Hallo April

Wir haben ein neues Auto. Wenige Wochen nach der Entscheidung, das Alte nochmal durch den TÜV zu bringen, zwei Wochen nach einer entsprechenden Reperatur… klingelte morgens um fünf das Festnetztelefon. Der Liebste hatte einen Wildunfall, garnicht weit von zu Hause. Das kaputte Auto blieb im nächsten Feldweg stehen, er fuhr mit dem anderen an die Arbeit. Ich verbrachte meinen freien Tag mit Resten des Adrenalienspiegels, den ich immer habe, nach solchen Anrufen. Nur das Auto… es war nur das Auto…

In mir unbegreiflicher Geschwindigkeit hat er ein „neues“ gefunden, Probe gefahren, gekauft, zugelassen und das Alte weiterverkauft. Zu einem Preis, der fast so hoch war, wie die letzte Reperatur und die neuen Reifen gekostet haben.

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Bei windigen 5°C steht die Nachbarin im Garten. Das ist schön, ich habe sie lange nicht gesehen, und oh. Anstatt zu grüßen beobachte ich einen Moment die Situation. Vielleicht müsste ich da mal – irgendwas? Nö, eigentlich alles OK. Fröhlich summend arbeitet sie mit der Gartenschere an einem Blumenbeet. Sie trägt einen Bademantel über etwas, dass von hier aus aussieht wie ein Pyjama. Ich bin mir ziemlich sicher, diese Erkenntnis wäre ihr peinlich.

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In einer fünfer Gruppe laufen wir die wegen Bauarbeiten gesperrte Straße ab bis ins Tal und über Wanderwege durch den Wald wieder zurück zum Ort. Eigentlich hatten wir nicht damit gerechnet, viel Müll zu finden, schließlich ist „allmählich Grund drin“, wie man sich alle Jahre wieder zum Start dieses Aktionstages sagt. Als wir am Brunnen ankommen sind wir uns ziemlich sicher, wir werden König, heute: beide Müllsäcke voll, plus ein bröseliger Altreifen. Weit gefehlt. Eine Mutterkollegin zeigt ein frisch in die Gruppe gestelltes Foto rum, die Herren haben tatsächlich einen ganzen Autoanhänger voll gesammelt.

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Eier färben geht total schnell, wenn man es quasi alleine macht. Die Mädels sitzen am Tisch und wir unterhalten uns nett, aber das mit der Farbe und so, dass kann ich ruhig selber, sagen sie. Vielleicht bin ich dann im nächsten Jahr alt genug, fertig gefärbte Eier zu kaufen.

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Eigentlich wollte ich verschiedene Dinge einkaufen, in der echten Welt. Leider gibt es entweder die Läden nicht mehr oder nicht mal annähernd das, was ich gesucht hatte. Nach anderthalb Stunden gebe ich auf und verlasse die Fussgängerzone nur mit zwei Glückwunschkarten. Eine Kugel Eis in der Waffel kostet 1,60 Euro diese Saison, lese ich im Vorbeigehen. Tja, da bin ich dann raus.

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Ähm, ich würde mal davon ausgehen, dass sich die Heimwerker-Baustelle in den kommenden Wochen eher nicht verändern wird? frage ich vorsichtig nach. Damit läge ich richtig, sagt der Liebste. Dann könnten wir ja vielleicht die Möbel wieder so hinstellen, wie es ursprünglich mal war? Sicher. Die Männer legen mal gerade die Verkabelungen passend hin, holen Möbel aus der Garage, Julikind geht auf den Dachboden und holt Sachen, um sie in Regale zu stellen. Ich stehe mittendrin und frage mich, wieso ich diese Frage nicht schon vor Wochen gestellt habe.

Nach monatelangem Suchen, abwägen und diskutieren haben wir dann einfach so ein Sofa gekauft. Maikind und der Liebste holen es noch am gleichen Tag ab. Ein Filmabend auf dem Sofa. Herrlich! Nach 8 Monaten provisorischer Möblierung hat das fast Event-Charakter.

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Auffallend wenig Urlaubs-Status-Meldungen bisher.

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Cannabis-Dünger wird jetzt im Gartencenter verkauft. Nachdenklich stehen wir vorm Regal. Entweder der Hype hat sich gelegt oder es gehört jetzt zum normalen Gartensortiment. Letztes Jahr um diese Zeit musste man das Zeug suchen wie Klopapier im Lockdown.

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Eine Geburtstagskarte, Konfirmationskarten und eine Trauerkarte geschrieben, hintereinander weg, wenn man einmal dran ist.

12+1 Gäste

Brüderchen feiert seinen Geburtstag. Es gibt Kaffee und Kuchen bei den Eltern in der Küche. Eingeladen ist „die Weihnachtsrunde“ und ein guter Freund. Der witzigerweise unabhängig voneinander sowohl mit dem Brüderchen als auch mitm Vatta befreundet war, was erst auffiel, als sie sich zufällig alle in einem Cafe begegnet sind. Man begrüßt sich fröhlich. Wir haben uns schon bei früheren Feiern gesehen, aber so ganz ohne andere Leute rund um einen Tisch da nutzt er doch mal die Gelegenheit, die Verwandschaftsverhältnisse zu ergründen. Märzkind ist doch bestimmt die Tochter von?..“ „nee… die Enkeltochter…“ „ach, dann bist du die Tochter von…?“ „nee, auch die Enkeltochter, denken die Leute aber öfter, wahrscheinlich wegen der Haarfarbe…“ „Aha, ahso, ja“, der Gast schaut in Gesichter und man kann in seinem sehen, wie Informationen verarbeitet werden. Eigentlich ist es ganz einfach und schnell erklärt: Wir sind drei Söhne, fünf Töchter, ein Opa, drei Omas – davon zwei Uromas, sechs Enkel, drei davon auch Urenkel, (zwei Schwiegersöhne, eine Schwiegertochter, zwei Brüder, vier Schwestern ein Onkel und eine Tante, zwei Nichten und ein Neffe, vier Mütter, zwei Väter, ein Schwiegervatta, drei Schwiegermütter). „Nah, vielleicht, für Außenstehende doch ein bisschen kompliziert…“, gibt meine Schwester zu, und für manche ist es ungewohnt, dass vier Generationen so um einen Tisch sitzen. Der Gast wirkt aber nur leicht überfordert, er habe ja vier Schwestern, „war auch nicht immer leicht“. Maikind und Brüderchen nehmen ehrlich Anteil, zwei Schwestern geht gerade so, aber vier…

So lief die Feier im letzten Jahr. In diesem Jahr fand der Geburtstag an einem Wochentag statt, mit weniger Gästen, aber nervlich aufwändiger. Beide Omas haben ihr Zeitgefühl verloren. An ihrem Gesichtsausdruck merkt man ab und an, dass sie sich auch eigentlich nicht sicher sind, wer genau da so am Tisch sitzt. Brüderchen freut sich sehr, dass das geklappt hat. Schön, dass wir alle sind sagt er, und ein Hauch von „wer weiß wie oft man noch so…“ liegt in der Luft.

Mitte März, unsortiert

Bis vor wenigen Wochen sah ich morgens öfter den Nachbarn auf der Bank unter der Linde sitzen. Er hatte ein Sitzkissen dabei und Zeit. Solange bis der hochbetagte Hund, der einen Meter weiter auf der Wiese lag andeutete, dass er den Weg nach Hause jetzt wieder schafft. Dann wurde in aller Ruhe zusammengepackt und der Rückweg angetreten. Ein Spaziergang von 200 Metern etwa, einträchtig nebeneinander, total entspannt. Ich habe den Nachbarn eine Weile nicht gesehen, ohne mir etwas dabei zu denken, es fällt mir erst gerade auf, denn heute ist er wieder da. Er geht sein gewohntes Tempo. Sein neuer Begleiter läuft kläffend um ihn herum, als müsste es viel schneller gehen, der Mann stakt eilig seine Gehhilfen aus der sich windenden Leine und dreht sich einmal um die eigene Achse, kurz sieht es so aus, als würde das Gleichgewicht verlieren, als der kleine Hund mit aller Kraft zieht. Oh hauahaua ha, denke ich vom Fenster aus. Gut, dass de Omma sich nur einen neuen Hahn gekauft hat.

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Einen Moment lang stehen wir vorm Schaltschrank und beobachten das kleine Rädchen. Der Stromzähler dreht sich sehr langsam, aber erkennbar rückwärts. Irgendwann demnächst wird bestimmt ein digitaler Zähler kommen, dann müssen wir den geernteten Strom immer frisch verbrauchen.

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Frühlingsbeginn so ganz ohne Bienen fühlt sich merkwürdig an.

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Ist das ein Rauchmelder? Wir gucken uns fragend an. Nee, ist nur dieser Alarm, wegen Warntag, sagt eine Kollegin, schiebt das Handy zurück in die Tasche und guckt so, dabei… Die Nutzung mobiler Endgeräte aller Art sind eigentlich im ganzen Gebäude verboten, gerade gestern wurden wir darauf hingewiesen. Macht schon Sinn, diese Regel, eigentlich. Nur – Sirenengeheul hört man offensichtlich nicht, über 20 spielende Kinder hinweg. Da müsste sich die Katastrophe dann übers Festnetz melden, oder ans Fenster klopfen, oder so.

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Ohne echtes Interesse gelegentlich die Koalitionsverhandlungen verfolgt und kopfschüttelnd amüsiert dabei.

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Man würde die Kindergeldzahlung aufgrund der Volljährigkeit demnächst einstellen, es sei denn, ich kann belegen, dass es noch zur Schule geht oder eine erste Ausbildung macht, teilt das Amt mit. Ich nutze den aufgedruckten QR-Code um die nötigen Unterlagen einzureichen, und frage mich, ob das wohl wirklich so einfach geht. Wenige Tage später bekomme ich wieder Post, in den Briefkasten neben der Haustür. Mein Kind befinde sich in einer Berufsausbildung. Der Ausbildungsbetrieb möge das fristgerecht bestätigen, sonst wird es kein Kindergeld mehr geben. Das Kind nimmt den Zettel mit in den Betrieb, der Ausbilder unterschreibt und stempelt, ich adressiere einen Umschlag, klebe eine Briefmarke, laufe zum Briefkasten und hoffe, dass die Post das fristgerecht hinbekommt. So fühlt es sich viel normaler an.

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Klausur und Zwischenprüfung wurden geschrieben, das Betriebspraktikum läuft und macht Spaß, die Stimmung im Haus ist nicht mehr zu vergleichen, mit der von letzter Woche. Puh.

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Wir haben wirklich schöne Schüsseln, sagt Märzkind beiläufig, während der Essensvorbereitungen, und eine richtig gute Rezeptesammlung, da kann man sich später mal über ein Erbe freuen. Vermögen wäre natürlich auch toll, aber so was praktisches, als Andenken fürs Leben ist auf jeden Fall viel besser als ein Haufen Klump, wo man sich sofort fragt, wie man es am besten entsorgen kann. Ein ungewöhnliches, aber nettes Kompliment.

Ich könnte ja mal das Fotoalbum holen, sagen die Gäste. Wenige Minuten später schwelgen alle Anwesenden in fröhlicher Nostalgie. „Dann bist jetzt seit 20 Jahren Mama“, sagt meine Mama, ich nicke nur und mache ein so-isses-Brummgeräusch „…und ich Oma“. Auf dem „Kind mit Großeltern-Foto“, dass heute vor genau 19 Jahren gemacht wurde, sind 9 Personen. Heute feiern noch zwei Omas und ein Opa mit.

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Eine Wartezeit im Auto. Mit Tee aus dem Thermobecher einem Buch und einer Wolldecke ist es eigentlich ganz gemütlich. Normalerweise würde ich einkaufen fahren, solange, bin aber schon wieder erkältet, ich würde sowieso die Hälfte vergessen. Es nervt.

Was das Bild schon immer da? Könnte sein, es stand eine Mülltonne davor, oder so.

ein bisschen Frühling

Es kommt selten vor, dass der gleiche Paketbote mehrmals kommt, aber wir erkennen uns wieder, als er mir ein Päckchen durchs Fenster des Lieferwagens anreicht. „Wegen dem Solar neulich“, sagt er… entschuldigt sich mehrfach, hat er selber nicht gesehen. Er erklärt mir, wie er Ladung sichert. Im Moment stellt er mehrmals die Woche Solarpaneele zu, bisher immer alles Ok und ob wir da jetzt was bezahlen müssen??? „Nein, alles gut. Wir haben ein Foto vom Schaden geschickt, die haben nur gesagt, OK, ist kaputt, kommt neu, bitte das alte selber zur Entsorgung bringen“ Es war so einfach, dass man sich fast fragt, ob das vielleicht von vorneherein zur Entsorgung…

Ein gutes Gespräch mit jemand völlig Fremden geführt.

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Julikind bekommt ihre Hausarbeit zurück. Benotet und mit Anmerkungen. Vielen Anmerkungen, in rot. Sie reicht mir den Ordner, kann ich ja mal gucken, wenn ich will. Nach der ersten Seite erhöht sich meine Pulsfrequenz, nach der zweiten würde ich gerne Anmerkungen zu den Anmerkungen reinschreiben, nach der dritten Seite gebe ich auf, sonst muss ich womöglich noch jemanden anrufen, um darauf hinweisen, dass es höflicher ist, einen Satz erst bis zum Ende zu lesen, manchmal erschließt sich Sinn nämlich erst nach einem Komma, und dass der Begriff „ewig“ einen Zeitraum beschreibt, dessen Ende nach menschlichem Ermessen unfassbar weit in der Zukunft liegt, also per Definition ungenau und in Bezug auf PFAS durchaus angemessen ist. Aber – Empörungsfasten. Wir verbuchen es als Lektion in Frustrationstoleranz und Julikind kann sich dann jetzt doch vorstellen, solche Aufgaben zukünftig durch eine KI erledigen zu lassen, wie ich es vorgeschlagen hatte.

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Drei Hühner und der Hahn wurden vom Grundstück genommen. Naja, eigentlich nur zweieinhalb Hühner und der Hahn. Mitten am Tag, die genauen Umstände sind unklar. Ein Trauerfall. De Omma hat schon hunderte von Hühner geschlachtet und gegessen, aber das war was anderes. Diese Hühner sind sowas wie Nachbarn. Für alle die an der Ecke wohnen, denn sie laufen ja tagsüber frei rum.

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Morgens um kurz nach sieben sehe ich auf der langen Geraden kurz vorm Nachbardorf zwei Fahrradfahrer auf Mountainbikes. Sie tragen ganz normale Kleidung und schwere Rücksäcke, das ist ungewöhnlich. Ach guck, die kenne ich doch. Sie müssen etwa zur gleichen Zeit wie der Bus losgefahren sein, es sind ungefähr 15 Kilometer bis zur Schule, bei 2°C, aber heute mittag wirds warm. Bräuchte es ein Bild um zu erklären, wie scheiße die Busverbindungen sind, würde es wohl ungefähr so aussehen.

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Der Liebste und ich sitzen nebeneinander in den Sesseln, beide gerade erst angekommen, aus verschiedenen Richtungen, leicht zerrupft und völlig platt. Zwei Arzttermine waren das heute, einer lange geplant, einer ganz spontan nötig geworden, beide blöd und mit Folgetermin. Zwei Autos sind kaputt, eins nicht eilig aber mit langer to do Liste, eins schafft es wohl noch bis zur Werkstatt, Kollegen krank …, zwei Teenager im Vor-Prüfungsmodus, eigentlich reicht es schon, für diese Woche. Es ist Dienstag 18 Uhr.

Und wie immer- wenn das Chaos groß genug ist, findet sich alles auf wundersame Weise von selber. Jeder tut was er kann und ist großzügig mit den anderen. Das frühlingshafte Wetter hilft sicher auch. Irgendwann ist dann wirklich Wochenende. Zumindest für die, die nicht lernen müssen.

Wäsche draußen aufgehangen, Sonnencreme eingekauft, Tomaten angesät, Burger gegrillt im Garten. Essen lieber drin, denn wenn die Sonne erstmal weg ist merkt man doch, dass letzte Woche noch Winter war.

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Märzkind plant eine Geburtstagsfeier. Zu den Vorbereitungen gehört auch ein „weißte noch, damals“– Moment. Fünf Jahre ist das her. Es waren ganz andere Zeiten, damals.

Praktisch wie ein Apfel

Die Nach-Grippe-Woche ist zäh und lang. Es geht alles wieder, nur halt nicht so gut. Ein Film reicht uns für drei Abende.

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Morgens um halb sechs zeigt das Thermometer -10°C und wird wohl ungefähr recht haben. Es dauert einen Moment, bis ich den Schal so zurecht gezuppelt habe, dass die Luft, die ich einatme einigermaßen warm ist, mir beim ausatmen aber nicht die Brille beschlägt. Aber dann ist es richtig schön. Das Gras am Wegrand glitzert im Licht der Taschenlampe. Obwohl, die Lampe kann ich ausmachen, so hell scheint der Mond, Sterne funkeln, wie in so nem outdoor-Video. Der Hund guckt fragend. Tja, ich hab leider keinen Ball dabei, wer rechnet denn mit sowas, normalerweise ist es zappenduster und nebelverhangen.

Die Wintergummistiefel, die damit beworben wurden, dass sie für Temperaturen bis -10°C geeignet sind, haben Wort gehalten. Wunderbar warme Füsse und sicherer Halt bei winterlichen Bedingungen.

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Der Liebste kommt fröhlich nach Hause. Der neue Werksleiter habe sich gleich zu Beginn entschuldigt. In allen anderen Betrieben sei es längst üblich, damit jede:r alle Informationen aus erster Hand bekommt, was die Anweisung „Betriebsversammlung mit Anwesenheitspflicht für alle“ hierzulande auslöst, sei ihm nicht bewusst gewesen. Jo, wir hatten da tatsächlich verschiedene Szenarien für möglich gehalten, amerikanische Firma, verrückte Zeiten.

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Morgens in dicker Winterjacke Eis vom Auto gekratzt, nachmittags im T-Shirt bis zum Altglascontainer gelaufen, ohne dabei zu frieren. Im Hang blüht ein Krokuss. Das war gestern noch nicht.

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De Omma kocht nicht mehr. Sie hat es selber noch nicht bemerkt. Alle anderen schon, der Alltag wird angepasst.

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Die Schilder, die auf die Straßensperrung hinweisen wurden aufgerüstet. Es gibt jetzt eine Umleitung und angeblich ist hier Sackgasse ohne Wendemöglichkeit, wollen wir doch mal sehen. Die Straßensperre, die ernsthaft absperren würde, ist geöffnet, man kann also. Allerdings wurden schon Leitplanken entfernt und, ganz ehrlich, einseitig abgesackte Fahrbahn ohne Leitplanken vor Steilhang macht dann doch ein mulmiges Gefühl.

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Julikind muss Wahlergebnisse angucken, für PoWi. Leider sehen die ziemlich genau so aus, wie ich dachte. Fritze Merz als Kanzler, das wird bestimmt toll – für heterosexuelle reiche deutsche Männer.

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Vor der Garage liegt ein riesiger Karton, darin ein etwa faustgroßes Loch. Irgendwas muss dagegen geknallt sein, beim Transport, denn in der Garage kann das nicht passiert sein. Der Inhalt ist unbrauchbar. Ich war dabei als es ausgeladen wurde und habe nichts bemerkt, verdammt, wie kann das sein? Im Geiste rekonstruiere ich den Ablauf . Respekt! Der etwa 1,75m große und 70 Kilo schwere Paketlieferant hat das sperrige, schwere Paket so gekonnt getragen, dass ich diese Macke zu keiner Zeit im Sichtfeld hatte, und die anderen drei Pakete in beeindruckend kurzer Zeit davor gestellt. Er hat natürlich auch Trinkgeld bekommen. Naaargh

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„Praktisch wie ein Apfel“ steht auf dem kleinen Aufkleber, der auf meiner Birne pappt. Ich bin verwirrt, was soll das bedeuten. Inwiefern ist ein Apfel praktisch? Ist es ein geheimer Code für irgendwas? Eine Verzehrempfehlung?

Ach komm, geh weg

Morgens ist Julikind leicht verschnupft. Am Nachmittag ist das Kind schon eindeutig krank.

Ein ruhiges Wochenende in beinahe wohnlichem Ambiente. Nur ein paar Pakete Fussboden, Leisten und ein Baustelleneimer stehen neben dem Esstisch, ansonsten sieht es normal aus – gut, die Bruchsteinwand ist immer noch ohne alles, aber da ist längst Gewöhnung eingetreten.

Mehrere Teile Flickwäsche erledigt und mich darüber gefreut, dass ich das Nähzeug aufgeräumt hatte.

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Ich bin erst leicht, dann eindeutig verschnupft, fühle mich aber gut dabei. Das ändert sich im Lauf der Nacht. So krank war ich noch nie. Jedenfalls nicht, solange ich mich erinnern kann. Zwischendurch einzelne Momente, in denen es besser geht, so dermaßen gut, ich könnte mal bis ans Vogelfutterhaus gehen, denke ich. Auf dem Weg nach draußen fällt mir auf, dass ich einen Becher voll Hundefutter in der Hand halte. Ich habe mich überschätzt.

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Der Handwerker kommt „zum Endspurt“, wie er es nennt. Nach zwei Stunden sind alle Leisten angebracht und alltagstauglich befestigt. Die Jungs stellen das Aquarium wieder an seinen ursprünglichen Platz zurück. Ich stehe mehrmals am Tag nachdenklich vor dem Toaster. Gestern stand da noch das Brennholz. Der Liebste dreht sich beim Abendessen routiniert um, hält eine Scheibe Toastbrot vors Aquarium, „ääähhhmja“, sagt er. Alle nicken. Das Haus fühlt sich anders an. Wir hatten dieses Eckregal leer geräumt um unsere Teller reinstellen zu können, die stehen längst wieder in der Küche, aber was genau stand vorher hier drin? Niemand erinnert sich. Erstaunlich, wieviel entbehrlichen Kram man so einlagert.

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Der Liebste teilt das Krankenlager für drei Tage mit mir, dann ist er wieder fit. Fit im Sinne von, er geht Sonntag Nacht zum Superbowl und bleibt bis zum Ende. Julikind kommt quietschfidel vom Tanztraining, als wäre nie was gewesen. Ich halte beim Aufstehen immernoch meinen Kopf mit beiden Händen fest, damit mir nicht davonkullert. Maikind ist ein wenig verschnupft, hustet leicht und ist wenige Stunden danach so richtig krank. Irgendwann ist es schlimm genug für einen Test, mittlerweile haben wir welche vorrätig. Influenza B.

Reicht dann auch eigentlich schon für dies Jahr. Ein großes Dankeschön an alle, die geholfen haben, den Alltag aufrecht zu halten

Was man so macht

Der Virus kommt ungelegen. Drei wichtige Arzttermine liegen in dieser Woche. Solange noch zwei gesund sind, können wir uns durchwurschteln. Bis Donnerstag müssen sie noch kommen, ermuntern sich die Gesunden, danach wäre es egal, nur bis Donnerstag… Der Termin am Mittwoch klappt und es gibt gute Nachrichten. Es ist nicht eine Krankheit sondern drei verschiedene. Keine davon so schlimm, dass die Kosten für Medikamente übernommen werden. Man freut sich entsprechend, was solls. Sie gehen nach nebenan um sich etwas zu kochen, bieten an, etwas mit rüber zu bringen. Nicht nötig.

Mittwochabend haben es dann alle. Der Handwerker, der währenddessen die Küche renoviert hat völlig freie Bahn. Eine Packung Salzstangen, ein halbes Glas Apfelmus und ein paar Löffel Haferflocken, dazu einige Liter Tee – mehr wird nicht verzehrt in drei Tagen.

Arzttermine verschoben – auf Ende April. Dann ist es eben so.

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Am Abend ist der Küchenboden fertig, die Wand auch. Wir hatten Sekt gekauft, um diesen Moment gebührend zu feiern. Man könnte jetzt die Möbel wieder reinstellen, aber ohne dass es jemand laut sagt, ist allen klar. Heute nicht. Statt dessen stehen wir alle andächtig eine Weile im Raum, nicken, laufen ein bisschen hin und her, ein ungewohntes Gefühl, so auf Fussboden. Schön ist das geworden, richtig schön. Es war allerdings auch lange richtig scheiße, vorher.

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Sonntag wieder fit genug für einen kurzen Besuch bei der Omma. Sie freut sich, dass „mal jemand guckt“, wie sie es nennt, bedankt sich für mitgebrachtes Essen. Ich freue mich, dass sie sich freut, aber es ist bemerkenswert ungewöhnlich. Sie verändert sich von Woche zu Woche.

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Eine Wartezeit mit einem Besuch im Baumarkt überbrückt, dort murmelnd vor Wandpaneele gestanden, festgestellt, dass heute nicht der Tag der Entscheidung ist und statt dessen nach Falttüren gefragt. Was man so macht.

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Märzkind schickt Urlaubsbilder, Palmen, strahlender Sonnenschein, lachende Gesichter, so soll das.

Maikind zählt die Tage bis zur Zwischenprüfung, die eigentlich schon Teil der Abschlussprüfung ist.

Ich altere bei sowas.

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Der Januar lag vor uns wie ein Berg. Wir habens geschafft, bis hierher. Die dunkelste Zeit vorbei ist, Restlicht um 17.30 Uhr und ganze Tage ohne Nebel, man hatte beinahe vergessen, wie sich sowas anfühlt… Ganz vorsichtig machen wir erste Pläne für das weitere Jahr, Urlaubstage, Geburtstagsfeiern….

Sonst war nichts. Ist auch mal schön.

Luft nach oben

Drei Stunden lang hat es geregnet. Jetzt schneit es, aber wie. Das ist kein leises rieseln. Große, nasse Flocken fallen entschlossen zu Boden, auf den dort liegenden nassen Schnee. Es sind nur 5 Kilometer bis nach Hause und meine Winterreifen sind gut. Nach 500 Metern denke ich darüber nach, einfach rechts ran zu fahren und auf ein Räumfahrzeug zu warten. Zu Hause angekommen schaufele ich die Einfahrt frei. Es dauert. Natürlich kommt, genau in dem Moment, als ich fertig bin ein Räumfahrzeug und wirft dicke Eisklumpen in die Einfahrt. Julikind wird das übernehmen, sagt sie. Ich freue mich. Eine Stunde nach Fahrtbeginn komme ich endlich an der Haustür an.

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Die gesperrte Straße wird geräumt, aber nicht gestreut. Das ist super für verletzte Hundepfoten. Für gesunde auch, eine Premium-Gassirunde. Die wenigen Autos, die die Schilder ignorieren fahren sehr langsam, man hält an, tratscht durch Autofenster.

Das die Ortsdurchfahrt morgens nicht mehr geräumt wird nervt allerdings. Im Ort wohnen ja noch Menschen, auch wenn es keinen Durchgangsverkehr gibt.

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Am Wochenende dann Winter-Wonder-Land, mit Schnee und blauem Himmel. Vier Leute und ein Hund begeben sich zum Schlittenhang. Zum Schlitten fahren ist der Schnee zu tief, aber wir haben den aufgepumpten Treckerschlauch dabei. Das funktionert richtig gut, schneller und weiter als gedacht. Der Versuch, die Fahrtrichtung so zu ändern, dass ich den Stacheldrahtzaun sehen kann, bevor ich reinfahre endet schmerzhaft.

Am nächsten Wochentag dann der schnellste Besuch in einer chirurgischen Praxis aller Zeiten, ich freue mich fast, als ich wieder ins Auto steige. Es ist nichts kaputt. Weh tuts trotzdem. Mein Handgelenk wechselt täglich die Farbe.

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„Zwischendurch mal für eine Stunde“ sei die Küche nicht zu betreten, hatte der Handwerker gesagt. Das ist ja nun wirklich kein Problem, wir richten uns darauf ein. Irgendwann haben dann doch alle Hunger und es sieht gut aus, der Handwerker räumt ungewöhlich früh seine Sachen zusammen Für heute ist er hier fertig, sagt er, Trockungszeit ab jetzt seien 4-6 Stunden, um 20 Uhr könnten wir die Küche also wieder betreten, aber – bitte vorher testen, nicht gleich mit dem ganzen Gewicht. Ähm, ja.

Der Liebste fährt ins Pommesgeschäft und holt uns etwas zu essen. Drei recht kleine Cheeseburger und vier Portionen Pommes, die garnicht mal so gut schmecken kosten 42 Euro. Schade, die waren mal gut, aber das kann man dann in Zukunft einfach sein lassen.

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Die Oma im Städtchen feiert ihren halb runden Geburtstag. Der engste Kreis sind etwa 30 Leute. Wir sitzen in einem seperaten Raum der Pizzeria mit Ambiente, alle unterhalten sich nett. Das Geburtstagskind bekommt routiniert ein Ständchen gesungen, als die erste Runde Getränke auf dem Tisch steht, so schön, dass im angrenzenden Gastraum alles still wird. Es gibt einige „Kind bist du groß geworden“-Momente, Kreuzfahrergeschichten werden ausgetauscht, Wochenplanung gemacht. Es dauert lange, bis alle etwas zu essen haben, dafür hat man natürlich Verständnis, aber – wenn ich eine Stunde auf eine Pizza warte, hätte ich gern das Gefühl, dass die frisch für mich gemacht wurde. Lauwarme Pizza kann man auch zu Hause… leider auch nur so mittelgut im Geschmack. Der Laden war rappelvoll, das macht nachdenklich.

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Am Tag darauf, wie es die Traditon in der dritten Januarwoche verlangt, drei von fünf krank. Coronatests negativ, immerhin, aber das ändert nichts am elenden Gefühl.

2025 hat noch Luft nach oben.

Willkommen in 2025

Ein frohes neues Jahr wünsche ich euch allen!

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Silvesterbesucher am letzten Nachmittag des Jahres. Brüderchen sieht blass aus und trägt den Arm in einer Schiene, ruhig gestellt bis fast an die Schulter. Mitleid möchte er nicht, also bekommt er auch keins. Wir tauschen Geschenke aus und haben es noch ein bisschen Restweihnachtlich. Die Freundin kommt, um einen guten Rutsch zu wünschen … und danke dass ihr die Kinder hier… da nicht für, das Konzept hat sich bewährt.

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Gegen halb elf am Silvesterabend sind wir, wenn wir ehrlich sind, zu müde für ein weiteres Denk- oder Strategiespiel und für tiefschürfende Gespräche auch. Jemand schlägt vor, Mensch ärgere dich nicht zu spielen, das würde gehen, zu sechst. Gut sogar. Als das nächste Mal jemand auf die Uhr schaut ist es schon Zeit sich anzuziehen. Das neue Jahr begrüßen wir draußen im Garten. Maikind feiert mit Freunden nebenan, sie haben das Feuerwerk schon hingestellt, die Glocken beginnen zu läuten, es kann gezündet werden. Richtig schönes Feuerwerk haben sie ausgesucht. Dann ein Schreckmoment, alle bleiben wie eingefroren stehen und lachen dann erleichert los. "Was hab ich denn da gekauft?", fragt sich jemand laut. Ein außergewöhnlich schauerliches Silvesterquietschgeräusch war das. Es ist kalt und windig. Das Feuerwerk ist schnell zu Ende, wir gehen zurück ins Haus, beantworten Neujahrswünsche und weiter gehts. Die Partie Mensch ärgere dich nicht zieht sich über Jahre, um halb zwei steht ein Sieger fest. Und erst da fällt auf, dass wir jetzt gar keinen Sekt… vielleicht zum Frühstück.

Jeder schreibt seine Wünsche für das neue Jahr und auf einen Zettel, so ist es Tradition. Die Zettel lagern in der Zeitkapsel auf dem Dachboden, bis zum nächsten Silvester. Dann wird abgerechnet. Im letzten Jahr hatte niemand Lust darauf. 2024 fehlt, aber das passt.

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Der Hund und ich sind offensichtlich die allerersten, die hier heute unterwegs sind. Eine geschlossene Schneedecke liegt auf Bürgersteig und Straße, geht nahtlos in weiß verschneiten Wald über, malerisch. Obwohl? Es ist Freitag morgen halb neun. Kurz frage ich mich, wann ich eigentlich zuletzt Nachrichten geguckt habe, ist heute Zombieakolypse angesagt?

Als ich eine Stunde später wieder komme sieht man ersten Fahrspuren, geräumt ist noch nichts – außer dem Fussweg an der Bushaltestelle natürlich, das macht der Nachbar. Wir unterhalten uns einen Moment, darüber, wie schön das alles aussieht, und das der Bus tatsächlich wieder den Berg hoch gekommen ist. Tja, ich hatte ehrlich gesagt gehofft, es würde jemand kommen, zum räumen, sage ich, aber dann muss ich wohl auch mal… was sollen die Leute denken, wenn alle Ü70 den öffentlichen Raum vor ihren Haustüren schon freigeschaufelt haben und wir nicht…. nein, doch nicht, der Liebste ist schon dabei. Glück gehabt.

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An einem Morgen die Hunderunde in kompletter Winterausstattung gegangen, Kapuze über die Mütze gezogen, und auf halber Strecke entschieden, den gleichen Weg wieder zurück zu gehen, weil das Stapfen durch tiefen Schnee doch anstrengend war – am nächsten Morgen sind es neun Grad, der Wind, der gestern eindeutig eisig war, fühlt sich frühlingshaft an. Sterbewetter.

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Ich schmücke den Weihnachtsbaum ab und trage ihn raus. Es war ein wirklich schöner Baum, dies Jahr. Weihnachtsdeko ist schnell eingesammelt und verstaut. Das war das.

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Gemeinsam räumen wir die Schränke wieder in Baustellenmodus, die halbe Küche wird rausgetragen, die andere Hälfte mit Hilfe von Wagenheber und Kanthölzern soweit höher gestellt, dass es gerade noch nutzbar ist, Wohnzimmer und Essbereich zusammengelegt. Zwei Zimmer sind leer, die anderen unpraktisch und ungemütlich eingerichtet. Ein Arzttermin wird nötig, zwei Winterreifen müssen neu, heute und irgendwo unter dem Schnee muss eine Scherbe gelegen haben, der Hund hat sich mal wieder die Pfote übelst aufgeschnitten. Willkommen 2025.

Rund um Weihnachten 2024

Am letzten Schultag hole Julikind ab und wir fahren ins Nachbarstädtchen. Das war vielleicht nicht die klügste Entscheideung, wenn wir jetzt so drüber nachdenken. Die Straßen sind voll. Wir stehen quasi im Stau. Aber ist auch egal, es ist die erste und letzte Gelegenheit und die Einkaufsliste ist noch ziemlich lang. Der Advent war zäh, dies Jahr. Dieses jetzt oder nie, es macht entscheidungsfreudig. Wir finden was wir suchen, sogar in schön und sind ehrlich gesagt überrascht. Julikind denkt laut darüber nach, ob das zum neuen Konzept werden könnte, einfach vier Tage vor Weihnachten, Sachen in zu Geschäften kaufen, dann mit Tüten durch Fussgängerzonen laufen, das hat ihr gut gefallen.

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Dann kommt der Moment, ab dem wirklich alle frei haben. Endlich.

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Es gibt garnicht so viel vorzubereiten. Der Nachmittag des heiligen Abends ist ruhig. Alle gemeinsam gehen wir zum Gottesdienst. Ich war seit Jahren nicht mehr Heilig Abend in der Kirche und wundere mich über die freien Plätze. Früher musste man zeitig da sein, die Reihen wurden nachverdichtet, bis in die hinterletzte Ecke, das scheint lange her zu sein. Zum Eingang wird die Aschenbrödel-Melodie gespielt. Die Damen lächeln sich zu, die Herren – hatten gleich das Gefühl es irgendwo schon mal gehört zu haben, dieses Stück.

Für 12 Personen ist der Tisch gedeckt. Die Gäste bringen Essen mit, es wird schnell eng auf dem Tisch. Wir rücken Gläser etwas dichter, Schüsselchen zwischen Gedecke. De Omma hatte spontan doch lieber keine Lust auf Weihnachten, es stört ihren gewohnten Ablauf. Dafür haben alle Verständnis. Ich räume ein Gedeck wieder ab und „dann haben wir ja Platz für Kartoffelsalat“, sagt jemand. In der Küche wird die erste Flasche Sekt geöffnet. Brüderchen liegt im Krankenhaus (aus Gründen der Barrierefreit verzichten wir sonst auf Alkohohlausschank). Wir sind so wenig Leute wie wahrscheinlich noch nie, aber die die da sind, genießen den exklusiven Abend, ganz ohne Pflegebedarf. Ein Hauch von Müdigkeit, gegen 23.30 Uhr, dann kommt noch jemand, wir tauschen Geschenke aus, und, wenn wir jetzt alle noch wach sind, gehen wir nach draußen, um dem mitternächtlichen Glockengeläut zu lauschen, bei dem es sich im Grunde um ein Trinkspiel handelt. Es muss manuell, oben im Glockenturm geläutet werden, bis eine bestimmte Menge an Schnaps pro Person getrunken wurde, von jungen Menschen natürlich, die anschließend noch halbwegs heil die Leitern wieder runter kommen.

Mein erster Heilig Abend ohne Großeltern. Ein Meilenstein. Also, die Omas leben noch, waren halt nur nicht dabei.

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Der erste Feiertag wird bei Schwiegermutter gefeiert, in bombastischen Weihnachtsambiente. Schon in der Diele steht mehr Weihnachtsdeko als bei uns im ganzen Haus. Alle sind gekommen, es braucht zwei Tische, mittlerweile. Zu sechst sitzen wir schweigend am „Kindertisch“ im Wohnbereich. Der Schwippschwager steht auf und dreht die panflötenuntermalte Chormusik leiser. Besser. Ganz allmählich kommt ein Gespräch in Gang. Irgendwann ist die CD durchgelaufen und es wird still im Raum. So ist gut, sind wir uns einig, aber, wenn hier keine Musik läuft, das fällt bestimmt bald auf und dann kommt womöglich jemand und drückt wieder auf play. Schwippschwager und Nichte sichten das CD Sortiment. Es gibt zahlreiche Variationen des eben gehörten… und eine CD mit Vogelstimmen, die nehmen wir, unterhalten uns über Vogelarten und was man so erkennt….und fragen uns, wann das wohl auffällt und wem.

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Der zweite Feiertag versinkt in dichtestem Nebel, die andere Straßenseite ist nur schemenhaft zu sehen. Egal. Wir sind alle übersozialisiert und verbringen den Tag in Jogginghosen vor Bildschirmen sitzend, ernähren uns von Resten.

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Bemerknisse : Auffallend große Zufriedenheit mit Geschenken, dies Jahr. Es gab gewünschtes und gute Überraschungen. Ungewöhnlich wenig Süßigkeiten gab es, das fällt aber tatsächlich erst zwei Tage später auf. Macht garnichts, ist nur seltsam die Schnuckeschublade nach Weihnachten so leer zu sehen. Wenn jeder nur eine Sache zu Essen vorbereiten muss, wird alles mit Liebe gemacht – und das merkt man. Gutes Konzept. Der mittlere Neffe hat zum ersten Mal jemanden, der nicht zu seiner Kernfamilie gehört direkt angesprochen. Ein Meilenstein. Vielleicht gibt es eine Geschichte dazu, man weiß es nicht. Die Krippenfiguren passen dermaßen gut in die Wand, dass wir einen Moment überlegen, ob wir dafür nicht eine Lücke in der Trockenbauwand einplanen sollten.

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Ein Kaffeetrinken bei der Omma. Sie wirkt sortiert und zufrieden. Wir führen über anderthalb Stunden ein halbwegs fortlaufendes Gespräch, beobachten Vögel am Futterhaus, essen Kuchen. Weihnachtlicher braucht es garnicht werden.

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Spontanes Treffen zur Geschenkübergabe beim Patenkind. Memory, Mähdrescher und Monstertruck gespielt, andächtig drei Seiten Zeitung geschreddert. Der Liebste und ich fahren mit einem leicht nostalgischen Gefühl nach Hause.

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Feuerwerkseinkauf mit Maikind. Er zahlt die gescannten Waren an der Selbstbedienungskasse, ich das Feuerwerk an einer, wo schon jemand sitzt, der meine Volljährigkeit feststellen kann. Wir sind zeitgleich fertig.

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Der Liebste wollte das kalte Wetter für die Winterbehandlung der Bienen nutzen und ist früher wieder da, als gedacht. Am vorletzten Tag zeigt dieses Jahr uns nochmal den Mittelfinger.

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Jetzt noch ein bisschen putzen und aufräumen, Gästebettwäsche rauskramen und Buffet richten für Silvester. Das neue Jahr darf gerne gut werden.