KW 25/26/27, Tiergeschichten und Zahlen

Wir haben ein Wespennest unter dem Dach, da wo eigentlich Schwalben brüten sollten. Das Brummgeräusch eines Bienenstocks höre ich gern, es klingt angenehm sommerlich. Wespen hören sich anders an, stelle ich fest. Wie Tinnitus, ich muss mich woanders hinsetzen.


De Omma ist stolz wie Bolle und freut sich. 9 Küken sind geschlüpft aus den 10 Eiern, die die Glucke unter hatte. Die Glucke des Nachbarn hatte auch 10 Eier unter, da sind aber nur 8 rausgekommen. Vermutlich kann der Nachbar gut damit leben, nur zweiter geworden zu sein, in was auch immer. Küken sind niedlich, es gab lange keine mehr.


Hä? Was ist das denn? So nebenbei mal hingeguckt hatte ich gedacht, eine Katze, aber das kann nicht sein. „Oooooohhh wie süüüü… och nö“ Ein kleiner Waschbär läuft durch unseren Garten mitten am Tag. Ich frage mich, wo seine Mama wohl wohnt. Er dreht in aller Ruhe eine Runde und verschwindet durch den Zaun im Nachbargarten. Vielleicht haben wir Glück.


So wie der Liebste da gerade die Tür reingekommen ist, da ist was nicht richtig. Er lässt die Tasche im Flur fallen und geht grußlos nach oben. Eine Weile passiert nichts, dann höre ich ihn durch die Küche humpeln. Ich gucke fragend, er macht ein knurrendes Brummgeräusch und deutet auf sein Bein. „Ein Reh, ins Motorrad, genau an den Fuss“ sagt er. Ach. Du. Scheiße. Die Wade ist beeindruckend geschwollen. Sportsalbe, Eis, Fuss hochlegen, Rücksprache mit Polizei, ein kurzer Moment in dem mir klar wird, was da eigentlich alles hätte passiert sein können, gefolgt von Dankbarkeit. Ist so schon blöd genug. „Das Reh?“, frage ich vorsichtig. „Das ist hin, war zum Glück nur ein kleines“, sagt er. Er hat Bilder gemacht, wenn ich Interesse hätte… Nein, hab ich nicht. Ich kannte das Reh, also, so wie man Rehe halt kennt. Die Unfallstelle liegt an einer Hunderunde. Die Wiese neben der Straße wird nicht gemäht. Ich bin öfter vorbeigelaufen, als das Kitz gefüttert wurde. Die Ricke und ich, wir tun immer so, als würden wir uns nicht sehen. Es tut mir leid.


Eine Dame bleibt vor dem Auto stehen und guckt mich an. „Ist alles in Ordnung bei Ihnen?“ „Danke, mir gehts gut, ich warte nur.“ „Ah, ok, es sah nur so aus….hätte ja sein können das was ist“. Das ist lieb. Ich parke in der mittleren Etage des Krankenhaus-Parkhauses, in zweiter Reihe, wegen Schatten und weil ich die Fussgängertreppe von hier sehen kann. Es klang so, als wäre der Liebste gleich fertig. 28°C Außentemperatur hatten wir, als ich angekommen bin. Das ist allerdings schon fast eine Stunde her. Mittlerweile ist es deutlich wärmer im Auto, deshalb hab ich die Tür geöffnet und sitze nachdenklich halb drin halb draußen. Ganz ehrlich, ich weiß nicht, ob ich mental in der Verfassung bin für noch einen Sommer mit zur Bewegungslosigkeit verdammtem Mann auf dem Sofa.

Gerade als ich das Auto doch in der prallen Sonne parken und den Liebsten suchen gehen will, fängt das Parkhaus an zu vibrieren. Ein Hubschraubergeräusch kommt schnell näher, das Gras im Hang vor mir neigt sich bis zum Boden, die Autotür knallt zu, zum Glück hatte ich die Füsse drin. 30 Meter vor mir landet ein Rettungshubschrauber. Boar, von so nah hab ich das noch nie gesehen. Ich schicke ein Foto an den Liebsten, der wartet immernoch.

Einmal röntgen mit Diagnose „ist nichts kaputt“ dauert vier Stunden. Damit hatte ich nicht gerechnet, die Pläne für den Rest des Tages ändern sich. Aber, hej, im Vergleich zu dem, womit ich gerechnet hatte ist das pillepalle.


Dem Hund ist es morgens um neun eigentlich schon zu heiß. Nachmittags werfe ich ihm ein paar mal die Frisbee über den Hof, dann geht er gerne wieder rein. Julikind schleicht von einer Ecke in die andere, es ist überall zu warm mimimi. Abends packe ich beide ins Auto und wir machen einen Spaziergang am Flüsschen. Der Hinweg zieht sich, dann toben die beiden eine viertel Stunde im kalten Wasser und auf dem Rückweg ist das Leben wieder schön.


Es war nur so ein Bauchgefühl, auf dem Fest am Wochenende und ich bin mir ein bisschen blöd vorgekommen. Rückblickend war es eine gute Entscheidung keinen Kaffee und nichts gezapftes zu trinken. Die Coronameldungen häufen sich. Der Kreis hat eine Inzidenz knapp unter tausend, im Städtchen findet ein Straßenfest mit tausenden Leuten statt. De Mudda sagt, man kann sich nicht ewig verstecken. Ich wundere mich, aber soll mir recht sein, jeder wie er meint. Ich gehe wieder überall ohne Maske einkaufen und meide Menschenansammlungen.


Der Liebste stellt ein Foto vom Wildschaden am Moped in seinen Status. Anteilnahme und Grüße von allen Zweiradfahrern im Bekanntenkreis. Der Triathlet und der Raumausstatter kommen sogar persönlich vorbei.

Und wenn die schon mal da sind: Ein Ersatzteil für die Heizungsanlage wird bestellt und der Teppich in der Fewo vermessen. Ich erhalte genaue Anweisungen, welche Art von Teppich ich kaufen soll. Baustellentermine vor Herbst werden angepeilt.


Die Schwalben sind weg. Das ist blöd, es waren dieses Jahr sowieso drei Paare weniger als im letzten. Eigentlich halten die uns den Sommer über die Mücken vom Leib.


Auf dem Dachboden suche ich nach Fotos. Ich finde zwei Babyalben von mir und eines mit Bildern rund um meinen 16. Geburtstag. Dazwischen müsste doch noch…Schmunzelnd blättere ich durch die Bilder meiner Jugend. Das hatte ich fast vergessen, aber, ein paar Momentaufnahmen reichen, und mir fällt alles wieder ein. Nach ein paar Seiten wird der Kloß im Hals immer dicker. Jemand war die ganze Zeit ein selbstverständlicher Teil meines Lebens, im Urlaub, auf Partys, bei Umzügen. Jemand fehlt. Immernoch. Erst beim zweiten Blick fällt mir auf: die, die da so fröhlich in die Kamera prosten, auf meinem 18. Geburtstag, die sind alle beide tot. Ich klappe das Album zu, lege es zurück und muss einmal tief Luft holen.


Und, ihr Lieben, genau das ist der Grund, warum mir Geburtstage nichts ausmachen. Ich bin dann jetzt wohl 40. Es fühlt sich nicht anders an als letzte Woche, wo ich noch 39 war.

Wegen der großen Nachfrage gab es eine kleine Feierlichkeit mit Bienenstich und allerlei gegrilltem. Die Omas und der Vatta hatten an diesem Geburtstag glaube ich mehr zu knabbern als ich. „Vierzig Jahre ist das schon her“, der Satz wurde öfter geseufzt an diesem Nachmittag. Abends beim Bier auf der Treppe gucken der Liebste und ich die Fotos des Tages durch. „Die Kinder, die sind schon so groß, daran merkt man, wie alt wie sind, ne?“, sagt er, „das hat mit Geburtstagen gar nichts zu tun“.


Julikind fährt auf Klassenfahrt. Aufgeregt steigt sie in den Bus. Keine Tränen. Wenn man ehrlich ist, freut sie sich sogar ein bisschen. Im Januar hätte ich das noch für unmöglich gehalten. Es war ein Weg bis hierher – kein leichter, aber wir haben es geschafft. Ich bin stolz auf sie und freue mich richtig.

KW 24/25 2022

Langes Wochenende und kein Führerschein. Märzkind wird vermutlich an Langweile sterben, langsam und qualvoll, nur dass ich bescheid weiß. Letztes Jahr wars besser, da waren alle zu Hause. Zack, hatte man zehn Leute zusammen, die Zeit hatten, zum Campen am See. Tja, das ist vorbei. Dann backt sie Muffins, weil sie mit der Freundin zum Picknick verabredet ist, abends auf die Kirmes. Das langweiligste Leben von allen eben.


Julikind hat seit zwei Wochen kein whattsapp mehr. Zu unser aller Überraschung vermisst sie es nicht. Wenn man ehrlich ist, sogar fast im Gegenteil. Es gibt diesen einen Moment abends, wenn man sich nicht sicher ist, ob morgen die erste Stunde nun ausfällt, da wäre es schön, mal gerade jemanden fragen zu können. Aber die allermeisten Nachrichten sind entbehrlich. Für die Klassenfahrt sollte das Handy natürlich funktionieren. Nacheinander probieren wir alle alles durch. Ohne Erfolg. Der Patenonkel hat Zugriff auf Fehlersuch-software und stellt mit großem Bedauern den Totenschein für dieses mobile Endgerät aus. Das Problem lässt sich nicht mehr lösen. Julikind ist ein bisschen traurig, aber, dass hatte sie sich gedacht, denn das Handy ist „ja schon zwei Jahre alt“. Der Patenonkel sponsert ein neues.


Die Schule nimmt am „Schulradeln“ teil, eine Unterkategorie der Aktion „Stadtradeln“. Die mail kam vom Klassenlehrer des Julikinds, aber die winkt dankend ab. Maikind läd sich die App runter, holt das Fahrrad aus der Garage und fährt 230 km innerhalb einer Woche. Fahrrad wohlgemerkt, nicht E-bike. Nachdem er zwei Jahre seine Freizeit überwiegend zockend im Zimmer verbracht hat. Ende der Woche teilt er beiläufig mit, dass der Chemielehrer seine Abschlussprüfung übernehmen wird. Er hat nämlich jetzt ein Thema für seine Präsentation. Der Liebste und ich schauen uns verwundert an. Das ist toll, aber hä?


Endlich Sommer, ich mag wenn`s warm ist und freue mich. Leider bin ich da die einzige. Um mich rum nur „nörgelnörgel viel zu heiß, wie lange dauert dass denn jetzt, diese Hitzewelle nörgelnörgel…“ Ich bitte euch, drei warme Tage sind angesagt, das kann man überleben. Mein Plan war, das nicht nur zu überleben sondern sogar zu genießen. Statt dessen halte ich Türen und Fenster geschlossen und mache schiefend Hausarbeiten. Nach dem hundersten Taschentuch mache ich einen Coronatest, so elend fühlt es an. Heuernte.


Samstag Abend wird der Wald mit irgendwelchem Partylicht angestrahlt, sieht schön aus. Die Grillhütte spielt „Cordula Grün“ zur letzten kleinen Hunderunde des Tages.


Wenn es jetzt so warm ist, wäre es schön, kurze Hosen zu besitzen, denn die vom letzen Jahr passen nicht mehr. Märzkind übergibt die Vorjahresklamotten an Julikind. Die passen. Erfreulich, dann braucht ein Kind keine neue Klamotten, aber, meine Güte, wie alle gewachsen sind in einem Jahr.


Vormittags bei der Hunderunde mit einer Hausfrauen-Kollegin festgeschnuddelt. Sowas passiert auch nur im Sommer. War schön – und der Hund ist danach müde gespielt.


Eine Kugel Eis in der Fussgängerzone kostet 1,30 Euro. Ich esse gern Eis und ich bin bereit für gutes Essen Geld auszugeben. Dieses Eis schmeckt nur leider nicht mehr gut. Vermutlich wurde inflationsbedingt die Rezeptur optimiert. Das können sie an Leute verkaufen, die sowas nicht merken. Ich bin raus.


„25°C kann man aushalten“, sagt Julikind, „mehr ist zuviel“. Zum Glück hat die Freundin Zeit und die beiden werden ins Freibad gebracht. Zum Abholen fahre früher los, dann kann ich auch noch eine Runde schwimmen, so der Plan.

Irgendwo ist gerade ein Badesee gesperrt, sagen sie im Autoradio. Ein junger Mann ist ertrunken und wurde bisher nicht gefunden, deshalb ist der Badestrand gesperrt. Das scheint mir angemessen, da würde ich auch garnicht schwimmen wollen. Im Mittelmeer ertrinken regelmäßig Leute, sagt die kleine fiese Stimme in meinem Kopf, da werden die Strände nicht gesperrt. Naja, das ist was anderes, da würde ich glaube schon schwimmen gehen wollen. Anscheind gibt es irgendwo in mir drin, ein Verhältnis Wasser zu Leiche ab dem ich sagen würde „mmmjo, passt schon“, und ich frage mich, wie groß das wohl ist. Was man so denkt, bei 35°C. „Cringe“, ist wohl das Wort, das die Kinder dafür verwenden würden.

Am Zaun des Freibades stelle ich fest, dass das Verhältnis von Wasser zu lebenden Menschen mir hier heute nicht passt. Es ist so dermaßen voll, da nehme ich mir einfach das „falls man mal irgendwo länger auf jemanden warten muss-Buch“ aus dem Handschuhfach und setze mich vorm Freibad in den Schatten. Eine halbe Stunde später kommen zwei fröhliche, müde, Mädels mit Freibad-strubbel Haaren auf mich zu. Pizza haben sie gegessen und jede Menge Leute getroffen. Das Mutterherz erlebt einen weiteren Nach-Corona-Moment. Die wissen eigentlich garnicht, was sie alles verpasst haben.


De Omma bekommt Küken. Eigentlich erst Mittwoch oder Donnerstag. Aufgeregt ist sie aber schon Montag und Dienstag… da guckt man lieber einmal zuviel im Hühnerstall…wie ein Kindergartenkind in der Woche vor Weihnachten. Donnerstag sind tatsächlich 6 Küken da und es kehrt Ruhe ein. Ich bin nicht die einzige, die heimlich aufatmet. Wenn`s gut läuft, beschäftigt sie das bis zu ihrem Geburtstag.


Ich fahre mit den Mädels Gärten angucken. Im Flyer vom „Tag der offenen Gärten“ stand was von Rosengarten und Julikind malt gern Rosen. Märzkind macht Fotos mit dem neuen Objektiv. Der Garten des Gutshauses ist toll, aber haben wollen würden wir den nicht. „Stell dir mal vor, du müsstest hier Schitt ruppen. Das alles.“ Märzkind macht eine Geste über die wunderschön gepflegten Beete. Julikind macht ein nachdenliches Geräusch, so gesehen kann man doch auch gut ohne Pool leben.

Foto: Märzkind

Der Salbei im Garten blüht. Von der Bank aus kann man Hummeln, Bienen und ja, was denn eigentlich beobachten? So ein Tier hatten wir noch nie hier. Womöglich haben wir eine neue Art entdeckt. Es bewegt sich wie ein Kolibri und macht überhaupt kein Fluggeräusch. Märzkind googelt Kolibri-Hummel. Es handelt sich um einen Wollschweber, und der gehört zur Familie der Fliegen, anscheind gibt es davon 34 verschiedene in Deutschland. Wieder was gelernt.

Tomaten kommen, je eine winzige Paprika und Aubergine wachsen, Salat haben wir schon gegessen, Gurken auch. War eine gute Idee, den Boden zu düngen.


Da wohnt anscheind jemand direkt nebenan. Auf dem Video in der whatssapp Gruppe des Liebsten sieht man einen Garten. Trampolin, Sitzecke, alles wie überall. Direkt hinter dem Zaun wechselt allerdings die Farbe. Unten im Bild ist es orange, darüber schwarz, dazu ein Knisterknack- Geräusch wie Kaminfeuer und Sirenen. Das Holzlager eines Baumarktes ist abgebrannt, im Städtchen.


Irgendwas muss auf der Weser transportiert werden. Dafür braucht es das Wasser aus dem Edersee. Unsere Badestelle ist jetzt Wiese, schade.

KW22/23 2022

So, Schnauze voll. Ich hole mir eine zweite Decke vom Dachboden und schlafe ganz wunderbar, ohne zu frieren. Zum Frühstück esse Apfel-Zimt-Porridge, bringe danach eine Ladung Sonnenblumenkerne ins Futterhaus vor dem Fenster und gehe die Hunderunde in Winterjacke. 5°C, merkste selber, Juni, oder?

Nachmittags, am gleichen Tag wohlgemerkt, schleudern wir den Honig. Also, der Liebste stellt die Honigräume in die Küche, ich mache den Rest. Geht schnell, dieses Frühjahr.

Am nächsten morgen ist es merklich wärmer. Und sonnig. Fast sommerlich, man kann es kaum glauben. Märzkind und ich fahren nachmittags kurzentschlossen zum Erdbeerfeld. Nicht, dass da über Pfingsten alles abgeerntet wird – oder von Gewitter zerhagelt. Sonnencreme wäre eine gute Idee gewesen, aber mit schwülen 26 °C hatte irgendwie keine von uns gerechnet. Korb und Eimer sind schnell voll. Auf der Rückfahrt durchs Städtchen fährt ein Leichenwagen vor uns her. „Jo, dieses Wetter macht einen fertig“, sagt Märzkind.

Abends dann anbaden im See. Herrlich. So geht Juni.


Jahresvorrat Erdbeermarmelade gekocht.

Honig abgefüllt und Kunden zugeordnet. Da muss garnichts in den Keller getragen werden.


Der Teilzeitnachbar entrümpelt die Wohnung. Ich wasche Wäsche. Fast bei jeder Ladung, die ich aufhänge oder abnehme gibt es etwas Neues. Und es ist tatsächlich interessant wer da wann was abholt. Innerhalb von zwei Tagen wird das Carport einmal komplett bis oben voll und wieder leer geräumt. Ich staune. So ordentlich sah das noch nie aus. Das Ende einer traurigen Geschichte.


Abends um elf geht ich die letzten paar Meter mit dem Hund und brauche noch nicht mal einen Pulli. Ein lauer Sommerabend. In der Grillhütte wird gefeiert. Die ersten Takte eines Musikstücks laufen, man hört, dass die Gesellschaft sich freut, es wird mitgesungen. Das ist kein volltrunkenes Gegröle, stelle ich fest. Eigentlich ist das keine Überraschung. Da feiert heute die „Interessengemeinschaft landwirtschaftlicher Nutzfahrzeuge“ ( also Landwirte, Schlepperfreunde, Schrauber jeden Alters…), ich könnte mir vorstellen, dass von denen einige im Gesangverein sind. Den Refrain singen alle gemeinsam, die Hütte bebt. Es ist fast ein Gänsehautmoment. „ICH HAB ÜBERLEEEEGT MIT DEM SAUFEN AUFZUHÖÖÖÖÖÖRN . AAAAABER ICH SCHWANKE NOCH. ICH SCHWANKE NOCH“ Der Hund guckt mich fragend an. Das kennt er nicht. Tja Hund, früher, da war sowas normal, an sommerlichen Samstagen.


Ach übrigens, sagt Maikind, es gibt nur Frühstück in der Unterkunft. Sie sollen Taschengeld mitbringen, so zwischen 50 und 100 Euro wären gut, hat der Klassenlehrer gesagt. Ähm jo, früher waren Klassenfahrten ja mal „all inclusive“, meine ich mich zu erinnern, aber kein Problem, Gott sei Dank. Wer diese Beträge nicht mal eben so aus dem Hut zaubern kann ist übel angearscht, wenn so eine Info drei Tage vor Reiseantritt kommt.


Weil das Schüler-Hessenticket jetzt auch ein 9 Euro Ticket ist, muss man zum AS-Taxi garnichts mehr dazu bezahlen, sagt Märzkind und freut sich. Normalerweise kostet jede Fahrt einen Euro. Das sind bestimmt 20 Euro pro Monat, die sie jetzt anders ausgeben kann, schätze ich mal.

Märzkind bekommt ihren Traum-Ferienjob angeboten. Es ist der Job, den sie im Moment macht, als Praktikantin. Man würde sie gern über die Ferien weiter beschäftigen und wenn möglich sogar darüber hinaus, genau wie jetzt nur eben mit Geld. Da musste sie nicht überlegen. Fröhlich summend schwebt sie durchs Haus. Wenns einmal läuft…


Der große Neffe begegnet uns, einfach so, vor der Pommesbude auf dem Pfingstmarkt. Wir haben uns lange nicht gesehen, ich muss tatsächlich zweimal gucken, bevor ich mir sicher bin, dass er es ist. Die junge Frau an seiner Seite, ich kann mich beim besten Willen nicht erinnern, wie sie heißt, das wird gleich peinlich. Oder auch nicht, wir werden vorgestellt, alle freuen sich. Smalltalk, Pommes, weiter gehts. „Der hat ganz schön Kreuz gekriegt, auf der Polizeischule, ne?“, sagt der Liebste. Jo, das ist wahr. „und dem seine Freundinnen sehen eigentlich immer gleich aus“.

Julikind kommt fröhlich quieksend aus dem riesen Schaukel-Fahrgeschäft. Die 6 Euro haben sich sowas von gelohnt, sie ist begeistert, das könnte sie direkt nochmal… Ihre Freundin wischt sich mit einer fahrigen Bewegung eine Haarsträhne aus dem Mundwinkel, sie sagt garnichts und ihr Gesicht hat keinerlei Farbe.


Der Gastgeber, der mag uns wirklich, sagt er. Wir sind unkomplizierte Gäste, weil, wenn man uns einläd, dann sagen wir „okay, danke“, kommen zur angepeilten Uhrzeit und essen einfach ne Wurst. Die anderen wollten lieber früher kommen, wegen der Kinder und die essen alle nur noch vegetarisch… und samma, ganz ehrlich, ne, wenn man doch zum grillen einläd… Der Liebste drückt ihm ein Bier in die Hand und klopft ihm die Schulter.

Wir können die Blagen einfach alleine zu Hause lassen. High five. Die anderen unterhalten sich über Einschulungsfeiern und sind ein bisschen neidisch.


Ansonsten war nix. Auch mal schön.

KW 21/ 2022

Auftritt Julikind. Als Hausaufgabe sollte sie ein Gedicht schreiben, über eine Krankheit ihrer Wahl, das hat sie gemacht, ob sie das mal vorlesen soll?

Der Liebste und ich sitzen gerade mit Kaffee, wir nicken. Julikind liest vor.

Julikind: „Un? Is gut ne?“

Der Liebste schmunzelt :“Jo ist gut“ Julikind guckt mich fragend an

Ich: „Ähm, es reimt sich nicht und hat kein Versmaß“

Julikind: „Versmaaaassss?“ Der Liebste guckt mich fragend an.

Ich: halbherzig singend „wenn ich dann gestorben bin – falleri – fallera – trägt man mich zum Friedhof hin – falleriaaraa -so in der Art“

Der Liebste lacht in seine Kaffeetasse: „Du wieder…“

Ich: „Wenn dir spontan was anderes einfällt….“

Der Liebste: „Nee, nee, bei Versmaß bin ich raus.“

Ich: „Die Zeilen müssen etwa gleich sein und es muss einen Rhythmus haben, bei einem Gedicht…“

Julikind: „Tss, ich finds gut, ich lass das so“

Ich: „OK“

Der Liebste nickt. „Jo, ich finds auch gut so.“

Abgang Julikind

Niemand hat mehr Lust auf Unterricht ersetzende Hausaufgaben-Berge.


Da tut sich doch wahrhaftig ein Zeitfenster auf, in dem wir alle zu Hause sind. Kurzentschlossen fahren wir ins Städtchen um uns die Ausstellung des Malwettbewerbs anzusehen, bei dem das Julikind mitgemacht hat. Wann sind wir denn das letzte mal zu fünft im Auto gefahren? Es muss schon eine Weile her sein, früher war irgendwie mehr Platz, es dauert einen Moment, bis die Blagen diskutiert haben wer welchen Fuss wo…

Die Ausstellung ist klein aber es lohnt sich. Wir sind ehrlich beeindruckt, von dem, was die Leute so gemalt haben.

Und wenn wir schon im Städtchen sind, Märzkind braucht Schuhe und ich muss eine Runde durch den Rewe.


Bei der OP letzte Woche wurde ein doppelter Bandscheibenvorfall gerichtet. Es ist alles gut gelaufen und die Patientin kommt am Montag nach Hause. Das sind alle verfügbaren Informationen.

In meiner Familie nimmt man Anteil an Krankheitsverläufen, schickt Genesungswünsche und Süßigkeiten, gründet Gruppen zur Organisation von Einkäufen, Arztfahrten oder Sachen halt. Ich brauche immer eine Weile, bis mir klar wird, das Nachfragen zwecklos sind. Alles in bester Ordnung.


„Samma, was kriegt der Junge eigentlich von uns zum Geburtstag?“ erkundigt sich der Liebste. „Ich weiß es nicht“. „Aber du hast das doch bestellt?“ „Ja sicher“ Ich zeige ihm den sehr kleinen Karton auf dem zwei Computerbauteile abgebildet sind. „Ah, und – was ist das?“ „Das, was er sich gewünscht hat“ Der Liebste dreht und wendet den Karton, liest die Aufdrucke „Tja, weiß ich auch nicht“, murmelt er.


Maikind wird 15. Eine kleine feine Geburtstagsfeier. Die Uromas sind so dermaßen erstaunt, wie viel er in dem einen Jahr gewachsen ist, dass alle lachen müssen. Wir machen Fotos im Garten. Geschenke waren alle gut. Zimtstern-ähnliches Gebäck kann man durchaus auch im Mai mal essen, da waren sich die Gäste einig und Gegrilltes hatten wir schon länger nicht. Party mit Freunden gibts dann im Sommer. Ohne Eltern.


Boar. Dieser Geruch ist so außergewöhnlich, dass ich davon wach geworden bin. Er verschwindet auch nicht, obwohl das Fenster auf ist. Vier Uhr. Ich krabbele aus dem Bett, finde die Ursache und muss mich einen Moment sortieren. Der Hund ist nicht wohlauf, lieber keine Details. Ich wecke den Liebsten, denn hier ist alles dringend. Er geht mit dem Hund vor die Tür, ich fange an zu putzen. Nach zwanzig Minuten kommen die beiden zurück und der Liebste putzt nochmal. Ich hatte gedacht es geht wieder einigermaßen, aber wenn man von draußen kommt, dann nicht.

Julikind kommt zum Frühstück, wobei, sie kann bestimmt garnichts frühstücken, denn der Kiefer, der tut echt weh, heute. Okeeee, das sieht heute auch anders aus als gestern. Das kann auf keinen Fall warten bis Montag. Wegen Brückentag hat die Hausarztpraxis geschlossen. Zum Hausärztlichen-Notdienst also. Der Liebste übernimmt, weil er unter Masken besser atmen kann als ich. Zwei Stunden später frage ich nach, ob es denn sehr voll ist, in der Praxis. Der Liebste schickt kommentarlos seinen aktuellen Standort. Eine Klinik 45 km von hier. Och nö. Als ich gerade anfange, gedanklich eine Krankenhaustasche zu packen, kommen die beiden wieder. Da hatten sie Glück, dass der HNO-Notdienst bereit war, auf sie zu warten, die halbe Stunde, die es dauert vom Städtchen bis dahin, sonst hätten sie noch weiter gemusst.

Der Tierarzt hatte normal geöffnet, da haben sie auf dem Rückweg was für den Hund mitgebracht.

Freie Tage sind vom Universum nicht vorgesehen für uns, stellen der Liebste und ich fest, als wir abends noch eine Hunderunde laufen. Es ist ja garnicht so, dass wir was unternehmen wollen würden, nur, mal etwas in Ruhe erledigen können, bevor es unbedingt dringend sofort sein muss, das wäre schön, und wenn mal ein Wochenende lang niemand Schmerzmittel brauchen würde, das auch.


Früher, da war das ein fröhlicher Festzug, mit Kapelle, Fahnen und Leuten aller Altersklassen. Ein ganzes Dorf auf dem Weg zum Freibier. Dieses Jahr marschieren die Ehrengarde und der Burschenverein hinter einem einzelnen Trommler durch den Ort, morgens um halb neun. Mehr ging nicht, wegen Coronaveranstaltungsregeln in der Planungsphase. Es wirkt etwas befremdlich. Aber ich habs auch nicht so, mit der Brauchtumspflege.

„Der kannste mal gleich einen Eimer mitgeben“, sagt das Pluseinskind fröhlich, als sie nachmittags nach Hause kommen. „Quatsch“ sagt Märzkind und boxt ihn ein bisschen „n bisschen beschikkert höchstens“. Das Mutterherz freut sich über normale Teenager.


So, und wie ich schon sagte, von mir aus könnte die Außentemperatur Ende Mai morgens um neun gerne schon zweistellig sein.

KW20/2022

Eine Zugfahrt nach Frankfurt. Die Züge sind merklich voller als noch vor acht Wochen. Zwei Fahrräder blockieren 6 Sitzplätze. Ich hatte gedacht man könnte im Sommer mal mit so einem 9 Euro Ticket irgendwohin, aber, wenn das im Normalbetrieb schon so ist, hab ich da eigentlich keine Lust drauf.


Wir schließen das Kapitel „eingewachsene Zehnägel“, hoffentlich. Angeblich ist das Kind übernächste Woche wieder sporttauglich. Das wäre schön.


De Omma fragt, wann wir denn in den Urlaub fahren und ist auffallend erleichtert, als ich sage, dass wir noch nichts geplant haben. Merkwürdig.


Stundenplanänderung. Jetzt neu: Maikind hat kein Arbeitslehre mehr. Deutsch fällt aus, erstmal nur diese Woche. Beim Julikind sind noch alle Fächer da, nur anders verteilt. Eine Klassenkameradin strandet bei uns, nach der Schule. Sie wohnt einen Ort weiter, bis dahin geht die Busverbindung nicht. Normalerweise taktet die Familie die Dienstpläne so, dass das kein Problem ist. Aber wenn Stundenpläne nur 10 Tage gelten, wird es schwierig.


Der Hund. Seufz. An einem Tag ist er mir gleich zweimal abgehauen. Ich fahre im Schritttempo die Hundedamen-Haushalte im Ort ab, gucke in Gärten und Hinterhöfe und komme mir bescheuert vor. Große Anteilnahme der Rüden-Besitzer. Preisanfrage beim Tierarzt. Abends frisst der Hund wieder uns schläft danach. Vielleicht geht es ja doch so, sagen die Männer. Vielleicht.


Eine Geburtstagsfeier wird abgesagt wegen Hexenschuss. Das Telefongespräch ist an sich ist schon ungewöhnlich, die Nachrichten merkwürdig. Innerhalb kürzester Zeit wird aus Hexenschuss ein Arzttermin, ein Krankenhausaufenthalt, eine OP und ein am Rande mitbekommenes Gespräch über Pflegedienste. Oh,oh.


Niemand wird diese Rasenfläche nutzen, den ganzen Sommer nicht. Das Grundstück liegt hinter einer dichten Hecke am Ende einer Straße ohne Durchgangsverkehr. „Mal gerade drüber mähen“ dauert eine Stunde, plus Zeit für Pflege und Wartung des Aufsitzrasenmähers. Warum das alle 10 Tage gemacht werden muss, ist mir ein Rätsel. Der Garten bei uns am Haus wird genutzt aber, naja, muss halt passen, von der Zeit, dem Wetter…


Pluseins-Kind hat eine Lehrstelle im nächsten Jahr. Glückwunsch, Freude. Ein nachdenklicher Moment. Müssen da denn jetzt schon Bewerbungen? Oh,oh.


Unwetter sind angesagt, teilt mir der Liebste mit. Ich gucke ja keine Nachrichten mehr. Bestimmt will man uns nur warnen, damit es nicht wieder so wie im Ahrtal letztes Jahr…, denke ich. Die Warnungen wechseln die Farbe. Ich sauge einmal durch den Wäschekeller, wenn da wieder Wasser reinläuft, wäre das wenigstens nicht so eklig staubig. Die Warnungen wechseln nochmal die Farbe. Ich lege ein paar Sandsäcke vors Kellerfenster, denn eigentlich habe ich gar keine Lust, den Keller zu wischen.

Wir bekommen nichts ab vom Unwetter. Auch gut.

Seniorengeschichten und Musik

Alle Rechnungen, die irgendwas mit Haus und Wohnen zu tun haben kommen adressiert an „Eheleute“ oder meine Mailadresse. Die Zensus Post ist adressiert an den Liebsten. Anscheind müssen offizielle Sachen auch im 21. Jahrhundert vom Herrn des Hauses persönlich erledigt werden.


In unserer Straße sind drei Hündinnen heiß. Der Hund kratzt an der Tür des Märzkindes, an der Tür des Maikindes, geht runter ins Wohnzimmer, schmeißt sich seufzend vor die Haustür. 10 Minuten später steht er an meiner Seite des Bettes und fragt, ob wir denn jetzt vielleicht eine Runde raus wollen, wird ja gerade hell… Entweder er geht jetzt auf seinen Platz oder… zwei Eier und eine Schere – Emoji


Ich weiß nicht mehr wie es dazu kam, aber zum Tisch abräumen am Freitag abend wurde das Lied von der Karawane gespielt. Maikind kannte das nicht. Wir fragen uns kurz, wie das sein kann, kommen aber schnell drauf. Die Kinder kramen in alten Playlisten, es wird nostalgisch, dann zeigen sie mir was im Moment „gefeiert“ wird. Wir mögen unterschiedliche Richtungen, aber, es gibt Schnittmengen. Märzkind und ich bekommen Gänsehaut und müssen uns in genau dem gleichen Moment kurz schütteln. Jo ho. Was man so alles vererben kann…


Die Oma aus dem Städtchen ruft an, um zu fragen, wann wir denn dann morgen fahren wollen. Hä? Na das Konzert. Oh. Ich gebe zu, als ich ihr die Karten zu Weihnachten geschenkt habe, hatte ich angenommen, sie würde ihre Schwester oder die Wanderfreundin mitnehmen, aber anscheind habe ich Heilig Abend gesagt, dass ich mitkomme. Blasmusik ist so garnicht meins, andererseits, ich habe in meinem ganzen Leben noch nichts mit der Oma zusammen gemacht, glaube ich. Wer weiß, wie viele Gelegenheiten da noch kommen…

Ich fahre jede Woche an diesem Grundstück vorbei aber, ich hatte ehrlich keine Ahnung, was sich hinter dieser Hecke verbirgt. Das Anwesen derer von und zu ist beeindruckend. Man freut sich, dass das hier heute in „der renovierten Scheune“ stattfinden kann. Was man hier eine renovierte Scheune nennt würde ich eher als rustikalen Ballsaal bezeichnen. Ich schicke der Freundin ein Foto von den Dachbalken. „Guck mal, so kann man Scheunendach .“ Sie wird in der kommenden Woche den Eurojackpot gewinnen und das dann bei ihrer Scheune auch in etwa so machen lassen, sagt sie. Ich beantrage einen Getränkestand auf ihrem Hof, für die Zeit in der die Zimmerleute arbeiten. Genehmigung wird erteilt. Ich werde also meine erste Million mit Aperol Spritz verdienen.

„Das war toll“, sagt die Oma, als das Konzert endet. Es war tatsächlich ein schöner Abend – ein Ausflug in eine ganz andere Welt.


Die Schwalben sind da. Der Garten hört sich nach Sommer an. Schön ist das.


Er: „Samma, wie viele Mückenstiche hast du eigentlich?“

Ich: „Mückenstiche? Noch gar keine. Un du?“

Er: „23“ grummelgrummel

Ich bräuchte gar kein Fliegengitter – außer vielleicht wenn der Liebste Nachtschicht hat.


Neue Stundenpläne, die alten sind ja schon drei Wochen alt… Maikind hat jetzt Mittwochs planmäßig die fünfte Stunde frei, weil da Französisch wäre, die 7. und 8. Stunde finden statt. Macht anderthalb Stunden freie Zeit, auf dem Dorf – ohne Schulkantine. Die Blagen werden sich schon irgendwie beschäfigen. Nachdem bei der letzten Stundenplanänderung Kunst weggefallen war, hat Julikind jetzt neu: auch kein Religion mehr. Wenn das in dem Tempo weitergeht, können sie im Sommer Teilnahmeurkunden statt Zeugnissen verteilen.


„Ah, das Grab, das hat sie übrigens einebnen lassen“, erzählt mir eine Witwe beiläufig. Da waren zwar noch vier Jahre Nutzungszeit drauf, aber wer soll das denn machen, wenn sie nicht mehr ist? Die vier Jahre zahlt sie dann eben fürs Rasen mähen. Zwanzig Euro kostet das im Jahr, ist eigentlich ganz schön viel, für so eine kleine Fläche, sagt sie. Ich muss lachen, kann es aber gerade so als Räuspern tarnen. Schöner kann man „ich will nicht neben meinem Mann beerdigt werden“ wohl kaum formulieren. Dieser Todesfall war Ortsgespräch. Jetzt wächst dann wohl Gras drüber.


Der Liebste zeigt mir ein Foto, „das wirste mir nicht glauben“. Er hat den Kuchen bei der Omma geholt und sie erwischt, auf einem wackeligen Höckerchen im Lichtschacht vor dem Haus. Die Blätter mussten raus, und wenn sie schon mal drin ist, kann sie von da aus auch gleich das Unkraut im Umkreis jäten, dann muss sie sich nicht bücken. Ich schüttele mit dem Kopf. Seit Wochen versuche ich rauszufinden, ob und wie sie ihren Geburtstag feiern möchte. Sie will garnicht 90 werden, sagt sie dann immer. Anscheind legt es drauf an.


Es ist immernoch Murks bei den Bienen, sagt der Liebste. Wir denken hin und her. Ich bestelle zwei Bienenköniginnen. Mittlere Preisklasse. Jetzt warten alle auf einen summenden Brief.

ein Wochenende wie damals

Herrliches Frühlingswetter. Auf einmal blüht alles, Farben und Geruch wechseln alle paarhundert Meter. Nicht mehr nur grau und Gülle. So macht die Hunderunde wieder Spaß.


Brot und Milch kaufe ich einzeln, also am Bäckerauto und vom Bauernhof, immer das Gleiche ohne irgendwas anderes dazu, da fällt die Preissteigerung auf. Aus 6,90 Euro sind 8,70 Euro geworden und aus 50 cent 75.


Am stillgelegten Auto auf dem Nachbargrundstück kraschpelt irgendwas, fällt mir auf, beim Wäsche aufhängen. Ich vermute irgendwelche Tiere. Och nö. Zum Glück ist es nur der Besuch der Nachbarin. Wir kennen uns flüchtig, haben uns aber lange nicht gesehen. Smalltalk über den Zaun. Nach wenigen Sätzen wird ein richtiges Gespräch daraus. Der Besuch konnte in den letzen zweieinhalb Jahren nicht kommen, wegen Corona und Arbeit, es ging nicht, im Sinne von es war unmöglich. Ich weiß, sage ich (Berufsfeuerwehr in Australien). Während dieser zwei Jahre hat sich die Nachbarin verändert. Ich weiß, sage ich. Der Besuch kämpft mit den Tränen. Ich bin ehrlich gesagt erleichtert, dass das mal jemand bemerkt hat, der die Macht hat, sich zu kümmern.


Märzkind meldet Hunger, Freitag abend um sechs. Auf keinen Fall kann das warten, bis Julikind vom Kickboxen zurück ist. Das kommt davon, dass es an der Arbeit immer schon um zwölf Mittagessen gibt. Sie versteht jetzt, warum die Omis abends immer so zeitig essen. Abendessen also zu dritt, wir unterhalten uns nett und sitzen immernoch da, als die anderen beiden zwei Stunden später dazukommen. Julikind ist entspannt und fröhlich und schläft schon, als ich ihr um halb elf gute Nacht sagen will.

Der Liebste kommt Samstag morgen von der Nachtschicht, steht mittags auf, weil Montag wieder Frühschicht ist, ganz normal, wie es auf dem Plan steht. Die Kinder und ich sind da mit dem Hausteil des „Haus und Hoftags“ schon fast fertig. Draußen ist allerdings noch genug zu tun. Märzkind hat den ersten Chearleading Auftritt, seit – man kann sich erinnern, wann. Sie beginnt mit der Schminkaktion. Maikind kramt das Feldbett aus der hinteren Ecke des Dachbodens und sucht Übernachtungssachen zusammen. Julikind nimmt an einem Malwettbewerb teil und, upsi, da ist nächste Woche Abgabe. Ich backe einen Tortenboden für Konfirmation am Sonntag. Ein Paket steht vor der Haustür. Märzkind ist erleichtert, das ist ihr Festoutfit für morgen, wir hatten schon überlegt, wie man die Alltagsklamotten zu was Schickem kombinieren könnte… Märzkind verschwindet, Maikind wird gefahren, Abendessen für drei, Märzkind kommt fröhlich wieder. Ein Hauch von Teenager in Polyester weht über den Flur, dann ist das Bad besetzt.

Sonntag morgen mach ich die Torte fertig. Der Liebste fährt Märzkind mit Torte zum Fest. Ich backe einen Geburtstags-Geschenk-Kuchen für Montag. Julikind müsste mal gelüftet werden. Hunderunde zur Hängebrücke. Auf halber Strecke meldet Maikind, man könne ihn dann gleich abholen. Das liegt auf dem Weg, kein Problem, obwohl, der Hund ist ja im Auto und das ganze Übernachtungsgepäck…. ach, ich laufe einfach von hier aus nach Hause, dann ist Platz. Als ich ankomme sind die Kinder schon bei Oma und Opa. Ich mache den Geburtstagskuchen fertig und wir fahren hinterher. Gut, dass wir mit dem Auto da sind, sagt Julikind. Auf dem Weg haben sie ein bisschen rumgeblödelt, da ist sie irgendwie vom Bordstein und hat sich den Fuss umgeknickt, aber so richtig. Der Fuss ist tatsächlich beachtlich angeschwollen. Notaufnaheme vielleicht? „Sieht nach Innenband aus“, sagt der Liebste, Kühlpack. Sportsalbe, hochlegen und dieser Haushalt hat eine aircast-Schiene für solche Fälle, was anderes würden die im Krankenhaus auch nicht machen.


Montag morgen begegnet mir der Biolandwirt im Wald. Er hält an, um zu fragen, warum ich mich denn so in der Hecke verstecke. Ich dachte, er gehört zu dem Jäger-Konvoi, der hier eben lang kam. Da halte ich den Hund immer lieber fest. Glaubt einem ja niemand, dass der so überhaupt keinen Jagdtrieb hat. „Alles gut bei euch?“ „Alles gut. Un selba?“ „Prima. Wir haben gerade zum ersten Mal in diesem Jahr Normalbetrieb. Das tut richtig gut, ist aber irgendwie ungewohnt.“ Fast zu gut. Da fällt mir ein, ist ja neunter Mai, heute. Ich deute auf sein Autoradio. „Ham wa schon Apokalypse?“ „Nee, noch nit“, sagt er, hat er aber extra angemacht, das Radio, nicht, dass Atomkrieg ist und er zieht Zäune, das könnte man sich ja dann sparen. „Tja, dann muss er wohl“, sage ich und wir sind uns einig, dass das was Gutes ist.


Abends haben wir Vattas Geburtstag gefeiert. Mit Leuten, als wäre es das normalste der Welt. Alle hatten was zu erzählen.

KW 17/18 2022

Es war angenehm ereignislos.

Die Wechselschichtwochen des Liebsten sind schon vorbei. Ich glaube, es war nur ein Rückwärtswechsel dabei. Aber Normalbetrieb ist noch einfacher. Naja, was man so Normalbetrieb nennt. Die Lieferketten, die Rohstoffe, eigentlich ist alles möglich.

Märzkind hat Theorieprüfung für den Autoführerschein. Zwanzig nach acht muss sie beim TÜV sein, danach in die Schule. Das geht nur mit Muttitaxi. Mein Plan war, in der halben Stunde Wartezeit einzukaufen, aber wegen der Baustelle quer durchs Städtchen kommt das hin. Ich habe also einen Aufenthalt auf dem TÜV Parkplatz. Ein Fahrschulauto mit einem sichtlich angespannten jungen Mann am Steuer fährt gerade los. Ich schicke gute Gedanken und drücke die Daumen. Nach zehn Minuten sind sie zurück. Der junge Mann sieht blass aus und geht mit gesenktem Kopf davon. Schade. Ich nutze die Zeit um in meinem Auto Müll einzusammeln, es lohnt sich. Märzkind hat bestanden – juhu! Dann jetzt schnell zur Schule, dritte Stunde Mathearbeit. Ich bin heimlich froh, dass das nicht mein Tagesprogramm ist.

Aus Gewohnheit gehe ich mit Maske in den Baumarkt. Eine niederländische Familie, die im gleichen Gang steht guckt mich komisch an. Die fühlen sich sichtlich unwohl, neben mir. Erst da fällt mir auf, dass alle anderen keine Maske aufhaben. Soll mir recht sein. Ich nehme sie ab und kaufe ohne weiter ein. Es fühlt sich genauso verrückt an wie der erste Einkauf mit Maske, damals.

Man möge sich doch bitte auf Katastrophen vorbereiten, geht durch die Nachrichten. 10 Tage ohne einkaufen sollte man durchhalten. Das würde gehen, glaube ich. Wobei, ohne Strom wäre blöd. Ein Wasservorrat macht natürlich auch Sinn, das haben wir ja letzten Herbst gesehen, als da dieses Rohr im Keller… aber auf unsere Haushaltsgröße gerechnet wären das nach amtlicher Liste 220 Liter. Wo sollten wir die denn lagern? Andererseits wollen wir natürlich auch nicht die ersten Idioten sein, die nichts mehr haben. Weltfrieden wäre am komfortabelsten.

Ein bei rebuy im Zustand „sehr gut“ gekauftes Mobiltelefon gibt nach einem halben Jahr den Geist auf. Ich schicke es ein, die sagen, kein Garantiefall, wegen nicht sachgemäßer Bedienung. Keine Ahnung was damit gemeint ist. Das Handy hatte keinen Unfall, war keinen Naturgewalten ausgesetzt, nix. Nachfrage im Handyladen. Natürlich kann man das reparieren. Würde 289,98 Euro kosten. Totalschaden. Sehr! Ärgerlich! Schrott hätte ich billiger kaufen können.

Wenn in der Hexennacht auf den ersten Mai vorm Haus Sachen weg gehext und irgendwo im Ort versteckt werden, ist das völlig in Ordnung. Brauchtum. Da muss man eben dran denken, den Kram reinzuholen, oder Maibowle hinstellen, für die Hexen. Wenn Sachen hinterm Haus, im umzäunten Grundstück gehext werden ist das weniger in Ordnung, finde ich. Wenn etwas aus dem Garten mitgenommen wird und nicht mehr zu finden ist – das ist klauen. War nur Gartenkitsch, aber ich mochte den.

Die blauen Briefe wurden verschickt und, ich will nicht angeben, aber ein bisschen stolz bin ich schon, denn ich habe keinen bekommen. Von den 12 Jungs in seiner Klasse sind 6 versetzungsgefährdet, sagt Maikind. In der Paralellklasse sieht es nicht besser aus. Wenn kein Wunder geschieht, wird aus zwei Abschlussklassen mit etwa 18 Kindern, wohl eine mit irgendwas um die 30 Schülern werden.

Ich habe einen neuen Filter im Denken, stelle ich fest. Vermutlich kommt das von der mentalen Überlastung der letzten Jahre. Manche Dinge sind mir so von Herzen egal, dass ich noch nicht mal aus Höflichkeit so tun kann, als würde ich mich dafür interessieren. Die Länge des Rasens in Schwiegermutters Garten beispielsweise und nein, ehrlich gesagt habe ich die Folge vom Traumschiff, in der Wie ein Onkel mitspielt nicht gesehen, weil, ich gucke nie Traumschiff.

Der Liebste hat neue Beete angelegt und Mist von regionalen Biorindern im Garten verteilt. Gemüsepflanzen haben wir in einer kleinen Gärnterei gekauft, mit Beratung. Ich habe die am ersten sonnigen Nachmittag eingepflanzt und schon mehrmals gegossen. Wenn das jetzt nichts wird, betonieren wir die Fläche und streichen sie grün.

Es wird grün und bunt draußen, endlich.

Osterferien 2022

Märzkind steht fröhlich, aber erkennbar müde, neben ihrem Koffer in der Tür.

„Zwei Sachen“, sagt sie „ich hab wahrscheinlich wieder Corona und mein Handy ist kaputt“.

„Hallo Kind, schön, dass du wieder da bist. Komm einfach rein, so ein FFP2-Masken-Gehampel würden wir sowieso nicht nochmal machen, das hat ja nichts gebracht und tja…“

Eine Woche war das Kind mit Freunden unterwegs und wir haben uns alle ein bisschen erholt.


Man muss in der Fastenzeit nicht unbedingt verzichten, man kann auch bewusst Sachen tun, hat de Mudda gesagt. Ich habe also seit dem Märzkind-Geburtstag jedesmal, wenn mir jemand ein Bier angeboten hat und ich nicht mehr fahren musste „ja“ gesagt, um entweder eine ausreichende Trinkfestigkeit zu erlangen, oder den Alkohlkonsum in der Öffentlichkeit einzustellen. Ostersonntag, morgens um halb drei, beende ich dieses Experiment, „nein danke, es ist genug“, trotz Freibier. Der Liebste und ich gehen zusammen mit Märzkind und Pluseinskind nach Hause. Das war ein erstklassiges Osterfeuer, da sind wir uns einig. Es folgt der faulste Ostersonntag aller Zeiten.


Am Ostermontag feiert Brüderchen seinen Geburtstag. Es gibt ein Frühstücksbuffet vom Feinsten. Da findet wirklich jeder was, zwei Stunden wird gegessen. Danach gehts zum Eierwerfen, dann wieder Sofa.

Bis Mittwoch sind alle Eier und Schokohasen aufgegessen. Gut so. Die Süßigkeitenberge vermisst niemand.


Alle Kinder haben schon wieder diese Erkältung. Ärgerlich in den Ferien. Bei den Mädels ist es nach drei Tagen wieder gut, beim Maikind beginnt nahtlos die Pollensaison.


Duschen, anziehen, mit dem Auto einmal ums Städtchen drumherum fahren, weil man wegen Baustelle nicht einfach durch kann – was für ein Aufwand, schwer vorstellbar, dass man sowas früher öfter gemacht hat. Aber, als ich mit Julikind im Kinosaal sitze, sind wir doch beide froh, dass wir uns aufgerafft haben. Ein schöner Film. Daniel Ratcliff kann den Bösen spielen, wer hätte das gedacht.


Man könnte es regelmäßiger machen, dann wäre es vielleicht weniger *wurks* , sagt eine Stimme in meinem Hinterkopf. Sicher. Man könnte seine Steuererklärung auch im Februar schon machen, sage ich. Fürs Protokoll: Waschmaschinendichtungen und Einspülkammern gereinigt, Maschine entkalkt, im April.


Julikind braucht was zum Anziehen für eine Hochzeit. Bei der Gelegenheit nehmen wir das Kommunionskleid mit, dass hier einige Jahre als Prinzessinenkleid im Einsatz war. Da passt niemand mehr rein, aber es ist immernoch gut, Julikind streicht noch einmal mit der Hand drüber, seufzt und übergibt die Tüte an die Dame im Rote Kreuz Laden. Eine Stunde später kommen wir nochmal am Laden vorbei. „Guck mal, was da im Schaufenster hängt“, sage ich. „Ooooohhh“, sagt Julikind. Da macht sich das Kleid viel besser als in unserem Dachbodenschrank.

Julikind hat aktuell drei verschiedene Kleidergrößen am Oberkörper. Klamotten kaufen ist ein bisschen kompliziert.


Post vom Energieversorger. Ab Juni wirds teurer, es sei denn, es wird günstiger, das könnte wohl auch sein, wenn da irgendwas wegfällt, aber wir sollen mal lieber davon ausgehen, dass es teurer wird. Das ist keine Überraschung. Ich rechne nach. In unserem Fall wären das in etwa die Stromkosten eines Monats, die nochmal dazu kämen, wenn denn dann.


„Wann wart ihr denn zuletzt auf einer kirchlichen Hochzeit?“ Da muss ich aber wirklich überlegen. Es ist auf jeden Fall schon länger her. Meine Schwester und ich stehen mitten im Sektempfang und schauen uns die Leute an. Dass man bei einer Hochzeit mal kaum jemanden kennt und nichts muss, ist ungewohnt, aber toll. Bestimmt füllen wir den Single-Tisch auf, vermutet meine Schwester – für sowas sind Cousinen doch da. Die vier Unbekannten, mit denen wir den Tisch teilen sind zwei Pärchen mitte zwanzig. Einer davon sieht so aus, wie Daniel Ratcliff in dem Film, flüstert Julikind mir zu. Tatsächlich. Wir sind der nicht-Schlager-hörende-Tisch, sehr viel näher an der Theke als an der Tanzfläche. Passt. Es gibt Gegrilltes und 6 Meter Salatbuffet dazu, dann Eis aus der Gefriertruhe zum selber nehmen. „Manche meinen ja, da müsse man noch mousse au chocolat servieren, wenn alle sowieso schon voll gefressen sind“ sagt die Tischnachbarin, „aber das ist doch Quatsch“. Finde ich auch. Eine richtig schöne Party.


So, von mir aus kann es jetzt gerne ein bisschen wärmer werden. Ich habe keine Lust mehr auf Hunderunden in Winterjacke.

KW 14/15 2022

Die Nachbarin ist Ü70. Sie schreibt whattsapps wie Briefe. Meine liebe…, Text in ganzen Sätzen, neue Zeile ihr Vorname und der Nachname dargestellt durch das passende Emoji. Das hat was. Schön zu lesen.


Abends um zehn der letzte Blick auf die Vertretungsplan-app. Morgen zur ersten Stunde, seufzt Julikind. Morgens um halb sieben Nachrichten von den Mütterkolleginnen auf dem Handy – erste Stunde entfällt. Die Mathearbeit wurde verlegt, auf irgendwann nach den Ferien, sagt Julikind. In der Paralellklasse sind sieben Kinder positiv zu Hause diese Woche, da macht das keinen Sinn, wegen der Vergleichbarkeit der Ergebnisse, hat der Lehrer gesagt. Letzte Woche waren in der eigenen Klasse sechs Kinder nicht da. Die Deutscharbeit haben sie trotzdem geschrieben, weil, auf was soll man denn warten, hatte die Lehrerin gesagt. Ach, es gäbe da übrigens einen neuen Stundenplan, ob ich den vielleicht irgendwo aufhängen will, fragt Julikind. Nö. Schule ist wie Wetter, wir nehmen es wie es kommt.


Wegen Spritpreisen und Weltrettung schien es eine gute Idee zu sein, dass der Liebste auf dem Heimweg einkauft. Ich müsste ja sonst extra dahin fahren, wo er sowieso vorbeikommt. In der Praxis funktioniert das nicht, stellen wir fest. Ich habe die Bestände eher im Kopf und kaufe manchmal Sachen, die nicht sofort gebraucht werden, einfach, weil ich im Vorbeigehen dran denke. Wenn der Liebste „Filtertüten“ auf der Liste stehen hat und es gibt die in der passenden Größe nicht, ist das für ihn eine Stresssituation. Da wäre ich nicht drauf gekommen. Wir haben übrigens noch welche, ist halt nur die letzte Packung und ich beim Zettel schreiben ist mir das eingefallen… „Das ist schon richtige Arbeit, so ein Einkauf, hat er immer gewusst“, sagt er. Mir war das nicht so klar, aber ja, stimmt schon.


Der Hund bellt, meldet mein Hirn. Egal, da kommen bestimmt gerade Märzkind und Pluseinskind nach Hause, ich schlafe. Kann nicht sein, sagt das Hirn, die übernachten woanders. Es klingelt an der Haustür. Völlig verpennt mache ich Licht und schaue auf die Uhr. OK, wenn es um diese Zeit klingelt, dann muss was passiert sein. Jetzt bin ich wach, aber so richtig. Ich brauche Socken und meine Brille, und ach, ich wünschte, ich hätte ein Shirt ohne Zahnpastafleck drauf an… unglaublich, was man alles denken kann, in zwei Sekunden. Der Liebste ist schon auf halben Weg an die Tür. „Hallo?“ ruft er raus in die Nacht. Eine Minute später kommt er zurück. „Irgendwer ist lachend weggelaufen“, sagt er und knurrt fast, dabei. Ich bin erleichtert. Klingelstreiche Samstag morgen um halb zwei, „möge euch der Blitz der beim scheißen treffen“, denke ich und schlafe wieder ein.


Schnee, Regen, Sonne und wieder von vorn. In zwei Stunden „Aktion sauberer Ortsteil“ erleben wir so ziemlich jedes Wetter, dass dieser April zu bieten hat. Auf der Strecke, die ich mitlaufe finden wir gar nicht so viel. Es kommt trotzdem eine beeindruckende Menge zusammen. Beim Abschluss-Grillen steht man kopfschüttelnd vor dem Berg Müll und fragt sich, was das wohl für Leute sind, die Reifen dieser Größe in den Wald bringen. Das ist doch viel aufwendiger, als sie zum Entsorger zu bringen – mal ganz abgesehen davon, dass man eigentlich im Kindergarten schon lernt, dass man sowas einfach nicht macht.

Soziale Kontakte mit Nicht-Familien-Mitgliedern sind immernoch was Besonderes. Wenn man so läuft, kann man prima tratschen… Die beste Grundschul-Freundin des Märzkindes hat einen Ausbildungsplatz und zieht im Sommer aus. Häuser haben den Besitzer gewechselt, Leute sind gestorben…Die Zeit ist doch weitergelaufen, in den letzten zwei Jahren. Manchmal vergesse ich das.


Vor der Kapelle steht der Bestatter, die Urne ist unter dem Dach aufgebahrt. Außer mir sind nur vier andere Leute da. Beileidsbekundungen. Drei weitere Gäste kommen dazu, das Wetter ist frühlingshaft und dieser Friedhof ist wirklich schön. Wir unterhalten uns, es ist eine angenehme Atmosphäre. Anscheind sind alle da. Der Verstorbene habe eine stille Beerdigung gewünscht, sagt der Bestatter, aber, wenn noch jemand etwas sagen möchte… Alle gucken sich fragend an. Eine Frau zuckt mit den Schultern und sagt in einem feierlichen Ton: „Er war ein Chaot, sein Leben lang.“ Alle nicken und lachen – dieses flüchtige Beerdigungslachen. Die Frau ist die Schwester des Verstorbenen. Und das war wahrscheinlich eine der aufrichtigsten und herzlichsten Grabreden, die ich je gehört habe. Die Urne wird zum Grab getragen, man verabschiedet sich andächtig. 10 Minuten später stehen alle auf dem Parkplatz und unterhalten sich noch kurz. Die Angehörigen erzählen ihre Sicht auf die Dinge und alles puzzelt sich nochmal anders zusammen. Dieses „in aller Stille auseinander gehen“ fühlt sich sonst immer irgendwie seltsam an. Aber diese Feier war eine Runde Sache.


Jetzt Osterferien.