Dekoration

Immer kurz vor Ostern findet hier die „Aktion saubere Landschaft“ statt. Entlang der Fusswege rund um den Ort wird alles aufgesammelt, was da nicht hingehört. Jeder Einwohner ist eingeladen, sich daran zu beteiligen. Alter und Vereinszugehörigkeit spielt dabei Rolle. Man staunt jedesmal wieder, was dabei so alles gefunden wird.

In diesem Jahr ist die Beteiligung recht gering, was auch kein Wunder ist. Es ist saukalt. Nach etwa anderhalb Stunden wird abgebrochen. Aus ein bisschen Schneegriesel ist mittlerweile echtes Schneetreiben geworden, und man sieht den ganzen Schitt eh nicht mehr. Der Abschluss war eigentlich in der Grillhütte geplant, wurde aber spontan in den Vereinsraum der Schützen verlegt, weil, der hat Wände.

Das letzte Mal, als ich in dem Raum war, war darin die Bastelstation irgendeiner Festlichkeit untergebracht. 20 Kinder haben Flitterkram auf irgendwas draufgeklebt. Heute sieht es hier anders aus. Schützen sind ja überwiegend männlich. Entsprechend funktional ist die Einrichtung. Es gibt eine Theke mit drei Barhockern davor, eine Musikanlage und einen langen Tisch mit Stühlen drum. Drei Wände sind in Rauhfaser weiß, eine in Spanplattenoptik. Die Wanddekoration beschränkt sich auf eine Dartsscheibe und den Kalender eines Werkzeuglieferanten.

“ Oh dürfen wir? Dürfen wir? Dürfen wir? Dürfen wir?“ die Kinder deuten auf die Darts Scheibe.

„Joo, ich guck mal was noch an Pfeilen da ist“ der Mann mit dem Schlüssel verschwindet kurz und händigt dann die Pfeile aus.Die Übernachtungsgästin des Julikinds beginnt ein Spiel mit ihrem Klassenkameraden. Gleich beim ersten Versuch landen ihre drei Pfeile ziemlich mittig. Ich staune. Die Pfeile ihres Mitspielers sind alle auf dem Boden gelandet und schnell aufgehoben. Sie steht unter der Scheibe und reckt sich. „Ähm, kannste mal?“ Ja sicher, ich komme schon. Während ich die Pfeile aus der Scheibe ziehe bemerkt sie den Kalender, der daneben hängt.

Miss April trägt eine sehr kurze Hose und kein Oberteil.

„Alter, für was braucht man denn sooo große Busen?“, fragt die Übernachtungsgästin ehrlich interessiert.

“ Na fürs Foto“, antworte ich, „sie ist ja Fotomodell von Beruf, das sieht man doch“. Ich kann nur hoffen, dass das als Erklärung durchgeht.

Ihr Spielpartner hat das Bild jetzt auch wahrgenommen und kommt dazu. Letzen Herbst hat er mir beim Holzstapeln geholfen. Das einzige Kind, bei dem ich keine Angst hatte, dass es versehentlich unter dem selbstgestapelten Holz verschüttet wird. Er kennt sich aus mit Schwerkraft und ist ganz allgemein technisch interessiert.

„Ich glaube, die sind in echt nicht so groß“, es ist der Tonfall eines Handwerkers, der überlegt, wo denn wohl die Leitungen lang laufen, „das sieht nur so aus, weil die die Hände hinterm Kopf hat“. Zur Verdeutlichung legt er eine Hand in den Nacken und drückt die Brust raus.

Währenddessen ist ein weiterer Junge dazu gekommen. Er beobachtet die Vorstellung einen Moment, beißt von seiner Bratwurst ab und kommentiert dann mit vollem Mund. „Die müsste sich mal lieber die Hose zumachen, die rutscht ja schon.“ Die drei denken einen Moment schweigend. Dann flüstert der mit der Bratwurst verschwörerisch: “ Wollen wir uns heimlich einfach noch ein duplo nehmen?“

Ich unterdrücke mit Mühe ein Schmunzeln. Hätte nicht gedacht, dass ich so leicht aus der Nummer rauskomme. Es ist doch wirklich angenehm, dass noch nicht alle Pubertät haben.



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