ein bisschen Frühling

Es kommt selten vor, dass der gleiche Paketbote mehrmals kommt, aber wir erkennen uns wieder, als er mir ein Päckchen durchs Fenster des Lieferwagens anreicht. „Wegen dem Solar neulich“, sagt er… entschuldigt sich mehrfach, hat er selber nicht gesehen. Er erklärt mir, wie er Ladung sichert. Im Moment stellt er mehrmals die Woche Solarpaneele zu, bisher immer alles Ok und ob wir da jetzt was bezahlen müssen??? „Nein, alles gut. Wir haben ein Foto vom Schaden geschickt, die haben nur gesagt, OK, ist kaputt, kommt neu, bitte das alte selber zur Entsorgung bringen“ Es war so einfach, dass man sich fast fragt, ob das vielleicht von vorneherein zur Entsorgung…

Ein gutes Gespräch mit jemand völlig Fremden geführt.

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Julikind bekommt ihre Hausarbeit zurück. Benotet und mit Anmerkungen. Vielen Anmerkungen, in rot. Sie reicht mir den Ordner, kann ich ja mal gucken, wenn ich will. Nach der ersten Seite erhöht sich meine Pulsfrequenz, nach der zweiten würde ich gerne Anmerkungen zu den Anmerkungen reinschreiben, nach der dritten Seite gebe ich auf, sonst muss ich womöglich noch jemanden anrufen, um darauf hinweisen, dass es höflicher ist, einen Satz erst bis zum Ende zu lesen, manchmal erschließt sich Sinn nämlich erst nach einem Komma, und dass der Begriff „ewig“ einen Zeitraum beschreibt, dessen Ende nach menschlichem Ermessen unfassbar weit in der Zukunft liegt, also per Definition ungenau und in Bezug auf PFAS durchaus angemessen ist. Aber – Empörungsfasten. Wir verbuchen es als Lektion in Frustrationstoleranz und Julikind kann sich dann jetzt doch vorstellen, solche Aufgaben zukünftig durch eine KI erledigen zu lassen, wie ich es vorgeschlagen hatte.

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Drei Hühner und der Hahn wurden vom Grundstück genommen. Naja, eigentlich nur zweieinhalb Hühner und der Hahn. Mitten am Tag, die genauen Umstände sind unklar. Ein Trauerfall. De Omma hat schon hunderte von Hühner geschlachtet und gegessen, aber das war was anderes. Diese Hühner sind sowas wie Nachbarn. Für alle die an der Ecke wohnen, denn sie laufen ja tagsüber frei rum.

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Morgens um kurz nach sieben sehe ich auf der langen Geraden kurz vorm Nachbardorf zwei Fahrradfahrer auf Mountainbikes. Sie tragen ganz normale Kleidung und schwere Rücksäcke, das ist ungewöhnlich. Ach guck, die kenne ich doch. Sie müssen etwa zur gleichen Zeit wie der Bus losgefahren sein, es sind ungefähr 15 Kilometer bis zur Schule, bei 2°C, aber heute mittag wirds warm. Bräuchte es ein Bild um zu erklären, wie scheiße die Busverbindungen sind, würde es wohl ungefähr so aussehen.

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Der Liebste und ich sitzen nebeneinander in den Sesseln, beide gerade erst angekommen, aus verschiedenen Richtungen, leicht zerrupft und völlig platt. Zwei Arzttermine waren das heute, einer lange geplant, einer ganz spontan nötig geworden, beide blöd und mit Folgetermin. Zwei Autos sind kaputt, eins nicht eilig aber mit langer to do Liste, eins schafft es wohl noch bis zur Werkstatt, Kollegen krank …, zwei Teenager im Vor-Prüfungsmodus, eigentlich reicht es schon, für diese Woche. Es ist Dienstag 18 Uhr.

Und wie immer- wenn das Chaos groß genug ist, findet sich alles auf wundersame Weise von selber. Jeder tut was er kann und ist großzügig mit den anderen. Das frühlingshafte Wetter hilft sicher auch. Irgendwann ist dann wirklich Wochenende. Zumindest für die, die nicht lernen müssen.

Wäsche draußen aufgehangen, Sonnencreme eingekauft, Tomaten angesät, Burger gegrillt im Garten. Essen lieber drin, denn wenn die Sonne erstmal weg ist merkt man doch, dass letzte Woche noch Winter war.

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Märzkind plant eine Geburtstagsfeier. Zu den Vorbereitungen gehört auch ein „weißte noch, damals“– Moment. Fünf Jahre ist das her. Es waren ganz andere Zeiten, damals.

Praktisch wie ein Apfel

Die Nach-Grippe-Woche ist zäh und lang. Es geht alles wieder, nur halt nicht so gut. Ein Film reicht uns für drei Abende.

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Morgens um halb sechs zeigt das Thermometer -10°C und wird wohl ungefähr recht haben. Es dauert einen Moment, bis ich den Schal so zurecht gezuppelt habe, dass die Luft, die ich einatme einigermaßen warm ist, mir beim ausatmen aber nicht die Brille beschlägt. Aber dann ist es richtig schön. Das Gras am Wegrand glitzert im Licht der Taschenlampe. Obwohl, die Lampe kann ich ausmachen, so hell scheint der Mond, Sterne funkeln, wie in so nem outdoor-Video. Der Hund guckt fragend. Tja, ich hab leider keinen Ball dabei, wer rechnet denn mit sowas, normalerweise ist es zappenduster und nebelverhangen.

Die Wintergummistiefel, die damit beworben wurden, dass sie für Temperaturen bis -10°C geeignet sind, haben Wort gehalten. Wunderbar warme Füsse und sicherer Halt bei winterlichen Bedingungen.

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Der Liebste kommt fröhlich nach Hause. Der neue Werksleiter habe sich gleich zu Beginn entschuldigt. In allen anderen Betrieben sei es längst üblich, damit jede:r alle Informationen aus erster Hand bekommt, was die Anweisung „Betriebsversammlung mit Anwesenheitspflicht für alle“ hierzulande auslöst, sei ihm nicht bewusst gewesen. Jo, wir hatten da tatsächlich verschiedene Szenarien für möglich gehalten, amerikanische Firma, verrückte Zeiten.

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Morgens in dicker Winterjacke Eis vom Auto gekratzt, nachmittags im T-Shirt bis zum Altglascontainer gelaufen, ohne dabei zu frieren. Im Hang blüht ein Krokuss. Das war gestern noch nicht.

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De Omma kocht nicht mehr. Sie hat es selber noch nicht bemerkt. Alle anderen schon, der Alltag wird angepasst.

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Die Schilder, die auf die Straßensperrung hinweisen wurden aufgerüstet. Es gibt jetzt eine Umleitung und angeblich ist hier Sackgasse ohne Wendemöglichkeit, wollen wir doch mal sehen. Die Straßensperre, die ernsthaft absperren würde, ist geöffnet, man kann also. Allerdings wurden schon Leitplanken entfernt und, ganz ehrlich, einseitig abgesackte Fahrbahn ohne Leitplanken vor Steilhang macht dann doch ein mulmiges Gefühl.

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Julikind muss Wahlergebnisse angucken, für PoWi. Leider sehen die ziemlich genau so aus, wie ich dachte. Fritze Merz als Kanzler, das wird bestimmt toll – für heterosexuelle reiche deutsche Männer.

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Vor der Garage liegt ein riesiger Karton, darin ein etwa faustgroßes Loch. Irgendwas muss dagegen geknallt sein, beim Transport, denn in der Garage kann das nicht passiert sein. Der Inhalt ist unbrauchbar. Ich war dabei als es ausgeladen wurde und habe nichts bemerkt, verdammt, wie kann das sein? Im Geiste rekonstruiere ich den Ablauf . Respekt! Der etwa 1,75m große und 70 Kilo schwere Paketlieferant hat das sperrige, schwere Paket so gekonnt getragen, dass ich diese Macke zu keiner Zeit im Sichtfeld hatte, und die anderen drei Pakete in beeindruckend kurzer Zeit davor gestellt. Er hat natürlich auch Trinkgeld bekommen. Naaargh

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„Praktisch wie ein Apfel“ steht auf dem kleinen Aufkleber, der auf meiner Birne pappt. Ich bin verwirrt, was soll das bedeuten. Inwiefern ist ein Apfel praktisch? Ist es ein geheimer Code für irgendwas? Eine Verzehrempfehlung?

Ach komm, geh weg

Morgens ist Julikind leicht verschnupft. Am Nachmittag ist das Kind schon eindeutig krank.

Ein ruhiges Wochenende in beinahe wohnlichem Ambiente. Nur ein paar Pakete Fussboden, Leisten und ein Baustelleneimer stehen neben dem Esstisch, ansonsten sieht es normal aus – gut, die Bruchsteinwand ist immer noch ohne alles, aber da ist längst Gewöhnung eingetreten.

Mehrere Teile Flickwäsche erledigt und mich darüber gefreut, dass ich das Nähzeug aufgeräumt hatte.

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Ich bin erst leicht, dann eindeutig verschnupft, fühle mich aber gut dabei. Das ändert sich im Lauf der Nacht. So krank war ich noch nie. Jedenfalls nicht, solange ich mich erinnern kann. Zwischendurch einzelne Momente, in denen es besser geht, so dermaßen gut, ich könnte mal bis ans Vogelfutterhaus gehen, denke ich. Auf dem Weg nach draußen fällt mir auf, dass ich einen Becher voll Hundefutter in der Hand halte. Ich habe mich überschätzt.

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Der Handwerker kommt „zum Endspurt“, wie er es nennt. Nach zwei Stunden sind alle Leisten angebracht und alltagstauglich befestigt. Die Jungs stellen das Aquarium wieder an seinen ursprünglichen Platz zurück. Ich stehe mehrmals am Tag nachdenklich vor dem Toaster. Gestern stand da noch das Brennholz. Der Liebste dreht sich beim Abendessen routiniert um, hält eine Scheibe Toastbrot vors Aquarium, „ääähhhmja“, sagt er. Alle nicken. Das Haus fühlt sich anders an. Wir hatten dieses Eckregal leer geräumt um unsere Teller reinstellen zu können, die stehen längst wieder in der Küche, aber was genau stand vorher hier drin? Niemand erinnert sich. Erstaunlich, wieviel entbehrlichen Kram man so einlagert.

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Der Liebste teilt das Krankenlager für drei Tage mit mir, dann ist er wieder fit. Fit im Sinne von, er geht Sonntag Nacht zum Superbowl und bleibt bis zum Ende. Julikind kommt quietschfidel vom Tanztraining, als wäre nie was gewesen. Ich halte beim Aufstehen immernoch meinen Kopf mit beiden Händen fest, damit mir nicht davonkullert. Maikind ist ein wenig verschnupft, hustet leicht und ist wenige Stunden danach so richtig krank. Irgendwann ist es schlimm genug für einen Test, mittlerweile haben wir welche vorrätig. Influenza B.

Reicht dann auch eigentlich schon für dies Jahr. Ein großes Dankeschön an alle, die geholfen haben, den Alltag aufrecht zu halten

Was man so macht

Der Virus kommt ungelegen. Drei wichtige Arzttermine liegen in dieser Woche. Solange noch zwei gesund sind, können wir uns durchwurschteln. Bis Donnerstag müssen sie noch kommen, ermuntern sich die Gesunden, danach wäre es egal, nur bis Donnerstag… Der Termin am Mittwoch klappt und es gibt gute Nachrichten. Es ist nicht eine Krankheit sondern drei verschiedene. Keine davon so schlimm, dass die Kosten für Medikamente übernommen werden. Man freut sich entsprechend, was solls. Sie gehen nach nebenan um sich etwas zu kochen, bieten an, etwas mit rüber zu bringen. Nicht nötig.

Mittwochabend haben es dann alle. Der Handwerker, der währenddessen die Küche renoviert hat völlig freie Bahn. Eine Packung Salzstangen, ein halbes Glas Apfelmus und ein paar Löffel Haferflocken, dazu einige Liter Tee – mehr wird nicht verzehrt in drei Tagen.

Arzttermine verschoben – auf Ende April. Dann ist es eben so.

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Am Abend ist der Küchenboden fertig, die Wand auch. Wir hatten Sekt gekauft, um diesen Moment gebührend zu feiern. Man könnte jetzt die Möbel wieder reinstellen, aber ohne dass es jemand laut sagt, ist allen klar. Heute nicht. Statt dessen stehen wir alle andächtig eine Weile im Raum, nicken, laufen ein bisschen hin und her, ein ungewohntes Gefühl, so auf Fussboden. Schön ist das geworden, richtig schön. Es war allerdings auch lange richtig scheiße, vorher.

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Sonntag wieder fit genug für einen kurzen Besuch bei der Omma. Sie freut sich, dass „mal jemand guckt“, wie sie es nennt, bedankt sich für mitgebrachtes Essen. Ich freue mich, dass sie sich freut, aber es ist bemerkenswert ungewöhnlich. Sie verändert sich von Woche zu Woche.

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Eine Wartezeit mit einem Besuch im Baumarkt überbrückt, dort murmelnd vor Wandpaneele gestanden, festgestellt, dass heute nicht der Tag der Entscheidung ist und statt dessen nach Falttüren gefragt. Was man so macht.

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Märzkind schickt Urlaubsbilder, Palmen, strahlender Sonnenschein, lachende Gesichter, so soll das.

Maikind zählt die Tage bis zur Zwischenprüfung, die eigentlich schon Teil der Abschlussprüfung ist.

Ich altere bei sowas.

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Der Januar lag vor uns wie ein Berg. Wir habens geschafft, bis hierher. Die dunkelste Zeit vorbei ist, Restlicht um 17.30 Uhr und ganze Tage ohne Nebel, man hatte beinahe vergessen, wie sich sowas anfühlt… Ganz vorsichtig machen wir erste Pläne für das weitere Jahr, Urlaubstage, Geburtstagsfeiern….

Sonst war nichts. Ist auch mal schön.

Luft nach oben

Drei Stunden lang hat es geregnet. Jetzt schneit es, aber wie. Das ist kein leises rieseln. Große, nasse Flocken fallen entschlossen zu Boden, auf den dort liegenden nassen Schnee. Es sind nur 5 Kilometer bis nach Hause und meine Winterreifen sind gut. Nach 500 Metern denke ich darüber nach, einfach rechts ran zu fahren und auf ein Räumfahrzeug zu warten. Zu Hause angekommen schaufele ich die Einfahrt frei. Es dauert. Natürlich kommt, genau in dem Moment, als ich fertig bin ein Räumfahrzeug und wirft dicke Eisklumpen in die Einfahrt. Julikind wird das übernehmen, sagt sie. Ich freue mich. Eine Stunde nach Fahrtbeginn komme ich endlich an der Haustür an.

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Die gesperrte Straße wird geräumt, aber nicht gestreut. Das ist super für verletzte Hundepfoten. Für gesunde auch, eine Premium-Gassirunde. Die wenigen Autos, die die Schilder ignorieren fahren sehr langsam, man hält an, tratscht durch Autofenster.

Das die Ortsdurchfahrt morgens nicht mehr geräumt wird nervt allerdings. Im Ort wohnen ja noch Menschen, auch wenn es keinen Durchgangsverkehr gibt.

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Am Wochenende dann Winter-Wonder-Land, mit Schnee und blauem Himmel. Vier Leute und ein Hund begeben sich zum Schlittenhang. Zum Schlitten fahren ist der Schnee zu tief, aber wir haben den aufgepumpten Treckerschlauch dabei. Das funktionert richtig gut, schneller und weiter als gedacht. Der Versuch, die Fahrtrichtung so zu ändern, dass ich den Stacheldrahtzaun sehen kann, bevor ich reinfahre endet schmerzhaft.

Am nächsten Wochentag dann der schnellste Besuch in einer chirurgischen Praxis aller Zeiten, ich freue mich fast, als ich wieder ins Auto steige. Es ist nichts kaputt. Weh tuts trotzdem. Mein Handgelenk wechselt täglich die Farbe.

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„Zwischendurch mal für eine Stunde“ sei die Küche nicht zu betreten, hatte der Handwerker gesagt. Das ist ja nun wirklich kein Problem, wir richten uns darauf ein. Irgendwann haben dann doch alle Hunger und es sieht gut aus, der Handwerker räumt ungewöhlich früh seine Sachen zusammen Für heute ist er hier fertig, sagt er, Trockungszeit ab jetzt seien 4-6 Stunden, um 20 Uhr könnten wir die Küche also wieder betreten, aber – bitte vorher testen, nicht gleich mit dem ganzen Gewicht. Ähm, ja.

Der Liebste fährt ins Pommesgeschäft und holt uns etwas zu essen. Drei recht kleine Cheeseburger und vier Portionen Pommes, die garnicht mal so gut schmecken kosten 42 Euro. Schade, die waren mal gut, aber das kann man dann in Zukunft einfach sein lassen.

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Die Oma im Städtchen feiert ihren halb runden Geburtstag. Der engste Kreis sind etwa 30 Leute. Wir sitzen in einem seperaten Raum der Pizzeria mit Ambiente, alle unterhalten sich nett. Das Geburtstagskind bekommt routiniert ein Ständchen gesungen, als die erste Runde Getränke auf dem Tisch steht, so schön, dass im angrenzenden Gastraum alles still wird. Es gibt einige „Kind bist du groß geworden“-Momente, Kreuzfahrergeschichten werden ausgetauscht, Wochenplanung gemacht. Es dauert lange, bis alle etwas zu essen haben, dafür hat man natürlich Verständnis, aber – wenn ich eine Stunde auf eine Pizza warte, hätte ich gern das Gefühl, dass die frisch für mich gemacht wurde. Lauwarme Pizza kann man auch zu Hause… leider auch nur so mittelgut im Geschmack. Der Laden war rappelvoll, das macht nachdenklich.

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Am Tag darauf, wie es die Traditon in der dritten Januarwoche verlangt, drei von fünf krank. Coronatests negativ, immerhin, aber das ändert nichts am elenden Gefühl.

2025 hat noch Luft nach oben.

Willkommen in 2025

Ein frohes neues Jahr wünsche ich euch allen!

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Silvesterbesucher am letzten Nachmittag des Jahres. Brüderchen sieht blass aus und trägt den Arm in einer Schiene, ruhig gestellt bis fast an die Schulter. Mitleid möchte er nicht, also bekommt er auch keins. Wir tauschen Geschenke aus und haben es noch ein bisschen Restweihnachtlich. Die Freundin kommt, um einen guten Rutsch zu wünschen … und danke dass ihr die Kinder hier… da nicht für, das Konzept hat sich bewährt.

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Gegen halb elf am Silvesterabend sind wir, wenn wir ehrlich sind, zu müde für ein weiteres Denk- oder Strategiespiel und für tiefschürfende Gespräche auch. Jemand schlägt vor, Mensch ärgere dich nicht zu spielen, das würde gehen, zu sechst. Gut sogar. Als das nächste Mal jemand auf die Uhr schaut ist es schon Zeit sich anzuziehen. Das neue Jahr begrüßen wir draußen im Garten. Maikind feiert mit Freunden nebenan, sie haben das Feuerwerk schon hingestellt, die Glocken beginnen zu läuten, es kann gezündet werden. Richtig schönes Feuerwerk haben sie ausgesucht. Dann ein Schreckmoment, alle bleiben wie eingefroren stehen und lachen dann erleichert los. "Was hab ich denn da gekauft?", fragt sich jemand laut. Ein außergewöhnlich schauerliches Silvesterquietschgeräusch war das. Es ist kalt und windig. Das Feuerwerk ist schnell zu Ende, wir gehen zurück ins Haus, beantworten Neujahrswünsche und weiter gehts. Die Partie Mensch ärgere dich nicht zieht sich über Jahre, um halb zwei steht ein Sieger fest. Und erst da fällt auf, dass wir jetzt gar keinen Sekt… vielleicht zum Frühstück.

Jeder schreibt seine Wünsche für das neue Jahr und auf einen Zettel, so ist es Tradition. Die Zettel lagern in der Zeitkapsel auf dem Dachboden, bis zum nächsten Silvester. Dann wird abgerechnet. Im letzten Jahr hatte niemand Lust darauf. 2024 fehlt, aber das passt.

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Der Hund und ich sind offensichtlich die allerersten, die hier heute unterwegs sind. Eine geschlossene Schneedecke liegt auf Bürgersteig und Straße, geht nahtlos in weiß verschneiten Wald über, malerisch. Obwohl? Es ist Freitag morgen halb neun. Kurz frage ich mich, wann ich eigentlich zuletzt Nachrichten geguckt habe, ist heute Zombieakolypse angesagt?

Als ich eine Stunde später wieder komme sieht man ersten Fahrspuren, geräumt ist noch nichts – außer dem Fussweg an der Bushaltestelle natürlich, das macht der Nachbar. Wir unterhalten uns einen Moment, darüber, wie schön das alles aussieht, und das der Bus tatsächlich wieder den Berg hoch gekommen ist. Tja, ich hatte ehrlich gesagt gehofft, es würde jemand kommen, zum räumen, sage ich, aber dann muss ich wohl auch mal… was sollen die Leute denken, wenn alle Ü70 den öffentlichen Raum vor ihren Haustüren schon freigeschaufelt haben und wir nicht…. nein, doch nicht, der Liebste ist schon dabei. Glück gehabt.

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An einem Morgen die Hunderunde in kompletter Winterausstattung gegangen, Kapuze über die Mütze gezogen, und auf halber Strecke entschieden, den gleichen Weg wieder zurück zu gehen, weil das Stapfen durch tiefen Schnee doch anstrengend war – am nächsten Morgen sind es neun Grad, der Wind, der gestern eindeutig eisig war, fühlt sich frühlingshaft an. Sterbewetter.

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Ich schmücke den Weihnachtsbaum ab und trage ihn raus. Es war ein wirklich schöner Baum, dies Jahr. Weihnachtsdeko ist schnell eingesammelt und verstaut. Das war das.

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Gemeinsam räumen wir die Schränke wieder in Baustellenmodus, die halbe Küche wird rausgetragen, die andere Hälfte mit Hilfe von Wagenheber und Kanthölzern soweit höher gestellt, dass es gerade noch nutzbar ist, Wohnzimmer und Essbereich zusammengelegt. Zwei Zimmer sind leer, die anderen unpraktisch und ungemütlich eingerichtet. Ein Arzttermin wird nötig, zwei Winterreifen müssen neu, heute und irgendwo unter dem Schnee muss eine Scherbe gelegen haben, der Hund hat sich mal wieder die Pfote übelst aufgeschnitten. Willkommen 2025.

Rund um Weihnachten 2024

Am letzten Schultag hole Julikind ab und wir fahren ins Nachbarstädtchen. Das war vielleicht nicht die klügste Entscheideung, wenn wir jetzt so drüber nachdenken. Die Straßen sind voll. Wir stehen quasi im Stau. Aber ist auch egal, es ist die erste und letzte Gelegenheit und die Einkaufsliste ist noch ziemlich lang. Der Advent war zäh, dies Jahr. Dieses jetzt oder nie, es macht entscheidungsfreudig. Wir finden was wir suchen, sogar in schön und sind ehrlich gesagt überrascht. Julikind denkt laut darüber nach, ob das zum neuen Konzept werden könnte, einfach vier Tage vor Weihnachten, Sachen in zu Geschäften kaufen, dann mit Tüten durch Fussgängerzonen laufen, das hat ihr gut gefallen.

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Dann kommt der Moment, ab dem wirklich alle frei haben. Endlich.

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Es gibt garnicht so viel vorzubereiten. Der Nachmittag des heiligen Abends ist ruhig. Alle gemeinsam gehen wir zum Gottesdienst. Ich war seit Jahren nicht mehr Heilig Abend in der Kirche und wundere mich über die freien Plätze. Früher musste man zeitig da sein, die Reihen wurden nachverdichtet, bis in die hinterletzte Ecke, das scheint lange her zu sein. Zum Eingang wird die Aschenbrödel-Melodie gespielt. Die Damen lächeln sich zu, die Herren – hatten gleich das Gefühl es irgendwo schon mal gehört zu haben, dieses Stück.

Für 12 Personen ist der Tisch gedeckt. Die Gäste bringen Essen mit, es wird schnell eng auf dem Tisch. Wir rücken Gläser etwas dichter, Schüsselchen zwischen Gedecke. De Omma hatte spontan doch lieber keine Lust auf Weihnachten, es stört ihren gewohnten Ablauf. Dafür haben alle Verständnis. Ich räume ein Gedeck wieder ab und „dann haben wir ja Platz für Kartoffelsalat“, sagt jemand. In der Küche wird die erste Flasche Sekt geöffnet. Brüderchen liegt im Krankenhaus (aus Gründen der Barrierefreit verzichten wir sonst auf Alkohohlausschank). Wir sind so wenig Leute wie wahrscheinlich noch nie, aber die die da sind, genießen den exklusiven Abend, ganz ohne Pflegebedarf. Ein Hauch von Müdigkeit, gegen 23.30 Uhr, dann kommt noch jemand, wir tauschen Geschenke aus, und, wenn wir jetzt alle noch wach sind, gehen wir nach draußen, um dem mitternächtlichen Glockengeläut zu lauschen, bei dem es sich im Grunde um ein Trinkspiel handelt. Es muss manuell, oben im Glockenturm geläutet werden, bis eine bestimmte Menge an Schnaps pro Person getrunken wurde, von jungen Menschen natürlich, die anschließend noch halbwegs heil die Leitern wieder runter kommen.

Mein erster Heilig Abend ohne Großeltern. Ein Meilenstein. Also, die Omas leben noch, waren halt nur nicht dabei.

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Der erste Feiertag wird bei Schwiegermutter gefeiert, in bombastischen Weihnachtsambiente. Schon in der Diele steht mehr Weihnachtsdeko als bei uns im ganzen Haus. Alle sind gekommen, es braucht zwei Tische, mittlerweile. Zu sechst sitzen wir schweigend am „Kindertisch“ im Wohnbereich. Der Schwippschwager steht auf und dreht die panflötenuntermalte Chormusik leiser. Besser. Ganz allmählich kommt ein Gespräch in Gang. Irgendwann ist die CD durchgelaufen und es wird still im Raum. So ist gut, sind wir uns einig, aber, wenn hier keine Musik läuft, das fällt bestimmt bald auf und dann kommt womöglich jemand und drückt wieder auf play. Schwippschwager und Nichte sichten das CD Sortiment. Es gibt zahlreiche Variationen des eben gehörten… und eine CD mit Vogelstimmen, die nehmen wir, unterhalten uns über Vogelarten und was man so erkennt….und fragen uns, wann das wohl auffällt und wem.

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Der zweite Feiertag versinkt in dichtestem Nebel, die andere Straßenseite ist nur schemenhaft zu sehen. Egal. Wir sind alle übersozialisiert und verbringen den Tag in Jogginghosen vor Bildschirmen sitzend, ernähren uns von Resten.

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Bemerknisse : Auffallend große Zufriedenheit mit Geschenken, dies Jahr. Es gab gewünschtes und gute Überraschungen. Ungewöhnlich wenig Süßigkeiten gab es, das fällt aber tatsächlich erst zwei Tage später auf. Macht garnichts, ist nur seltsam die Schnuckeschublade nach Weihnachten so leer zu sehen. Wenn jeder nur eine Sache zu Essen vorbereiten muss, wird alles mit Liebe gemacht – und das merkt man. Gutes Konzept. Der mittlere Neffe hat zum ersten Mal jemanden, der nicht zu seiner Kernfamilie gehört direkt angesprochen. Ein Meilenstein. Vielleicht gibt es eine Geschichte dazu, man weiß es nicht. Die Krippenfiguren passen dermaßen gut in die Wand, dass wir einen Moment überlegen, ob wir dafür nicht eine Lücke in der Trockenbauwand einplanen sollten.

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Ein Kaffeetrinken bei der Omma. Sie wirkt sortiert und zufrieden. Wir führen über anderthalb Stunden ein halbwegs fortlaufendes Gespräch, beobachten Vögel am Futterhaus, essen Kuchen. Weihnachtlicher braucht es garnicht werden.

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Spontanes Treffen zur Geschenkübergabe beim Patenkind. Memory, Mähdrescher und Monstertruck gespielt, andächtig drei Seiten Zeitung geschreddert. Der Liebste und ich fahren mit einem leicht nostalgischen Gefühl nach Hause.

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Feuerwerkseinkauf mit Maikind. Er zahlt die gescannten Waren an der Selbstbedienungskasse, ich das Feuerwerk an einer, wo schon jemand sitzt, der meine Volljährigkeit feststellen kann. Wir sind zeitgleich fertig.

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Der Liebste wollte das kalte Wetter für die Winterbehandlung der Bienen nutzen und ist früher wieder da, als gedacht. Am vorletzten Tag zeigt dieses Jahr uns nochmal den Mittelfinger.

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Jetzt noch ein bisschen putzen und aufräumen, Gästebettwäsche rauskramen und Buffet richten für Silvester. Das neue Jahr darf gerne gut werden.

eine Adventswoche

Treffen um 9 Uhr im Tal. Endlich hat es mal gepasst, die Freundin und ich gehen eine Hunderunde. Es ist kalt, es ist matschig und es ist uns egal. Das Flüsschen führt viel Wasser, aber es sind noch alle Teile der Hängebrücke da, wir können die ganze Runde gehen. Früher, da hätte man um diese Jahreszeit Winterschuhe getragen, aber mittlerweile kommen einem zwei Stunden spazieren in Gummistiefeln völlig normal vor, stellen wir fest.

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Es dauert eine halbe Stunde, herauszufinden, dass es heute Bäume zu kaufen gibt und eigentlich niemand mit möchte. Das ist seltsam, passt aber in diesen Advent. Zu zweit brauchen wir kaum drei Minuten, um einen Weihnachtsbaum auszusuchen und fragen uns, ob das wirklich so einfach sein kann. Sicherheitshalber richte ich noch einen zweiten am Zaun lehnenden Baum auf. Der ist zu klein. Wir bleiben bei dem, den wir haben. Neben der riesigen Feuerschale wird kassiert, man begrüßt uns herzlich. Der Preis wird hier anhand von Markierungen auf einer Dachlatte ermittelt. Die Spitze unseres Baums ragt knapp aber eindeutig über einen schwarzen Strich. Die Verkäufer beraten sich per Blickwechsel. „Hätten wir mal besser die Astkiepe mitgebracht“, sage ich und meine es scherzhaft, der Liebste registriert, wie hier berechnet wird „na, na, na, nu aber“, sagt er, die Spitze wird er gleich in der Garage sowieso einkürzen, die Verkäufer grinsen, kassieren den Preis bis zum Strich und weisen darauf hin, dass der Liebste die ungenutze Spitze dann aber wieder bringen muss. Das sei ja wohl selbstverständlich, nur heute wird er es nicht mehr schaffen, ob es ausreicht, wenn er sie morgen in den Briefkasten wirft? Natürlich, da sei man kundenfreundlich. Ich fühle mich gut unterhalten. Und weil ein Weihnachtsbaumkauf länger als 10 Minuten dauern sollte trinken wir noch einen Glühwein, allerdings echt nur einen, auch wenn man uns versichert, dass solange geöffnet ist, bis die Leute nach Hause gehen.

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Aus einer gigantische Weihnachtsshow wurden zwei große Veranstaltungen hintereinander gemacht. Das ist eine enorme Verbesserung im Bereich Sitzkomfort und Unterhaltungswert. Wir haben das Glück, das beide Kinder bei der Abendverstaltung auftreten. Andere sind sitzen schon länger hier, man merkt es der Stimmung im Publikum an. Die dargebotenen Tanz und Turnaufführungen waren allesamt klasse. Beide Mädels stehen in ihren Teams vorne Mitte, leicht zu finden. Ich bekomme viel Lob und begeisterte Kommentare danach zu hören. Danke, danke. Ich fahre nur zum Trainung, Märzkind noch nicht mal mehr, aber danke, ich freue mich.

Nach zwei Stunden Weihnachtsmusik in krippenspielartigem Ambiente ist mein Merry Christmas-Akku auf null Prozent.

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Kopfschmerzen von einem Kaliber, dass mich überlegen lässt, ob eigentlich noch Coronatests vorrätig sind. Dann gehts wieder, einfach so. Am nächsten Tag ist es zehn Grad wärmer draußen. Das ist die Gelegenheit. Eine Stunde lang erledige ich liegen gebliebene Gartenarbeiten. Danach sieht es tatsächlich ein bisschen weniger traurig aus.

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10 Tage vor Weihnachten landen die obligatorischen „wünschen sie sich denn was?“ Anfragen bei mir. Ich verweigere den mental load und bin ein bisschen stolz drauf, wie leicht mir das fällt. Man möge Bargeld schenken, wenn man keine eigenen Ideen und/oder Lust auf Wunschgespräche hat.

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Die Covid-Saison wird eröffnet. Ich frage die Betroffene nach dem Befinden und bekomme einen ausführlichen Bericht des Gesundheitszustands. Jo, kenne ich alles. Denke ich, sagen tue ich das natürlich nicht. Da hat jemand, der Corona bisher als „leichten Schnupfen mit Kratzen im Hals“- kennengelernt hat mal die Vollversion erwischt.

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Julikind wird mit ihrer Hausarbeit fertig, um 20.30 Uhr am Abend vor dem Tag der Abgabe. Der Drucker druckt sie aus. Beim ersten Versuch. Wir halten einen Moment lang andächtig inne, zeitlich gesehen ist das der Familienrekord, ich hebe die Hand für high-five, „lieber erstmal gucken, ob auch alles dabei ist“, sagt sie. Es ist alles dabei. Erleichterung. Noch zwei Klassenarbeiten, dann Weihnachtsstimmung.

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Plätzchen gebacken, nicht viele, aber immerhin.

Aschenbrödel und Nikolaus

Man nimmt den Topf mit Kartoffeln vom Herd, geht zwei Schritte und schüttet das heiße Wasser einfach ins Spülbecken ab. Es ist toll. Ich freue mich heute zum zehnten mal, oder so darüber. Ein Spülbecken mit Wasseranschluss in der Küche ist so dermaßen praktisch. Nach dem Abendbrot räumen wir feierlich die Spülmaschine ein, drücken den Knopf und lauschen einen Moment andächtig ihrem Arbeitsgeräusch. Man müsste sich eigentlich albern vorkommen dabei. Tun wir aber nicht, kein bisschen. Die Arbeitsplatte ist auch wieder da. Man kann in der Küche stehend Dinge zubereiten, das vereinfacht die Arbeitsabläufe, es kocht sich wie von selber, also fast. Man hatte sich tatsächlich schon gewöhnt, an die provisorische Lagerung von Dosen, Tellern und Kleinteilen und zieht ständig die falschen Schubladen. Bisschen fusskalt ist es, so direkt auf dem Estrich aber irgendwas ist ja immer.

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So, da nun klar ist, in welchem Zustand sich der Hauptraum an Heilig Abend befinden wird, können wir anfangen, über Details nachzudenken. Wo soll denn der Baum stehen, dieses Jahr? Wo die Leute sitzen? Wir überlegen, zählen Namen an Fingern ab, diskutieren Eventualitäten und sich daraus ergebende Gehwege. Wahrscheinlich sind wir nur zu zwölft. Die Möbel können genau so stehen bleiben, eine zusätzliche Tischplatte rein, ein paar Stühle vom Dachboden und fertig. „Nur zwölf?“, der Neue schmunzelt ein bisschen, sie feiern zu dritt, sagt er.

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„Wo sind wir eigentlich?“, fragt Julikind auf dem Heimweg. „Irgendwo zwischen dem Nachbarort und zu Hause, aber so ganz genau weiß ich es ehrlich gesagt auch nicht“. Es geht nur langsam voran. Wenn man an einem Leuchtpfosten vorbei fährt kann man gerade so die Reflektoren des nächsten Pfostens erkennen und wirklich nur die. Wir unterhalten uns darüber, was Leute von woanders so meinen, wenn sie „Nebel“ sagen, sowas wie hier kennen die garnicht.

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Die Musik aus „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“, gespielt vom Orchester, der Film läuft darüber auf Leinwand mit. Die Karten hatten wir bereits im Sommer gekauft. Ich war ehrlich gesagt skeptisch und daher auch nur mäßig aufgeregt, vorher. Aber, zu meiner Überraschung war das wirklich schön. Die Oper war beinahe ausverkauft, die Stimmung kulturell, kein merchandise, keine Plastikbecher. Eine interessante Mischung von Leuten im Weihnachtspulli bis hin zu russischen Damen in Abendgarderobe. Das Orchester war wirklich beeindruckend. Die Zugfahrt zurück auch, denn da war gerade ein Fussballspiel zu Ende gegangen. Es gab an dem Tag keinen extra Zug für die Fans, und der reguläre hatte laut Anzeige leider heute einen Waggon weniger als üblich. Frankfurt hat auffallend freundliche Fans. Aber, wie viele Leute wirklich in einen Zug reinpassen, das stellt man sich nicht vor, als Landei. Am Abend fühlt es sich so an, als wäre es eine ganze Reise gewesen.

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Uhhh ha, da war doch was. Am späten Abend des 5. Dezember schleicht der Nikolaus noch mal über den Flur und befüllt Stiefel. Die Kinder wundern sich am Morgen. Alle drei hatten es total vergessen. Ein Meilenstein. Da könnte der Nikolaus ja vielleicht in Rente gehen? Neee, neeee, neee, das nun nicht, sie waren einfach zu busy, sagen die Blagen.

Zwei kleine Nikoläuse kamen am späten Nachmittag zum Süßigkeiten einsammeln. Vielleicht fällt diese Tradition Halloween zum Opfer oder es liegt daran, dass der Bär jetzt früher rum geht. Der war gut gewickelt und hat so gebrüllt – „ein bisschen gruselt es immernoch“, sagt Julikind und fragt dann interessiert, wer denn drin steckt (im aus Strohschlangen massgewickelten Kostüm)

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Der Parkplatz, den wir als Haltestelle einer wöchentlichen Elterntaxifahrt nutzen wurde zum Großteil gesperrt, man baut eine Eisbahn auf mit Würstchenbuden und so. Eigentlich wollte ich die Wartezeit für Besorgungen in der Fussgängerzone nutzen, tja, dann nicht, Weiterfahrt zum Baumarkt mit Parkplatz.

Äh, hä? Einen Moment lang stehe ich leicht verwirrt vor dieser Drogeriemarkt-Produktinsel. Wo letzte Woche noch Nougatmandeln und Lebkuchen standen sind jetzt Konfettikanonen und Glücksschweinchen aufgebaut. Man möge sich mit Sylvesterkitsch eindecken – am Freitag vor dem zweiten Advent.

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Nach drei Tagen bei windigen 4°C und Regen von allen Seiten, fühlt sich eine Hunderunde bei 4°C ohne Wind und Regen unter blauem Himmel an wie Frühlingserwachen.

Besinnlichkeits-basics

Der Drogeriemarkt wünscht eine „Fröhliche Vorweihnachtszeit“, die Kinder fahren freudestrahlend zu einer „Winterausstellung“ bis nach Kassel, auf den abendlichen Autofahrten fallen zunehmend Sterne in Fenstern und scheinbar hastig angebrachtes Lichtergedöns in Vorgärten auf. Die Adventszeit wurde um 2 Wochen verlängert, man kann es nicht mehr ignorieren. Ich verlege meine weiteren Einkäufe ins digitale und schaue einen Moment lang nicht hin. Dann war Totensonntag und – anscheind hatte man sich doch zurückgehalten, bis zum tatsächlichen Beginn der Adventszeit. Lichtermeer, Dekotipps, Rezeptideen und Besinnlichkeitserlebnis-Abgebote, alles eskalkiert, wohin man auch sieht oder hört der Aufruf, man möge es sich jetzt verdammt nochmal gemütlich machen! Zeitgleich werden so viele Klassenarbeiten geschrieben wie nur geht, das Schulhalbjahr ist nach den Weihnachtsferien ja quasi zu Ende. Es tun sich Sachen an Arbeitsplätzen, die bis nach Feierabend in den Köpfen bleiben, Termine lassen sich nicht mehr länger aufschieben, Dinge müssen besorgt und Abläufe geplant werden. Es ist grau und neblig und kalt. Bisher, besser als letztes Jahr

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Eigentlich wollte ich hauswirtschaftliches erledigen, bräuchte allerdings Strom dafür. Der kommt und geht gerade. Die Herren suchen einen Fehler. Ich arbeite statt dessen an analogen Weihnachtsvorbereitungen und lausche dabei der Geräuschkulisse, die von Raum zu Raum wandert „das kann nicht sein“, „ist aber so“, „dann müsste“, „hä?“, „verdammte scheiße“. Besser als jeder podcast.

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Ein Sonntagsessen mit allen. Man sieht sich garnicht mehr jeden Tag, stellen wir fest.

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Wir bekommen ein Geschenk mit adventlichem Hintergrund einfach so und freuen uns darüber. Es ist tatsächlich schon das zweite mal, dieses Jahr, dass sowas passiert. Ein Hauch von Weihnachtsmagie.

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Schwiegermutter bringt ein halbes Blech Kuchen vorbei und bleibt zum Abendessen. Das ist ungewöhnlich. Wir haben es nett und wundern uns später alle ein bisschen, ohne genau zu wissen worüber eigentlich.

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Der Liebste telefoniert in Sachen Baustelle, denn wenn sich Firmen nicht in angesagten Zeitfenstern melden, braucht man auf garnichts warten, soviel haben wir gelernt, in den letzen Monaten. „Man wird den Auftrag ab KW 50 terminieren“, sagt er. Moment. Das klingt schön, sagt aber rein garnichts aus. Frage: In welchem Zustand werden sich Küche und Wohnbereich am 23. Dezember konkret befinden? „Oh“, sagt er nur, und telefoniert noch mal. Am Ende des Tages stehen wir zu viert in der Küche und lauschen andächtig dem Spülmaschinengeräusch. Ein Fest. 6 Wochen ohne Spülen liegen vor uns. Danach dann allerdings, ach… erstmal ist jetzt.