Ohne Foto

Fast drei Stunden haben wir ruhig im Auto gesessen. Auf der Rückbank hatten alle Kopfhörer drin, aber jetzt werden sie wach. Gleich öffnen die Kassen unseres fantastischen Tages-Reiseziels in der Nähe von Köln und wir wollen mit dem Anstehen ja nicht jetzt schon anfangen. Aus verschiedenen Taschen wird der Rucksack zusammengestellt. Jacken können hier bleiben, was zum frühstücken kann ruhig mit und jede Menge Wasserflaschen.

„Also, ich lass mein Handy im Auto.“

„Ich, glaube ich, auch lieber.“

„Ähm, wie ist das in der Wildwasserbahn?“

„Nass, würd ich sagen.“

Ein drittes Handy wird dazu gelegt. Kofferraum zu, los gehts.

Als Vollzeit-Landeier sind wir Menschenmengen nicht gewohnt und müssen uns nach dem Eintritt kurz sortieren. Alle noch da? Warum durfte der Mann in alle Taschen gucken?

Wir folgen dem Besucherstrom. Am free-fall-tower ist die Wartezeit gerade sehr kurz, das ist doch die Gelegenheit. Der Liebste sucht Mitfahrer. Das Maikind würde. Ich wundere mich und erkläre ihm kurz, was mit free-fall gemeint ist. Er bleibt dabei. Wir Mädels nutzen die Wartezeit für eine Pipipause, schlendern dann zum Ausgang des Fahrgeschäftes und setzten uns da in den Schatten. Zwei Minuten später haben wir Hunger und packen die Frühstücksbrötchen aus. Es dauert nicht lange bis die Jungs wieder da sind. Der Liebste nimmt gerne auch ein Brötchen, das Maikind hat gerade keinen Hunger.

Wildwasserbahn könnten wir alle zusammen fahren. Das Märzkind will ganz vorne sitzen, soviel ist sicher. Nach den ersten Metern stellt sich heraus, dass diese Bahn ein ganz anderes Kaliber ist, als die winzige mobile Kirmesversion. Nasser als erwartet, aber fröhlich, verlassen wir das Fahrgeschäft, da könnte man mal ein Foto machen.

Das ist der Moment, in dem wir bemerken, dass wir tatsächlich nicht ein einziges Handy dabei haben. Echt nicht? Ich gucke fragend zum Liebsten, er zum Märzkind, das Märzkind zeigt stumm auf die nassen Klamotten. Das Julikind fragt entsetzt, was denn ist, wenn wir uns verlieren?

Ab jetzt gelten die Ausflugs-Regeln der 90er. Wer bemerkt, das er verloren gegangen ist, bleibt einfach stehen. Die anderen suchen. Ausser natürlich bei Notfällen, da läuft man dahin, wo die Feuerwehr sagt, oder die Parkmitarbeiter. In diesem Fall würden wir uns am Auto treffen. Aus dem nächsten Infoständer nehmen wir uns einen Parkplan mit.

Obwohl es nicht viele Sachen gibt, die wir alle zusammen fahren wollen/können verbringen wir den Tag gemeinsam. Die, die warten unterhalten sich nett oder beobachten andere Leute. Wenn alle die Augen in der echten Welt haben verliert man sich auch nicht. Kurz nach Mittag bekommen der Liebste und ich die Gelegenheit, alleine Achterbahn zu fahren. Die Kinder wollen nicht, würden aber alleine warten, kein Problem.

Nach 20 Minuten sind wir schon wieder da. Der Liebste einen Moment eher als ich. Auf der Bank neben den Kindern sitzt immernoch das gleiche Pärchen wie eben. Der Mann guckt erst streng, dann missbilligend und wirkt ein bisschen erleichtert, als er sieht das wir eine Familie sind. Die Reaktion scheint mir seltsam, und ich überlege, ob ich mich gruseln will. Aber dem Liebsten ist es auch aufgefallen und er findet es gar nicht unheimlich. Wenn da jetzt irgendwer die Kinder angesprochen hätte, dann hätte dieser Mann das zumindest wahrgenommen. Anscheind gibt es immernoch die community der Leute, die gerade nicht auf Bildschirme schauen, und das ist doch gut.

Auf der Rückfahrt gibt es viel zu erzählen. Im Gedächtnis bleibt das Gefühl der steilsten Wildwasserabfahrt aller Zeiten, dass man quietschen musste, als die Achterbahn rückwärts gefahren ist, das man dachte, im Kettenkarusell werden die Füsse nass, vom Springbrunnen, obwohl da ja soviel Platz dazwischen war und der Liebste gibt zu, dass es ein Fahrgeschäft gab, in dem er so einen Hauch von Nervenkitzel hatte.

Abschließend, könnte man sich an dieser Stelle ein Bild denken: In der wunderschön gestalteten Marry-Poppins-mäßigen Fassade, die man vom Pferdekarusell aus sieht stand nämlich eine Tür auf, vermutlich wegen der Hitze. Dahinter liefen zwei riesige Industriewaschmaschinen, die in diesem Zusammenhang herrlich fehl am Platz wirkten. Obwohl, vergesst das wieder. Wenn ich ein Foto hätte machen können, hätte ich natürlich die Kinder neben mir fotografiert und es wäre mir überhaupt nicht aufgefallen.

746g Sommer

Ich stehe mitten im Wald, mit einem Fuss auf dem Weg, dem anderen im Hang. Den einen Arm strecke ich so weit ich kann, da die dicksten Himbeeren natürlich oben wachsen. Die Kunst besteht darin, die, die schon in dem kleinen Schälchen, dass ich in der anderen Hand halte drin sind, dabei nicht zu verlieren. Waldhimbeeren sind winzig im Vergleich zu denen, die man an den Buden kaufen kann.

Es ist gerade mal elf Uhr aber schon ziemlich warm. Meine Sonnenbrille rutscht und meine Hose klebt. Der rechte Arm streift eine Brennnessel und in den linken T-Shirt Ärmel läuft gerade eine Ameise.

Drei Meter weiter kommt der Liebste aus dem Strauch. Erstmal was trinken! Seine Wohlfühltemeratur liegt normalerweise bei etwa 18 Grad. Er ist aber freiwillig hier, denn die Ernte gehört zum Marmelade-Genuss irgendwie dazu.

Himbeermarmelade kochen will ich schon seit drei Sommern. Vor vier Jahren wurde extra dafür ein Himbeerstrauch gepflanzt. Da wachsen auch Himbeeren, allerdings sind die echt lecker. Noch nie hat es eine einzige Beere bis in die Küche geschafft.

Schweigend machen wir eine Trinkpause. Eine Etage höher im Hang hören wir Schritte rascheln. Langsam von rechts nach links. Kurz überlege ich, welche gefährlichen Tiere hier wohl das Hausrecht auf den Himbeerstrauch anmelden könnten. „Wahrscheinlich ein Reh“, murmelt der Liebste und schleicht ein paar Meter, um nachzuschauen. Aber man sieht nichts. Die Schritte bleiben einfach stehen, es ist zu heiß für fluchtartige Bewegungen.

Der Liebste schaut ins Erntekörchen und dann auf den Hang voller Himbeeren. Ein bißchen was müssen wir noch, na dann….

Nach etwa einer Stunde brechen wir ab, das muss reichen. Als wir zu Hause ankommen zeigt das Thermometer 33°C im Schatten.

Aber so soll das. Es sind nämlich nicht nur die Himbeeren die ich heute Abend als Marmelade im Keller einlagere. Es ist auch die Erinnerung an diesen heißen Sommertag. Und über die freuen wir uns mindestens genauso, wenn wir an einem dunklen, nebligen, kalten Sonntag morgen im Februar ein Glas öffnen. Die Brennnesseln, Ameisen und Zecken sind dann längst vergessen.

Nicht ganz 800g ergeben vier sehr kleine Gläser.
Geschmacklich sind die aber, ich zitiere: “ Whooaaa!“

umdrehen und schütteln

Die vorvorletzte Amtshandlung dieses Schuljahres: Alle Taschen und Beutel in der Ranzenecke einmal bis auf den Grund entleeren.

In diesem Jahr, nichts vergorenes, verschimmeltes oder mumifiziertes gefunden. Ich bin sehr stolz. Außerdem muss ich keine neue Fahrkarte beantragen und einen neuen Füller braucht es auch nicht, wenn denn der alte wieder da ist.

Jetzt nur noch dran denken, dass irgendwer die Zeugnisse unterschreiben muss und die Brotdosen von heute heute aus den Ranzen nehmen. Dann wird hier der Bullerbü-Modus aktiviert.

Schuljahr 2018/2019 – geschafft!

Vor-Ferien

Im Mai waren wir Gastgeber einer Konfirmationsfeier und eines Geburtstagskaffees, außerdem waren wir Gäste auf einer Konfirmationsfeier und zwei Geburtstagen.

Ein herzliches Dankeschön an alle Schenker.

Der Alltag wartet ja nicht, bis man mit dem Feiern durch ist. Das hauswirtschaftliche stapelt sich einfach. Und musste dann in großen Portionen abgearbeitet werden.

Als kleine Bonusaktion habe ich in der letzten Woche den Keller rund um die Öltanks und den Bereich hinter der Waschmaschine frisch gewischt. Das Wasser dafür kam im Rahmen eines Starkregen-Ereignisses von draußen. Da Draußen-Sachen in den Hauswirtschaftsbereich des Liebsten fallen, ist der eine Weile murmelnd ums Haus gelaufen und hat dann eine kleine Flutmauer errichtet. Wenn der Wetterbericht stimmt, steht heute Nachmittag ein Testlauf bevor…

Im Garten wurden doch noch ein paar Pflanzen gesetzt. Außerdem Rasen gemäht. Zum zweiten Mal und damit schon jetzt doppelt so oft wie im letzten Jahr. Ich freue mich über das Grün und die vielen Farben. Mir war gar nicht bewußt, das ich das vermisst habe im Dürresommer.

Wir hatten eine erste Honigernte wie man sich das wünscht. Ohne besondere Vorkommnisse, bei normaler Zimmertemperatur einfach so, von der Wabe bis ins Glas. Die vorangegangenen beiden Jahre haben mich das schätzen gelehrt. Die Verteilung auf den wartenden Freundeskreis läuft an.

Die letzten Wochen vor den Sommerferien sind traditionell vollgestopft mit Elterntaxifahrten. Es werden jede Menge Kindergeburtstage gefeiert und es wurde verstärkt für Auftritte trainiert.

aufgeräumtes Sportgerät
über Poms stolpert man aber angenehmer als über floorball-Schläger, konnte ich feststellen

An dieser Stelle noch ein Dankeschön an alle geduldigen Mitmenschen. Die Allergien haben Hauptsaison. Ist gar nicht so schlimm. Allerdings gibt es ab einer gewissen Dosierung der Medikamente doch spürbare Nebenwirkungen, also, für die anderen.

Wenn man tot ist, ist das für einen selber nicht schlimm, weil man ja tot ist, nur die anderen müssen damit zu Recht kommen. Genauso ist das, wenn man dumm ist.

Der Countdown läuft: Noch vier Tage Schule und einen Zeugnis-Freitag. Es zieht sich. Die Ferien-Vorfreude ist viel größer als die Motivation. Tschaka!

Erdbeerkakao

Es ist später Vormittag, in einem kleineren Supermarkt.

Ich bin erst seit einigen Wochen Kundin hier. Der bisherige riesige Stamm-Supermarkt optimiert sich seit Monaten, und hat so seinen einzigen Vorteil verspielt. Ich habe schlicht keine Lust, jede Woche bei Null anzufangen, weil die Regale neu sortiert wurden. Für mich ist einkaufen Teil des Jobs, ich komme wegen Hunger. Nicht um bei Dudelmusik an Regalen entlang zu schlendern.

Heute steht Erdbeerkakao auf dem Einkaufszettel. Ich bin mir nicht sicher, ob es den hier gibt. Vermutlich am ehesten im Themenbereich Kaffee. Gegenüber vom Kaffeeregal gibt es den Bereich „was man in Getränke einrühren kann“. Ich trete zwei Schritte zurück und scanne das Angebot.

Eine Frau steht jetzt direkt neben mir. Auf den ersten Blick geht sie auf die siebzig zu, würde ich sagen. Aber ihre Augen strahlen und sie lächelt so schelmisch, dass sie auch Mitte zwanzig sein könnte.

„Sie machen das ja genau wie ich“, sagt sie “ von hier hat man den besseren Überblick, stimmt’s?“

„Stimmt, genau“, antworte ich, “ nach was suchen Sie denn?“

“ Kaffeemilch. Diese winzig kleinen Tetrapaks, kennen Sie die?“

“ Ja, ich weiß, welche Sie meinen, die hab ich hier schon gesehen. Ich glaube, die sind im Themenbereich Milch“

“ Ach. Ja. Das ist eine Idee. Was suchen Sie denn?“

“ Erdbeerkakao“

“ Oh, na dann“ , sagt sie und nickt im Gehen einmal kurz „Waidmannsheil“

Ich nicke ebenfalls kurz, „Waidmannsdank“

Und, siehe da, zwei Fächer unterhalb vom Würfelzucker finde ich ihn, den Erdbeerkakao. Nur von einer einzigen Firma im Angebot, angeordnet in nur einer einzigen Reihe. Keine weiteren Entscheidungen notwendig, so kann ich arbeiten.

Donnerstag morgen

Es ist kurz nach sechs. Ich mache den Wecker aus, bevor er klingelt und klettere so leise wie es eben geht vom Hochbett. Der Liebste hat im Laufe der Nacht alle Mahlzeiten des letzten Quartals wieder von sich gegeben. Deshalb bin ich kurzfristig umgezogen. “ Der Soldat hat die Pflicht zur Gesunderhaltung „.

Anziehen, Zähne putzen, Haare kämmen, Spülmaschine einräumen und anstellen, Kaffee aufsetzen, Waschmaschine befüllen und anstellen – das läuft alles im Autopilot, dafür muss ich nicht wach sein. Das werde ich erst, als ich die Kalender-Klammer einen Tag weiter schiebe. Oh shit! In der Spalte für heute steht ein Termin beim Kieferorthopäden für 8 Uhr. Irgendwie hatte ich den nicht mehr im Kopf.

Ich informiere das Märzkind, das der Termin heute ist. Das wäre jetzt aber blöd, weil sie nämlich ab der dritten Stunde eine Exkursion in das Freibad der Nachbargemeinde machen würden, um da ein Interview zu führen mit irgendwem, das soll in die Zeitung. Das weiß sie selber erst seit gestern.

Der Termin steht schon länger fest.Die Entschuldigung für heute hat sie schon vor den Osterferien eingereicht, beruhige ich sie. Die wissen bescheid. Ist kein Problem, ich bringe sie danach da vorbei.

In den nächsten 20 Minuten schreibe ich einen Zettel für das ebenfalls kranke Julikind, und bereite ein ganz kleines Frühstück vor, dem Liebsten stelle ich eine frische Kanne Tee ans Bett. Kämme mir richtig die Haare und kümmere mich kurz um mein Gesicht, packe zwei Brotdosen und fülle Kaffee in den sauteuren Gutmenschen-Thermobecher, der schon lange ungenutzt in der Schublade steht.

Das Maikind fragt irritiert, ob er denn der einzige sei, der jetzt zur Schule müsse. Ja, das hat sich so ergeben. Ich verabschiede ihn.

Dann mache ich mit dem Märzkind auf den Weg. Ausser uns ist noch niemand im Wartezimmer, also könnte ich jetzt einen Hausarzttermin für den Liebsten klar machen, wegen Krankmeldung. Als ich meine Tasche öffne riecht es angenehm nach Kaffee. Shit! Jetzt ist mir klar, warum diesen Becher niemand benutzt. Zum Glück habe ich mein Handy im Auto vergessen.

Eine dreiviertel Stunde später sind wir schon fertig. Dann kann das Märzkind ja eigentlich noch von der Schule aus an der Exkursion teilnehmen. Wir machen uns also auf den Weg Richtung Schule. Unterwegs fällt ihr ein, dass noch ein Muttizettel unterschrieben werden muss. Das erledige ich schnell auf dem Parkplatz. Das Märzkind glaubt jetzt, nach einem Blick aufs Handy, dass die Klasse doch schon unterwegs ist und wir direkt zum Freibad sollen. Oh mann, dann hätten wir doch gleich…

Sie liest den Muttizettel nochmal durch. Als wir gerade aus dem Ort rausfahren, sieht es dann wieder so aus, als wäre der Start doch erst nach der zweiten Stunde, also gleich, von der Schule aus. Ich wende.

Ich warte auf dem Parkplatz, wenn sie in 10 Minuten nicht wieder da ist, kann ich fahren. Ich trinke den im Becher verbliebenen Schluck Kaffee. Nach etwa 9 Minuten wird die Beifahrertür geöffnet. „Also im Klassenraum ist niemand, im Fachraum ist niemand in der Cafeteria ist niemand und das Sekretatriat ist abgeschlossen.“ Dann werden die wohl unterwegs sein.

Wir machen uns erneut auf den Weg in das Freibad der Nachbargemeinde. Als wir dort ankommen ist es halb 10 und keine Schulklasse in Sicht. Die Tür ist allerdings auf. Wir gehen einfach mal rein und fragen. Ja, da sei eine Schulklasse dieser Schule angemeldet, für 11 Uhr. Wir wundern uns.

Ich rufe im Sekretariat an. Ja, das die 8ten Klassen heute dahin wollten sei bekannt, aber wann??? das nun wirklich nicht. Ich bemängele die Kommunikation. Wenn man weiß, dass einige Schüler der betroffenen Klassen zum Austausch weg sind, dann könne man doch vielleicht, die in der Zwischenzeit anfallende Elternkommunikation einem Geschwisterkind mitgeben oder per mail schicken, schlage ich vor.

Oh, da müsse Sie mich aber direkt unterbrechen, sagt die nette Dame am Telefon. Solche Sachen würden öfter bei ihr landen. Diese Art der Kommunikation hätte aber mit dem Sekretariat gaaaar nichts zu tun. Punkt. Das laufe alles direkt über die Klassen oder Fachlehrer. Wenn sie meine Beschwerde jetzt weiterleiten würde, dann nähmen die Lehrer das zur Kenntnis und weiter nichts.

Auf der Einverständiserklärung ist tatsächlich eine private Festnetztelefonnummer und eine Mailadresse der Fachlehrerin angegeben. Und das Datum von letzter Woche Mittwoch. Diese Art der Kommunikation ist für mich mittlerweile sehr zeitaufwändig und zermürbend sinnfrei geworden. Es ist das dritte Mal in zwei Wochen, dass mich wichtige Post verspätet erreicht. Meine Zündschnur wird merklich kürzer. Die Dame findet noch für mich heraus, dass die Klasse im Klassenraum hätte sein müssen. Vermutlich sind sie dann bereits auf dem Weg. Wir fahren zum örtlichen Backshop und kaufen Käsebrezeln.

Kurz darauf bekommt das Märzkind Nachricht von einer Freundin. Die Klasse sei unterwegs. Da sie mit den öffentlichen fahren (um keine Reisekosten zu erzeugen, was an sich ja eine super Sache ist) brauchen sie für eine Strecke von etwa 15 km etwas mehr als eine Stunde. Also ist 11 Uhr realistisch.

Ich bringe das Märzkind zurück zum Freibad. Die Sonne scheint, auf dem angrenzenden Sportplatz übt eine Gruppe Grundschüler für die Bundesjugendspiele, das Handy hat genug Akku, da kann ich sie ruhig alleine lassen.

Zu Hause liegt ein nicht mehr ganz so krankes Märzkind schon auf dem Sofa. Das Frühstück sei noch drin, berichtet sie. Der Liebste ist leider schlechter dran.

Spülmaschine ausräumen, Waschmaschine leeren und neu starten. Beim Wäsche aufhängen überkommt mich das Bedürfnis, diesen langen Tag mit einem Glas Rotwein gemütlich ausklingen zu lassen.

Stattdessen koche ich mir nochmal einen Kaffee. Den trinke ich auf der Treppe vor dem Haus in der Sonne, ganz in Ruhe. „Coffee to go“ ist eine Illusion.

Hat es früher nicht gegeben

Osterkaffee findet im Garten statt, dieses Jahr. Kaum zu glauben, dass es letzte Woche noch geschneit hat.

Die Kleinen sind auf den Spielplatz im Ort verschwunden, die Großen sind an einen Tisch zusammengerückt und genießen die plötzliche Stille.

Es ist doch wirklich schön hier.

„Ja, das ist wahr“, sagt Käthe, „aber es wäre auch schön, wenn sie dafür nicht ihr Nachmittagsnickerchen hätte weglassen müssen.“

Das ist heute aber nun mal so, morgen müssen alle wieder arbeiten, da kann sie zwischen 9 und 17 Uhr so viele Nickerchen machen wie sie möchte, wird ihr gesagt.

Käthe braucht Hilfe im Alltag. Eine Schwägerin ist Alltagsbegleiterin und besucht sie auch beruflich. Eine win/win Situation.

Die Schwägerin erzählt, letzte Woche, kurz nachdem sie im Haus angekommen sei, hat sie von oben ein Rufen gehört: “ Hilfe! Hilfe! Hilfe!“ Da hat sie natürlich alles stehen und liegen gelassen und ist gerannt. Käthe saß im Sessel, mit der Fernbedienung in der Hand, und der Fernseher wollte nicht. Das Problem war schnell gelöst und die Schwägerin ist wieder hauswirtschaften gegangen. Nach etwa einer Stunde kam wieder ein Rufen, leiser, weniger dringend. „Hallooo? Halloooo?“ Da hat sie kurz noch was eingeräumt und ist nach oben. Käthe lag mittem im Zimmer auf dem Boden.

Rund um den Tisch sieht man grinsende Gesichter, fast alle schütteln mit dem Kopf.

“ Das ist nicht witzig,“ sagt Käthe „wenn man so auf dem Boden liegt und gar nicht mehr hochkommt. Das ist blöd. Ich bin ja nun schon öfter hingefallen, aber das man dann nicht mehr hochkommt, nicht mal, wenn man eine Weile wartet, das hat es früher nicht gegeben. Wenn euch mal sowas passiert, dann denkt mal an mich.“

Fußballverletzungen, Hexenschüsse, Wehen… die meisten von uns kennen das Gefühl. Wir geben ihr Recht, das ist wirklich blöd.

Wo wir gerade von „nicht wieder hochkommen“ sprechen fällt mir ein, dass ich gleich noch mit der Omma auf den Friedhof soll. Ob wir denn vorher da vorbei fahren wollen, und schon mal zwei Kannen voll Wasser nach unten schleppen, scherzt der Liebste. Das würde nichts ändern, vermute ich.

Der Friedhof bei uns ist sehr steil, erkläre ich Käthe, die neben mir sitzt. Die Omma ist nicht mehr so gut zu Fuss und braucht auf diesem Gelände ihre Krücke. Sie besteht aber darauf, eine Gießkanne selber zu tragen. Ich nehme dann also die andere Kanne in eine Hand und habe die Omma samt Gießkanne am Arm. Es ist kompliziert.

„Dann musste mal ein Machtwort sprechen“, sagt Käthe. So würde es ihre Tochter immer machen. „Das hab ich schon probiert, es nützt aber nichts. Weißt du, ich bin ja schon die Enkeltochter, auf mich hört sie nicht so.“ „Tja“, erwidert Käthe, „man weiß nicht, wie wir mal werden, wenn wir alt sind.“ „Da hast du Recht, das kann man nicht wissen“, sage ich, und meine es ernst.

Neben mir muss eine Serviette ganz schnell vom Boden aufgehoben werden. Gegenüber nimmt jemand einen Schluck Kaffee, ein anderer hält sich das Handy vors Gesicht – bloß jetzt nicht lachen.

In dieser Runde ist Käthe die Omma. Vor drei Wochen ist sie 99 geworden. Der lebende Beweis dafür, dass Jahre keine gute Masseinheit für Alter sind.

Ach was, den Strohhut muss ihr nicht extra jemand holen, sie leiht sich die Kappe aus. Als alle die Fotoapparate auf sie richten, macht sie sich dann doch lieber unkenntlich.