zur rechten Seite der Hüfte auf, mein Magen sagt „ach so“ und alles ist fein. Anscheind kann der Autopilot die neunziger Jahre BreakDancer-Muskulatur noch ansteuern. Ob es mir gut geht, fragen die Mädels, als wir uns nach Fahrtende am Kassenhäuschen wieder treffen. Man dachte kurz, ich kotze vielleicht. Ja, ich auch, aber alles gut. Wir sehen aus, als wären wir aus der Wildwasserbahn gekommen, aber alle sind fröhlich. Bei Sonnenschein hätte die Fahrt vermutlich nur halb so lange gedauert.Fürs Protokoll: Einmal BreakDancer fahren kostet 5 Euro, ein Schokokuss 1,20 Euro. Gefühlt war das teurer als im letzten Jahr.

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Ich fahre Julikind ins Nachbardorf, ab da kann sie mitgenommen werden. Natürlich ist sie aufgeregt, aber es geht, so gut, dass man sich fast ein bisschen wundert. Wir freuen uns beide darüber. Start zu einer Klassenfahrt. Ohne besondere Vorkommnisse.

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Ganze Regalreihen wurden verstellt und umsortiert, mein Einkaufzettel passt nicht mehr zur Laufrichtung. Ich irre durch den Rewe wie ein mittelalter Mann am Tag vor Heilig Abend.

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Eigentlich wollte ich zu „Von Beileidsbekundungen am Grab bitten wir Abstand zu nehmen und danach gehen wir in aller Stille auseinander“ Beerdigungen nicht mehr hingehen. Ausser halt, es ist der Karl Heinz. Hier passt das Konzept, denn der Karl-Heinz hat konsequent garnichts verfügt, sagt die Freundin. Also haben die verbliebenen fünf Geschwister sich gekümmert, um die letzten Tage des Lebens und den Rest. So wie man das macht, wenn man aus einem landwirtschaftlich geprägten Haushalt mit Nebenbei-Bestattungsunternehmen kommt. Den Tod braucht in dieser Familie niemand zu fürchten. Das ist eigentlich was schönes. Wer nicht zum engsten Kreis gehört verlässt im Anschluss an die Beisetzung den Friedhof leise – bis zum Zaun. Dort atmet jeder einmal tief durch, dann endet die Stille und es fühlt sich kein bisschen seltsam an.

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Wir freuen uns über eine richtig gute Honigernte. So macht das Spaß. Einerseits. Andererseits dauert jeder einzelne Schritt etwas länger als gedacht. Die Küche ist zwei Tage lang ausser Betrieb. In alter Tradition natürlich in der Woche, in der Maikind Geburtstag hat. Eine Stunde vor Beginn des Kaffeetrinkens regiert noch das Chaos. Aber, mit großen Kindern reicht tatsächlich eine Stunde um das Esszimmer von Honigabfüllstation in Kaffeetafel zu verwandeln. Ich staune.

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Maikind wird 17, eigenes Geld, auf dem Weg zum Führerschein, Wahlbenachrichtung bekommen, hach, „und wir müssen noch Fotos machen, damit man sieht, wie die klein die Uromas im letzten Jahr geworden sind“

Hintergrundrauschen, Ende April 24

Morgens um halb acht im Wald. Aus dem Augenwinkel sehe ich am Hang zwei Rehe stehen. Wir begegnen uns jeden Morgen irgendwo auf der Runde, man kennt sich, man ignoriert sich. So nah kommen wir uns sonst allerdings nicht. Anscheind sind heute morgen alle mit den Gedanken woanders. Statt einfach geradeaus in den Wald zu laufen, dreht der junge Rehbock sich um und flüchtet genau in unsere Richtung. Er macht zwei lange Sätze, bemerkt, dass der Hund nicht aus dem Weg geht, weil er sich grundsätzlich nicht für Rehe interessiert und noch nicht gesehen hat, was da auf ihn zukommt, senkt den Kopf und Das kannste nicht erklären stellt die Stimme in meinem Kopf ganz sachlich fest, während ich in einer halben Sekunde darüber nachdenke, wie ich denn wohl das Geweih wieder aus dem Hund und den Hund aus dem Wald…“uuuuaaaaa“ sage ich laut, der Hund guckt hoch und springt sofort zur Seite. Nichts passiert. Alle wach.

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Ein Rapsfeld blüht, direkt vor dem Bienenstand und es schneit. Aus imkerlicher Sicht werden die zwei Sommertage neulich vielleicht als Unwetterereignis zu werten sein, am Ende der Saison.

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Textaufgabe: Eine Schulklasse fährt vom 21. – 24. Mai auf Klassenfahrt. Der zu zahlende Betrag für 4 Übernachtungen inkl Halbpension beträgt laut Elterninformationszettel 212 Euro plus Geld für Ausflüge und so. Details wurden den 13-jährigen Schülern mündlich mitgeteilt, vor den Osterferien und dem Praktikum. Insgesamt sind also 5 Wochen vergangen. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass die fehlenden Informationen in allen Elternhäusern angekommen sind in Prozent?

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Och guck, für ein bestmögliches Baustellen-Erlebnis baggern sie Freitag noch die Bushaltestelle weg, in dem Ort, durch den dann ab Montag alle durch müssen. Dreißigerzone mit Ampel, der kreuzende Verkehr möge sich nach eigenem Ermessen einordnen. Eine entschleunigende Achtsamkeitsübung.

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Maikind kommt nach Feierabend mit dem Bus nach Hause. Eigentlich. Es könnte sein, dass sich die Verbindung geändert hat, wegen Baustelle und unklarer Streckenänderung. Ich frage nach, ob ich ihn irgendwo auflesen soll. Ja, auf jeden Fall, aber wann und wo kann er noch nicht sagen, denn der Bus, der vor fünf Minuten bei uns vorm Haus hätte ankommen sollen, steht immernoch am Busbahnhof im Städtchen. Der Fahrer muss Pause machen, Lenkzeit überschritten. Nur zum Spaß hat er mal nachgeschaut, wie man die letzten 6 Kilometer überbrücken könnte, wenn man den Anschlussbus im Nachbarort verpasst, erzählt Maikind auf der Rückfahrt. Spoileralarm: Zu Fuss wäre man schneller.

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Märzkind ruft an, ob ich sie im Nachbarort holen könnte, es gibt anscheind keinen Anschluss. Sicher. Zur vereinbarten Zeit stehe ich an der Ersatz-Bushaltestelle hinter der Ampel. Märzkind ruft an, um zu fragen, ob ich schon da sei. Jo. Ah, Mist, tut ihr voll leid. Sie wurden rausgelassen und stehen gerade drei Orte weiter, da kommt gleich ein Bus, der fährt durch bis nach Hause, wusste niemand, steht nicht in der App, ist aber so.

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Julikind kann morgens mit dem Bus zum Praktikumsbetrieb fahren. Nachmittags fährt nichts. Sie muss abgeholt werden, um 15 Uhr. Es sei denn sie fährt mit auf Baustelle, dann könnte es später werden, es sei denn, sie sind eher fertig oder die Baustelle liegt so, dass man sie auf dem Rückweg zu Hause vorbeibringen kann.

Theoretisch liegt die Bushaltestellen-Einsammel-Fahrt in diesem Zeitraum auf dem Weg. Praktisch nicht einmal.

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Im Spülmaschinen-Ablauf-Sieb steckt eine Plastikpommesgabel. Intuitiv strecke ich eine Hand aus, um sie zu entfernen. Moment. Plastikpommesgabeln kommen doch eigentlich nicht in den Geschirrspüler und, wenn ich so darüber nachdenke, ist diese nervige Fehlermeldung, die sonst immer blinkt nicht da gewesen, beim letzten Spülgang. Könnte Zufall sein oder smartes engineering oder beides. Ich lasse die Pommesgabel wo sie ist. Never change a running system.

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Mittagessen zu dritt. Märzkind fällt was ein: „Ah so…, wegen Sektempfang, sollte ich dich noch fragen, ob du das… machste, ne?“ Pluseinskind verarbeitet die Frage, gibt dann ein zustimmendes Geräusch von sich und gestikuliert „kein Thema“, „siehste hab ich doch gesagt, braucht man nicht fragen, das macht der so“. „Ist höflicher“, argumentiere ich. Pluseinkind hat schon auf der Ladies-Night im Kino Sekt serviert, sagt er und schweigt dann vielsagend.

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„Und? Wie gefällt dir diese Deko?“, frage ich Julikind auf der Feier ihrer Freundin. „Sehr schön“, ungefähr genau so hatte sie sich das auch gedacht. „6 Tage vor Veranstaltung wissen wir also endlich, was für Dekogedöns auf den Tisch soll“, murmele ich, eigentlich nur zu mir selber. Och, das sei aber sehr sympathisch, sagt die neben mir sitzende Mutter, sie sei da auch immer recht entspannt. Aber das sagt man ja so kurz vorher lieber keinem. Stimmt. Ich wundere mich selber, aber das entspannte Gefühl ist echt. Naja, die Eskalation wird uns finden, zu gegebener Zeit.

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Es hat eine Weile gedauert, sich zu der Erkenntnis durchzuringen, aber jetzt ist es soweit. Ich hole mir die Winterhandschuhe wieder vom Dachboden, ziehe Skiunterwäsche drunter und ein zweites paar Socken an bevor ich mit dem Hund rausgehe. Könnte sein, er fährt morgen mit der Flitschbimmel an die Arbeit, sagt der Liebste. Bei seinem Auto sind schon Sommerreifen drauf, leichtsinnigerweise, Ende April.

Themenwoche Klamotten mit Blitz-Frühling

Neblig kalte 7°C sind als Ferienwetter ideal, um lange, lange aufgeschobenes zu erledigen.

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Wir schauen den Kleiderschrank des Julikinds durch. Da müsste eigentlich einiges zu klein sein, sie ist über Winter gewachsen. Nö. Im Gegenteil. Manches, was im Herbst knapp war passt wieder. Merkwürdig, aber erfreulich.

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Die riesige Plastikkiste, in der wir Klamotten für Flohmarkt sammeln, ist voll. Schneller als gedacht, könnten wir ja vielleicht schon den Frühlingsflohmarkt… je nach Wetterlage. Kiste auskippen, Preisvorstellungen machen, noch mehr Klamotten finden…

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Ich muss zwei bewährte Kleidungsstücke ersetzen, gerne ohne shopping Erlebnis. Im Online-Laden gibt Maßtabellen neben der Größenangabe. Ich suche ein Maßband und bestelle emotionslos ein T-Shirt Größe M und ein Top Größe 44/46. Beides passt einwandfrei. Tja dann, hab ich wohl drei Größen gleichzeitig, oder gar keine.

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Eine Socke reißt beim Anziehen, im Musterverlauf, oberhalb des Knöchels. Das hatte ich so auch noch nicht. Ok, die ist aus dem Socken-outlet-Laden, allerdings von einem Markenhersteller in einer Preisklasse wo man eine Haltbarkeit von mehr als fünf Monaten erwartet hätte. Funfact: die Socken mit tanzenden Lebkuchenmännern die von weitem auch als Blumenmuster durchgehen vom Kaffee-Discounter gehen in ihr zweites Jahr, ohne irgendwelche Ermüdungserscheinungen. Preis und Qualität haben nichts mehr miteinander zu tun.

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Ich ziehe mir normale, zueinander passende, saubere Sachen zum Einkaufen an. Also – wenn ich da jetzt so aufgedonnert hin gehe, dann müssen sie sich aber nochmal umziehen – sagen beide Mädels und verschwinden wieder in ihren Zimmern. Ich setze mich auf die Treppe und denke darüber nach.

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Das Prinzessinnen-Gen ist schwach in mir. All der Tüll und die funkelnden Steinchen, man fragt sich, ist es noch verrückt schon Wahnsinn, während man so in einem der mittig auf der Verkauffläche platzierten Aufbewahrungssessel für Angehörige sitzt. Aber die Show ist richtig gut. Der verantwortliche Fachverkäufer ist voll in seinem Element. Zwei Konfirmandinnen und eine Brautmutter probieren zeitgleich in verschiedenen Kabinen, bekommen jeweils passende Accessoires gereicht, werden nach getroffener Entscheidung in feiner Robe auf Socken rüber in die Schuhabteilung geschickt, kommen mit Schuhkarton zurück, werden wieder in Empfang genommen, Anruf in der Schneiderei, wenige Minuten später kommt eine Dame mit Nadelkissen am Arm, germurmelte Gespräche, dann ein Abholtermin, herzliche Verabschiedung, und alles wieder von vorne.

Zusammenfassend kann man sagen, es hat zweieinhalb Stunden gedauert, sich für das Kleid zu entscheiden, dass sie als allererstes anprobiert hat und ganz gut fand. Wir haben einen Abholtermin. Ich war tapfer. Die Mädels wundern sich, warum sie so hungrig sind, als wir den Laden verlassen.

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Freitag morgen Hunderunde bei 7°C und Nebel, wie immer. Nachmittags fühlt sich das Wetter schon ganz anders an. Am Wochenende ist Sommer: 25°C , strahlender Sonnenschein, Gartenarbeiten, Sonnencreme, draußen sitzen, Blütenexplosion überall, Freibadgedanken. Montag nachmittag steht Maikind verfroren unter dem kleinen Dach an Tor 2, als ich vorfahre. Heute morgen um fünf, als er los ist, war der Pulli angemessen warm. Jetzt nicht mehr. Dienstag morgen Hunderunde bei Sonnenschein durch herrlich frisches grün und an blühenden Hecken vorbei. Ich ziehe die Kapuze hoch und zum Glück war da noch ein paar Handschuhe in den Jackentaschen. 4°C und Wind. Durchschnittlich war dann wohl Frühling, diese Woche. Naargh.

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Bestes Flohmarktwetter, kurzentschlossen packen Märzkind und ich alles ins Auto. Aufbau war ab 7 Uhr, als wir um zwanzig vor acht ankommen, gibt es eigentlich schon keinen Stellplatz mehr. Man improvisiert. Wir verkaufen ganz gut, kommen aber auch zu verschiedenen Erkenntnissen, so über Vormittag. Ist ja alles auch immer zu Studienzwecken, mit angehender Sozialarbeiterin. Das Ziel war, mit weniger wieder nach Hause zu fahren und wir wundern uns am Ende, wie gut das geklappt hat. Märzkind hat ein paar Ohringe gekauft und ich tatsächlich garnichts. Noch nicht mal was aus irgendeiner verschenke-Kiste gekramt.

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Wenn der Vatta und ich zusammen sitzen und sonst keiner im Raum ist, tauschen wir gern Netzwerkinformationen aus dem gesundheitlichen Bereich. „Samma, weißt du, wieso der Menne im Krankenhaus ist?“ „Der Menne ist im Krankenhaus?“… es gäbe eine mögliche Erklärung, die wäre schlecht. „Der Herr E. ist verstorben, weißt du woran?“ „Welcher Herr E.?“ „Der- gestern“ „Ach. Du. Scheiße. Nee, weiß ich nichts“ wir schweigen einen Moment. „Ach, un de Elfriede hat Lungenkrebs, übrigens, ging ihr nicht so richtig gut, dachte man sich, dass was ist, aber… das dann doch nicht, eigentlich“. So, und schon liegt wirklich jedes „Problem“ wieder innerhalb der Komfortzone.

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Zack, drei Wochen Osterferien rum.

Komplizierte Belanglosigkeiten

Wenn ich gewusst hätte, wie sehr ich mich über diesen aufgeräumten Kellerraum freuen würde, hätte ich das vielleicht schon viel eher gemacht. Theoretisch. Man kann jetzt, mal gerade, einfach so, vom Eingang aus, drei kleine Schritte bis ans hinterste Vorratsregal und wieder zurück gehen, ohne über irgendwas drüber steigen zu müssen. Feine Sache. Als ich das nächste Mal in den Kellerraum komme steht mittendrin der Honigrührer, daneben ein Hobbock und ein großer Kanister. Naargh. Andererseits dann doch wieder schön, dass das nicht in der Küche steht.

Wochenenden als regelmäßiges Freizeitkonzept sind ungewohnt, aber nicht schlecht.

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Der Muttichat im Vorlauf zu diesem Termin ist legendär schnell eskaliert. Auf halben Weg zur Kirche bleibe ich einen Moment stehen und überlege ernsthaft, ob ich nochmal zurückgehe um Schnaps zu holen, entscheide mich aber dagegen, aus Zeitgründen.

Als ich ankomme läuft schon ein Gespräch. Es gibt Besonderheiten in diesem Jahrgang und die betroffene Mutterkollegin spielt mit offenen Karten. Ein Konfirmand befindet sich in Therapie, es gibt Fortschritte, aber, unmöglich zu sagen, ob er einen Gottesdienst mit Leuten und allem packen wird. Was dann passiert wirkt wie Magie. Die Mutter, die im chat auf Krawall aus war, teilt eine kleine Geschichte aus ihrem Leben. Aaaaha. Das erklärt einiges. Man äußert gegenseitiges Verständis und Hilfsbereitschaft, bei – äh, was auch immer, bitte einfach sagen. Es folgt das entspannteste, kompromissbereiteste Kirchen-Dekorations-Gespräch aller Zeiten. Wir wundern uns nachher selber. Die neu geschaffene Barrierefreiheit für mental-health-Sachen tut allen gut, denn, wenn man ehrlich ist hat im Moment niemand wirklich alle Latten am Zaun.

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Zum Saisonstart festgestellt, dass mein Fensterputzmittel-Zusatz fast leer ist, beim Einkaufen wieder dran gedacht, aber nichts gefunden. Nicht in den Drogeriemärkten, nicht in den Vollsortimentern, nicht im Profi-Reinigungs-online-Geschäft. Merkwürdig. Vielleicht – und da komme ich tatsächlich erst jetzt drauf, mal den Produktnamen googeln. Ach guck. Glycerin ist nicht mehr Putzmittel, sondern Pflegemittel für Gummidichtungen gleiche Verpackung aber jetzt als Kfz-Zubehör. Ich bitte den Liebsten ein Fläschchen mitzubringen, wenn er demnächst Sommerreifen kauft, ist nicht eilig. Er hört anscheind nur halb zu. Am nachmittag des nächsten Tages teilt er mit, der junge Mann im Kfz-Laden habe nicht gewusst, was er wollte und ihn nach Datenbankrecherche an den Bastelladen verwiesen. Im Bastelladen ist das Zeug allerdings Saisonware und die Schneekugelbastelsaison gerade rum, man hat ihn in die Apotheke geschickt. Da füllen sie einem das frisch ab, soviel wie man halt will. Ich hatte ehrlich keine Ahnung.

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Aus der laufenden Haushaltsauflösung landet eine größere Menge Wolle bei mir. Ich freue mich, dass man an mich gedacht hat, aber, so leid es mir tut, zwei Sekunden nachdem ich den Deckel des 80er Jahre Windelkartons geöffnet habe ist klar, das wird nix. Vorsichtig entnehme ich verschiedene Wollknäuel, die mit Sicherheit alle mal teuer waren. Eines fällt besonders auf. Es wirkt handgesponnen und war anscheind schon mal verstrickt. Jemand hat geribbelt und neu gewickelt und über Jahrzehnte aufgehoben, für den Fall des Falles, Kriegsgeneration. Einen Moment lang gedenke ich der vielen Arbeitsstunden und den Geschichten, die ich dahinter vermute. Dann trage ich alles Richtung Tonne. Hausstauballergie des Todes.

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Ganz vorsichtig kippe ich den Inhalt der Osterdeko-Kiste aus. Einiges ist angenagt, ich hatte es befürchtet. Um ein paar Teile tut es mir wirklich leid, aber, von den allermeisten trenne ich mich leichten Herzens. Diese Stimmung ruhig mal nutzen. Ich öffne weitere Kartons und fülle Müllbeutel mit Dingen, die die Mäuse erwischt haben, funktionslosen Einzelteilen und Sachen aus anderen Haushalten, die hier „zwischenlagern“ bis die Mülltonne voll ist, und die der Nachbarin und die von der Omma. Sehr gut fühlt sich das an.

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Hä? Was war denn hier los? Die Mülltonnen stehen nach der Abholung normalerweise fast genauso auf dem Bürgersteig, wie man sie hingestellt hatte. Diesmal nicht. An der neuen gelben Tonne ist ein Zettel befestigt, der mich darüber informiert, wie es in Zukunft „reibungslos laufen“ wird. Also, eigentlich lief alles prima, bis die angefangen haben zu optimieren, aber nun denn. Man möge bitte die gelbe Verpackungstonne mit der Deckelöffnung nach vorne an die rechte Straßenseite stellen. Das neue Fahrzeug, wird nur noch von einer Person gefahren und der automatische Greifer befindet sich an der Fahrzeugseite. Für optimale Abfuhrbedingungen ist auf einen Abstand der gelben Tonnen untereinander von 30cm zu achten. Alle anderen Tonnen werden old school abgeholt und sind daher wie bisher mit der Deckelöffnung nach hinten in einem Abstand von einem Meter zu den gelben Tonnen aufzustellen, sofern sie die gleiche Größe haben, ansonsten natürlich in Gruppen nach Größe sortiert mit einem Meter Abstand zwischen den jeweiligen Größen. Alles klar, mein Fehler.

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Der Liebste guckt aus der Haustür „samma, hattest du nicht Blumen umgetopft, gestern?“, fragt er. Stimmt. Ich stelle den Besen an die Hauswand und finde meinen Ehering in der Fingerkuppe des Gartenhandschuhes wieder. Nachdem seit einer Stunde alle mit mir gesucht haben, ich jedes einzelne Wäschestück der letzten zwei Waschladungen ausgeschlagen, die Wäschekammer aufgeräumt, die Laugenpumpe gereinigt, jede Jackentasche ausgekippt, Möbelstücke bewegt, hochkonzentriert 100qm Fussboden gescannt und mit chirurgischer Präzision die Einfahrt gefegt hatte, freut mich das wirklich. Sehr.

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Ich kippe passierte Tomaten zur Soße, mein Hirn spielt „stir it up“ dazu und ich muss ein bisschen schmunzeln. In einer zusammengewürfelten Damengruppe waren im Kino, der Film über Bob Marley lief. Die Musik kannte ich, aber der politsche Hintergrund war mir völlig neu und die Rastafari-Kultur irgendwie auch. Irgendwo auf dem Dachboden liegt die CD.

Challenges und Erkenntnisse, ungeordnet

Das Kind, das sich seit Monaten am liebsten ungestört im eigenen Zimmer aufhält möchte heute lieber auf dem Sofa im Wohnzimmer liegen. Sie bringt ihre Bettdecke mit, denn es ist kalt. Ich lege noch eine Wolldecke drüber, bitterkalt ist es. Ich nehme den heißen Stein vom Ofen und platziere ihn da, wo ich ihre Füsse vermute, bisschen besser, aber vielleicht könnte ich noch ein Stück Holz auflegen? 23°C Raumtemperatur. Ich koch dir erstmal einen Tee. Als ich nach fünf Minuten zurück komme sitzt sie ohne Decken da und fragt, ob ich vielleicht mal das Fenster aufmachen kann. Es ist so heiß. Aha. Wir haben keine Tests mehr, aber die braucht es auch nicht. Merkt man ja selber. Alle gleichzeitig Covid war Mist, alle hintereinander ist es auch.

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Freitag abend sieht es kurz so aus, als würden wir in das gesundeste Wochenende des Jahres starten. Mehrere Freizeit-Programmpunkte finden gleichzeitig statt oder sind in Planung. Samstag abend liegt der Krankenstand wieder bei 3 von 5.

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Normalerweise ziehen TikTok-challenges geräuschlos an uns vorbei. Diesmal nicht. Innerhalb von wenigen Tagen schaffen es gleich zwei davon als Hauptgesprächsthemen an den Esstisch.

Auf der Schultoilette wurde ein Possoir randvoll geschissen. Die Schule reagiert schnell und entschieden. Man weiß anscheind, wer es war, bevor die Helden der Sanitäranlagen-Challenge dazu kommen, ihren Ruhm zu genießen. Vandalismus nennt man sowas in der analogen Welt.

Erst ist es nur ein Gerücht, aber leider scheint was wahres dran zu sein. Im Rahmen einer Karnevalsveranstaltung wurden zum instrumentalen Refrain eines Liedes fröhliche Hassparolen gesungen. Fremdschäm-Modus aktiviert. Dass man in einer tanzenden Menschenmenge nicht mitbekommt, was neben einem gesungen wird ist leicht vorstellbar. Dass dieses spezielle Lied versehentlich gespielt wurde muss man, mit Blick auf die AfD Wahlergebnisse letztens, allerdings glauben wollen. So neu ist die challenge nicht. Aber es scheint so zu sein. Der Liebste bringt Tratsch vom Alte Herren Fussball mit. Einige wussten garnicht, dass es Tiktok-challenges gibt. Das macht es natürlich nicht besser. Schon drei Wochen später erscheint ein Artikel in der Regionalzeitung, der über die Vorkommnisse berichtet. Volksverhetzung ist strafbar, sehr ernst nimmt man das.

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Erkenntnisse am Küchentisch:

Dummheit in Kombination mit schlechten Manieren ist nicht erotisch.

Nie wieder ist jetzt und hier – und kam doch irgendwie überraschend.

TikTok ist die digitale Version eines Knusperhäuschens, gebaut, um Kinder anzulocken, nicht als KiTa…

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Dorftratsch: Der neue Unternehmensberater des Seniorenheims hat ein erstes Meeting einberufen und den Pflegenden geraten, die Bettwäsche der Bewohner nur noch einmal im Monat zu wechseln, um die Kosten für Wäscherei zu senken. Och guck. Einparpotential für dieses Unternehmen hätte man ehrlich gesagt eher im Immobilienportfolio, im Fuhrpark, dem Managment oder vielleicht sogar im Lebenswandel der Betreiber vermutet – aber natürlich sind es die Wäschewechsel, zum Glück hat es jemand bemerkt.

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Omas Hahn wurde gefressen. Ein Drama.

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Die ersten acht Wochen ohne Schichten sind rum. Ganz allmählich gewöhnen wir uns an die anderen Abläufe. Regelmäßig ausreichend Schlaf hat verblüffende Auswirkungen auf den Alltag.

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Der Liebste läuft mit einem heißen Blech in der Hand Richtung Esstisch, ruft „essen“ in die Weiten des Hauses

Ich: „ich glaube, dein Handy klingelt“

Er nimmt Handy mit auf den Flur wegen Empfang.

Die nach und nach ankommenden Blagen schnappen Gesprächsfetzen auf „Gulli schon abgedeckt?“ „wie schnell kannst du da sein?“ Der Liebste rennt die Treppe hoch und quasi sofort wieder zurück, schnürt sich die Schuhe zu, ruft „Esst“, nimmt Autoschlüssel und fährt weg. Wir schauen uns fragend an. Wird wohl was Wichtiges gewesen sein.

Maikind: „ah, ja, wenn man Chef ist, muss man wohl auch manchmal arbeiten, wenn eigentlich keine Arbeit ist, ne?“

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Einen bezahlbaren Caterer zu finden, der an einem Sonntag etwas für 30 Leute von denen 3 kein Fleisch essen möchten, 1 Person keinen Weizen verträgt, 1 keine Citronensäure, 5 laktoseintolerant und 2 alkoholkrank sind, kocht und liefert ist keine Herausforderung. Das ist schlicht unmöglich. Wenn man es endlich bemerkt, ist der Rest eigentlich ganz einfach. Der Schwipp-Schwager wird das Konfirmationsessen kochen, und das Drumherum machen wir so wie an Weihnachten.

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Ich hatte ehrlich gesagt gedacht, es wäre ein Scherz. Irgendwie wurde daraus aus ein Plan und jetzt muss ich mich outen: Ich esse gar kein Mett. Das macht nichts, versichert man mir, es wird Käseplatte geben. Tja dann, fühle ich mich geehrt dabei sein zu dürfen. „Pass uff, da wird mal ein ganz großes Ding raus“, sagt die neben mir sitzende Gastgeberin, „und dann sagen wir, weißte noch, wie alles begann, damals in der kleinen Gartenlaube“, „ein Festival“, sage ich, denn es tatsächlich witzig zu beobachten, und auch lehrreich, so ein Mett-Tasting. Heumett wird aus Strohschweinen gemacht, das wußte ich nicht.