Hat es früher nicht gegeben

Osterkaffee findet im Garten statt, dieses Jahr. Kaum zu glauben, dass es letzte Woche noch geschneit hat.

Die Kleinen sind auf den Spielplatz im Ort verschwunden, die Großen sind an einen Tisch zusammengerückt und genießen die plötzliche Stille.

Es ist doch wirklich schön hier.

„Ja, das ist wahr“, sagt Käthe, „aber es wäre auch schön, wenn sie dafür nicht ihr Nachmittagsnickerchen hätte weglassen müssen.“

Das ist heute aber nun mal so, morgen müssen alle wieder arbeiten, da kann sie zwischen 9 und 17 Uhr so viele Nickerchen machen wie sie möchte, wird ihr gesagt.

Käthe braucht Hilfe im Alltag. Eine Schwägerin ist Alltagsbegleiterin und besucht sie auch beruflich. Eine win/win Situation.

Die Schwägerin erzählt, letzte Woche, kurz nachdem sie im Haus angekommen sei, hat sie von oben ein Rufen gehört: “ Hilfe! Hilfe! Hilfe!“ Da hat sie natürlich alles stehen und liegen gelassen und ist gerannt. Käthe saß im Sessel, mit der Fernbedienung in der Hand, und der Fernseher wollte nicht. Das Problem war schnell gelöst und die Schwägerin ist wieder hauswirtschaften gegangen. Nach etwa einer Stunde kam wieder ein Rufen, leiser, weniger dringend. „Hallooo? Halloooo?“ Da hat sie kurz noch was eingeräumt und ist nach oben. Käthe lag mittem im Zimmer auf dem Boden.

Rund um den Tisch sieht man grinsende Gesichter, fast alle schütteln mit dem Kopf.

“ Das ist nicht witzig,“ sagt Käthe „wenn man so auf dem Boden liegt und gar nicht mehr hochkommt. Das ist blöd. Ich bin ja nun schon öfter hingefallen, aber das man dann nicht mehr hochkommt, nicht mal, wenn man eine Weile wartet, das hat es früher nicht gegeben. Wenn euch mal sowas passiert, dann denkt mal an mich.“

Fußballverletzungen, Hexenschüsse, Wehen… die meisten von uns kennen das Gefühl. Wir geben ihr Recht, das ist wirklich blöd.

Wo wir gerade von „nicht wieder hochkommen“ sprechen fällt mir ein, dass ich gleich noch mit der Omma auf den Friedhof soll. Ob wir denn vorher da vorbei fahren wollen, und schon mal zwei Kannen voll Wasser nach unten schleppen, scherzt der Liebste. Das würde nichts ändern, vermute ich.

Der Friedhof bei uns ist sehr steil, erkläre ich Käthe, die neben mir sitzt. Die Omma ist nicht mehr so gut zu Fuss und braucht auf diesem Gelände ihre Krücke. Sie besteht aber darauf, eine Gießkanne selber zu tragen. Ich nehme dann also die andere Kanne in eine Hand und habe die Omma samt Gießkanne am Arm. Es ist kompliziert.

„Dann musste mal ein Machtwort sprechen“, sagt Käthe. So würde es ihre Tochter immer machen. „Das hab ich schon probiert, es nützt aber nichts. Weißt du, ich bin ja schon die Enkeltochter, auf mich hört sie nicht so.“ „Tja“, erwidert Käthe, „man weiß nicht, wie wir mal werden, wenn wir alt sind.“ „Da hast du Recht, das kann man nicht wissen“, sage ich, und meine es ernst.

Neben mir muss eine Serviette ganz schnell vom Boden aufgehoben werden. Gegenüber nimmt jemand einen Schluck Kaffee, ein anderer hält sich das Handy vors Gesicht – bloß jetzt nicht lachen.

In dieser Runde ist Käthe die Omma. Vor drei Wochen ist sie 99 geworden. Der lebende Beweis dafür, dass Jahre keine gute Masseinheit für Alter sind.

Ach was, den Strohhut muss ihr nicht extra jemand holen, sie leiht sich die Kappe aus. Als alle die Fotoapparate auf sie richten, macht sie sich dann doch lieber unkenntlich.


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