Dunkelziffern

Die Hundenase stupst sanft gegen mein Kissen, ein Blick auf die Uhr, kurz nach acht. So weit ist es schon. Normalerweise meldet der Hund spätestens um sieben unmissverständlich, dass es Zeit zum Aufstehen ist. Wir sind also angekommen, in der Situation.

24-72 Stunden sollte es dauern, bis das Ergebnis vom PCR-Test kommt. Montag vormittag war der. Es ist Mittwoch. Der Liebste hätte morgen Frühschicht. Es geht ihm gut, die Symthome am Montag, dass war wohl nur eine Mischung aus Müdigkeit und nervlicher Anspannung, sagt er. Ach was, denke ich. Naja, das Ergebnis wird wohl im Lauf des Tages kommen und er macht jetzt mal einen Schnelltest, damit die Kollegen planen können. Der Schnelltest zeigt recht schnell ein beeindruckend eindeutiges Ergebnis. Positiv. Da gucken wir aber doof. Dann mache ich auch mal einen Schnelltest. Jo. Nicht ganz so schnell aber genauso eindeutig. Positiv. Es fühlt sich an, als hätte jemand bei einer Marionette die Fäden fallen gelassen. Die Kopfschmerzen kommen also nicht vom Sauerstoffmangel unter FFP2 Maske, diese bleischwere Müdigkeit ist nicht einfach Schlafmangel. Das ist alles jenseits von normal. Ich gehe jetzt aufs Sofa. Und, ganz ehrlich, ich kann heute nicht mit dem Hund. Ich überlege, wen ich anrufen kann, deswegen. Ach was, sagt der Liebste, mit dem Hund geht er selber. Man begegnet doch sonst auch nie jemandem, morgens im Feld, bei dem Wetter.

Maikind kommt rein. Die Lage hat sich geändert, wir können eventuell das Hygienekonzept weglassen, aber zuerst muss er mal einen Test machen. Maikind ist negativ. „Ähm, dann darf ich jetzt doch sicher in seinem Zimmer essen? Oder?“ Ja bitte. „Herrlich“, sagt er. „Samma, was machst du da oben eigentlich die ganz Zeit? Bist du Ironman, oder so?“, ich kann mir das nicht erklären. „Wär möglich“, murmelt er und verschwindet. Mittagessen wird in der Küche hingestellt, Maikind kommt über den Flur, nimmt sich seine Portion und geht wieder ins Zimmer. Wir anderen essen gemeinsam am Tisch. Die Töpfe holen wir, wenn wir Maikind auf der Treppe hören. „Der genießt das so richtig“, sagen die Mädels. Wahrscheinlich haben sie Recht.

Am nächsten Morgen morgen ist das Maikind auffallend blass. Er bräuchte mal eine Halstablette, sagt er. Schnelltest. Positiv. Wir können alle wieder an einem Tisch essen. Ob wir denn nicht zum PCR-Test wollen, fragt das Märzkind. Nö. Die anderen beiden warten immernoch auf ihr Ergebnis. Wir sind geboostert, es macht keinen Unterschied. Da sparen wir uns die anderhalb Stunden anstehen.

Die Außenwelt kümmert sich um uns.

Am Donnerstag, also eine Woche nach dem ersten positiven Test kommt die offizielle Quarantäne-Anweisung per Post. In gepfeffertem Amtsdeutsch steht da – etwas ganz anderes als mir am Telefon gesagt wurde. Es passt aber zu dem, was man dem Märzkind gesagt hat. Und mittlerweile ist es auch völlig in Ordnung, dass die beiden Geschwisterkinder 4 Tage länger in Quarantäne sein werden, als das positiv getestete Kind, wegen dem das Schreiben kommt. Genesenenausweis fürs Märzkind gilt von Mitte Februar bis Mitte April. Hätte sie die Booster-Impfung wahrnehmen können, wäre sie für den Rest des Jahres raus gewesen, aus dieser Nummer. Das nervt.

Am Freitag kommt eine Mail mit Mathe-Hausaufgaben für das Julikind. Der Lehrer entschuldigt sich, dass das so lange gedauert hat, die aktuelle Situation… Kein Ding. Er ist der erste. Außer dieser Mail ist rein garnichts gekommen von der Schule.

Nach 192 Stunden liegt noch kein Ergebnis des PCR-Tests vor.

Ich gebe es ungern zu, aber wir sind jetzt mental an einem Punkt, wir würden die freiwillig Ungeimpften opfern.

Die Schule schickt eine Mail. Weil das mit den PCR-Tests gerade nicht so richtig funktioniert gilt ab jetzt folgendes: Positiv getestete Kinder dürfen am 7.Tag nach dem Test wieder zur Schule kommen, wenn sie einen frischen negativ-Test aus einem anerkannten Testzentrum vorlegen können. OK. Damit kann ich arbeiten.

eine Prise Chaos

Märzkind wurde von der Arbeit nach Hause geschickt, sagt sie am Telefon. Ohoh. Nee, der Test war negativ, heute morgen, aber so ein bisschen Schnupfen hat sie schon. Die Hausarztpraxis fragt Symthome ab und schreibt für zwei Tage krank, ohne den Schnupfen gesehen zu haben. Bauchfreie Pullis im Dezember, ich hatte es ja gesagt.


Das Maikind hat Damenbesuch. Eine Freundin. Nicht seine Freundin. Ich hätte das so direkt gar nicht gefragt, aber gut, weiß ich bescheid. Als ich von der Hunderunde zurück komme sitzen die beiden im Esszimmer und spielen ein Brettspiel. Ungewohnt, aber erfreulich. Das Maikind wohnt seit Wochen nur in seinem Zimmer vor sich hin.


Jetzt hat er nicht nur alle Telefonnummern von seinem Chef, sondern auch die vom Chef vom Chef. Der Liebste murmelt. Normalerweise hätte er zwischen den Jahren frei gehabt. Normal wurde abgeschafft. Liegen bleiben kann da nichts, bis nächstes Jahr, die sind gerade kritische Infrastruktur. Dienstplan-Mikado. Zwei Schichten werden es unter dem Strich. Das hätte schlimmer kommen können.


Ich gucke ja gern mal einen Märchenfilm mit. Mal. Einen. „Da hatte der Niklaus echt ne gute Idee“, sagt das Julikind mit einem wissenden Lächeln. Cinderella und die Schöne und das Biest, als Doppel-DVD hat er gebracht, die Spielfilme mit den tollen Ballkleidern, nicht die Disneyversionen, die nach knapp 90 Minuten zu Ende sind. Wir schauen beide, Samstag Abend und Sonntag vormittag. Am Nachmittag guckt das Märzkind Cinderella im Wohnzimmer, sie war heute morgen nicht da und hat keinen DVD-Spieler. Der Nikolaus überlegt, am Abend Machine Gun Preacher zu gucken, für´s innere Gleichgewicht.


Vierter Advent schon? Das ging aber schnell dieses Jahr. Der Liebste kocht. Aber so richtig. Vier Stunden ist der Vogel im Ofen, wir essen mit Genuss. Danach vorweihnachtliche Fressstarre.


Der Liebste und das Märzkind besorgen ein Baum. „Und? Ist es denn der Schönste?“, frage ich das Kind. Sie macht ein Geräusch und winkt ab. In Anbetracht der Umstände ist es der schönstmögliche, sagt der Liebste. Wir haben nun mal keinen Wintergarten und keine Galerie….und es sollen 12 Leute sitzen können, Heilig Abend, wenn denn dann.


Ein lang erwarteter Arzttermin mit dem Julikind. Hoffnung auf Besserung ist realistisch. Freude und Dankbarkeit.


Ach, übrigens, er holt dann morgen seine Mutter aus der Klinik wieder ab, sagt der Liebste. Das waren drei Tage weniger, als ursprünglich angenommen. Erfreulich, hoffentlich.


Ich probiere ein Plätchenrezept aus dem hundert Jahre alten Flohmarkt-Kochbuch aus. Die Angaben sind etwas schwammig formuliert. Ich bin mir unsicher, ob das so hinkommt und reiche dem Märzkind eine kleine Portion rohen Teig. „Booaar, das brauchst du nicht zu backen, das ess ich so“. OK. Ich backe sie trotzdem, bei mittlerer Hitze, bis sie braun sind. Nach Belieben, quasi.

Kalorienangaben gibt es keine, in dem alten Buch. Man geht davon aus, dass die Leute danach sowieso Holz hacken müssen, oder so.


Es ist kälter geworden. Aber dafür wird es morgens merklich heller. Sonne, blauer Himmel! Ich hatte schon fast vergessen wie sich das anfühlt, nach den vielen, vielen Hunderunden durch dichten Nebel.


Die Schultage sind mit Maske eh schon anstrengend, die letzten Wochen waren zusätzlich noch vollgepackt mit Arbeiten in so ziemlich allen Fächern. Die Kinder sind ferienreif. Bis zum letzten Tag waren die Schulen auf. Hätte ich nicht gedacht. Sie sollen eine große Tasche mitbringen, „damit sie über die Ferien alles mit nach Hause nehmen können“. Die politsch korrekte Umschreibung für „niemand rechnet ernsthaft damit, dass es im Januar einfach so wieder los geht“.


Wenn der Dorftratsch stimmt, lesen zwei Quarantänehaushalte mit. Herzliche Grüße! Wir drücken euch die Daumen! Ich habe leider zum Glück keine Ahnung, welche wir Hilfe anbieten könnten. Morgen muss ich auf jeden Fall nochmal ins Städtchen…

Schöne Ferien, euch allen!

Advents-Start 21

„Wir hatten wenig Besuch in letzter Zeit, oder kommt mir das nur so vor?“, überlegt das Maikind beim Abendessen. Das kommt ihm nicht nur so vor, es ist so. Die Coronazahlen im Moment, man will sich gegenseitig nichts bringen… Oh, ach so, sagt er.

Das Robert Koch Institut, die Wissenschaftler der Leopoldina, alle bitten uns eindringlich Kontakte zu reduzieren, wo immer möglich. Ich höre und verstehe das durchaus. Gleichzeitig nehme ich die Stimmung der Kinder wahr. Kontaktreduzierungen sind uns nicht mehr möglich. Corona fressen Seele auf.

Solange Sport stattfinden darf gehen die Kinder hin, fertig. Das Märzkind ist auf eine Geburtstagsfeier eingeladen. Mir ist ein bisschen mulmig, aber ich sage nichts. Brauch ich auch nicht. Es sind nur ganz wenige eingeladen, alle geimpft und heute morgen getestet. Niemand möchte Lockdown mit Eltern riskieren.


Halsschmerzen beim Maikind die ganze Woche. Samstag dann schlimm genug für den hausärztlichen Notdienst. Ich werde gebeten, draußen zu warten, er ist ja schon groß. Zum Glück geht es erfreulich schnell, auf im Auto warten bei null Grad war ich nämlich nicht vorbereitet. Ein blaues Rezept hat er bekommen und den Rat, etwas kaltes zu essen. Jo, gut, dann ist es nicht so schlimm wie befürchtet und er kann Montag wieder in die Schule?, frage ich ihn. Woher soll er das wissen?


Die Uroma ist nicht geimpft. An irgendwas muss sie ja mal sterben, hat sie gesagt. Tja. Da hat sie wohl recht. Mit ihren 101 Jahren ist sie durchaus noch interessiert und informiert, das kann sie selber entscheiden. Aber: Was machen wir denn jetzt mit Weihnachten? Die Chance, dass sie nächstes Jahr noch da ist, ist 50:50, egal was wir tun oder lassen. Das Ganze mal etwas drastischer zu fomulieren hilft bei der Entscheidungsfindung. Wir können es uns mental nicht leisten, das irgendwer aus unserem Haushalt zum gefühlten Todesengel wird.

Vorsichtig erkundige ich mich bei der Schwägerin, wie deren Weihnachtsplan aussieht, wir hätten da eine leichte Tendenz in Richtung „so wie letztes Jahr“. Es dauert keine fünf Minuten, bis ich eine Antwort bekomme. Bei ihnen ist es genauso, „geht net anners“, machen wir uns nichts vor. Ich bin erleichtert, wir werden nicht die einzigen sein, die nicht hingehen. Der Rest wird sich finden.


Eine Hunderunde zusammen mit `m Vatta. Wir haben uns irgendwie länger nicht gesehen und tratschen, schlimmer als beim Seniorencafe. Ich weiß von einer Schwangerschaft und einer Verlobung im Bekanntenkreis. Er berichtet, dass sich jemand freiwillig hat einweisen lassen, wegen was psychischem. Hach, das war aber nett, da haben wir aber beide gleich beim Frühstück was zu erzählen, zu Hause.


Hallo Haus. Nur mal angenommen die Baumärkte würden für zwei Wochen schließen, was würde dir denn als erstes Fehlen? Tropft, quietscht, klemmt oder rostet irgendwo was Dringendes? Sieht nicht so aus.


Ich gehe trotzdem in den Baumarkt, weil ich eine halbe Stunde Wartezeit habe. Das Märzkind hat gerade so eine Duftkerzenphase, es wäre gut, einen Feuerlöscher im Haus zu haben. Es gibt welche mit Pulver und welche mit Schaum drin. Worin besteht denn der Unterschied? Ich frage nach.

Fachverkäufer: „Was möchten Sie denn löschen?“

ich: „Naja, ich plane nichts Konkretes. Sagen wir einfach mal, einen Weihnachtsbaum?“

Fachverkäufer: „Haha, einen Weihnachtsbaum, das ist gut, dann rate ich Ihnen zu diesem hier“

Ich nehme mittelgroßen Feuerlöscher entgegen.

Der Fachverkäufer hält einen Moment inne. „Sie meinten doch einen normalgroßen Baum in einem normalgroßen Haus, oder?“

ich: „Ja sicher, alles normal“

Fachverkäufer: „Dann ist der richtig“.

Der Liebste möchte zu Hause wissen, warum ich mich für diesen Feuerlöscher entschieden habe. Weil das der Richtige ist, natürlich.


Wann ich denn mal wieder einkaufe, fragt de Omma, verdächtig vorsichtig. „Ich kaufe jede Woche ein, was brauchste denn?“ Sie hätte da eine Liste mit Dingen, die sie zum Backen braucht. Der Vatta kauft für sie ein, normalerweise, das macht der auch gut und sie ist ja froh, aber mit dem Einkauf von Backzutaten möchte sie ihn lieber nicht behelligen. Den Vatta graust es vor dieser Liste, das weiß ich. Puderzucker, Zuckerstreusel, Orangeat, Zitronat, alles kein Problem, ich finde das, versichere ich der Omma.


Der erste Schnee fällt und schmilzt am gleichen Tag. Macht nichts, das gilt. Es hat geschneit. Der Liebste hat Spätschicht, auf was sollen wir warten? Julikind und ich gucken „Drei Männer im Schnee“ und teilen uns einen Mandelnougatriegel dabei. Der Film ist so alt, die Leute hatten damals noch gar keine Fernseher. Nach ein paar Minuten vergisst man aber, dass die Farben fehlen. Als der Abspann läuft krabbelt das Julikind unter der Wolldecke hervor. „So“, sagt sie, „dann ist es jetzt Advent“.

Normalbetrieb

„Ach, ist Dienstag heute“, denke ich im vorbeigehen. Die Tonnen stehen an der Straße, morgens um halb sieben. Außerdem sind die Badezimmer- Bodenfliesen neu verfugt, richtig gut sieht das aus. Es war natürlich nie so gedacht, dass das wochenlang ohne… verfugte Fliesen im Bad sind im Alltag viel praktischer als unverfugte, da sind wir uns alle einig. Das Auto wurde aus der Werkstatt geholt, hat TÜV und Winterreifen, Getränke stehen in der Garage. Alles einfach so. Der Liebste ist wieder auf den Beinen. Freude und Dankbarkeit! Es fühlt sich fast wie Urlaub an.


Das Julikind kommt fröhlich vom Kickboxen. Der Zeh ist noch nicht richtig gut, aber es ging. Und, da hatte ich doch recht, sagt sie, es geht ihr tatsächlich besser als vorher. Dachte ich mir. Einmal die Woche braucht es das. Selbstverteidigung war heute dran. Die Techniken sind für Gefahrensituationen gedacht, und sollen im Alltag nicht angewendet werden, Ehrensache. Aber, sie wäre bereit eine Ausnahme zu machen und bietet dem Maikind an, ihm mal zu zeigen, was sie gelernt hat, nur zum Spaß, natürlich. Er lehnt dankend ab.


Das Märzkind hat den Praktikumsbericht fertig gestellt und abgegeben. Das trägt auch zur allgemeinen Entspannung bei. Erstmal.

12 Punkte hat sie drauf bekommen, sagt sie. 12 Punkte, ääähm, das ist ne zwei, ist doch gut. Nee, ist es nicht. 13 hatte sie angepeilt, mindestens. Abzüge gab es wegen einer angeblich fehlenden Quellenangabe und für Abschnitte, in denen garnichts angestrichen war. Auf Nachfrage meinte die Fachlehrerin das ihr das „insgesamt irgendwie nicht gefallen habe“. Dazu fällt einem doch nichts mehr ein. Soll sie als Quellenangabe jedesmal „mein Gehirn“ schreiben, wenn sie selber von sich aus was weiß?, das kann doch wohl nicht sein.

Tja, sage ich, dann bist du wohl bei dieser Lehrerin in diesem Halbjahr der Arsch vom Dienst. Das ist blöd, leider passiert einem das manchmal im Leben, ohne das man dafür etwas kann. Der Bericht war klasse, ich habs ja gesehen. Aber – ich bin keine von den Müttern, die hingeht und wegen einer 2 nörgelt. Das weiß sie doch, sagt das Märzkind, das würde ja auch sowieso nichts bringen. Beim nächsten Bericht peilt sie von vornherein zwölf Punkte an, mehr ist eben nicht drin, da kann sie sich den Stress sparen. Und die Lehrerin, die hat sie gefressen, aus diesem Grund und noch ein paar anderen….

Siehe da, im Internet finde ich eine Lösung für Probleme dieser Art: Ein Tierheim, irgendwo in den USA ist bereit, gegen eine Spende von 5 Dollar, Vornamen von missliebigen Personen auf den Boden von Katzentoiletten zu schreiben. Man bekommt sogar ein Foto mit niedlichem Kätzchen daneben. Das könnte sie der Lehrerin ja dann als Weihnachtskarte…Soll ich mal gucken, ob ich in Dollar überweisen kann? Nee, brauch ich nicht, die Oma hat ja ne Katze und einen Edding hat sie selber, sagt das Märzkind.


Coronageschichten am Küchentisch

Der Triathlet berichtet: Drei aus dem Team hatten sich nicht impfen lassen, weil sie gehört hatten, dass es nach der Impfung Leistungseinbrüche geben könne. Seit dieser Woche dürfen die drei nicht mehr ins Schwimmbad, wegen 2G. Alle anderen dürfen normal weitertrainieren. Da wird man dann im nächsten Frühjahr sehen, wie sich das auf die Leistung auswirkt.

Der Nebenerwerbs-Cafe-Besitzer hat das letzte Wochenende erstmals mit 2G-Regeln bestritten. Rein durften nur Genesene, vollständig Geimpfte und Kinder. Am Eingang musste er die Leute kontrollieren. Das geht mit der App ganz einfach. Aber, Sachen hat er sich anhören müssen, schön war das nicht. Er hofft, dass es sich rumspricht, dass hier die Regeln eingehalten werden. Es gibt durchaus Gäste, die das gut finden.

Das Märzkind berichtet, dass so ziemlich alle AS-Taxi-Fahrer ungeimpft sind. Deren Argument: „Mal ganz ehrlich, wenn es nicht ständig im Fernsehen laufen würde, wieviel hätte man denn selber mitbekommen, von diesem Corona?“ Tja, da hat sie gedacht, das stimmt schon ein bisschen, denn sie kennt eigentlich auch keinen, der es richtig schlimm hatte. Ähm, ja. Das spricht aber in meiner Welt eher für diese ganzen Schutzmaßnahmen, denn genau das ist doch der Sinn. Die spanische Grippe hat gut ohne Fernseher und soziale Medien funktioniert, die Pest auch. Ich wappne mich innerlich für den Zusammenbruch des öffentlichen Nahverkehrs nach 16 Uhr und an Wochenenden. Wenn die AS-Taxi-Fahrer ausfallen sollten ist Muttitaxi die einzige Alternative.


Die Inzidenz liegt bei 155. Ich mache mir einen Frisörtermin für den 15. Dezember und stehe danach noch einen Moment nachdenklich vor dem Kalender. Hoffentlich hab ich nicht zu hoch gepokert.

Angedacht ist der Beginn der Weihnachtsferien in Hessen am 23. Dezember. Ich tippe auf Ferienstart am 20. Dezember.

KW44/2021

Märzkind ist auf einen Geburtstag eingeladen. Sie fährt dann in einer halben Stunde und bräuchte noch ein Geschenk. Ähm, ja. Ein bisschen verhuscht laufe ich durchs Haus. Geschenk in einer halben Stunde habe ich doch früher dauernt gemacht. Wieso fällt mir das denn auf einmal so schwer? War in diesem Jahr überhaupt schon irgendwer auf einem Kindergeburtstag eingeladen? Ich glaube nicht. Normalerweise bestreiten wir etwa 28 Kindergeburtstage im Jahr. 28 gesparte Geschenke, wo ist eigentlich das ganze Geld? Im Heizöltank, sagt der Liebste.


Morgens um halb sechs steht der Hund bei mir vorm Bett. Allerhöchste Zeit zum Aufstehen, sagt er. Er weiß nichts von Zeitumstellung und Wochenende.


Ich freue mich über die bunten Blätter. Die Herbstfarben haben mir gefehlt, in den beiden Dürrejahren. Das Fegen eher weniger.

Ein Laubbläser-Geräusch am Montag morgen. Die letzten beiden Wochen hatte ich halbherzig den Bürgersteig ein paar Meter weit gefegt, soweit, wie ich halt abends mit dem Hund noch gehe, in Latschen. Die Straße nicht. Die sah aus wie ein riesen Komposthaufen. Vier Leute arbeiten drei Stunden. Wow! Wenn mal acht Wochen lang garnichts gemacht wird, weiß man das hinterher wieder anders zu schätzen. Vielleicht soll das so.


Jacke aus, Schuhe aus, Maske in den Müll, so könnte das gehen. Man kann die Masken aber natürlich auch in die Jackentasche stecken oder in die Sporttasche, in die Mützenkiste, auf dem Rücksitz liegen lassen, unter die Sonnenblende stecken oder ins Autotürfach, man kann sie in die Ritze zwischen Bett und Matratze klemmen, auf die Kommode legen oder in einen Schuh reintun…


Ein Telefonat zum Thema Rettungswagen, letzte Woche. Das hat jeder aus einer anderen Perspektive mitbekommen. Zusammengetragen ergibt sich ein neues Bild. Wenn in so Lebensgemeinschaften einer wegbricht, und sei es nur für ein paar Tage, sieht man mal, wie das große Ganze eigentlich funktioniert. Wir schalten Seniorenbeobachtungs-Level 2 frei: Austausch von Neuigkeiten, die im Notfall gebraucht werden könnten.


Die Arbeitslehre-Lehrerin vom Maikind macht Stress. Schüler-Praktikumsplatz für Ende März nächstes Jahr, hex hex.


Auto ist nicht durch den TÜV gekommen. Zum Glück nur Kleinigkeiten.


Der Fuss des Liebsten, da ist doch irgendwas nicht richtig. Ich könne ja beim Arzt anrufen, wenn ich meine, dass das nötig ist, sagt er, aus seiner Sicht ist alles tutti. Ich beobachte das schweigend einen weiteren Tag und mache dann einen Termin.

„Und?“ frage ich, als er wieder ins Auto einsteigt. „Du hattest recht“, sagt er. Verheiratete Männer leben länger, wegen sowas, vermute ich. Sagen muss ich das nicht, ich kann so gucken.


Eine Trennung im Freundeskreis. Ein Telefonat, wie nach einem Trauerfall. „Oha, ja, Weihnachten. Da ist es wahrscheinlich egal, was du machst. Weihnachten wird richtig scheiße, dieses Jahr.“ Am anderen Ende des Telefons wird einmal kurz gelacht. Ich entschuldige mich. Ich bin kein guter Motivationstrainer. „Immerhin fällt dir was ein, was man sagen kann, in solchen Fällen“, sagt der Liebste. „Und es ist ja so“, sagt die Stimme am Telefon, „schöne Worte helfen auch nicht“.


Alles in allem würde ich sagen, der November hat noch Luft nach oben.

KW 43/2021, oh oh & ein leises hohoho

Der Apfelsaft steht schon etwas länger in der Küche. Ich wollte ja sowieso mehr trinken, das ist doch eine gute Gelegenheit. Ich gieße mir den letzten Schluck mit Wasser auf und trinke noch vor dem wachwerden ein großes Glas Apfel….wurks. Beim vorletzten Schluck wird mir klar, so sollte es nicht schmecken. Eine sauer gespritze Schorle, Montag morgen um viertel nach sechs. Willkommen, neue Woche. Gut, dass ich das nicht in die Flasche vom Julikind gefüllt habe.


Der neue Klassenkamerad ist ein alter Bekannter, sagt das Maikind. Och nö.


Dieses Kapitel soll sie zusammenfassen, sagt das Julikind. Aber – ganz ehrlich – sie hat keine Ahnung, was da wichtig ist. Ich biete an, ihr das Kapitel nochmal vorzulesen, vielleicht kann sie es dann besser verstehen. Nein. Ich auch nicht. Wer bis jetzt noch gern gelesen hat, dem wird es mit dieser Schullektüre sicher vergehen. Das Buch stammt aus der Mitte der neuziger Jahre und wurde lieblos aus dem französischen übersetzt, Sätze schlängeln sich über fünf Zeilen, ohne irgendeine erkennbare Aussage. Sowas muss nicht reformiert oder digitalisiert werden. Das kann einfach weg, finde ich.


Das Julikind wollte ins Kino, am Samstag. Da braucht man einen aktuellen negativen Coronatest, wenn man nicht geimpft ist. Mit elf ist man nicht geimpft. Ich habe einen Termin im Testzentrum gebucht, der wurde mir per email bestätigt. Samstag morgen stellen wir fest – das Testzentrum gibt es nicht mehr. Da ist niemand, am genannten Ort zur vereinbarten Zeit. Planung wird kurz durcheinander geworfen. Das Julikind kommt sich „jetzt aber schon ziemlich verarscht“ vor.

Es wurde ein Testzentrum gefunden, dass samstags ohne Termine testet und sie haben es rechtzeitig geschafft. Aber, es war doch blöd genug, dass ich nachmittags eine Antwort auf die Bestätigungsmail vom Rathaus schreibe. „Herzlichen Dank für Nichts“ mit freundlichen Grüßen. Eigentlich nur für meine seelische Gesundheit, ich hatte keine Reaktion erwartet.

Montag nachmittag steht der Bürgermeister bei uns vor der Tür. Er entschuldigt sich beim Julikind. Sie bekommt erstmal eine Tüte Süßigkeiten und Kinogutscheine wird man ihr zuschicken. Als die mail auf seinem Tisch gelandet ist, habe er erst gedacht, da regt sich wieder einer auf, aber als er dann die Bestätigungsmail gesehen hat, das ist ja wirklich blöd gelaufen. Vielen Dank, dass ich mich gemeldet habe. Ich war die erste, die was gesagt hat. Das Testzentrum sei ja schon seit drei Wochen zu und sie haben alle links von ihrer Seite runtergenommen. Wie ich denn an diesen Termin gekommen sei? Über die Seite vom Kreis, das war ganz einfach. Oh ha, dann wurde da etwas übersehen. Eine Kleinigkeit eigentlich aber, man kann man nur hoffen, dass nicht allzu viele Leute Termine gebucht hatten und jetzt sauer sind, ohne was zu sagen.

Da hat sich das Nörgeln ja mal richtig gelohnt. Eine ganz ungewohnte Erfahrung. Wir freuen uns.


Ich höre einen Rettungswagen. Er fährt an unserem Haus vorbei, und kommt zurück? Das Geräusch hört auf. Ich wollte gerade mit dem Hund raus, ein Blick aus der Haustür – oh, oh. Die parken bei uns und gehen zum Nachbarhaus. Da gibt es nur zwei Möglichkeiten, und wenn einer von beiden einen Arzt braucht, sind bestimmt beide in Not. Ich greife im Gehen ein Maske und informiere den Liebsten, dass ich erstmal drüben gucke, der Hund muss warten. Zum Glück muss ich nichts weiter tun. Die Nachbarin hat alles im Griff. Ich gehe wieder. Rettungseinsätze haben keinen Unterhaltungswert für mich.


Eine Ladung Apfelmus haben wir eingekocht. Ich staune, wie schnell das ging. Naja, der Liebste hat den ganzen Korb Äpfel alleine geschält, während ich draußen Sachen erledigt habe, daran könnte es gelegen haben. Es ist richtig lecker geworden. Während wir so zu dritt in der Küche stehen und unsere Schüsselchen aus dem 10 Liter Topf füllen, ergibt sich ein Gespräch.

Wir schließen ein Abkommen zur kalorienreduzierten Vorweihnachtszeit. Es wird Gebäck geben, aber nur jeweils eine Teller voll, wenn alle, dann weg. Ich hatte Bedenken, das könnte ungastlich sein. Ach was, sagen die anderen, Plätzchen sind hier so lecker, da kann man nicht aufhören und die Gäste wollen doch eigentlich auch nicht fett werden.


Als ich sagte „ich wechsele keine Winterreifen“ meinte ich, dass ich nicht einen Nachmittag lang mit Wagenheber und Drehmomentschlüssel in der Scheune verbringen möchte. Die Reifen ins Auto laden, damit irgendwo hin fahren, wo es eine Hebebühne und ein Schrauberteam gibt, das die Reifen aus dem Auto ausläd, innerhalb weniger Minuten tauscht und die Sommerreifen wieder ins Auto packt, das würde ich wohl machen. „Ach sooo“, sagt der Liebste. „Hä?“ sage ich, weil mir gerade erst klar wird, dass wir da aneinander vorbei geredet haben.


Warum ich ihn eigentlich seit neustem 10 Minuten später wecke, möchte das Maikind wissen. Tue ich nicht. Ich richte mich nach Küchenzeit. Wenn ich da um 6.58 Uhr losgehe komme ich um 7.10 Uhr in seinem Zimmer an. So groß ist das Haus nicht, da passt irgendwas nicht. Ich stelle mich auf den Flur und bitte alle, mir die Uhrzeit zuzurufen. Es gibt Differenzen von insgesamt 12 Minuten. Faszinierend, dass sie alle den Bus erwischt haben, sagt das Maikind. Wir lassen das erstmal so. Sonntag wird sowieso die Uhr umgestellt.


Weihnachtswünsche abgefragt. Sachen gedacht. Rumgegoogelt. Liste geschrieben. Hohoho. Mögen die Spiele beginnen.

September 21, Halbzeit

Offensichtlich muss immer erst eine bestimmte Menge an chaotischem Zeug zusammenkommen, bevor es wieder besser werden kann. In dieser Woche wurde es zum Glück besser.


Der ganze Haushaltskram hat einen neuen Rythmus gefunden. Die Kinder haben sich die zusätzlichen Aufgaben so untereinander verteilt, dass man weiß, wer was wann macht, oder hätte machen sollen. Es ist doch einiges, was der Liebste sonst erledigt, ohne dass da groß drüber gesprochen wird.

Getränkekisten schleppe ich genauso ungern durch die Gegend wie Holz, habe ich festgestellt. Auf gut Glück schreibe ich, während ich auf das Julikind warte eine Nachricht in die Familiengruppe. Jemand soll schon mal den Tisch decken und jemand muss gleich die Getränkekisten aus dem Auto in die Garage räumen. Als wir nach Hause kommen steht tatsächlich alles fürs Abendbrot bereit. Das Pluseinskind geht an mir vorbei nach draußen. Ich gucke fragend. Er guckt auch fragend. Ich hätte doch gesagt, sie können sich aussuchen, wer was… das Maikind wollte lieber Tisch decken und er macht dann gerade mal das, was er sowieso immer macht… Ah so, sicher, gerne, Auto ist auf. Ich sage „dankeschön“, er sagt „aahhwas“. Das Pluseinskind arbeitet als Leergutautomat. 6 Kisten, sind „pffffff“, sagt er, und macht so eine abwinkende Handbewegung.

Der Liebste erhält volle Anteilnahme aus dem Freundes und Kollegenkreis. 6 Wochen nur auf dem Sofa liegen, so garnichts machen dürfen. Wirklich nichts, weil, er kann ja ganz offensichtlich nicht, meine Güte, dass will man sich garnicht vorstellen, man würde verrückt werden. Ähm ja, so gesehen ist mein Alltag gerade wie Ponyreiten im Sonnenuntergang. Ich kann alles und muss überhaupt nicht auf dem Sofa sitzen.


Ich habe in einer Woche eine ganze Tankfüllung verfahren. Das habe ich, glaube ich, noch nie.


Die Schule findet allmählich wieder in den Alltag. Diese Woche gab es den dritten Stundenplan. Beim Maikind bleibt es bei zwei kleinen Klassen. Freude! Es sah kurz so aus, als müsste man aufgrund von Lehrermangel eine große Klasse daraus machen. Theoretisch wäre das möglich gewesen. Praktisch ist es aber so für alle viel schöner.


Ich gebe zu, ich hatte da keinerlei Hoffnungen mehr. Umso mehr freut es mich, ja, fast habe ich das Bedürfnis, zur Feier dieses Ereignisses ein Piccolöchen zu öffnen. Im 17 Monat der Pandemie, nach nur zwei Schulschließungen, erhalten alle Lehrer*innen dienstliche Mailadressen. Man kann also, ohne vorherige Recherche, einfach so, nicht nur die Klassenlehrer, nein, sogar Nebenfachlehrer kontaktieren, wenn man das denn möchte. Das sowas geht.

Leider, erfahre ich auf dem Elternabend, sind diese Mailadressen so dermaßen sicher, das der Vorgang des Einloggens mehrere Minuten in Anspruch nimmt, vom Mobiltelefon aus sogar unmöglich ist. Kommunikation über die bisher genutzten privaten Mailadressen ist nicht mehr erlaubt. Man bittet um Verständnis, dass sich dadurch die Reaktionszeit entsprechend verzögert. Die versammelten Eltern entscheiden, dass wir alle ausreichend befreundet sind, um diesen whattsappchat mit Klassenlehrer solange weiter zu betreiben, bis es amtlich verboten wird. Datenschutz. Als ob die Leherer*innen nicht sowieso mitbekommen würden, was so los ist, bei den Blagen.

Es wurden neue Codes für die offizielle Lernplattform generiert. Yeah! Da hätte das Maikind dann im Ernstfall, von dem wir natürlich nach wie vor hoffen, dass es dazu nicht kommt, tatsächlich eine Chance sich wieder in Online-Unterricht einzuloggen. Nach drei Wochen Totalausfall im Mai.


Bienenfutter ist ausverkauft. Überall, in der echten Welt. Das ist blöd. Verschiedene Überlegungen laufen.


Abends, bei der letzen kleinen Hunderunde begegnet mir ein Feuersalamander in XL. Feuersalamander begegnen mir öfter, aber nicht in dieser Größe. Ich staune. Morgens, bei der großen Hunderunde begegnet mir ein Eisvogel. Den kenne ich nur aus der Bierwerbung. Ich wußte garnicht, dass es die hier gibt, am Flüsschen. Vielleicht sollte ich mir mal angewöhnen, eine Kamera mitzunehmen. Das glaubt einem ja sonst keiner, so dermaßen idylisch ist das.

Lockerungs-Übungen

Seit November gelten Lockdown-Regeln, sie sind Teil unseres Alltags geworden. Dass alle wieder täglich zur Schule gehen können erschien uns vor ein paar Wochen noch als unerreichbar. Jetzt dürfen sie auf dem Schulhof wieder ohne Maske rumlaufen, ab morgen sogar ohne Maske im Unterricht sitzen. Die Masken werden nur noch auf den Fluren und im Bus gebraucht. Es fühle sich seltsam an, alle „so nackt“ zu sehen, sagen die Kinder.

Kickboxen findet wieder statt, Chearleading findet wieder statt, das Maikind macht eine Fahrradtour mit mehreren Freunden, man darf wieder einfach so in alle Geschäfte, sich mit Leuten treffen, das Freibad hat geöffnet… es ist kaum zu glauben.


Endlich passt alles. Die Zahlen sind nicht nur bei uns gut, sondern in Thüringen auch. Wir bekommen Besuch. Die Hunde kennen sich nicht, wir treffen uns auf neutralem Boden. Der Hund muss erstmal üben, Gäste zu haben. Die kleinen Menschen brauchen nur 10 Minuten um sich wieder aneinander zu gewöhnen, die pubertierenden Menschen brauchen einen Moment länger. Vorsichtig erkundige ich mich bei dem mitgereisten Teenager, für was er sich denn interessiert. „Essen, zocken, Schwimmbad, Fahrrad fahren“ Ein Schwimmbad haben wir nicht in der Nähe, aber der Rest ist haargenau das, wofür sich das Maikind auch begeistern kann. Die zwei verschwinden.


Mitten in der Nacht werde ich wach und frage mich wieso. Der Liebste scheint auch wach zu sein, mehr oder weniger. Mit einer Hand wedelt er über seinem Wecker. Der projiziert erst die Uhrzeit an die Decke, beim zweiten Wedeln die Temperatur. 26.6°, aha, so fühlt es sich auch an. Alle Fenster sind auf, die Türen auch, es müsste quer lüften, aber die Luft bewegt sich nicht. Ich döse wieder ein, schlafen kann man das nicht nennen, eine halbe Stunde später kraschpelt es über mir. Ist da jemand auf dem Dachboden? Morgens um halb drei? Lieber mal gucken. Das Märzkind kommt mir entgegen. Sorry, aber sie musste den Ventilator holen, Pluseins krepiert sonst gleich. Verstehe, alles gut. Gerade, als ich dachte, jetzt schlafe ich aber gleich wirklich ein, flackert das Licht vor dem Fenster. Um diese Zeit dürfe da kein Licht sein, vor dem Fenster, und was ist das eigentlich für ein Geräusch? Gewitter, meldet der wache Teil meines Gehirns, aber so richtig. Es ist noch weit weg, aber ich stehe auf und ziehe alle Stecker am Computer des Maikinds. Die Fenster mache ich auch lieber zu. Das nächste mal werde ich davon wach, dass eine Windböe die Gardine ins Zimmer weht, der Liebste war anscheind nach mir nochmal wach, und wollte die Zugluft nutzen.


Die Kinder sind in der Schule, der Liebste hat Frühschicht, da kann ich mal ganz in Ruhe wohnen. Das ist die Gelegenheit. Die Steuererklärung, sie wartet auf mich. Ich habe die Zertifikatsdatei aktualisieren lassen, ich habe die Belege gesucht, ich habe den Zettel mit dem Passwort gefunden. Es gibt keine Ausrede mehr.

Siehe da, wenn man nebenher nicht noch andere Sachen suchen/finden/unterschreiben/erlauben/kochen soll, dann ist es eigentlich schnell erledigt. Das Ergebnis der Probeberechnung schockiert mich. Das ist doch wohl nicht sein. Ich kontrolliere meine Angaben und murmele Kraftausdrücke dabei. Ich telefoniere. Die Steuerfachkraft meines Vertrauens sagt auch, das kann nicht sein, da müssen wir nochmal gucken, ich bin erleichtert. Die Frist endet übrigens erst Ende Juli, nicht nächste Woche.


Elterninfos kommen wieder auf Papier. Einmal Klassenfahrt Phantasialand, zahlbar in bar, bitte in einem Umschlag mit Name drauf, einmal Klassenfahrt Phantasialand bitte überweisen aufs Schulkonto, einmal Wandertag zum Riesen-Spielplatz – 2,50Euro für den Bus zurück mitgeben, einmal Ausflug zum Disc-Golf, die Einverständniserklärungen im unteren Bereich des Zettels jeweils unterschreiben, abschneiden und dem zugehörigen Kind mit passend abgezähltem Geldbetrag aushändigen. Die Infos in den Muttizetteln unterscheiden sich, ich google die Einreisebestimmungen vom Phantasialand nach und trage alles in den Kalender ein.

Ich wette: Sollten die Schulen im Herbst nochmal schließen müssen, wird uns der Distanzunterricht wieder in der gewohnten Qualität angeboten werden.


Etwas nachdenklich sitzen wir abends um halb sieben am See. Die Honigernte war in zweieinhalb Stunden erledigt. Das hat Vor- und Nachteile.

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Frisch Getratschtes: Der neue Teilzeitnachbar hat da dieses Gartenprojekt, er hatte es doch wirklich im Detail erklärt, es wurde schlampig umgesetzt. Er ist enttäuscht. Ich überlege, ob ich mal andeute, dass die Hecke nicht schalldicht ist.

Das AS-Taxi kam spät, das ist nicht weiter schlimm, das Märzkind hat ein mediteranes Zeitgefühl, aber gewundert hatte sie sich doch. Die Fahrerin habe sich entschuldigt, es ging nicht eher. Der Vatter vom Kurt hat Geburtstag, und, wann wird schon mal jemand 92? Das muss man doch feiern, gerade in diesen Zeiten. Deswegen ist der Kurt heute in Frankfurt, und sie fährt zwei Linien, dass muss eben mal einen Tag so gehen. Das muss es, dafür haben alle Verständnis. ( Der Kurt fährt normalerweise die AS-Taxi-Route vom Städtchen bis hier – bei jedem Wetter)

Sonst so

Wenn man die Inzidenzzahlen von allen Landkreisen in Deutschland vergleicht, liegt unserer auf Platz neun. „Das klingt doch gut“, das Julikind. Leider nein. Platz eins ist, wo es am schlimmsten ist. Oh.

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Wir werden zu einer Geburtstagsfeier eingeladen. Ganz ehrlich, ich plane doch nicht wochenlang eine fast kontaktlose Familienfeier, um dann eine Woche danach zu feiern, als gäbe es keine Pandemie. Wenn wir draußen sitzen können, gern, ansonsten – nein. Der Liebste erkundigt sich, nach dem geplanten Ablauf. Ach, ja, da war ja was, das hatte man nicht bedacht. Aus einer großen Feier werden vier kleinere gemacht, notgedrungen. Kopfschüttelnd frage ich mich so einiges.

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Nachfrage beim Hausarzt, ich würde mich gern registrieren lassen, für eine Impfung. Sicher, gern. Ob ich denn in die Priogruppe drei falle. Nein. Habe ich irgendein erhöhtes Risiko. Ja, allergisches Asthma und drei Schulkinder. Natürlich schreibe man mich damit in die Liste, aber, „ich sag Ihnen wie es ist, vor September brauchen Sie mit nichts zu rechnen, probieren Sie es lieber auch im Impfzentrum über die Nachrückerliste“. Im Impfzentrum kann ich noch nicht mal ein Formular zur Registrierung öffnen.

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Die Abschlussarbeiten werden in der Turnhalle geschrieben werden. Coronatests sind an diesem Tag ausnahmsweise freiwillig, damit auch diejenigen an der Prüfung teilnehmen können, für die ein Test ein unzumutbarer Eingriff in die medizinischen Selbstbestimmungsrechte wäre. Negativ getestete dürfen am Platz die Maske abnehmen. Das wäre bei einer vier Stunden dauernden Prüfung durchaus angenehm. Sollte der Test positiv ausfallen, dürfte man natürlich nicht mit allen anderen in der Halle sitzen. Der Nachprüfungstermin ist 10 Tage später. Eine Quarantäne würde allerdings 14 Tage dauern. Die Schule hatte auf Nachfrage bisher keine Idee für ein was-wäre-wenn-Szenario. Das Märzkind überlegt, am Prüfungstag keinen Test zu machen, ausnahmsweise.

Die Abschlussklasse wird Unterricht haben, bis zum Ferienbeginn, wurde angeordnet. Niemand weiß wieso. Eigentlich war der Plan, dass die 10ten nach den Prüfungen zu Hause bleiben damit die neunten Klassen mehr Präsenzunterricht bekommen können, denen fehlt ja auch ein Schuljahr.

Die Hoffnung, dass man eventuell noch einen gemeinsamen Tagesausflug machen könnte, wird allmählich zu Grabe getragen. So schnell werden die Zahlen nicht sinken. Das Abschluss-highlight wird vorraussichtlich ein Pizzaessen mit der ganzen Klasse im Großgruppenraum.

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Schwiegermutter hat über den Winter Ahnenforschung betrieben. Ein Zweig des Stammbaumes reicht zurück bis 1652. Ich bin beeindruckt. Sie winkt ab, das war nur das, was sie so aus den Unterlagen im Haus zusammentragen konnte. Bestimmt geht da noch was, wenn man sich ernsthaft damit beschäftigen würde. Zwei der Vornamen unserer Kinder tauchen, in Varianten, über die Jahrhunderte immer mal wieder auf. Witzig, ich hatte keine Ahnung.

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Der Vatta hat endlich wieder einen Hund. Lange, lange hat er gesucht und dann, fast zufällig den passenden gefunden. Alle freuen sich mit.

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Normalerweise überlegen wir ja um diese Zeit, wie wir die Geburtstagsfeier des Maikinds mit dem Honig schleudern unter einen Hut bekommen. Dieses Jahr ist das ganz einfach. Eine große Geburtstagsfeier wird es nicht geben und die Honigräume waren Mitte Mai noch nicht mal angefangen. Ich trage morgens bei der Hunderunde noch die Winterjacke.

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Das Maikind wird 14. Meine Güte, waren wir nicht gerade noch beim Kinderturnen? Jetzt warten wir, dass die Bitcoin-Blase platzt, damit diese eine Grafikkarte wieder günstiger wird. An diesem Tag ist keine Schule. Eine Uroma kommt zum Frühstück, Großeltern plus eine andere Uroma zum Kaffee, eine Tante zum Abendbrot.

Die normale Feier mit 20 Leuten im Haus vermisse ich kein bisschen.

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Frisch Getratschtes: Im Nachbarort geht ein Nachbarschaftsstreit in die nächste Runde. Geklagt wird wegen einer Thuja, die zu nah an der Grundstücksgrenze steht. Sie hat eine gewisse Größe erreicht und stört den Satelitenempfang, mutmaßlich wurde das schon bei der Pflanzung beabsichtigt. Dieser Nachbar hat aber in der Werkstatt einen kleinen Ofen stehen und das dazugehörige Ofenrohr entspricht nicht den Richtlinien, daran hätte er besser mal denken sollen, vorher. Sehr unterhaltsam, wenn man weit genug weg wohnt./ Die Hundewelpen aus der Nachbarschaft werden für 2900Euro angeboten. Wahnsinn./ Die Oma aus dem Städtchen macht nächste Woche Urlaub, endlich.

Eine Woche keine Nachrichten geguckt

In der halben Stunde, die ich auf das Märzkind warte, gehe ich schnell einkaufen. Die Frau an der Kasse wünscht mir einen schönen Feiertag. Hä? Was denn für ein Feiertag? Erst auf dem Weg zum Auto fällt mir ein, dass ja erster Mai ist, dieses Wochenende.

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Ein Strauss Rosen, ich freue mich. So sehr, das könnte ich fast mal in meinen Status stellen. „Jo, das mach ruhig mal“, sagt der Liebste, „wird jedes Jahr teurer“, murmelt er noch. Ich bekomme nicht alle Rosen auf ein Foto, das Märzkind sieht mich turnen und hilft, sie hat die bessere Kamera. Den ganzen Tag über erhalte ich Glückwünsche und wundere mich, wer alles an uns denkt.

Symbolbild aus dem kostenlosen online Archiv

Das Maikind freut sich einen Tag später. Er hatte den Hochzeitstag beiläufig erwähnt und war live dabei, als der Oma klar wurde, dass sie den vergessen hat, zum ersten Mal. „Scheiße“ hat sie gesagt und das tut sie sonst nicht.

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Die Bienenkästen müssen versetzt werden. In einen Kasten hat der Specht über Winter zwei Löcher gepickt. Der Liebste hat schon passende Steine reingequetscht, damit die Bienen während der Fahrt bleiben, wo sie sind. Möglichst ohne Erschütterung tragen wir den Kasten zu zweit ins Auto, schieben ihn vorsichtig in den Kofferraum, setzen uns, schnallen uns an, sagen zeitgleich „woooouuoo“ öffnen die Türen, schnallen uns ab, reissen die Türen auf und springen raus. Hat das jemand gesehen? Zum Glück nicht. Die Zeitung, die das Flugloch verschlossen hat ist beim Schieben ein bisschen verrutscht. Das Bienenvolk ist nach einem Winter mit Specht im wahrsten Sinne angefressen, und empfindlich was Störungen angeht. Der Liebste steckt die Zeitung wieder fest und wir warten noch zwei Minuten, bis die dreißig Bienen, die entwischt waren, aus dem Auto fliegen.

Die Kästen sind zu leicht. Der Frühling hängt zwei Wochen.

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Der Liebste braucht ein Klimmzugband, ob ich denn wohl eins bestellen könnte? Bestimmt. Ich habe keine Ahnung, was ein Klimmzugband ist und google mich so durch, das Internet denkt jetzt, dass ich krassen Kraftsport betreibe. Ich bekomme völlig andere Werbung angezeigt als sonst.

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Man könnte einen Antrag auf Fahrtkostenerstattung stellen, sagt das Maikind, das Formular kann man sich im Sekretariat abholen. Märzkind bringt eins mit, denn diesen Antrag möchte ich tatsächlich stellen.

Man hätte doch sagen können: Danke Eltern, dass ihr euch gekümmert habt, dass die Blagen einen Praktikumsplatz gefunden haben und zwei Wochen lang jeden morgen hin, und nachmittags wieder zurück gekommen sind. Das ist total wichtig für die Berufsorientierung und hat auch kurz davon abgelenkt, dass sie dieses Jahr noch gar nicht in der Schule waren. Natürlich können wir es uns nicht leisten, euren Einsatz ernsthaft zu honorieren, aber gerne würden wir euch symbolisch einen Anteil der tatsächlich enstandenen Kosten ersetzen. Wie viel war es denn und wohin sollen wir es überweisen? Das wäre nett gewesen.

Statt dessen werde ich erstmal darauf hingewiesen, dass Fahrtkosten generell nur bis 30 km erstattet werden. Es sei durchaus zumutbar, die Praktikumszeiten an die Taktung der öffentlichen Verkehrsmittel anzupassen. Es gibt keine öffentlichen Verkehrsmittel (ländlicher Raum) und Bildung von Fahrgemeinschaften war wegen Corona nicht möglich. Das schreibe ich so in die dafür vorgesehenen freien Zeilen neben dem Feld, das man ankreuzt, wenn man mit dem eigenen PKW, nur zu diesem Zweck gefahren ist. Dann muss nur noch der Praktikumsbetrieb mit Unterschrift und Stempel bestätigen, dass das Kind anwesend war, bzw die Anzahl der Fehltage eintragen. Nicht, dass da einer 35 cent zuviel beantragt.

Maikind hat ein dickes Dankeschön vom Praktikumsbetrieb bekommen. Er könnte sich da bewerben, wenn er Ausbildung machen möchte. Große Freude, dafür hat es sich gelohnt.

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Im Modehaus hätte man am Eingang gerne unsere Bescheinigung über einen offiziell durchgeführten negativen Coronatest, nicht älter als 24 Stunden. „Ähm, wir hatten einen Termin vereinbart, telefonisch, Sie hatten gesagt, Sie melden sich, falls sich was ändert, es hat sich niemand gemeldet.“ Der Mitarbeiter ist sehr nett, darf uns aber nicht reinlassen, man sieht, dass es ihm wirklich leid tut, er kann nichts dafür und würde uns gerne bedienen. Wir können auch nichts dafür und würden gerne was kaufen. Der Liebste versucht es mit gesundem Menschenverstand. Er wurde doch getestet, diese Woche, die Kinder auch ( ich noch nie, aber hej, wenn die anderen vier Personen aus meinem Haushalt negativ sind….) Der Verkäufer schaut sich um, ausser uns ist niemand da. Er erklärt sich bereit, Sachen anzureichen, für das Maikind, eine Kabine steht ja quasi im Eingang.

Das Julikind und ich gehen raus, mal schauen, was es im Schaufenster zur Auswahl gibt. Es gibt keine Schaufenster mit Kindersachen. Wir schlendern dort, wo mal eine Fussgängerzone war, rauf und runter und überlegen. Ich könnte das gleiche anziehen wie auf der Konfirmation vom Märzkind. Gut, auf Fotos sähe das komisch aus, aber da war eben Corona, damals, da konnte man nichts kaufen… Ich hab auch so Strickhandschuhe, und einen Parka, zusammen mit einer blauen OP-Maske, könnte ich dasitzen wie Bernie Sanders. Noch ist Zeit, etwas zu bestellen. Oder vielleicht das Beerdigungskleid mit der Bikerjacke? Ach, so viele Möglichkeiten.

Das Julikind braucht Klamotten. Aber wenn sie dafür nochmal extra zum Test muss, dann nicht, das reicht ihr in der Schule. Das verstehe ich. Warum so ein Schul-Corona-Test nicht auch fürs Einkaufen am nachmittag gültig ist? Gute Frage. Eine richtig gute Frage.

Es dauert nicht mal eine halbe Stunde, da kommen uns die Jungs entgegen. Das Maikind ist begeistert, er hat alles, was er sich gedacht hatte. So macht einkaufen Spaß.

Schuhe fehlen.

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So, ab nächster Woche hat der Liebste Wechselschicht und alle drei Kinder Wechselunterricht. Da kann ich mal alle fünf Spalten am Kalender nutzen.