Halbe Sachen

Welcher Tag ist heute? Ist online Unterricht oder Feiertag oder Wochenende, ich habe kein Zeitgefühl mehr.

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Wir werden zu einer Geburtstagsfeier eingeladen. Im kleinen Kreis, an an verschiedenen Tischen. Die Kinder gehen nach dem Kaffee trinken raus, auf den Spielplatz. Die Großen besichtigen die während der Coronazeit erledigten Gartenarbeiten und unterhalten sich mit Abstand. Man gewöhnt sich allmählich an diese seltsamen Umgangsformen. Es ist ja auch nicht alles schlecht, stellt ein Gast fest. Seine Gemeinde habe zum Beispiel die Gottesdienste digitalisiert, die kann man sich jetzt von zu Hause anhören, keine Parkplatzsuche, kein hin und her, das gefällt ihm gut. Manchmal hört er sich sogar noch den Gottesdienst der Nachbargemeinde an, währenddessen fängt er dann schon an, die Kartoffeln zu schälen.

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Große Freude beim Märzkind, die Cheerleader dürfen wieder trainieren. Das Maikind guckt skeptisch, wedelt mit der Hand in der Luft und klatscht vielsagend auf der Tischplatte auf. Nee, Stunts machen sie natürlich noch nicht, sagt das Märzkind. Auch nichts, wobei Hilfstellungen im Training nötig sind, also eigentlich nur tanzen und nur mit Abstand und draußen, weil die Hallen noch zu sind, es muss ein geeignetes Gelände gefunden werden, dass dem Verein gehört, wegen der Versicherung, und dann…

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Ob ich wohl die Erkundehausarbeit mal Korrektur lesen könnte? Klar kann ich.

„…nicht mesozyklonale Tornados entstehen durch Windscherungen im Konfergenzbereich….“ Jaaääähmmmpf, wottsefack, ich mir nicht sicher.

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Also eigentlich glaubt die Frau vom Brotwagen ja nicht, was in der Bildzeitung steht, aber diesmal hatten die Recht. Dieses ganze Corona, das wurde völlig übertrieben, so schlimm, dass man deswegen ganze Länder still legen muss, ist es nicht. Vermutlich war es abgesprochen.

Mühsam unterdrücke ich ein schmunzeln. Bestimmt gibt’s ne whattsapp Gruppe der Regierungschefs aller Länder. Irgendwer hat vorgeschlagen, leere Särge einzugraben, das im Fernseh zu zeigen und dann mal so richtig lockdown zu machen. Nur so. Alle anderen haben gesagt, super Idee, wieso sind wir da nicht selber drauf gekommen? Das machen wir auch.

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Ich gebe einen Stapel Büchereibücher ab. Die wären eigentlich schon am 23. März fällig gewesen.

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Einkauf in einem anderen Laden als sonst. In der Obstabteilung staut es sich, ich warte kurz. Dabei fallen mir drei Nacktatmer auf. Sie tragen zwar eine Maske, aber mit Nasen raus. Jemand, der nicht warten kann, streift meinen Ärmel. Das war dann wohl etwas weniger als 1,5 Meter Abstand. Ein Mitarbeiter des Ladens grüßt ihn herzlich. Die Joghurteinräumer nehmen im Gespräch den Mundschutz ab, sonst versteht man ja nichts. Ich suche nur das Nötigste zusammen und gehe wieder. Ich glaube der Wissenschaft mehr als der Bildzeitung .

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Samstag Abend steht eine Flasche Bier vor der Tür, „Sonntag, 10 Uhr“ steht dran.

Sonntag wäre hier Heimatfest gewesen. Die Tradition erfordert massiven Alkoholkonsum zum Klang von Blasmusik. Das geht ja nun dieses Jahr nicht. In Friedenszeiten ist dieses Fest aber noch nie ausgefallen. Man möge also die Fahnen hissen und die Regionalhymne vor der eigenen Haustür singen, um zehn. Eher nicht. Ich habe das Fest letztes Jahr ganz geschwänzt und die 12 Jahre davor nur vor der Hüpfburg gestanden. Ich kann es einfach weglassen, ohne Schaden anzurichten. Von den anderen hat auch niemand Lust, die Fahne rauszukramen.

Sonntag um zehn gehe ich dann doch gucken. Marschmusik schallt durch den Ort. Mitten auf der Kreuzung wurden riesige Lautsprecher aufgebaut. Die Regionalhymne ertönt, man prostet sich zu. Gerade als ich dachte, es wäre vorbei, hört man 200 Meter weiter schmissige Akkordeonmusik mit Gesang „dieKarawaaaaaneziiiiehtweitaaaaaderSultanhatduuuaaasst“. Ich gehe wieder ins Haus.

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Wir feiern den Geburtstag des Maikinds mit weniger Gästen und in zwei Etappen. Wenn nur 13 Personen auf einmal da sind brauchen wir gar keine Möbel rücken und man kann sich auch anders unterhalten. Es ist eine entspannte Feier und jeder hat was zu erzählen. Die Geschenke kommen gut an und werden sofort zusammengebaut und ausprobiert. Abends um neun gehen die Kinder nochmal auf den Spielplatz. Man spürt schon einen Hauch von Sommerferien.

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Wer hat morgen wie Schule? Das Julikind hat von der ersten bis zur vierten Stunde, das Maikind hat von der ersten bis zur sechsten, in der nächsten Woche aber dann nicht, das Märzkind hätte eigentlich Präsenzunterricht gehabt, weil diese Woche eine erste Woche ist, der wurde aber ins digitale verlegt, weil der Chemielehrer zur Risikogruppe gehört und nur wegen Mathe lohnt ja nicht, um halb neun, das hatten sie mir aber doch alles gesagt. „Du hast irgendwie nicht mehr so den Durchblick, Mama, kann das sein?“ Ach was.

Tag 10 bis 15

Die Tage gehen ineinander über. Mittlerweile hat jeder einen Rythmus gefunden.

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Ein Rezept ist nicht da, wo es sein sollte, ich vermute menschliches Versagen (hüstel) und erkundige mich telefonisch bei der Krankenkasse. Jo, wurde abgelehnt. Ich hatte es geahnt, es war nicht rechtzeitig da. Schon vor einer Weile nicht. Zum Glück haben wir das selber bemerkt, leider erst nach dem dritten Termin. Die wir dann vermutlich selber zahlen…seufz. „Fristen sind im Moment ausgesetzt, einfach ein neues Rezept einreichen, wir klären das.“ Das ist nett.

Damit die Krankengymnastik von der Physiopraxis abgerechnet werden kann ist normalerweise folgendes zu tun: Ich fahre ins Städtchen, suche einen möglichst nah gelegenen Parkplatz, laufe zur Orthopädie-Praxis, erkläre am Tresen was ich brauche und warum, warte auf eine Unterschrift, bekomme ein Rezept, laufe zur Geschäftsstelle unserer Krankenkasse, setze mich in den Wartebereich, werde aufgerufen, sage was ich brauche und warum, bekomme eine Kopie mit Stempel, und der Rest läuft ganz von selber. Alle neun Wochen. Jetzt ist aber lockdown und man soll auf gar keinen Fall unaufgefordert eine Arztpraxis betreten. Mein Kopf sinkt auf die Tischplatte, „mimmimimmi“.

Nun denn. Anruf in der Arztpraxis. Was wir denn genau brauchen? Erklärung wie am Tresen. „Kein Problem, schicken wir zu.“ Waaas? Moment, Pokerface. „Wäre es möglich, das direkt an die Krankenkasse zu schicken?“ Sicher. „Danke“, es ist nicht der Moment Fragen zu stellen, noch nicht.

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Hausaufgaben – Hausaufgaben – Hausaufgaben – Hausaufgaben

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Das Schulportal Lanis hat am Versuch, den Unterricht während der Corona-Frei-Zeit zu simulieren teilgenommen. Im Rahmen seiner Möglichkeiten hat es sich stets bemüht. Eventuell, aber ich bin natürlich kein Experte, waren die dafür vorgesehenen 500MB Speicherplatz zu knapp kalkuliert. Jetzt ist nicht die Zeit, zu nörgeln. Die Lehrer geben sich wirklich alle Mühe. Jeder löst seinen Teil des Problems, alle sind erreichbar. Auch auf menschlicher Ebene, das ist im Moment eh wichtiger.

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Corona- Traurigkeit beim Maikind. Wir planen eine Weihnachtspyramide aufzustellen, in seinem Zimmer. Das Internet sagt, im Erzgebirge machen das die Leute gerade, als Zeichen der Hoffnung, auf das Licht am Ende des Tunnels oder so. Hauptsache es hilft.

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Corona-Traurigkeit bei mir. Ich weiß jetzt, warum so oft Unterricht ausfällt. Es macht schlicht und ergreifend keinen Spaß. Die ganzen Aufgaben aus den verschiedenen Ecken zusammenzuklauben ist mühsam. Im sechsten Anlauf endlich Zugang zu Arbeitsblättern zu bekommen, nur um dann festzustellen, dass das Kind in einer anderen Versuchs-Gruppe war und nicht das Material dabei hat, um die Aufgaben zu bearbeiten ist frustrierend. Das Märzkind hat es sehr schön zusammengefasst: „Niemanden interessiert gerade, wann ein französischer König gestorben ist. Das hilft einem doch bei nichts.“

Ich erkläre ihr, wie man Hefeteig herstellt. (Weil ich’s kann. Der Liebste hat zwei Würfel Hefe gefunden, im Wittiland) Das hilft auch nicht, aber am Ende gibt’s Apfelkuchen. Und frischer Apfelkuchen ist allemal besser als kein frischer Apfelkuchen.

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Eine Lehrerin schreibt, sie habe den Eindruck, die Kinder hätten genug Aufgaben für diese Woche (richtig). Im Moment brauche es auch Zeit, einfach mal den Gedanken freien Lauf zu lassen. Wer mag, kann Tagebuch führen (gerne auch auf Englisch), müssen tut keiner was. Danke dafür.

Im Moment findet auf allen Kanälen Powi-Unterricht statt. Auch Mathe, Bio und Arbeitslehre sind im Angebot, wenn man die Zeit hat, es zu bemerken. Welcher Politiker wird vorgeschickt, um uns was zu sagen? Welche Berufsgruppen arbeiten noch? Warum sterben an der gleichen Krankheit in Italien soviel mehr Leute als hier? Woraus besteht ein Gesundheitssystem? In Indien, wie sollen die Leute denn da Abstand halten? Kostet es was, zu Hause zu bleiben? Dieser gemurmelte Halbsatz, in den Nachrichten erfahre man Sachen irgendwie anders als auf YouTube… wottsefack, wozu Schülerhirne in der Lage sind, nach neun Uhr. Erstaunlich.

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Die Krankengymnastik Praxis teilt sich einen Hausflur mit einer Hausarztpraxis. Auf dem Flur steht jetzt ein Tisch mit medizinischem Zeug, daneben sitzt jemand, mit Atemmaske und Umhang. Zur Krankengymnastik darf man einfach so, gruselig ist es aber schon.

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Wocheneinkauf macht der Liebste. Diese Woche in einer extended Version, wegen geschlossener Kantine. Klopapier auf Anfrage, keine Wahlmöglichkeit. Nächste Woche also vierlagig, hätte schlimmer kommen können.

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Eine Runde Federball mit dem Opa auf dem Hof. Eine viertel Stunde die durch den ganzen nächsten Tag trägt.

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Wir übermitteln Herzlichste Geburtstags- Glückwünsche unter einem Balkon stehend.

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Ich verschicke dicke Geburtstagspost. Briefmarken, so gut welche zu haben!

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Corona-Traurigkeit beim Liebsten. Er ist nicht der Typ der jammert, nie (Erkältungsbeschwerden ausgenommen, natürlich). Aber ich höre die Zwischentöne. Die Hände haben fiese Risse vom vielen desinfizieren. Kantine hat zu und mit Atemmasken kann man auch keinen Kaffee trinken. Lkw-Fahrer dürfen nicht mehr aussteigen, Warenannahme meldet sich nur über Telefon, das ist ja einerseits gut, andererseits… Der Oberboss schickt eine Mail und teilt allen mit wie viele Meter Filter gerade vom Band laufen, wie viel Masken und Schutzanzüge das mal werden, wie wichtig alle sind. Es geht besser. Per Post kommt ein Schreiben, dass ihm in gepfeffertem Amtsdeutsch die systemrelevante Tätigkeit bescheinigt. Seine Anwesenheit im Betrieb sei zwingend erforderlich, manchmal auch nachts oder am Wochende. Er darf eventuelle Kontrollen jederzeit passieren. Ein Blinklicht für aufs Auto wäre noch cool gewesen, aber so geht’s.

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Die Ausgangsbeschränkungen sind beim Hund angekommen. Die Leine hatte ich sonst zwar dabei, habe sie aber nie gebraucht. Jetzt begegnen einem alle 500m Wanderer oder Fahrradfahrer, wo sonst seit Jahren niemand war.

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Samstag Haus- und Hoftag, Sonntag Zeitumstellung und „Scheeflöckchen,Weißröckchen, was willst du denn jetzt noch?“

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Der Himmel ist so klar. Das Sauerland sieht man ja immer, also, wenn es nicht neblig ist. Bisher waren es Hügel am Horizont. Mittlerweile kann man die Hügel einzeln erkennen, Wald- und Wiesenflächen unterscheiden sich. Die holländischen Alpen, so schön.

Tag 7

…der Coronazeitrechnung ist ein Sonntag. Der Liebste arbeitet, die Kinder schlafen aus. Normalerweise hätte ich eine Elterntaxifahrt um elf und eine um zwei. Statt dessen wird spät gefrühstückt und dann verschwinden alle Kinder hinter Bildschirmen. Zum allerersten mal in dieser Woche kommt ein Gefühl von Freizeit auf. Die Hunde-Runde gehe ich alleine. Als ich wieder zurück komme sitzen alle Kinder um den Tisch. Sie malen und basteln. Der Opa hat eine Tüte mit Sachen an die Tür gehangen. Darin waren einige Rätsel, eine gesegnete Portion Schokoriegel und die Ente.

Die Ente sitzt normalerweise beim Opa neben dem Bett. Sie soll jetzt bei den Enkeln wohnen, die schicken dem Opa jeden Abend ein Foto von ihr, als gute Nachtgruß, in der Hoffnung, dass man sich bald wieder sieht. Eine gute Idee. Überhaupt ist die Stimmung ganz gut heute.

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Kurz nach 23 Uhr klopft dann doch die Corona-Traurigkeit an die Schlafzimmertür. Das Entenfoto lässt Tränen fließen, eigentlich ist doch alles scheiße, und man weiß kaum, wie man das aushalten soll. Stimmt, aber uns fällt was ein. Mehrere Sachen sogar. Langsam zeigt sich, was wirkliche Probleme sind und was eigentlich nur nervt.

Tag 8

Das Internet läuft, juhu. Alle anderen sind auch zu Hause. YouTuber vertreiben sich und anderen die Zeit indem sie auf kreativste Art gar nichts machen. Anscheind hatte das Märzkind das Gefühl, überall sonst gehe alles normal weiter, nur hier nicht. Dem ist nicht so.

Über Videoanrufe auf wechselnden Plattformen, je nachdem, welche gerade funktioniert macht sie mit ihrer Freundin gemeinsam Hausaufgaben.

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Ich sortiere die bisher eingegangenen Aufgaben der Kinder.

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In meinen Mails habe ich Post von airbnb, dort bieten wir seit Jahren unsere kleine Ferienwohnung an (sollten Sie von der Steuerfahndung sein und hier dienstlich mitlesen, danke für Ihren Besuch, es ist alles angemeldet. Hier funktioniert die soziale Kontrolle noch. Die Verdienste sind wirklich so mickrig.) Sinngemäß steht da folgendes: Sie hätten bemerkt, dass aufgrund von Corona einige Vermieter sich von Stornogebühren und drakonischen algorithmischen Maßnahmen, was die Anzeigenplatzierung betrifft nicht abschrecken lassen und Stornierungen akzeptieren, bzw. selber stornieren. Man habe sich jetzt entschlossen, kostenlose Stornierungen zu ermöglichen, für einen kurzen Zeitraum für bestimmte Reisen, weil da halt verstärkt nach gefragt wurde. Es tut Ihnen voll leid, dass sie mit meiner Arbeit jetzt kein Geld mehr verdienen und man bleibt natürlich am Thema dran. Sicher. Ich deaktiviere das Inserat. Leider muss ich noch abwarten, ob ich es mir leisten kann, es zu löschen.

Außerdem hatte ich Post von der kleinen Monteurzimmerseite, auf der die Ferienwohnung noch steht. Dort zahlen wir richtig Geld. Sie bringt nicht so oft Gäste, aber immer nette, die länger bleiben. Dort steht sinngemäß folgendes: Wegen Corona haben sich natürlich auch die Arbeitsabläufe geändert. Welche Auswirkungen das im einzelnen haben wird, weiß derzeit noch niemand. Alle, die einen Eintrag gebucht haben bekommen auf jeden Fall zwei Monate Verlängerung, kostenlos und ohne irgendwas tun zu müssen. Mitarbeiter seien im Moment im home office zu erreichen, man bitte um Verständnis für eventuelle Verzögerungen.

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Normalerweise kann ich beim Wäsche aufhängen den Fernseher des Nachbarn hören. Oft kommt er auf den Balkon raus, und wir reden übers Wetter. Heute nicht. Bei der zweiten Ladung auch nicht.

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Eine Gäste Anfrage erreicht uns telefonisch. Die Personenanzahl passt nicht, wie gesagt, die Wohnung ist klein. Der Liebste leitet weiter ans Gästehaus in der Nachbarschaft.

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Spontan ergibt sich die Frage, ob denn Monteurs-Mannschaften im Moment als ein Haushalt gelten. Ich finde nichts zu diesem Thema und rufe direkt mal irgendwen im home office an. Nach dem dritten klingeln habe ich eine Dame am Telefon. Sind Monteure nun einfach ein Haushalt, oder würde ich eine unerlaubte Menschenmenge beherbergen und damit womöglich gegen das Bundessseuchengestz verstoßen? Gute Frage, völlig neues Problem. Da aber auf Baustellen normal gearbeitet wird und die Gruppen ja auch im selben Auto fahren und so, dürfen die als ein Haushalt gelten. Zumindest hat noch niemand was anderes gesagt. Wir plaudern noch ein bisschen, wie sonderbar es ist, dass man auf einmal solche Fragen hat. Sehr nettes Gespräch.

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Auch beim Wäsche abnehmen keinerlei Geräusch beim Nachbarn. Ich rufe an. „Samma, ich war schon dreimal an der Wäschespinne und seh und hör dich nicht. Es ist quasi ein Kontrollanruf“. Fritz hat heute auch Corona-Traurigkeit. Alles gut, aber alles Mist zur gleichen Zeit. Man kann gar nichts und muss es aushalten. Marianne sei gerade einkaufen gefahren, der hat er ne Liste mitgegeben. Er hat auch Klopapier drauf geschrieben, eigentlich hat er noch, aber wenn das jetzt alle kaufen. Sein Onkel hatte ja früher ein Plumpsklo neben dem Stall, da gab es immer selbst gemachtes Klopapier. Dann soll er mal schön die Werbeblättchen von Samstag aufheben, rate ich ihm. Da kann er wieder n bisschen lachen. Wäre aber nett, dass wir auf ihn achten, er bedankt sich. Ich fühle mich etwas weniger wie eine stalkerin.

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Der Rest waren Hausaufgaben. Hausaufgaben. Hausaufgaben.

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Die Hauswirtschaft hängt. Allmählich bekommen auch andere eine Ahnung davon, was „nicht arbeiten“ für ein bunter Strauss an Tätigkeiten ist.

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Abends Corona-Traurigkeit beim nächsten Kind.

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Es sind lange Tage im Moment. Ich stelle erste Ermüdungserscheinungen fest. Erfahrungsgemäß macht es keinen Sinn, darüber hinweg zu gehen, sonst kommt es irgendwann nur noch schlimmer. Ich muss mir was überlegen.

Eigentlich Montag

Ich stubse das Maikind ein bißchen und wünsche leise einen guten Morgen. Ein Wuschelkopf kommt zwischen Decke und Kissen zum Vorschein und erkundigt sich nach der Uhrzeit. „Ist halb acht, hast noch Zeit“. „Aahh“ mit einem Grinsen dreht er sich um, “ das das mal jemand zu mir sagt, an einem Montag morgen“.

Gegen neun stehe ich in der Pausenhalle der Schule. Ein Lehrer mit einem Stapel Zetteln in der Hand begrüßt die Ankommenden freundlich. Die Bücher seien alle in die jeweiligen Klassenräume gebracht worden, die Räume seien auf. Er hakt ab, wer schon da war. Hilft Eltern, die ohne Kinder kommen.

Ein zierliches Mädchen mit riesiger Brille, im Arm einen beachtlichen Stapel Bücher kommt die Treppe runter. „Samma, brauchen wir auch Physik?“, fragt sie eine wartende Freundin. „Die haben gesagt alles, müsste doch alles da liegen“. „Nee, Physik war nicht dabei“. Sie überlegt sichtlich. „Guck besser nochmal“, rät die Freundin. Das Mädchen geht die Treppe wieder hoch. Am anderen Ende der Pausenhalle wird eine Tür aufgestoßen. Ein großer Mann mit Strubbelfrisur trägt ebenfalls einen riesen Stapel Bücher. Er eilt die Treppe hoch. Als er an uns vorbeikommt grüßt er mit einem zerstreuten Nicken. Ich vermute, es ist ein Physiklehrer.

Der Lehrer mit den vielen Zetteln kommt zurück, erkundigt sich, wie die Kinder denn jetzt genau wieder nach Hause kommen. „Wir hören voneinander und bleibt alle gesund.“

Im kleinen Edeka des Schulstandorts kaufen wir im Anschluss ein bisschen Obst und Gemüse. Eigentlich wollte ich auch noch einen Würfel Hefe, aber Hefe ist aus. Hefe war noch nie aus. In den kleinen Kartons fehlen selten mehr als 6 Würfel der oberen Reihe. Ich frage nach. Also, sie habe da jetzt gerade Kühlware bekommen sagt die Fachkraft und deutet auf einen isolierte Palette, könnte schon sein, das da was bei ist, wenn ich wohl 10 Minuten hätte. Nee, ach, sooo dringend ist es nicht, versichere ich, ich improvisiere einfach. Die Nachbarin von drei Häuser über uns bekommt das mit. Sie habe eventuell noch ein Tütchen Trockenhefe. Derzeit könne sie nicht garantieren, das das noch haltbar ist. Aber wenn, dann könne ich das gern haben.

Die großen verschwinden mit ihren Aufgaben, das Julikind geht mit spazieren. Auf einmal ist Frühling. Als hätte jemand den Schalter umgelegt. Wir sehen Schmetterlinge, Ameisen, Hummeln und sitzen einen Moment in der Sonne.

Es wird den ganzen Nachmittag geräumt, gewerkelt, geputzt. Wundersamerweise gehen Sachen voran, die ich schon als gegeben akzeptiert hatte. Juhu.

Bei der Abend-Hunde-Runde begegnen uns die Junggesellen von der Sonnenuntergangsbank. Zwei stehen links vom Weg einer rechts. Sie treten jeweils einen halben Schritt zurück, damit wir auf dem Weg bleiben können.“Zwei Meter sollen das schon sein“, prosten sie uns fröhlich zu.

Der Fernreisende ist wieder da und liegt im Krankenhaus. Irgendwas mit Nebenhöhlen, aber ähnliche Symptome… daher Einzelzimmer. Ab morgen dürfen keine Besucher mehr ins Krankenhaus. Er erkundigt sich nach unserem Heimunterricht und bietet eine Hotline an für Fragen rund um Physik, Chemie und technisches an.

Also, Stand heute, kann ich sagen, bei mir läuft’s.

Abgesagt

Es ist schon ein paar Wochen her, da bekam der Liebste Anweisungen vom Arbeitgeber. Der gesamte Betrieb gehöre ab jetzt zur kritischen Infrastruktur. Sollte er Kontakt mit Corona-infizierten gehabt haben, an sich selbst oder Familienmitgliedern Symptome bemerken, dann… wurden die mittlerweile bekannten Szenarien beschrieben. Es klang so gar nicht nach Panikmache und war genau deshalb ein bisschen unheimlich. Die Nachrichten habe ich ab da etwas aufmerksamer verfolgt.

Ich habe mich gewundert, dass Karneval nicht abgesagt wurde und war beruhigt. Dann gab es eigentlich jeden Tag neues aus Italien, dann aus Frankreich. Mir wurde etwas mulmig. Seitdem bestehe ich darauf, dass sich alle Kinder vor jeder Mahlzeit die Hände mit Seife waschen.

Ich habe ganz normal weiter eingekauft, stand aber öfter vor leeren Regalen. Im Verlauf der Woche begegnen mir verschiedene Supermärkte, statt einen Großeinkauf plus Kleinigkeiten bei Bäcker und Metzger waren es eben drei oder vier kleine Einkäufe. Je nachdem, wo ich Kinder zum Training gebracht habe. Klopapier war immer vergriffen. Kein Problem, wir haben da einen Vorrat. Der hielt allerdings auch nicht ewig. Das Märzkind und ich standen am Donnerstag wieder vor einem komplett leeren Regal und hatten gerade entschieden, dass wir dann nochmal woanders hin müssen. Es war ein seltsames Gefühl, wegen Klopapier in einen zweiten Laden?

Das war er, der Moment, in dem Corona für mich anfing: „Oh Mama, guck mal, da oben“ , voll Freude zeigte das Märzkind auf eine versteckte Reihe Klopapier. Zwischen einer Säule und einem fetten Werbeschild war das wohl übersehen worden. Es waren die kleinen Packungen, doppelte Lauflänge und keine Papphülsen, die sich auf der Fensterbank sammeln, das kauf ich eh am liebsten. Obwohl wir nur eine Packung brauchten, haben wir zwei gekauft. Ich hab es erst gemerkt, als das Mädel, das eine frische Palette Papier rangerollert hat in unseren Wagen guckte und dabei innerlich mit dem Kopf schüttelte. Glaube ich zumindest gesehen zu haben. Die zweite Packung steht jetzt bei mir im Kleiderschrank, so viel Platz ist im Bad ja gar nicht.

Der Freitag war unerwartet aufregend. Vormittags hatte ich im Radio von Schulschließungen gehört. Hessen war da noch nicht dabei. Das Julikind kam mit den Worten, der Ranzen sei sooo schwer die Tür rein. Sie habe alles dabei, falls nächste Woche keine Schule ist. Die beiden großen kamen in gedrückter Stimmung nach Hause. In der sechsten Stunde hatte jeder noch einen Zettel bekommen, wo drauf stand, dass die Schule sich entschlossen habe, alle außerschulischen Aktivitäten abzusagen. Wir haben uns gewundert, denn die Schule ist vergleichsweise klein. Ob man sich jetzt bei den Bundesjugendspielen oder in der Pausenhalle über den Weg läuft, macht doch eigentlich keinen Unterschied. Das Betriebspraktikum wurde abgesagt , der GirlsandBoysday, das Fussballtunier, die Bundesjugendspiele, die Klassenfahrt vom Maikind, zwei Tagesfahrten und ein Radioprojekt vom Julikind, und der Besuch der französischen Austauschschüler.

Es folgte ein ziemliches Gewusel, bis klar war, dass bis zu den Osterferien kein Unterricht mehr stattfindet. Der Ton in den Muttichats war sehr angenehm, was nun wirklich nicht selbstverständlich ist. Die Elternbeiräte und Klassenlehrer haben sich alle schnell und unaufgeregt gekümmert. Morgen holen die großen Kinder ihre Bücher und bekommen Arbeitsaufträge. Ich hoffe, ich behalte den Überblick, ehrlich gesagt graust es mir ein bisschen vor den Hypothenusen und so.

Mittlerweile wurde auch der Theaterabend, bei dem das Märzkind im Hintergrund mitgewirkt hätte abgesagt. Und alle Trainings.

Die Geburtstagsfeier lassen wir nicht ausfallen. Wir organisieren das so, dass die Hochbetagten und Vorerkrankten die Möglichkeit haben, den Schulkindern nicht zu begegnen.

Den Rest werden wir sehen. Es ist die Gelegenheit, den „zu erledigen“ Stapel in Angriff zu nehmen. Obwohl, das Wetter soll schön werden und der Wald hat noch geöffnet.

03/2020, erstes Drittel

Die häusliche Elektrik verlief, wie so oft, etwas anders als erwartet. Deshalb hatte der Liebste dann doch einen spontanen Außeneinsatz inklusive Baumarktbesuch. Wir haben jetzt wieder Strom im Wohnzimmer, auch wenn jemand im Garten Licht anmacht. Darüber freue mich.

Die andere Baustelle geht voran, langsam aber stetig. Bisher keine besonderen Vorkommnisse, das macht mich misstrauisch. In der Regel lässt sich das Haus nicht so gerne renovieren.

Frühlingsvorbereitungen laufen an. Diese Saison braucht es einen neuen Honigrührer und eine neue Beetbepflanzung. Vorentscheidungen wurden getroffen.

Felix ist verstorben. Der Hund von „wo wir immer die Milch holen“. Er war schon länger krank und ist eines morgens einfach nicht mehr aufgestanden. Wir haben ihm einen Moment feierlich gedacht. Seine Gene hat er weitergeben, auch in den Nachbarorten, oft und gern.

Diese Woche war es zum ersten Mal seit langer Zeit, warm und trocken genug, dass das Julikind einen ganzen Nachmittag lang mit der Hecken-clique draußen sein konnte. Halleluja.

Dem Maikind ist quasi über Nacht alles zu klein geworden. Gut, bei den Mengen an Nahrung, die er die letzten Wochen zu sich genommen hat, hatte ich damit gerechnet, dass er wächst. Aber so? My lovely Mister singing Club. Wir werden einkaufen müssen, er gewöhnt sich gerade an den Gedanken.

Geburtstagsvorbereitungen laufen. Ich hatte eine Idee, was man dem Märzkind schenken kann. Keine zündende Idee, aber immerhin.

Die Steuererklärung ist in Planung, davor muss aber noch einiges erledigt werden. Computer kaufen, Daten rumtüddeln, und so. Es gab einen Tipp, der das vielleicht beschleunigt.

Habe den Heizungskeller durchgefegt, weil sich der Schornsteinfeger angekündigt hat. Der vorher/ nachher Effekt war so verblüffend, dass ich entschieden habe, die Heizung mal abzusaugen, nur so ganz grob, natürlich. Ich möchte mir an dieser Stelle selber den Rat geben, das öfter zu machen (als alle 10 Jahre, hüstel).

Der Hund kann jetzt an dem bissigen Hund vorbeigehen, ohne panisch zu reagieren. Solange beide an der Leine sind passiert anscheind nichts. Die Kinder gehen im Moment freiwillig die Nachmittagsrunde spazieren. Das entspannt alle. Man fragt sich allgemein, was wir die letzten vier Jahre ohne Hund gemacht haben. Obwohl, wir haben weniger geputzt…

Ich wollte nicht in Verdacht geraten, den Tod zu bringen. Deshalb habe ich zum ersten Mal seit längerem ohne Dosen an der Wurst und Käsetheke eingekauft. Es begann wegen Weltrettung, ist mittlerweile aber einfach Faulheit. Ich hatte vergessen, wie lange es dauert, den ganzen Kram aus dem Papier in die Dosen zu räumen, und dann muss man auch noch den Müll rausbringen…

Ich kaufe tatsächlich öfter Haferflocken, Mehl, Zucker, Nudeln, Reis, getrocknete Linsen und Bohnen, nicht als Regaldeko, wir essen das. Hier im IrgendwoaufdemLand ist es immer gut, wenn manche Lebensmittel länger haltbar sind. Man braucht einen Vorrat, einfach, weil man manchmal ein oder zwei Tage später zum einkaufen kommt, als gedacht. Ich hab doof geguckt, am Montag nach der Zombi-Apokalypse, alles weg. Gestern waren Nudeln aber im Angebot, ätschibätschi.

Ich habe über das Verhalten von Menschen in unbekannten Situationen nachgedacht. Und mich gewundert, immer wieder.

Gemeinsam mit dem Liebsten festgestellt, dass wir anscheind unterdurchschnittlich viel Angst haben, davor, Pläne spontan geändert zu bekommen. Das kann einem nämlich auch einfach so mitten im Leben passieren. Darauf haben wir angestoßen, mit einem 6er Pack Corona.

Gewöhnliche Zombie-Apokalypse

Der Liebste war vor mir wach und sitzt schon am Frühstückstisch. Er wirkt etwas grummelig. Auf Nachfrage zeigt er mir mehrere im Garten verstreut liegende Teile von – oh, das war gestern noch unsere Aussenlampe. Da haben die Waschbären heute Nacht einen Punkt gemacht.

Seit etwa einem Jahr läuft ein Wettrüsten am Vogelhaus. Ich hatte vorgehabt, nur so viel Futter reinzutun, wie die Piepmätze an einem Tag schaffen. Nachts wäre dann nichts da. Aber hier geht es ums Prinzip, und ich gebe zu, es ist unterhaltsam. Wir trinken Kaffee und überlegen dabei, wie die Waschbären das wohl geschafft haben.

Dann hupt das Bäckerauto vorm Haus. Der Liebste hat als erster seinen Geldbeutel gefunden und geht. Ein paar Minuten später kommt er mit zwei kleinen Broten zurück. Das Bäckerauto sei fast leer gewesen, das sah ganz seltsam aus. Die Frau hat gesagt, sie habe schon telefoniert, damit Nachschub gebracht wird, aber im Laden ist auch alles weg. Coronavirus. Quarantäne ohne Plunderstückchen, das will man sich ja gar nicht vorstellen.

Das Julikind kommt an den Tisch, im Schlafanzug mit Strubbelfrisur, Müslischale in der Hand, Cornflakespackung unterm Arm. „Kaufen wir heute auch so viel ein wie die Leute in den Nachrichten?“ Ich erkundige mich erstaunt, wo sie denn schon Nachrichten gesehen habe. Auf YouTube. Da stehen Polisten vor Aldi, weil so viele Leute auf einmal reinwollen oder so. „Nee, wir nicht, ich war diese Woche schon einkaufen.“

„Sehen wir das zu entspannt?“ fragt mich der Liebste. Also: Ich habe die letzten drei Wochenende in Folge mit drei Kindern und einem nicht ausgelasteten Hund im Haus verbracht. Wir hatten Wetterwarnungen wegen: Sturmböen, orkanartigen Böen, Sturm, Orkan, Dauerregen, ergiebigem Dauerregen, Hochwasser, Schneefall und Glätte. Ausserdem gab einen terroristischen Terroranschlag und eine Amokfahrt in einen Karnevalszug, jeweils so dicht dran, dass ich die dazugehörigen Verkehrsumleitungen im Radio hören konnte. Es wäre möglich, dass Gewöhnung eingetreten ist.

Nur zur Sicherheit schaue ich auf einer seriösen Nachrichtenseite im Internet nach. Jo, es gibt wohl Corona, ein bisschen mehr als gestern, das Risiko wird als gering eingestuft. Man soll sich nach Möglichkeit nicht gegenseitig anniesen und hin und wieder mal die Hände waschen.

Das Julikind hat sein Frühstück beendet und der Liebste guckt mich fragend an. „Die anderen sind bekloppt“, fasse ich zusammen. Das habe er sich schon gedacht, sagt der Liebste, bestimmt war irgendwas auf Facebook. Dann schweift sein Blick wieder nach draußen. „Wenn die Stromkabel jetzt eh schon frei liegen, dann könnte man eventuell….“

Nein. Ich habe eine bessere Idee.

Herzliche Grüße an den fernreisenden Elektriker, läuft bei uns.

Müssen Sie arbeiten?

Ein Elternsprechtermin in der Grundschule, vormittags, wurde aus guten Gründen zweimal verlegt. Da es im letzten Jahr viele, viele Krankheitstage gab hatte ich mit der Lehrerin regelmäßig Emailkontakt, wir kennen uns ein bißchen. Nach dem offiziellen Teil sagt sie, es wäre bestimmt in dieser Situation gut gewesen, dass das Kind zu Hause bleiben konnte.

Ein Betriebspraktikum steht an, in vier Wochen. Bereits vor drei Wochen wurden zwei Bewerbungen geschrieben, mit viel Herzblut und einigem Zeitaufwand. Eine Reaktion erfolgte bisher nicht, was den Gemütszustand des Märzkindes erklärt. Vorgestern dann der „wottsefack- Moment“. Sie entwickelt Plan C,D,E,F und G, schreibt mir die Telefonnummern raus und ich rufe vormittags dort an. Plan D wird zu Plan A, alle freuen sich. Gestern dann meldet sich der ursprüngliche Plan A. Ein unerwartetes Luxusproblem und Beratungsbedarf.

Boysday steht an, Jungs sollen für einen Tag einen eher Frauentypischen Beruf näher kennen lernen. Der Girlsday ist mittlerweile etabliert und es gibt eine Internetseite mit schönen Angeboten, auch hier, mitten im IrgendwoaufdemLand. Für Jungs gibt’s da genau ein Angebot und das kommt nicht Infrage. Wir beraten uns und ich telefoniere. Plan A geht nicht, Plan B geht nicht, bei Plan C sind schon drei Mädels, Plan D freut sich.

Datum für Konfirmation im Frühjahr 2021 wird inoffiziell vorläufig festgelegt. Eine Mutterkollegin möchte über die Kirchendeko mit mir sprechen. Es dauert eine halbe Stunde, bis ich ihr zu verstehen geben kann, dass das gerade nicht oberste Priorität für mich hat.

Ein hundertster Geburtstag steht an. Es wurde um Geschenke in Form von Zeit und Tatkraft gebeten. Die Familie ist groß, wenn jeder was mitbringt kommen sowohl Mittags- als auch Kuchenbuffet zusammen. Mir fällt der Bereich Ambiente zu. Es muss eine Dekoration gefunden werden, die sowohl Schwiegermutter als auch dem Geburtstagskind gefällt. Es dauert drei Stunden einen groben Plan zu machen. Weiterer Termin zum „in den Schränken gucken was so da ist“ folgt.

Vormittags muss der Hund eine Stunde raus, sonst beschäftigt er sich selber. Vier Maschinen Wäsche werden hier jede Woche gewaschen, mindestens. Bad und Küche müssen einmal die Woche hauswirtschaftlich gewartet werden. Zweimal pro Woche werden Lebensmittel eingekauft, jeweils eine etwas überdurchschnittliche Menge, wenn ich mir die anderen Einkaufswagen anschaue. Pro Tag muss eine warme Mahlzeit für etwa fünf Leute zubereitet werden. Jede Woche eine Elterntaxifahrt zur Krankengymnastik, dreimal zu Trainings, öfter zu Freunden in Nachbarorten, jeweils hin und zurück, natürlich. Manchmal ist Hilfe bei den Hausaufgaben nötig, oder Material muss gesucht werden. Kleine Tätigkeiten müssen delegiert und diskutiert werden, immer und immer wieder. Die Aufgaben teilen wir uns, wenn der Liebste da ist. Wenn er arbeitet geht das eben nicht.

Die ganze Woche tut mir die Hand weh. Ich verabschiede von dem Gedanken, dass es von selber besser wird.

Der Hausarzt meint, es sei nichts kaputt, schickt mich aber weiter zur Chirurgie, weil, wenn das schon so lange so ist… „Müssen Sie arbeiten?“ „Nein“, höre ich mich antworten. Nicht im Sinne von Krankmeldung, jedenfalls.

Diese Woche war ich Köchin, Erzieherin, Berufsberaterin, Einkäuferin, Disponentin, Gastgeberin, Gebäudereinigerin, Wäschereikraft, Dekorateurin, Tiersitterin, Chauffeurin, Facilitymanagerin, Alltagsbegleiterin. Ehrenamtlich, quasi.

Ist übrigens echt nichts kaputt, sagt die Chirurgie, aber offensichtlich reicht’s für mimimimi.

Februar 2020, Halbzeit

Die Skifreizeit des Märzkindes habe ich genossen. Wir sind uns vorher ziemlich auf die Nerven gegangen. Nicht mit Absicht natürlich, im Moment ist es halt einfach manchmal so. Eine Woche Pause hat uns beiden gut getan. Sie fand es ganz toll und ist innerlich gewachsen in den paar Tagen. Jetzt geht’s wieder, das ist schön.

Kein Winter in Sicht, dadurch auch keine Skigäste in der Ferienwohnung.

Das war gut, denn ich hab mir gleich Anfang des Monats den Finger irgendwie angeknackst. Ein Kind ist von der Sofalehne in einem ungünstigen Winkel an mir vorbeigekullert. Durch den Schmerz in der Hand hat sich mein ansonsten routinierter Bewegungsablauf beim Betten beziehen anscheind verändert. Jedenfalls habe ich mir auch noch den Fuss am Bettpfosten gestoßen. Aber so richtig, arbeiten war nur im Energiesparmodus mit Unterstützung von Diclofenac möglich. Dann folgten drei Tage Schnupfen. Als ich kurz davor war einen Testamentvordruck auszufüllen, ist alles gleichzeitig besser geworden.

Ich hatte einen Berg liegen gebliebener Hausarbeit abzutragen. Dabei habe die Schneemänner mit auf den Dachboden genommen. Für Frühling schien es mir zu früh, so ist eine sparsame Übergangsdeko entstanden. Wegen Sturmwarnung, Blackoutgefahr und angeschlagenem Fuss hab ich die Streichhölzer gleich dazugelegt.

Die Zeugnisse waren besser als erwartet, darüber haben wir uns gefreut.

Der Liebste hatte ein Wochenende voll ehrenamtlicher „Arbeit“ bei einer Karnevals- und einer Superbowl Veranstaltung. Ich habe ein schönes Buch gelesen und einen schönen Film gesehen.

Das Märzkind war zum ersten Mal abends weg.

Möglicherweise haben wir am Natomanöver teilgenommen. Bei einem vormittäglichen Hundespaziergang im Nachbarort kreisten zwei Bundeswehrhubschrauber ziemlich tief über uns. Längere Zeit. Auf dem Heimweg flogen sie dann noch tiefer und auf unser Auto zu, mit geöffneter Seitentür. Ich weiß jetzt, warum die Viehherden auf Filmaufnahmen von oben immer weglaufen aber der Liebste fand’s toll. „Nutzen die mein Auto für Peilübungen? Wie geil ist das denn?“

Das Maikind kommt erkennbar müder nach Hause. Chaoslevel und Lautstärke in der Klasse haben sich erhöht.

Der Betreiber der Schulkantine hat gewechselt. Das Mittagessen ist deutlich leckerer, wurde mir berichtet. Außerdem wurde das Sortiment erweitert, es sieht aus, wie in einem Süßigkeitenladen. Pizza gibt’s jetzt in jeder großen Pause. Eistee kostet zwei Euro, das erscheint einem viel, aber, hej, ne kleine Flasche Wasser kostet ja auch eins fünfzig, das waren vorher achtzig Cent, und so gesehen. Finde den Fehler. Fun fact am Rande: In der Grundschule wird derzeit eine AG „gesunde Ernährung “ angeboten.

Der Hund war drei Tage durch den Wind, im wahrsten Sinne des Wortes. Orkantief Sabine hat uns beschäftigt. Es gab einen Tag schulfrei. Wir haben die Meerschweinchen evakuiert und den Garten aufgeräumt. Das Gewächshaus steht aber noch, und auch sonst ist nichts kaputt gegangen. Im Gedächtnis wird wohl nur ein Hundespaziergang der Kategorie „echt richtig windig“ bleiben. Der war witzig.

Ansonsten habe ich über meine politische Meinung nachgedacht. Als asthmatische Dieselfahrerin, verheiratet mit einem Imker der IGBCE Mitglied ist, bin ich moralisch flexibel und fühlte mich in der politischen Mitte wohl. Mit Blick auf Thüringen habe ich festgestellt, wenn das die Mitte ist, dann bin ich wohl doch linker als ich dachte.

Herbst im Schnelldurchlauf

Und schwupp – ist der Oktober auch schon rum. Die Wechselschichtwochen vergehen insgesamt immer rasend schnell. Wobei die einzelnen Tage sich ziehen können wie Kaugummi. Da es aber keinen Rythmus gibt und Pläne sich laufend ändern, ist es einfach ein flow. Einer arbeitet, die andere kümmert sich um den Rest. Alle sind froh, wenn es geschafft ist.

Der September-Krankheitsfall zog sich. 4 Wochen Antibiotika hochdosiert haben das Wohlbefinden doch stark beeinflusst. Es ist aber zum Glück unter dem Strich besser geworden.

Es gab eine „mathematische Situation“. Einen Nachmittag lang musste ich längst vergessene Hirnwindungen reaktivieren. Es war mühsam, aber auch faszinierend. Kein Wunder, dass ich manchmal das Gefühl habe, der Speicher ist voll.

Ich war auf einem Elternabend zur Berufsinformation. War gut gemacht, man hatte am Ende tatsächlich das Gefühl zu wissen, wo man die Infos finden kann. Hinterher noch kurz unterhalten, wir kannten vom Babyschwimmen…

Die Meerschweinchen sind ins Winterquatier umgezogen.

In einer Hauruck-Aktion wurde der diesjährige Brennholzbedarf angeliefert und mithilfe von Freunden und Nachbarn gestapelt.

Der Garten sieht nach dem zweiten Hitzesommer echt mitgenommen aus. Da muss ich mir über den Winter mal was überlegen. Aus jedem Fenster auf verdaddertes Kruppzeug zu gucken macht nicht fröhlich. Vielleicht gibts ja Schnee, dieses Jahr.

Wir haben eine Hochzeitseinladung bekommen. Der erste Eintrag im Kalender für nächstes Jahr.

Weihnachten ist angelaufen. Die Eltern sind dazu übergegangen sich Sachen zu wünschen, die Zeit und Muselkraft erfordern. Da bin ich fein raus. Der Liebste hat schon einen „Fröhliche-Weihnachten-Winterreifenwechsel“ gemacht und wird irgendwann zwischen jetzt und Frühling einen „Christmas-Kompost“ aufbauen. Bleiben nur noch die üblichen 20 Kleinigkeiten und drei Großartigkeiten…

Ansonsten haben wir alle öfter auf dem Boden gesessen als sonst und hatten viel Besuch. Außerdem waren wir öfter im Garten, auch nachts.

Irgendwer wohnt neu hier.