Frühling und Pullover

Die Sonne scheint, Vögel zwitschern, es ist deutlich wärmer als noch vor ein paar Tagen, und wir haben gerade mal Anfang März. Das tut gut. Ich gehe die frühe Hunderunde und freue mich über das wunderschöne Frühlingswetter und überhaupt – im Moment sind tatsächlich alle gesund, munter und fröhlich. So schön, wenn mal so nix ist, nagut, abgesehen von einem Hausarbeits-Abgabetermin den jemand hat und Pollenflug-apokalypse, aber das ist ja normal. Einen halben Tag später ist Krieg im Nahen Osten.

Die Spritpreise gehen hoch. Sehr schnell und sehr deutlich. Freitag tanke ich für 1,80 Euro pro Liter, halb voll nur, weil, so teuer war es, glaube ich noch nie. Vier Tage später tanke ich für 1,94 Euro pro Liter und habe ein Schnäppchengefühl, weil hinter mir noch drei Autos anstanden. Julikind ruft an, sie hatte doch schon nach der 6. Stunde Schluss und es sei kein Bus gekommen, ob ich denn wohl bitte? Ja sicher. Der nächste Stadtmensch, der mir erklären will, wie man Autofahrten einspart, kann sich auf was gefasst machen.

Ich meide die Nachrichten, dann gehts.

Alle Lieferanten haben Aufträge still gelegt, und müssen Preise neu aushandeln, meldet der Liebste aus seinem Job. War klar, basiert alles auf Erdöl.

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Eine Pfanne voll Zimtschnecken gegessen, zusammen mit allen Kindern, im T-Shirt im Garten gesessen dabei.

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Die erste Stromabrechnung nach Einbau des Balkonkraftwerks. HolladieWaldfee. Sehr erfreulich.

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Man bat mich um einen Rettungsversuch einer untragbar kaputten Hose. Jetzt hätte ich ein bisschen Zeit. Ich nehme das gute Stück vom zu erledigen Stapel und suche den Schaden. Och guck. Einsatz für die Knopfsammlung. Ich nähe zwei neue Knöpfe an, bessere mit ein paar Stichen das Knopfloch aus, lasse mich feiern. Basic skills des letzten Jahrhunderts.

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Es hat ein bisschen Anlauf gebraucht, aber jetzt geht es. Ich räume Ommas Kleiderschrank aus. Wobei, Kleiderschrank stimmt eigentlich nicht, es gibt einen Schrank nur für Pullover. Die, in denen ich sie kenne, lasse ich einfach noch liegen. Alle anderen stopfe ich in Säcke. Da kommt ordentlich was zusammen. Und es dauert eine Weile, denn man findet Sachen. Antike Unterwäsche und Stofftaschentücher in Aussteuerqualität, alles orginalverpackt, Postkarten aus Zeiten, in denen man selbst keine Fotos gemacht hat, eine Zigarrenkiste voll gemischter Münzen und Scheinen, die fast aussehen wie Kunstdrucke, coupons über jeweils ein Kilo Eisen, noch gültig, steht auf dem Stempel, man fragt sich verschiedenes.

Haushalt mit Jahresringen

Ein Schrank voller Bettwäsche. Baumwolle und Leinen, gemangelt und akurat zusammengelegt. Ich liebe Stoffe. Ich kann nicht alle behalten, denn brauchen tue ich strenggenommen gar keine. Es ist kompliziert. Auf einen Kissenbezug sind Initalien gestickt, ich kann sie einer Urgroßmutter zuordnen, bewundere einen Moment die Handarbeit, und erinnere mich daran, wie die Omma mal gestenreich davon erzählt hat, wie man die Fäden in den Webrahmen einspannt, auf dem dieses Leinen vermutlich entstanden ist. Ein Zettel auf der Schranktür weist darauf hin, dass sich noch Verbandszeug hinter den Stapeln des zweiten Faches befindet. Ich ziehe einen Stapel nach vorn und finde ein Schreibheft darunter. In Grundschul-Handschrift steht dort ihr Name, 4. Klasse, da ist man ungefähr 10, das Heft ist 84 Jahre alt. Ach komm, wenn wir ehrlich sind – heute werde ich hier nicht weiterkommen. Ich schließe die Schranktür. Einen Meter weiter hängt das Medizinschränkchen an der Wand. Medikamente aussortieren sollte einfach sein. Ich schaue auf die Verfallsdaten und ja, das kann alles weg. Im obersten Fach findet sich eine stattliche Sammlung an Mullbinden. Ich ziehe das einzige verpackte Päckchen heraus und staune. Die Geschichte dazu wurde mir nie erzählt. Ich weiß nur, dass der Opa als „letzte Reserve“ kurz vor Kriegsende noch eingezogen wurde, mit 15 Jahren. Ich zeige den anderen, was ich gefunden habe.

Es ist Samstag Nachmittag. Wir waren nicht verabredet aber in jedem Raum scheint jemand zu sein. Ein Geruch von „wuäh, was isn das“ wabert durchs Treppenhaus. Im Keller werden gerade uralte Weckgläser geöffnet und der Inhalt entsorgt. Ein Wäschekorb voll leerer Schnapsflaschen steht im Flur. Der Inhalt wurde unter eine Hecke geschüttet, ob das Spätfolgen hat, wird der Frühling zeigen. Auf dem Dachboden läuft jemand hin und her, Kisten voller Honiggläser werden die Haustür rausgetragen. Im Wohnzimmer finde ich Brüderchen, er inspiziert ebenfalls einen Wäscheschrank. Wir begrüßen uns herzlich. „Wenn de Omma sehen würde, was wir hier heute machen, sie würde sich im Grabe umdrehen“, sagt er und da hat er wohl recht. Wir lachen, so, wie man eben lacht, drei Wochen nach der Beerdigung. Kaum jemand durfte je in ihre Schränke gucken. Wir waren alle ein bisschen neugierig. Spoileralarm, es gibt von allem reichlich. Gemeinsam gehen wir in die Küche, ziehen eine Schublade auf. Darin gemischtes. Brüderchen beginnt zu kramen. „Ach scheiße“, sagt er „so ein Ding hab ich letzte Woche gekauft“, „du hast ne Suppenkelle gekauft?“ erkundige ich mich und lache ihn ein bisschen aus, „jamann, hab nicht dran gedacht, scheiße ej“, murmelt er.

Auf der Fensterbank stehen eine Menge Vasen und Krüge, „Flohmarkt“ steht auf dem kleinen Zettel der daneben liegt, ich erkenne die Handschrift meiner Mutter. In einer Vase steckt ein Zettel, in Erwachsenenhandschrift weist de Omma darauf hin, dass diese Vase noch von ihrer Oma sei und wir sie stets in Ehren halten und nicht verkaufen sollen. Ich schmunzle und stecke den Zettel wieder zurück.

Ich trage eine Kiste mit Flohmarktware auf den Dachboden, und stelle sie zu den anderen unter einen Tisch. Auf dem Tisch liegt ein Buch, das war beim letzten Mal noch nicht da. Es sieht aus, als hätte es jemand aus der Hogwarts-Bibliothek entliehen. Ich klappe den Deckel auf. Eine Bibel von 1823. Lag in der Schublade des Gästezimmers, sagen die, die den Keller geräumt haben, und sowas wirft man ja nicht weg. Im Keller liegen auch die Schallplatten, die Julikind gesucht hat. Was drauf ist, ist total egal, sie wählt nach Größe aus, die werden Deko. Zwischen den Schallplatten findet sie ein Foto, in schwarz weiß, darauf eine Gruppe junger Männer. Schützenverein 1932, steht auf dem kleinen Schild im Fordergrund. Wo das Bild gemacht wurde kann man erraten, auch wenn das Gebäude im Hintergrund heute verfallener aussieht. „Das war Hitlerzeit“ murmelt Julikind. Ich nicke. Einen Moment lang sagt niemand was. Einige der Jungs sind vermutlich so alt wie Julikind. Ob sie mal ein Bild davon machen kann, fragt sie den Opa, für die Schule, sie haben das gerade in Geschichte.

Ende Januar 26

Für die Trauerfeier haben alle frei genommen und trudeln nach und nach zu Hause ein. Schwarze Winterklamotten werden zusammengesucht, es ist wirklich kalt. Dafür aber blauer Himmel und strahlender Sonnenschein. „Da hat sie aber wirklich einen schönen Tag erwischt“, sagt eine von Omas Bekannten, auf dem Weg vom Grab Richtung Ausgang. Das stimmt. Zum Ende des Trauerkaffees sitzt nur noch „die Weihnachtsrunde“ zusammen und tauschen Geschichten und gesammelte Neuigkeiten aus. Die Trauerfeier war schön, feierlich, an der ein oder anderen Stelle zum Schmunzeln, und angemessen ehrlich, da sind wir uns einig. Es wird noch zwei weitere Beerdigungen geben, in nächster Zeit,“ aber das normal“, raunt die Oma aus dem Städtchen mir zu, „es wird in dreier Gruppen gestorben, schon immer.“

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Auf dem Flur steht die Krücke, unter der Garderobe, an der ihre Jacke hängt. Auf dem Küchentisch liegt ihre Brille und das kleine Schälmesser, über dem Stuhl hängt ihre Weste. Neben dem Spülbecken steht ein kleines Schälchen mit Löffel darin. Alles sieht normal aus, als wäre sie nur mal gerade die Hühner rein lassen. Auf den zweiten Blick fällt die geöffnete Kühlschranktür auf. Er ist leer und ausgeschaltet. Und die Blumen auf der Fensterbank – ich nehme ein Glas aus dem Schrank und gebe jeder einen Schluck Wasser. Es ist seltsam hier zu sein ohne sie. Eine Stunde lang sichten wir Dinge in Schränken, nehmen Erinnerungen und nützliches mit. Dann braucht es eine Pause.

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Ein Samstagmorgen Frühstück mit Maikind und dem Liebsten, das hatten wir länger nicht. Also ich. Die beiden machen das ja jedes Wochenende.

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Weil an der Arbeit Radio läuft bekomme ich wieder regelmäßig Nachrichten mit. Das berührt meine mentale Komfortzone:

Morgens erhalte ich Nachricht von Märzkind, der Studienbeitrag habe sich erhöht. Alles andere hätte mich überrascht. Nja, sagt sie, aber eventuell kommt da sogar noch was dazu, weil ja das Deutschlandticket auch teurer geworden ist. Die Studies beraten noch, ob das weiterhin Teil des Studientickets sein soll oder aus Kostengründen lieber nicht. Nachmittags höre ich im Radio, dass unsere Regierung beschlossen hat, den Kauf von neuen E-Autos zu fördern. 1500 Euro kann man minimum abgreifen. Blöd halt, dass da trotzdem noch ein selbst zu finanzierender Restbetrag bleibt. Und außerdem bin ich sowieso stinksauer, weil einmal die Bremsen neu machen am Twizzy 3600 Euro kosten soll, und das ein Totalschaden ist.

Es hat geschneit in der Nacht. Einiges, stelle ich erstaunt fest, als Julikind das Haus Richtung Bushaltestelle verlässt, da werde ich gleich räumen müssen, mal sehen ob der Bus überhaupt kommt, scherzen wir, ansonsten kann sie mir helfen. Der Schulbus fährt. Um zwanzig nach acht bekomme ich Nachricht von Julikind, sie sei auf dem Weg nach Hause, Schule fällt aus. Hä? Eine Mutterkollegin hat die Elterntaxifahrt übernommen. Mein Arbeitstag beginnt erst um 13 Uhr, bis dahin werden die Straßen ja wohl geräumt sein, dachte ich. Aber, dem ist nicht so. Keine Unwetterwarnung, kein Räumdienst, so scheint es. Mit 30 Kmh schleiche ich den Berg hoch. Direkt in der ersten Kurve rutscht mir sportlich der Arsch weg, trotz nagelneuer Winterreifen. Oooookeeee. Zum Glück war da Platz. Der Weg an die Arbeit dauert dreimal so lang wie normal, war aber so eingeplant, alles gut. Die Nachrichten berichten an diesem Nachmittag, dass der Kanzler gerne das Recht auf „Lifestyle-Teilzeit“-Arbeit einschränken würde. Da muss ich tatsächlich einmal ganz tief Luft holen.

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Orangen-Nusskuchen gebacken und gegessen.

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Die erste Erkältung des Jahres erwischt mich, klar, das hatte ja noch gefehlt.

KW 3/26

Der Flur wurde gelb gestrichen, die Türrahmen weiß. Ich musste rein garnichts tun und freue mich. Problem: Man erkennt jetzt deutliche Gebrauchsspuren am unrenovierten Rest des Hauses.

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Der Elternchat informiert am späten Sonntag nachmittag darüber, dass die Schule morgen nicht geschlossen sein wird, es aber aufgrund der Unwetterwarnung im eigenen Ermessen der Sorgeberechtigten liege, die Kinder zu schicken, oder eben nicht. Ähm, hä? Wir schauen uns fragend an und och guck, tatsächlich, die Notfallapp hat eine kleine Wolken mit zuckenden Blitzen gesendet. Ich informiere das Kind, dass sie morgen nicht zur Schule geht, weil, so haben es die Sorgeberechtigten nämlich für Eisregen grundsätzlich entschieden, damals. Zivilschutz durch ausschlafen.

Ja, es hat geschneit und ja, es war glatt. Aber es war alles geräumt. Im letzten Winter hatten wir an einigen Tagen mehr Wetter mit weniger Warnung und entsprechend ungeräumten Straßen, von Bürgersteigen ganz zu schweigen.

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Den freien Sonntag nachmittag genutzt und eine Runde Schlitten gefahren. Leider war es dafür schon fast zu kalt, die oberste Schicht Schnee war harsch gefroren und entsprechend langsam. Aber es gilt trotzdem als erledigt für diesen Winter. Keine Unfälle.

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„Schmeckt wie Stutenkerl“ oder eher „ein bisschen wie Hefeklöse“, sagen die kauenden Kinder und erkundigen sich fürsorglich, ob da eigentlich jemand was zurückgelegt hat, für den, der noch beim Sport ist. Nee, aber es sind ja noch welche da und „so mit Pflaumenkompott und Sahne – das ist schon fies“, sagt der Liebste am späten Nachmittag. Unsere Neujahrs-Challenges harmonieren nicht gut, dieses Jahr, mal sehen, wer länger durchhält.

Hefewaffeln gebacken und gegessen.

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Am Trauergespräch teilgenommen. Ein gutes Gespräch, denn die letzten Wochen haben mit uns allen irgendwas gemacht, da waren wir uns einig. Außerdem hatte ich einen Ahaaa-Moment, als die Familiengeschichte plötzlich einen wer-hat-hier-die-tollsten-Enkel-Wettstreit der 90er Jahre erklärte.

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Dinge tun sich an der Arbeitsstelle. Schon wieder. Es wäre wohl an der Zeit, sich mal ernsthaft Gedanken zu machen und was Gescheites… ich bin müde. Vielleicht ist ja alles nur saisonbedingt.

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Ein Geburtstagsbesuch bei der Oma im Städtchen. Sie freut sich sehr. Es gibt Torte, morgens um 10 Uhr, weil Geburtstag ist, und Gäste da sind. Die Feier war schon sehr anders als die im letzten Jahr, aber schön. Merke: Drei Gäste für eine Stunde reichen aus, als Party. Dann brauchts eine Pause.

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Sonst war nix. Auch mal schön.

Glockengeläut morgens um acht

Gegen halb zehn kommt Julikind mit ihrem Gast und den ersten beiden Brettspielen vom Dachboden ins Esszimmer. Damit beginnt der offizielle Teil des Sylvesterabends. Die Spielanleitungen müssen wir tatsächlich nochmal durchlesen, solange ist das schon her. Bei „Schnappt Hubi“ leitet eine Stimme aus dem Kasten durch das Spiel. Die Teenager schmunzeln über die antike Technik. Ich weise darauf hin, dass das echt krasser scheiß war, damals, in 2012. Danach spielen wir „können Schweine fliegen?“. Einen kurzen Moment lang überlege ich, ob Steinböcke Federn haben, frage mich dann innerlich, ob ich das gerade ernsthaft…?, und bescheinige mir selbst den geistigen Tiefpunkt des Jahres. Noch eine Runde „memory“ und dann müssen wir uns schon anziehen, es ist nämlich richtig kalt draußen. Und glatt, stellen wir nach wenigen Schritten fest. Die erste halbe Stunde des Jahres verbringen wir mit lieben Nachbarn hinterm Haus. Angestoßen wird mit Feigenschnaps und Eierlikör.

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Der Neujahrstag ist wie immer zu nichts zu gebrauchen, Feinstaub lässt grüßen.

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Tja, da hab ich wohl Glück gehabt, wenn man so will. Ein hausärztlicher Notfall am Wochenende, ich muss arbeiten, der Liebste hat frei, so wie die letzten beiden male auch.

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Eine Nachricht im Familienchat, es gab einen Anruf aus dem Krankenhaus, letzter Aufruf. Ich würde dann nochmal hin wollen. Maikind und Julikind auch. Als ich von der Arbeit komme sind sie schon so gut wie abfahrtbereit. „Aber, ganz ehrlich“, sagt Maikind…. Alle drei haben wir ein bisschen Angst, das, was uns erwartet vielleicht nicht aushalten zu können. Es tut gut, das mal laut gesagt zu haben. Wer nicht mehr kann geht einfach raus, wer weinen muss, bekommt ein Taschentuch und niemand wird darüber irgendwas denken. Als wir ankommen ist es still auf dem Krankenhausflur. Es wird ein ruhiger Besuch, ohne Tränen. Gut, dass wir das gemacht haben.

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Weihnachten wieder eingepackt und auf den Dachboden getragen.

Berliner gebacken und gegessen.

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Der Elternchat informiert darüber, dass die Präsentationsprüfungen um eine Woche nach hinten verschoben werden. Persönliche Gründe. Der Liebste schickt die Nachricht weiter an Julikind. Sie schickt den Hirnexplosions-emoji und sitzt 5 Minuten später bei uns auf dem Sofa. Wir haben Verständnis für persönliche Situationen, im Moment. Die letzte Ferienwoche hätte man allerdings auch anders… naja, zwei Tage bleiben ja noch.

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Zwei Weihnachtsbesuche gäbe es noch zu erledigen, einer davon könnte schon mit einem Geburtstagsbesuch kombiniert werden.

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Ob es etwas neues gibt, erkundigt sich Märzkind. Nein. Aber wir rechnen da jederzeit mit einem Anruf, ob sie nochmal hin möchte, frage ich nach. Sie würde gern. Julikind wollte sowieso mal in die Stadt, spontan machen wir uns also auf den Weg. Die Atmosphäre im Krankenzimmer ist heute völlig anders. Jemand hat eine kleine Lampe hingestellt und eine Kerze, der Blumenstrauß von letzter Woche sieht traurig aus, leider gibts im Krankenhaus keine zu kaufen, wir könnten auf dem Rückweg noch welche vorbeibringen, überlegen wir. Eine Krankenschwester bittet uns, bescheid zu geben, wenn wir gehen, dann würden sie wieder häufiger vorbeischauen, aber solange wir da sind, wird niemand stören. Wir ziehen die dicken Winterjacken aus, setzen uns und fangen an, uns zu unterhalten. Über Geburtstage, Beerdigungen, Erinnerungen an andere Großeltern, Besonderheiten der letzten Wochen und das Wetter, ganz normal, wie wir das auch bei der Oma in der Küche getan hätten. Zwischendurch halten wir zweimal inne lauschen und beobachten, aber alles gut. Als die Tür aufgeht stehe ich schnell auf, weil ich auf dem Tisch sitze, und das tut man ja eigentlich nicht. Die Marburger Verwandschaft kommt und ist in einer völlig anderen Stimmung als wir. Wir machen eine kurze Übergabe und verabschieden uns von der Oma, auch ganz normal, heute war es nämlich schön hier und es hat gut getan, nochmal so zu sitzen.

Als wir gerade vom einkaufen nach Hause kommen informiert eine Nachricht im Familienchat, dass die Oma gestorben ist. Eine knappe Stunde nachdem wir weg waren. Die Blumen hatten wir ganz vergessen, fällt uns ein, aber das war ja dann egal.

Abendessen bei den Eltern in der Küche. Es gibt eine Gedächtnis-Wurstplatte, denn die Oma mochte mehrere Wurstsorten am liebsten. Wir erzählen vom Tag und schauen alte Fotoalben an, die der Vatta aus Omas Schrank mitgebracht hat. Julikind ist ehrlich interessiert und beeindruckt, die könnte sie ja vielleicht auch mal in der Schule zeigen. Geschichte mit echten Menschen, ist irgendwie anders, als im Buch.

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Am nächsten Morgen läuten die Glocken, morgens um acht. So wissen alle, das am Vortag jemand gestorben ist..Der Liebste und ich schaufeln dabei andächtig zehn cm klatschnassen Schnee aus der Auffahrt. Denn für Leute die Zeit hatten, sich mit anderen Nachrichten zu beschäftigen war auch noch apokalypthisches Winterwetter im Angebot, von dem wir aber, ausser diesen 10cm Schnee nichts mitbekommen haben.

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2026 hat noch Luft nach oben.

Weihnachtsstimmungen, zweiter Teil

Mein umgekehrter Adventskalender hatte vielleicht schon 24 Türchen bzw Tonnen. Ich habe mehrere Kleidungsstücke in die give box getragen und einige so klein geschnitten, dass sie eine zweite Karriere als Öltücher in der Garage machen können, mehrere Bücher weitergegeben, vier Handys wurden zur passenden Entsorgungsstelle mitgenommen. Ich habe einige Kontakte aus der Telefonliste gelöscht, außerdem jede Menge emails und Fotos mit nutzlos gewordenen Informationen, eine größere Menge Altpapier vom Dachboden entsorgt und zweimal Sperrmüll bestellt, für die wirklich großen Teile. Fühlt sich gut an.

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Wir haben einen Baum gekauft und im Anschluss daran Bratwurst gegessen.

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Julikind hatte einen Teller frisch dekorierter Plätzchen in der Küche stehen lassen, damit sie trocknen können. Abends ist der Teller leer. Sie wundert sich, wie sowas sein kann? Die waren lecker, erklärt Maikind. Ob eigentlich irgend jemand eine Ahnung hat, wieviel Arbeit sowas macht? fragt sie nach. Ja sicher. Alle nicken anerkennend.

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Vom Weihnachtsoratorium wird uns wohl hauptsächlich das grelle Licht und die unbequemen Sitzmöbel in Erinnerung bleiben. Das macht nichts, denn es ging bei dieser Veranstaltung ja um die gemeinsam verbrachte Zeit. Danach waren wir noch auf dem Weihnachtsmarkt. Märzkind und Schwiegermutter genossen die Atmosphäre, Julikind und ich beobachteten das Ganze interessiert. Wir haben alle gut gegessen und ich hab sogar was gekauft. Been there, done that, got the t-shirt, quasi.

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Ich will kein Corona haben, auf keinen Fall, das wäre das letzte, was uns jetzt noch fehlt, da sind sich alle hier einig. Wir meiden also den Großelternhaushalt und besuchen nicht die Omma im Krankenhaus. Die Berichte über ihren Zustand machen allerdings nachdenklich. Und als der Liebste es laut ausspricht ist die Antwort auf einmal ganz einfach. Ich würde da schon nochmal hin wollen, und wenn das so ist, kommt er mit, sagt er. Während wir Kittel, Handschuhe, FFP2 Maske anziehen überlegen wir, wann wir diese Kombi zuletzt… ist zum Glück schon länger her, aber man erinnert sich gut. Vor zwei Wochen habe ich die Omma zuletzt gesehen. Es wirkt, als wäre es Jahre her. Alles an ihr hat sich verändert, aber mit meinem Namen kann sie was anfangen, zwei Minuten lang, dann siezt sie mich. Wir verlassen das Krankenhaus in Hoffnung auf baldige Besserung, und sind froh, dass wir da waren. Wir haben den allerbesten Tag für einen Besuch erwischt.

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Überall werden die immer gleichen Zuckerguss überzogenen Gemütlichkeitskonsum Weihnachtslieder gespielt. Ich kanns nicht mehr hören. Gerade als ich überlege, wo ich denn mal unbeobachtet mit der Stirn gegen eine Wand klopfen könnte, spielen sie doch tatsächlich „fairytail of new york“, nicht die orginal Version, aber immerhin. Die Zeile mit den Flüchen singe ich leise mit, wie andere Leute den refrain von „last christmas“. So. Es geht wieder.

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Montag vormittag ein Besuch in einer Facharztpraxis wegen der einen Sache, Montag nachmittag im Krankenhaus wegen der anderen. Danach sitzen wir bei den Eltern in der Küche. Der Adventskranz leuchtet und wir überlegen mal, nur so für den Fall des Falles, wie viele Leute denn wohl zum Trauerkaffee kommen würden. Eigentlich ein gemütliches Beisammensein. Es ist eben wie es ist, dieses Jahr.

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Der Flur soll gestrichen werden. Alle Farben der Baumarkt Farbmusterwand stehen zur Auswahl, wir müssten uns für eine entscheiden. Der Liebste schlägt gelb vor. Ich wäre für ocker oder sandfarben, markiere den Bereich in der Farbpalette und reiche das Bild zurück. Ja gut, sagt er, dann sind wir uns doch einig, denn welche Art von gelb genau ist ihm egal.

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Der Elternbeirat informiert per Sprachnachricht über eine Sachlage. Der Liebste und ich tauschen einen Blick und würdigen kurz den Augenblick, denn uns betrifft es nicht. Wir haben kein Problem. Das ist schön.

Sommersachen

Zwischen den Tanz-Auftritten der beiden Mädels liegen vier Stunden Zeit, es ist warm. Wir wechseln vom Altstadtfest in die Eisdiele und sind nicht die einzigen. Preise und Portionsgrößen an den Fressbuden sind dann jetzt so, dass man lieber woanders hingeht, zum essen.

Beide Auftritte sind toll und wir staunen, was sich da im letzten Jahr getan hat.

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Hitzewelle. Gleich montags wird für die ganze Woche hitzefrei ab der fünften Stunde bekannt gegeben, erzählt Julikind, und fügt hinzu, dass alles andere ja auch wirklich keinen Sinn machen würde. Die letzte Schulwoche vor den Ferien zieht sich trotzdem wie Kaugummi. Ich mag warmes Sommerwetter. Aber das hier ist selbst mir ein bisschen zu viel. Morgens um viertel vor sechs bin ich viel zu warm angezogen. Das ist mir vielleicht noch nie passiert. Es wäre Zeit für eine größere Hunderunde gewesen, aber so nicht. Als wir eine halbe Stunde später zu Hause ankommen, trinkt der Hund seinen Napf auf ex und lässt sich dann seufzend auf die kalten Fliesen im Flur fallen. Den größten Teil des Tages verbringen alle im Haus.

Über Nacht dann 15°C weniger, einfach so.

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Openair Kinoabend im Nachbardorf. Beginn der Veranstaltung sollte um 20.30 Uhr sein, alle nehmen Platz und warten, vom Gefühl könnte es jeden Moment losgehen. Tut es aber nicht. Um viertel vor zehn holen Julikind und ihre Freundin das vierte Mal Popkorn und ich überlege ernsthaft, ob ich nicht lieber nach Hause möchte. Dann geht es endlich los. Der Film ist gut, aber es wird allmählich kalt und, wie gesagt, ich bin eigentlich viel zu müde, um bis Mitternacht auf dem Sportplatz zu sitzen. Höhepunkt des Abends war eine kleine Fledermaus, die ganz sanft meine Frisur gestreift hat. Ein Gruselmoment, aber nur weil ich am Abend vorher mit dem Liebsten diesen Seuchenfilm geguckt hatte, wo ein Fledermaus- und ein Schweinevirus sich auf tödlichste Art begegenen.

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Es wird viel Schokolade gegessen bei uns, im Moment. Eine Tafel ist so dermaßen schnell weg, das kann doch eigentlich garnicht sein. Zufällig sehe ich bei der Entsorgung der leer gefutterten Folie, dass da nur noch 250g drin sind. 50g weniger als normal und die kleinen Tafeln haben nur noch 90g statt 100. Das erklärt einiges. Frischkäse war auch schneller alle als gewöhnlich, in den letzten Tagen und ich habe den Verdacht – jawoll, wenn man genau hinsieht steht es sogar drauf, auf der Packung. Es ist jetzt weniger drin. „Kleinere Menge, weniger food waste“, steht da allen Ernstes. Ein nett gemeinter Service aber ich kauf dann lieber irgendeine andere Marke. Foodwaste ist in einem Haushalt mit Teenagern nämlich so gar kein Problem.

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Die Freundin und ich nennen diese Strecke „eine Runde durchs Tal laufen“, und tragen dabei ganz normale Klamotten, wie zum Gassi gehen halt. Auf einem schmalen Waldweg schließt eine kleine Gruppe von Wanderern zu uns auf. 3 Leute in outdoor-Vollausstattung mit gut gefüllten Tagesrucksäcken und ein Hund, der ziemlich genau so aussieht wie meiner, nur etwas kleiner. Das ist ganz lustig, weil man einen Moment wirklich nicht sagen kann welcher Hund wohl auf wen hören wird. Die Freundin und ich lassen uns zurück fallen. An der nächsten Abzweigung steht die Wandergruppe murmelnd unter einem Wegweiser. Es gibt kein Internet hier, noch nicht mal Handyempfang, für sie beginnt hier das Abenteuer.

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Steuererklärung erledigt, ohne besondere Vorkommnisse. Juhu.

Sommerliche Tauschgeschäfte und die ersten „einmal im Jahr- Einkäufe“ markieren den Beginn der zweiten Jahreshälfte. Julikind und der Liebste pflücken Kirschen in Nachbars Garten, mit Erlaubnis natürlich Herzlichstes Dankeschön dafür

Wir feiern Geburtstage, mehrere.

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Die kleine Kirche ist eigentlich schon voll, wir bleiben draußen stehen, ist ja schönes Wetter. Diese Trauerfeier hat sich länger angekündigt und fällt in die Kategorie „für ihn ist es am Besten so“, man unterhält sich leise über ganz normale Sachen. Genau als der Pfarrer mit getragener Stimme den Nachruf beginnt dreht im Nachbarhaus jemand die Musik voll auf, könnte Elektrosound sein, irgendwas instrumentales mit viel Bass wummert über den Friedhof. Die an der Kirchenmauer stehende Gemeinde tauscht Blicke. Zwei Minuten später geht jemand, klingelt und klopft am Nachbarhaus, kommt zurück und zuckt mit den Schultern. Alle versuchen, die Musik zu ignorieren, aber ein bisschen stört es schon, wenn man ehrlich ist. „Das kann doch wohl nicht sein“, sagt die Dame neben mir und schreitet entschlossen Richtung Friedhofstor. Kurz darauf hört man sie laut rufen „Haaaallloooo?“, untermalt von einem Geräusch, das klingt wie Faustschläge auf Holzhaustür, lang andauernd. Dann wird es still im Nachbarhaus. Die Trauergemeinde schmunzelt. Als die Dame zurück kommt zeigen alle wieder angemessen ernste Gesichter und Daumen hoch. „Geht doch“, sagt sie, als wäre es die normalste Sache der Welt.

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Handwerker im Haus zu haben, die Freunde sind, stört eigentlich gar nicht. Abgesehen davon, dass wir mal wieder den Hauptraum des Hauses nicht nutzen können. Der Liebste rührt in der Garage Putz an, wuchtet das Speisfass die Treppe rauf, fährt es auf Möbelrollern bis ins Wohnzimmer und der Steinmetz wirft alles schwungvoll gegen die Wand. Stundenlang, bis ihnen klar wird, die großzügig kalkulierten 20 Säcke nicht reichen werden, es müsste nochmal jemand fahren. Jetzt, denn der einzige Baumarkt, der Lehmputz führt schließt in 30 Minuten. Äh, man braucht 20 Minuten bis ins Städtchen und ein Sack wiegt 25kg, Maikind müsste bitte mal mitfahren, sonst haut das nicht hin. Sprichwörtlich um fünf vor 12 stehen wir am Baumarkttresen. Hier sind alle vom Fach, es gibt keine Dudelmusik und keine Deko. Man nennt die Betriebskontonummer, sagt was man will, bekommt einen Lieferschein, fährt an die Ausgabe und während ich einer Frau dabei helfe eine unhandliche Gasflasche ins Auto zu heben laden Maikind und der Gabelstaplerfahrer 10 Säcke Lehmputz in unseren Kofferraum. Drei Minuten nach 12 sind wir fertig. Spoileralarm, insgesamt wurden 31 Säcke gebraucht. Die Wand trocknet jetzt so vor sich hin.

Eier und Gesang

In der Woche vor Ostern haben drei von fünf Leuten frei. Einkäufe werden erledigt, kleinere Projekte abgeschlossen, der Haushalt auf normal-Zustand gebracht und ausgeschlafen. So. Nach einem durchwachsenen ersten viertel Jahr sind wir jetzt vielleicht auf der Höhe der Zeit angekommen. .

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Ein Gottesdienstbesuch zum Karfreitag mit der ehemaligen Konfirmandin. Kaum zu glauben, dass in drei Wochen schon die nächsten dran sind, sagt sie, ein Jahr hat sich sonst länger angefühlt.

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Acht Leute wollen zum Osterfeuer, drei werden von dort wieder nach Hause fahren. Es wird nur ein Auto gebraucht, irgendwer wird die Strecke bis zum Sportplatz also laufen müssen. Einen Moment lang gucken sich alle gegenseitig fragend an. Der Vorschlag war eigentlich ein Scherz, aber die andern finden den spontan gut und sind so schnell auf dem Weg zum Auto, dass ich garnicht mehr dazu komme, den Kindern bescheid zu geben, naja, werden sie schon merken, sagt die Freundin. Vier Erwachsene fahren einfach so los, ohne Kinder, hihihi.

Die lieben Kleinen kommen etwas später an, als wir (augenrollendes Nicken einfügen) die Stimmung ist aber gut, denn das kulinarische Angebot wurde erweitert. Statt nur Bratwurst im Brötchen gibts jetzt auch Pommes, Currywurst, Mantaplatte und Butterbrezeln. Man plant die Speisenfolge des Abends. Gegen elf sind alle Erwachsenen müde genug für nach Hause. Um halb zwei werde ich halb wach, wegen ungewöhnlicher Geräuschkulisse im Haus: Treppe, Küchentür, Speisenkammertür, Stille, Küchentür in leise, Treppe in noch leiser, Zimmertür normal, dann gegiggel. Julikind hat einen Übernachtungsgast, anscheind waren die Snacks ausgegangen

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Ich hatte gesagt, ich hole sie ab. Wir sind beide auf die Minute pünktlich und wundern uns selber darüber. Vor der Kirche sind auffallend viele Parkplätze frei, so viele, das man sich fragt….? war klar, wir stehen natürlich vor der falschen. Aber, selbst vor der richtigen Kirche gibt es noch freie Parkplätze, als wir dort ankommen. Eine gut gelaunte Dame steigt aus dem Auto neben uns. Sie kennen sich hier garnicht aus und seien uns einfach mal hinterher gefahren, sagt sie, und „Frohe Ostern und ihr linkes Rücklicht funktioniert nicht“. Wir wünschen ebenfalls frohe Ostern und danken für den Hinweis, das Problem ist bekannt, und leider hartnäckig.

Das Kirchenportal ist angelehnt, ab hier wird man automatisch leise, denn drin ist es dunkel. Nach 5 Minuten haben sich die Augen daran gewöhnt und die wenigen Kerzen auf dem Fussboden wirken wie Scheinwerfer, wenn man direkt darauf guckt. Irgendwann beginnt die Kantorei zu singen, ein Gänsehautmoment, alle Jahre wieder.

Gemütliches Osterfrühstück zu Hause, anschließend Eiersuche im Garten. Die Eier wurden gut versteckt, schließlich sind die Blagen schon groß. Wie immer sind zwei Eier unauffindbar. Der Liebste möchte die Suche trotzdem nur ungern beenden, weil er immer derjenige ist, der diese Eier dann später im Jahr findet, und man sich über faule Eier weniger freut. Noch einmal werden die gefundenen Eier gezählt und mööööglicherweise wurden die beiden fehlenden bereits gestern Abend entnommen, als das Körbchen noch in der Speisekammer stand, sagt jemand, wir haben sie also alle.

Am frühen Nachmittag sind wir zum Eierwerfen verabredet. Entgegenkommende Spaziergänger schauen uns verwundert an. Wahrscheinlich ist es eher selten, dass 10 Leute gemeinsam spazieren gehen, überlegen wir. Am Eierwerfplatz ist schnell eine Reihenfolge festgelegt und der erste Werfer beginnt. Neun Leute rufen laut „ooohhhh“, als bei der Landung ein Feuerwerk aus hart gekochtem Ei zu sehen ist. Noch nie sind so viele Eier kaputt gegangen, wie in diesem Jahr, außerdem wurden einige garnicht wieder gefunden. Die Siegereier werden am Ende aufgegessen. Fast ohne Salz, weil es windig war und das hätte man einkalkulieren müssen, beim kippen des Salzstreuers.

Dann Kaffee und Kuchen bei den Eltern.

Dann sitzen am Küchentisch bei Schwiegermutter, bei Wasser und Apfelschorle. Alle sind gut satt.

Abends steht ein Rudel aus Schokoladenhasen auf der Anrichte.

Es war richtig schön, dieses Ostern so mit allem. Alle gesund, keine Baustelle im Haus, fließendes Wasser in dichten Leitungen, kein Lockdown, Wetter jahreszeitlich angemessen, früher war sowas ja ganz normal, heute weiß man es zu schätzen.

Ostermontag ist aber zum Glück ein Sofasitztag. Sozialkontakte-Kater.

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Auf dem Weg vom Esstisch in die Küche kommt man jetzt wieder am Sofa vorbei, begegnet also hin und wieder zufällig, anderen Familienmitgliedern, tauscht Neuigkeit, verteilt gute Ratschläge oder macht im vorübergehen Fratzen. Das hat gefehlt.

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In der Ansprache zur Trauerfeier für die Großtante ist der, ich zitiere „legendäre Heilige Abend“ in ihrem Elternhaus ein großes Thema. Es ist das Haus, in dem wir jetzt wohnen, ich kenne die Geschichten und muss fast Grinsen. Es wurde viel gesungen, das stimmt, wunderschön können die alle singen, zweistimmig mit Melodievariationen und auswendig natürlich. Funfact: Teil der Legende sind etliche Kästen Bier und es wurde nicht, wie der Pfarrer dieser Gemeinde offensichtlich annimmt, „zur Lobpreisung unseres Herrn“ gesungen, sondern schlicht zur Deeskalation. Zwei Schwager sind sich gegenseitig so dermaßen auf den Sack gegangen, dass es jederzeit zu ernsteren Streitigkeiten hätte kommen können. Der hauseigene Opa hatte das im Auge und unter den Schwestern gab es ein Abkommen, dass, wann auch immer der Opa sagt, jetzt wir singen mal ein Lied, sofort alle einstimmen. Hat die Oma erzählt, an Weihnachten.

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Maikind hat die Zwischenprüfung hinter sich, Julikind die Präsentation abgegeben. Man kann sich bei den gemeinsamen Mahlzeiten wieder ganz normal unterhalten. Schön ist das.

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Eigentlich wollte ich nochmal grüne Soße machen, mit übrig gebliebenen Ostereiern, aber, äh, es gibt keine Reste. Mit nachlassender nervlicher Anspannung ist der Apetit wohl wieder zurück. 50 Eier waren das.

Mitte März, unsortiert

Bis vor wenigen Wochen sah ich morgens öfter den Nachbarn auf der Bank unter der Linde sitzen. Er hatte ein Sitzkissen dabei und Zeit. Solange bis der hochbetagte Hund, der einen Meter weiter auf der Wiese lag andeutete, dass er den Weg nach Hause jetzt wieder schafft. Dann wurde in aller Ruhe zusammengepackt und der Rückweg angetreten. Ein Spaziergang von 200 Metern etwa, einträchtig nebeneinander, total entspannt. Ich habe den Nachbarn eine Weile nicht gesehen, ohne mir etwas dabei zu denken, es fällt mir erst gerade auf, denn heute ist er wieder da. Er geht sein gewohntes Tempo. Sein neuer Begleiter läuft kläffend um ihn herum, als müsste es viel schneller gehen, der Mann stakt eilig seine Gehhilfen aus der sich windenden Leine und dreht sich einmal um die eigene Achse, kurz sieht es so aus, als würde das Gleichgewicht verlieren, als der kleine Hund mit aller Kraft zieht. Oh hauahaua ha, denke ich vom Fenster aus. Gut, dass de Omma sich nur einen neuen Hahn gekauft hat.

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Einen Moment lang stehen wir vorm Schaltschrank und beobachten das kleine Rädchen. Der Stromzähler dreht sich sehr langsam, aber erkennbar rückwärts. Irgendwann demnächst wird bestimmt ein digitaler Zähler kommen, dann müssen wir den geernteten Strom immer frisch verbrauchen.

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Frühlingsbeginn so ganz ohne Bienen fühlt sich merkwürdig an.

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Ist das ein Rauchmelder? Wir gucken uns fragend an. Nee, ist nur dieser Alarm, wegen Warntag, sagt eine Kollegin, schiebt das Handy zurück in die Tasche und guckt so, dabei… Die Nutzung mobiler Endgeräte aller Art sind eigentlich im ganzen Gebäude verboten, gerade gestern wurden wir darauf hingewiesen. Macht schon Sinn, diese Regel, eigentlich. Nur – Sirenengeheul hört man offensichtlich nicht, über 20 spielende Kinder hinweg. Da müsste sich die Katastrophe dann übers Festnetz melden, oder ans Fenster klopfen, oder so.

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Ohne echtes Interesse gelegentlich die Koalitionsverhandlungen verfolgt und kopfschüttelnd amüsiert dabei.

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Man würde die Kindergeldzahlung aufgrund der Volljährigkeit demnächst einstellen, es sei denn, ich kann belegen, dass es noch zur Schule geht oder eine erste Ausbildung macht, teilt das Amt mit. Ich nutze den aufgedruckten QR-Code um die nötigen Unterlagen einzureichen, und frage mich, ob das wohl wirklich so einfach geht. Wenige Tage später bekomme ich wieder Post, in den Briefkasten neben der Haustür. Mein Kind befinde sich in einer Berufsausbildung. Der Ausbildungsbetrieb möge das fristgerecht bestätigen, sonst wird es kein Kindergeld mehr geben. Das Kind nimmt den Zettel mit in den Betrieb, der Ausbilder unterschreibt und stempelt, ich adressiere einen Umschlag, klebe eine Briefmarke, laufe zum Briefkasten und hoffe, dass die Post das fristgerecht hinbekommt. So fühlt es sich viel normaler an.

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Klausur und Zwischenprüfung wurden geschrieben, das Betriebspraktikum läuft und macht Spaß, die Stimmung im Haus ist nicht mehr zu vergleichen, mit der von letzter Woche. Puh.

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Wir haben wirklich schöne Schüsseln, sagt Märzkind beiläufig, während der Essensvorbereitungen, und eine richtig gute Rezeptesammlung, da kann man sich später mal über ein Erbe freuen. Vermögen wäre natürlich auch toll, aber so was praktisches, als Andenken fürs Leben ist auf jeden Fall viel besser als ein Haufen Klump, wo man sich sofort fragt, wie man es am besten entsorgen kann. Ein ungewöhnliches, aber nettes Kompliment.

Ich könnte ja mal das Fotoalbum holen, sagen die Gäste. Wenige Minuten später schwelgen alle Anwesenden in fröhlicher Nostalgie. „Dann bist jetzt seit 20 Jahren Mama“, sagt meine Mama, ich nicke nur und mache ein so-isses-Brummgeräusch „…und ich Oma“. Auf dem „Kind mit Großeltern-Foto“, dass heute vor genau 19 Jahren gemacht wurde, sind 9 Personen. Heute feiern noch zwei Omas und ein Opa mit.

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Eine Wartezeit im Auto. Mit Tee aus dem Thermobecher einem Buch und einer Wolldecke ist es eigentlich ganz gemütlich. Normalerweise würde ich einkaufen fahren, solange, bin aber schon wieder erkältet, ich würde sowieso die Hälfte vergessen. Es nervt.

Was das Bild schon immer da? Könnte sein, es stand eine Mülltonne davor, oder so.

ein bisschen Frühling

Es kommt selten vor, dass der gleiche Paketbote mehrmals kommt, aber wir erkennen uns wieder, als er mir ein Päckchen durchs Fenster des Lieferwagens anreicht. „Wegen dem Solar neulich“, sagt er… entschuldigt sich mehrfach, hat er selber nicht gesehen. Er erklärt mir, wie er Ladung sichert. Im Moment stellt er mehrmals die Woche Solarpaneele zu, bisher immer alles Ok und ob wir da jetzt was bezahlen müssen??? „Nein, alles gut. Wir haben ein Foto vom Schaden geschickt, die haben nur gesagt, OK, ist kaputt, kommt neu, bitte das alte selber zur Entsorgung bringen“ Es war so einfach, dass man sich fast fragt, ob das vielleicht von vorneherein zur Entsorgung…

Ein gutes Gespräch mit jemand völlig Fremden geführt.

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Julikind bekommt ihre Hausarbeit zurück. Benotet und mit Anmerkungen. Vielen Anmerkungen, in rot. Sie reicht mir den Ordner, kann ich ja mal gucken, wenn ich will. Nach der ersten Seite erhöht sich meine Pulsfrequenz, nach der zweiten würde ich gerne Anmerkungen zu den Anmerkungen reinschreiben, nach der dritten Seite gebe ich auf, sonst muss ich womöglich noch jemanden anrufen, um darauf hinweisen, dass es höflicher ist, einen Satz erst bis zum Ende zu lesen, manchmal erschließt sich Sinn nämlich erst nach einem Komma, und dass der Begriff „ewig“ einen Zeitraum beschreibt, dessen Ende nach menschlichem Ermessen unfassbar weit in der Zukunft liegt, also per Definition ungenau und in Bezug auf PFAS durchaus angemessen ist. Aber – Empörungsfasten. Wir verbuchen es als Lektion in Frustrationstoleranz und Julikind kann sich dann jetzt doch vorstellen, solche Aufgaben zukünftig durch eine KI erledigen zu lassen, wie ich es vorgeschlagen hatte.

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Drei Hühner und der Hahn wurden vom Grundstück genommen. Naja, eigentlich nur zweieinhalb Hühner und der Hahn. Mitten am Tag, die genauen Umstände sind unklar. Ein Trauerfall. De Omma hat schon hunderte von Hühner geschlachtet und gegessen, aber das war was anderes. Diese Hühner sind sowas wie Nachbarn. Für alle die an der Ecke wohnen, denn sie laufen ja tagsüber frei rum.

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Morgens um kurz nach sieben sehe ich auf der langen Geraden kurz vorm Nachbardorf zwei Fahrradfahrer auf Mountainbikes. Sie tragen ganz normale Kleidung und schwere Rücksäcke, das ist ungewöhnlich. Ach guck, die kenne ich doch. Sie müssen etwa zur gleichen Zeit wie der Bus losgefahren sein, es sind ungefähr 15 Kilometer bis zur Schule, bei 2°C, aber heute mittag wirds warm. Bräuchte es ein Bild um zu erklären, wie scheiße die Busverbindungen sind, würde es wohl ungefähr so aussehen.

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Der Liebste und ich sitzen nebeneinander in den Sesseln, beide gerade erst angekommen, aus verschiedenen Richtungen, leicht zerrupft und völlig platt. Zwei Arzttermine waren das heute, einer lange geplant, einer ganz spontan nötig geworden, beide blöd und mit Folgetermin. Zwei Autos sind kaputt, eins nicht eilig aber mit langer to do Liste, eins schafft es wohl noch bis zur Werkstatt, Kollegen krank …, zwei Teenager im Vor-Prüfungsmodus, eigentlich reicht es schon, für diese Woche. Es ist Dienstag 18 Uhr.

Und wie immer- wenn das Chaos groß genug ist, findet sich alles auf wundersame Weise von selber. Jeder tut was er kann und ist großzügig mit den anderen. Das frühlingshafte Wetter hilft sicher auch. Irgendwann ist dann wirklich Wochenende. Zumindest für die, die nicht lernen müssen.

Wäsche draußen aufgehangen, Sonnencreme eingekauft, Tomaten angesät, Burger gegrillt im Garten. Essen lieber drin, denn wenn die Sonne erstmal weg ist merkt man doch, dass letzte Woche noch Winter war.

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Märzkind plant eine Geburtstagsfeier. Zu den Vorbereitungen gehört auch ein „weißte noch, damals“– Moment. Fünf Jahre ist das her. Es waren ganz andere Zeiten, damals.