Novemberhusten, KW44-46

Es gab einen Plan für diesen Umzug. Der wurde geändert. Das kam überraschend aber, wenn man ehrlich ist, es hätte kaum besser laufen können. Mittags um eins sitzen Menschen aus vier verschiedenen Haushalten um einen Tisch in der besten Dönerbude des Städtchens. Alle ein bisschen erledigt, vonne Psyche her. Vielleicht wird jetzt alles viel leichter.

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Dieser Umzugs-Einsatz ging schneller als gedacht und wenn wir sowieso schon hier parken, könnten wir doch gerade noch in den Baumarkt, wegen Duschkabine, sagt der Liebste. Nun denn. Duschkabinen kosten etwa soviel mein letztes Auto, das macht mich nachdenklich. „Man fragt sich, wie lange wir noch wohnen…“, murmelt der Liebste im Vorbeigehen. Somit sind wir uns einig. Das Sortiment bietet für unsere baulichen Gegebenheiten zwei Modelle zur Auswahl, drei Stellen vor dem Komma auf dem Preisschild sind völlig ausreichend.

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Für durch Starrsinnigkeit teilweise selbst verschuldetet kleinere Senioren-Unfälle gilt die gleiche Regel wie für den Fight Club. Schweigen wir also.

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Zwei Tage lang ist es windig. Die Wetterapps sagen sogar stürmisch. Auf der Hunderunde bleiben wir einen Moment stehen um das Naturschauspiel zu würdigen. Über der Wiese vorm Wald wehen bunte Blätter. Schön sieht das aus, wie ein Bildschirmschoner, wenn man Instagramm hätte könnte man jetzt aber mal so richtig. So, goldener Oktober abgeräumt und weggefegt. Willkommen November.

Nebel so dicht, dass man nicht sicher sagen kann, ob es nicht vielleicht doch ein leichter Nieselregen ist. Vom Fenster aus kann man die andere Straßenseite sehen, dahinter scheint Weltende zu sein. Dazu ist es kalt. Eklig kalt. Glühwein also und meinetwegen, weil ich hatte ja gesagt, wir machen das mit den Jahreszeiten jetzt so, wie es kommt, ein Weihnachtsfilm. Märzkind, der Liebste und ich verbringen den Abend mit Familie Griswold.

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Maikind bemängelt etwas an der Dachboden-Verteilerdose. Soll er halt einen Einkaufzettel schreiben, sagt der Liebste. An einem Samstag nachmittag verschwinden die Herren. Man hört das sanfte Getrappel von Sicherheitsschuhen auf dem Dachboden, untermalt von gemurmelten Halbsätzen, schließlich schallt ein „unjez?“ vom Sicherungskasten aus durchs Haus und dann soll ich mal gucken kommen. Wow! Die Dachbodentreppe ist beleuchtet. Ein gamechanger, ich hatte keine Ahnung, dass sowas möglich ist und finde es toll. Die Herren freuen sich über Lob und Anerkennung, dachten aber anscheind, ich spreche von der neuen Verkabelung, stelle ich fest, als sie auf dem Rückweg beiläufig erwähnen, dass es so übrigens auch möglich gewesen sei, ein weiteres Licht über der Treppe zu installieren.

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Kann das noch Erkältung sein, oder wurde hier die nächste Runde eingeläutet? Übelster Männerschnupfen bei Maikind, bei mir, beim Julikind. Immer der Reihe nach. Alle Tests negativ, aber schön ist das auch nicht.

Die Schule informiert uns über eine erneute Häufung der Coronainfektionen. Die Klassenlehrerin des Julikinds fügt dem Schreiben die Bitte an, positiv getestete Kinder, wenn möglich nicht in die Schule zu schicken. Ich würde da gerne mit einem Herzchen oder einem Applaus smiley reagieren, aber das geht bei Elternbriefen ja nicht.

durchziehender Oktober, 2023

Von außen betrachtet sieht es wohl so aus, als wäre nichts los. Aber es tun sich Dinge in Köpfen.

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Märzkind braucht vielleicht doch einen Laptop. Ich wechsle einen Blick mit Maikind. Hatten wir uns schon gedacht, dass man nur mit Kulli und Collegeblock nicht durchs Studium kommt. Maikind soll mal sagen, welcher wohl gut wäre. Er fragt nach Betriebssystem, Kostenrahmen, Arbeitsspeicher, Bildschirmgröße, Grafikkarte. Märzkind guckt fragend. „Vielleicht dann doch lieber ein Tablet?“ Maikind bemerkt ein Kommunikatiosproblem und versucht es anders. „Wofür brauchst du das Gerät denn?“ „Na – fürs Studium, so zum Schreiben, speichern, mitnehmen…“, sagt Märzkind in dem geschwisterlichen Tonfall für blöde-Frage-Vollpfosten. Maikind seufzt. Ich dolmetsche. Er findet was, wir bestellen gemeinsam, Märzkind bedankt sich herzlich. Hat sie doch gewusst, dass Maikind sowas kann, dauert halt nur immer, bis er verstanden hat…

Läuft bei den Blagen. Man freut sich richtig, einen Moment lang. Dann übernehmen die Senioren.

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Die Oma aus dem Städtchen bringt zwei Salatschüsseln und vier kleine Handtücher vorbei. Sie wird umziehen, demnächst. Ich biete ihr Hilfe an, bei konkreten Tätigkeiten, denn ich habe da so einen Verdacht. Fröhlich lächelnd lehnt sie ab, das wird nicht nötig sein. Sie kümmert sich heute um das hier – deutet auf Schüsseln- ihr Sohn dann um den Rest. Aha. Die Fassade war solide, aber jetzt hagelt es Erkenntnisse.

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Seine Oma liegt jetzt nur noch, erzählt der Liebste nach einem Besuch. Ansonsten wirkt sie aber fröhlich.

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De Omma braucht neue Schuhe. Oder auch nicht. Sie hat nämlich noch welche aus den späten siebzigern, die sind gut zu gebrauchen. „Also, ich persönlich fände es schöner, wenn du nicht im Hühnergarten auf die Schnauze legst und irgendwelche Knochen dabei brichst, aber, du bist ja alt genug, mach wie du meinst“. Ich staune selber, als ich mich das sagen höre, denn so rede ich eigentlich nicht mit Omas. Es ist allerdings nicht das erste Gespräch zu diesem Thema und ich wäre dann jetzt durch. „Njo. Vielleicht haste recht“, sagt sie. Wottsefack?

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Eine Woche Herbstferien ist wenig, aber immerhin. Erstmal natürlich, muss man garnichts machen, drei Tage lang. Dann erledigt Julikind Besuche, für die im laufenden Betrieb keine Zeit war. Zack, eine Woche rum.

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Seit der Grundschule lese ich für Maikind Korrektur und komme bei den Berichtsheft Einträgen langsam an meine Grenzen. Heißt es Steckdosenstromkreis oder Steckdosen Stromkreis? Aderendhülsen? Hast du dir das Wort ausgedacht? Maikind erklärt wo, wie und zu welchem Zweck man die einbaut. Und: Beim nächsten Baumarktbesuch fällt es mir plötzlich auf, wahrscheinlich war es schon immer da, das Regal mit den Aderendhülsen.

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Bei fast noch warmen Herbst-Regenwetter begegnen mir Feuersalamander im Wald. Ich hab lange keine gesehen und freu mich. Dachte schon, die wären ausgestorben. Es ist überhaupt richtig schönes Herbstwetter. Bunte Blätter an den Bäumen, Moos in allen grünschattierungen und Pilze, jede Menge Pilze. Sehr dekorativ, das alles.Beispielbild aus kostenlosem Archiv, aber könnte auch von hier sein

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Es fühlt sich nicht so an, aber lange ist es nicht mehr, bis Weihnachten. Ich hatte da um Absprachen gebeten, denn der Kalender füllt sich allmählich, aber, es wird auch ohne gehen und zwar folgendermaßen: Sollten Terminanfragen kommen, trage ich die ein und wenn sich Sachen überschneiden, teilen wir uns auf oder sagen ab. Er habe tatsächlich eine Weihnachtsgruppe mit seinen Geschwistern gegründet, zur Terminabsprache, sagt der Liebste. Sehr gut. Das freut mich. Leider sei erst nach der Planungsphase aufgefallen, dass statt seines Bruders einer von den alten Herren Mitglied der Gruppe war, unerwartete Verzögerungen, alles irgendwie ein bisschen komplizierter als gedacht. Ach was.

Bei einem flüchtigen Besuch in der Buchhandlung fällt mir ein Aufsteller mit Grinch-Merchandise-Artikeln auf. Interessant. Anscheind wird Grinch sein allmählich gesellschaftsfähig. Ich befürworte das, bin persönlich aber schon auf einem anderen Level. Ich kaufe nix wo Weihnachten drauf steht. Garnichts. Es gibt normale Geschenke, normales Blätterkrokant und Standard-Schichtnougat zu, naja, halbwegs normalen Preisen.

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Die Baustelle ist fertig – juhu. So mit 50 Sachen durch die Ortschaften Richtung Städtchen, es fühlt sich fast wie rasen an, nach Monaten bei Tempo 30. „Guck es dir an“, sage ich zum neben mir sitzenden Märzkind, auf der langen Geraden „niemand vor uns und niemand zu sehen, im Rückspiegel“ „so soll das“, sagt Märzkind, „einfach mal in Ruhe geradeaus fahren, ohne Leute“. Der Schulbus fährt auch wieder nach Plan. Macht 80 Minuten mehr Unterricht pro Woche. Natürlich ploppt sofort die nächste Baustelle auf. Wegen Schienenersatzverkehr wird Märzkind nächste Woche an dem Tag der autofreien Anreise 3 statt anderthalb Stunden für den Weg zur Uni brauchen.

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Leider, man kann sich nicht erklären wie eigentlich, ist eine Flasche preisgünstiges „Pahrfühm“ im Turnbeutel zerbrochen. Ein sensorisches Inferno, 80000 Olf verteilen sich im Haus.

bunt gemischtes und dunkle Seiten, KW 38-42

Kurz nach acht Uhr morgens mache ich mich auf den Weg ins Städtchen. Ich fahre nur 80 und etwas weiter mittig als man das normalerweise tun würde, weil ich sehen kann, das von vorne keiner kommt. Hinter mir ein Baustellen-Kleintransporter voll besetzt mit Malochern, alle unter 30. Eigentlich müssten die mir direkt an der Stoßstange kleben, hier, um diese Zeit, tun sie aber nicht. Die kleine Landstraße hat gelitten, nach einem halben Jahr Umleitungsverkehr von der Bundesstraße. Es gibt keine Bankette mehr. Also machen wir alle ein bisschen langsamer und teilen die Fahrbahn nach Bedarf. Man wundert sich, aber es geht.

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Zeiten, Abläufe, Wege alles ist leicht verändert in den letzten Wochen, auf gute Art, nur eben ungewohnt.

Mittagessen für drei Leute. Tja, äh, kocht man da was? Es könnte sich doch einfach jeder ein Brot schmieren, schlage ich vor und wir essen dann „was richtiges“ wenn mehr Leute da sind. Julikind nennt spontan drei Haushalte in denen immer nur zwei Leute wohnen und vermutet, dass die doch wohl nicht alle immer nur Käsebrot essen. Da hat sie recht, gebe ich zu und überlege mir was. Es fühlt sich ein bisschen an wie Puppenküche.

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„Ich muss rauchen, kommst du mit?“, fragt die Mutterkollegin und zupft leicht an meinem Arm. „Hä?“ sage ich in der Betonung für ich-verstehe-was-du-sagst-aber-nicht-was-du-meinst. Na, sie muss da hinten hinter die Hecke, ich soll bitte mit, sie muss mir noch was erzählen. „Also, ehrlich, es ist stockdunkel, wir sind über vierzig, wenn du rauchen möchtest, dann steck dir eine an“ „Meinst du? Wirklich? Hier?“ Ich nicke, merke dann, dass sie das nicht sehen kann und sage „jaha, sicher“. Dieser Elternabend war anstrengend. Zu Hause trinken der Liebste und ich noch ein Bier, auf der Treppe vorm Haus. Da kann er sich auf freuen, nächstes Jahr, sage ich, oder vielleicht geht einfach keiner mehr hin.

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Im August gabs einen Vormittag, da sind wir uns in dicken Jacken begegnet und hätten eigentlich Handschuhe gebrauchen können, ob er sich erinnern kann, frage ich den Landwirt, der mir auf der Hunderunde begegnet. Die laufe ich heute im T-Shirt und Sonnencreme wäre eigentlich nicht verkehrt gewesen fällt mir gerade auf. Jetzt, „wo ich das sage, stimmt“, sagt er, während er Blätter fegt, in kurzer Hose, Mitte Oktober.

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Landtagswahlen in Hessen: Seit Wochen halte ich immer wieder kleine Vorträge, darüber, wie toll das ist, in einer Demokratie zu leben, wo jeder alles sagen darf und das einzige Risiko darin besteht, dass man für eine kognitiv suboptimierte Arschkrampe gehalten wird und einem das auch gesagt wird. Dass es wichtig ist, hinzugehen, wenn Wahlen sind, weil jede Stimme gleich viel zählt und es hier sonst nur Politik für Rentner geben wird, denn die gehen hin….

Sonntag vormittag: Märzkind kommt von irgendwo und ist unterwegs nach irgendwo anders, wollte nur kurz Hallo sagen und dass sie schon gewählt hat. Ich freu mich. Das Pluseinskind durfte allerdings leider nicht wählen. Er wohnt erst seit September im Ort, das Wählerverzeichnis wurde im August auf den letzten Stand gebracht, deshalb steht er noch nicht drin. Er müsste in seinem vorherigen Wohnort wählen. „… und, ganz ehrlich, mal abgesehen davon, dass das zeitlich nicht passt, die Spritkosten wegen zwei kleinen Kreuzen? Dann eben nicht, leider“. Versteh ich. Schade eigentlich.

26% der abgegeben Stimmen im Ortsteil für die AfD. Anscheind mögen wir Nazis. Ich könnte kotzen.

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Der Liebste bestellt Holz inklusive Lieferung. Natürlich haben am einzig möglichen Liefertermin alle Kinder Unterricht und Arbeit, aber, eigentlich schafft man das auch zu zweit ganz gut. Wenn man nicht nebenher noch schnuddeln und Kaffee trinken muss. Symbolbild für den Muskelkater des Todes.

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„Ich habe gehört, was passiert ist. Es tut mir sehr leid.“

„Er war mein Freund“

Mehr Worte braucht es nicht. Ein Suzid im Freundeskreis meines Bruders.

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Zum zweiten Mal in dieser Woche fährt der Schulbus um drei Minuten nach acht hier weg, das weiß ich, weil der quasi vor unserem Fenster wendet. Schulbeginn ist um 8 Uhr. Es fängt an, mich zu stören, leider. Andererseits- es fährt ein Bus. So selbstverständlich ist das nicht, sagt der Fachoberschüler aus dem Nachbarort. Er sei letzte Woche zweimal stehen geblieben. Da kam einfach keiner, wo laut Plan einer hätte kommen sollen. Schon stört es mich kein bisschen mehr.

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Dann ändert sich die Jahreszeit, innerhalb eines Tages. Morgens ist Spätsommer, nachmittags eindeutig Herbst. Liegt es an mir? Nein, das Thermometer zeigt 10°C weniger an als heute morgen, wir lassen die Übergangsklamotten aus, und wechseln von T-Shirt auf Winterjacke, außerdem zieht der Liebste Winterreifen aufs Auto und ich die Winterdecke aufs Bett. Auf dem Sportplatz wird Glühwein ausgeschenkt, meldet Märzkind. Ernte- Fahrzeuge fahren bis Mitternacht durch den Ort. Am nächsten Morgen sind die Grasschwaden auf den Wiesen gefroren, habe ich so auch noch nicht gesehen.

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Ich packe zwei Brotdosen. Eine für einen Schultag, die andere für einen Berufsschultag, also knallevoll, weil ich nett gefragt wurde und wach bin. Viertel vor sieben fällt mir auf, das es ungewöhnlich leise ist, im Haus. Vielleicht besser, ich schaue mal nach. Gute Entscheidung, lobe ich mich selber, denn im Zimmer des Maikinds ist es dunkel. Vorsichtig mit dem Fuss voran tastend bewege ich mich Richtung Fenster, ziehe den Rollladen hoch und hä?? Da liegt niemand im Bett. Es war auch niemand im Badezimmer, bin ich mir sicher. Entweder, Maikind wurde hochgebeamt, oder er hat gar keine Berufsschule und ist im Betrieb?

Sommerweihnachten

Ein Fünfschichtsystem, dass von sieben Leuten bespielt wird ist ein komplexes Konstrukt aus regulären Früh-, Spät-, Nacht- und Freischichten, doppelt besetzten Kernzeiten, Urlaubstagen, Lehrgängen, Schulungen, Audits. Ein Fünfschichtsystem, dass von drei Leuten bespielt wird nicht. Der Liebste hat die Nachtschicht erwischt. Ein Glücksfall, wenn man so will.

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Der Ausbilder scheint freundlich und kompetent zu sein, das ist schon mal die halbe Miete, da sind wir uns einig. „Aber, ganz ehrlich, ein Zettel hätte mir gereicht“, raune ich dem Liebsten zu. Eine nett gemeinte Elternveranstaltung. Auf dem Weg zum Parkplatz fragen wir uns, ob der Standort wohl sicher ist. Eine Sorge, die wir uns garnicht gemacht haben, bevor drei verschiedene Abteilungsleiter das Bedürfnis hatten, sie uns in ausführlichen Reden zu nehmen.

funfact: „Verfahrensmechaniker“ heißen seit diesem Jahr „Kunststoff- und Kautschuktechnologen“. Was für eine klangvolle Berufsbezeichnung. Die tun ihm ein bisschen leid, sagt Maikind. „Stell dir mal vor, bist auf ner Party und dich fragt einer un?was machst du so?, und dann musste sagen KunzschoffundKauschuktechnoolooge“. „Ach, das ist die offizielle Berufsbezeichnung für die Gummiknechte?“ erkundigt sich der Liebste, wusste er garnicht. „Nja aber, Gummiknecht ist, glaube ich, wie Zigeunerschnitzel, dass sagt man nicht mehr…“ gebe ich zu bedenken.

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Julikind bekommt einen Stundenplan und ist entsetzt. Ihre Freizeit wird in unzumutbarer Weise beschnitten. Tatsächlich, dreimal die Woche bis zur achten Stunde, ich staune und bringe dem Kind schonend bei, dass sie auf eine Ganztagsschule geht, seit drei Jahren. Am Donnerstag kommt der zweite Stundenplan, der provisorisch für nächste Woche überbrücken wird, es haben sich Änderungen ergeben. Auf dem vorläufig endgültigen Stundenplan sind es dann schon fünf Wochenstunden weniger. Ein Nebenfach wird garnicht stattfinden. Der Kultusminister schickt einen Elternbrief. Kopfschüttelnd lese ich den ersten Abschnitt, dann kommt ein bisschen kalte Kotze. Ich lösche die mail, teilweise ungelesen. Willkommen im neuen Schuljahr.

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Nur noch ein Schulkind. Seltsam. Und preisgünstig. Der Schuljahresstart-Einkauf dauert nur 10 Minuten. Auf dem Weg Richtung Schreibwaren laufen wir an Regalen voller Adventskalender vorbei und wundern uns. Das war sonst nicht, würde ich behaupten, könnte aber auch sein, dass mein Fokus einfach woanders lag.

Maikind schaut voller Mitgefühl auf einen eskalierenden 4-Jährigen. Das Hirn wechselt in homeschooling Modus und eine Textaufgabe ploppt auf. Ein Adventskaldender hat 24 Türchen. Wie viele Kalender muss eine Mutter am 6. September kaufen, damit Ruhe ist, bis Heilig Abend?

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Ein Muttitaxi wäre selbstverständlich theoretisch möglich, praktisch wäre es mir anders lieber. Ja sicher, sagt der Liebste, das sollte ja wohl kein Problem sein. Er telefoniert, organisiert, gibt Nummern an Maikind weiter. Absprachen werden getroffen, geht/geht nicht/geht, aber nur an folgenden Tagen/natürlich, man wartet 10 Minuten / fährt ein bisschen eher, damit der Junge rechtzeitig… ich bin schwer beeindruckt von der Leichtigkeit mit der verbindliche Abmachungen getroffen werden und ein bisschen gerührt von soviel Hilfsbereitschaft. Am Ende seiner zweiten Arbeitswoche ist Maikind Teil von sieben verschiedenen Fahrgemeinschaften gewesen. Dorfkinder united. Danke dafür! Echt. Von Herzen. Und gerne auch in Euros, bitte einfach sagen, Kommunikation ist noch eine kleine Herausforderung für den Fahrgast

August-Schnipsel 23

Der Liebste feiert seinen Geburtstag nicht- vielleicht – mit der engsten Familie – ein paar Freunden… zum Essen…wie jedes Jahr, schöne Party. Der Plan war, Reste portionsweise einzufrieren, aber das wird nicht nötig sein, sagen die Blagen, das bisschen schaffen sie später noch. Der Liebste wundert sich. Möglicherweise hat er in Erwachsenen-Portionen gerechnet? Es waren fünf Teenager dabei.

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Gab`s einen Startschuss? Über Nacht hat sich ein bunter Strauss Postkarten ersetzender Statusmeldungen angesammelt. Das Grandhotel am Gardasee, europäische Wahrzeichen, Wege durch Felsen, Fahrräder vor Landschaft und opulente Gebäckstücke. Mir fehlt noch der Satz „E5 ist ja völlig überlaufen“, dann hätte ich Bingo.

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Es steht tatsächlich garnichts im Kalender, über mehrere Wochen, aber der Eindruck täuscht. Es arbeitet in Köpfen.

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Die herbstlichen Temperaturen werden innerhalb kürzester Zeit von tropischer Schwüle abgelöst. Jetzt ist es zwar warm, aber so kann man mit dem Wetter auch nichts anfangen. „Der Ur-Oma gehts nicht gut, hat die Oma gesagt, weil sie alt ist…“, berichtet Maikind als er vom Rasen mähen zurück kommt. Wir schauen uns an und denken wahrscheinlich das gleiche, bei diesem Wetter scheint nichts unmöglich, aber niemand möchte es laut sagen.

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Das Gewitter ist noch weit weg, aber der Blitz eben, der hat irgendwo in der Nähe eingeschlagen. De Omma ruft an, um mitzuteilen, dass sie nicht telefonieren kann. Aha. Totalausfall von Telefon und Internet bei den Eltern. De Omma hat einen analogen Anschluss. Eine besondere Situation, die für uns alle Herausforderungen bereit hält, um es mal im Stile des Lockdowns zu formulieren.

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Eine gute Nachricht: Schwiegeroma ist wieder wohl auf. War wohl nur das Wetter, oder so.

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Fupp. Backofen kaputt.

Nicht tragisch, es gibt ein Budget für diesen Fall, denn eigentlich ist ein anderes Haushaltsgerät alterschwach, es könnte jederzeit soweit sein… genaugenommen sind alle Weißgeräte im Haus ungefähr gleich alt und Reperatursachen kommen traditionell im Dreierpack…aber…sssscccchhhhhh bloß nichts herbeireden, da wird der Liebste abergläubisch. Sofort lieferbar bedeutet, es dauert vier Wochen, bis das neue Gerät da ist. Da freut man sich dann richtig. Der Ofen wird an einem Freitag geliefert. Am darauf folgenden Samstag, abends um halb elf, führt das Betätigen der Klospülung zu einer völlig unerwarteten Eskalation. Sowas könnte ja ruhig mal Mittwoch morgen oder so, aber nö. Sonntag nachmittag streikt der Staubsauger.

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Das war doch mal ein richtig guter Film, ne? Wie es mir denn gefallen hat, fragen die Mädels. „Naja, gut ist vielleicht nicht das richtige Wort, aber, Premium trash, würde ich sagen.“ Was? Wieso denn trash? Das war doch wohl nicht schlecht, was denn dann für mich ein guter Film wäre, das soll ich aber jetzt mal sagen. „Das der schlecht war, hab ich nie behauptet. Von einem guten Film hätte ich allerdings erwartet, dass die Person die, während sie einen Salto mit dem Jetski macht, mit einer aus Altmetallteilen im fahrenden Schlauchboot selbst gebauten Giftampullen-Harpune einen Megalodon erlegt, sich dabei das Shirt nass macht, sonst wirkt es unrealistisch.“ „Sowas fällt nur dir auf…“ murmelt der Liebste, „man muss eine Handlung auch einfach mal laufen lassen können und außerdem… es war Jason Statham… hallo?“ sagen die Mädels. Meg 2. Wir einigen uns auf unterhaltsam.

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Ausflüge in einen Tierpark, einen Kletterpark, eine Innenstadt. Das Gefühl, Zeit zu haben, vielleicht zum ersten Mal in diesem Jahr.

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Natürlich nur ganz kurz. Der Liebste bekommt Urlaubsbilder von einem Kollegen geschickt. Eine Bergrettung? Fuss, verbunden, auf Kissen liegend, es gucken Schrauben raus. Nicht gut, das heißt was, für die nächsten Wochen. Aber dieser Bänderriss von damals fühlt sich rückblickend fast garnicht mehr so schlimm an.

Von hundert auf null, KW 29/30 2023

So viel und so häufig haben wir seit der Kleinkinderzeit nicht mehr über Schlaf geredet, aus Gründen. Wir schlafen alle schlecht, seit längerem und jeder auf andere Art. Man bemüht sich, niemandem auf den Sack zu gehen, jeder räumt jedem Sachen hinterher, läuft Wege doppelt oder dreifach, weil der eigene Kram dabei vergessen wurde. Insgesamt erinnert dieser Zustand an was. Vielleicht ist das noch Rest-Corona?

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Ein Aufbackbrötchen vom Discounter, die Backzeit wurde offensichtlich auf das Minimum reduziert. Es ist aufgeschnitten, aber nicht erkennbar belegt. Aus Neugier hebe ich den Deckel an, sehe zwei hauchzarte Scheiben Mortadella auf einer dünnen Schicht Streichfett und seufze leise. Man hätte so viele Brötchen schmieren dürfen wie man will, sagt Julikind, aber eins musste jeder. Da hat der Klassenlehrer drauf bestanden, sonst hätte sie gar keins eingepackt, weil „is eklig, ne?“ Jo. Aber ich esse das jetzt trotzdem.

Nominiert für das unterwältigendste Gastro-Erlebnis in der Kategorie Preis/Leistung ist damit…Trommelwirbel… dieses Lunchpaket, bestehend aus einem halben Liter Wasser in Plastikmehrwegflasche, einem selbstgeschmiertes Brötchen und einem Großhandels-Müsliriegel zum Preis von 8 Euro.

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Julikind hat am letzten Schultag Geburtstag. Kaffeetrinken gibt es bei der Oma auf dem Hof. Sie teilen sich einen Geburtstag. Einige Gäste kommen etwas später und wundern sich, dass wir so draußen sitzen, wo sie herkommen ist Hagel und Sturm. Wir haben die Wolken vorbei ziehen sehen, aber sonst war nichts.

Abendessen gibt es bei uns. Nudeln wurden gewünscht, und das passt gut, denn zum draußen sitzen ist es abends tatsächlich zu frisch. Julikind freut sich ehrlich über alle Geschenke. Die Gäste sind ein bisschen erleichtert, geben sie zu. Dieses Jahr hatte niemand so richtig eine Idee, was Julikind eigentlich gerade gerne mag, noch nicht mal sie selber. Am meisten freut sie sich über einen besonderen Gast. Das Baby der Patentante ist gerade mal zwei Wochen alt. Julikind verliebt sich sofort.

Zeugnisse machen die Runde. Schwiegermutter murmelt und schüttelt dann staunend den Kopf. Leider habe sie garnicht genug Bargeld dabei, um ihre Freude in den für diese Noten üblichen Beträgen Ausdruck zu verleihen. Kann man stolz sein. Vor allem, wenn man über Wochen immer nur das Drama und das „durchkommen, einfach nur durchkommen….“- Mantra am Küchentisch und mit was ganz anderem gerechnet hatte. Ich freue mich, dass dieses Schuljahr endlich geschafft ist!

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Auf zwei Partys an einem Tag folgt einer auf dem Sofa. Niemand will irgendwas. Auch mal schön.

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Wir feiern den 91. Geburtstag von der Omma. Hochbetagten Partys sind was Schönes, aber auch ein bisschen anstrengend. Selbst wenn man „nur“ Gast ist. Unauffällig tausche ich einen Blick mit der Mudda, ab morgen wirds leichter.

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Die Zahnarztpraxis ruft an, man hat die Termine der Kinder hintereinander legen müssen, parallel geht nicht, leider sei jemand krank geworden, ich möge bitte statt 45 Minuten anderthalb Stunden Zeit einplanen, nur dass ich bescheid weiß. Meine Begeisterung hält sich in Grenzen. Man bietet mir an, einen oder beide Termine zu verschieben. Nee, aber danke. Ich gebe die Kinder ab und fahre einkaufen. Nach einer halben Stunde ruft Maikind an. Da sei nur ein Termin gebucht gewesen, war aber nicht schlimm, denn der war für Kleinkinder kalkuliert. Die Prohylaxefrau hat gesagt, das, was der Arzt da gemacht haben wollte ist eigentlich jenseits der Grundschule gar nicht mehr nötig, und wo sie denn jetzt hinkommen sollen? Man fragt sich verschiedenes. Aber, das Witzige ist, hätte jeder einzelne kommentarlos Dienst nach Vorschrift gemacht, es hätte von aussen gewirkt wie Kompetenz, stellt Maikind fest. Stimmt.

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Ein Starkregen-Ereignis. Der Liebste und ich gucken aus dem Fenster und beobachten, kann man ja nicht nachstellen, sowas. Sieht alles supergut aus. Regenmengen bis 30 Liter pro Stunde können wir jetzt entspannt sehen. Da läuft nix mehr in den Keller. Dank an den Steinmetz.

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Die erste Ferienwoche regnet es, durchgehend und ergiebig. Entspannend, man muss garnichts.

In der zweiten Woche kommen die Blagen das erste Mal aus ihren Zimmern, ohne dass vorher jemand „essen“ gerufen hat. Abends um halb 8 machen wir das Licht im Esszimmer an, weil es ohne zu dunkel wäre und spielen endlich mal dieses Gesellschaftsspiel, dass wir damals, vor dem ersten Lockdown in der Annahme, es könne langweilig werden, gekauft hatten.

Regen prasselt ans Fenster, der Liebste und ich sitzen mit Wolldecke über den Füßen und Bier in der Hand auf dem Sofa. Gemütlich. Kurz fragen wir uns, ob wir uns vielleicht selber peinlich sind. Aber nee, passt schon. Waaaackeeeen!!

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Ich hole mir eine zweite Decke vom Dachboden, ist sonst zu kalt nachts. Jemand hat die ersten Sendetermine für „Drei Nüsse für Aschenbrödel“ im Status. Märzkind gesteht kleinlaut, gestern abend den ersten Weihnachtsfilm geguckt zu haben. Ach, soll sie ruhig, sage ich. Wir arbeiten die Jahreszeiten einfach so ab wie sie kommen. Vielleicht können wir an Heilig Abend irgendwo ein Tretboot mieten.

Hallo? Sommerferien?

Anfang Juli, KW 27/28 2023

Altstadt- und Kulturfest, drei Tage lang Konzerte und Aufführungen verschiedenster Vereine, ich staune, für was ich mich alles nicht interessiere. Julikind und ich gucken die Chearleader und die Aufführung einer Tanzschule an, stellen fest, dass sie sich sonst auch nicht interessiert, kaufen eine Tüte gebrannte Mandeln und fahren wieder nach Hause.

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Der Hund, der da scheinbar so friedlich liegt, ist in Wahrheit genervt von vorbeifliegenden Insekten, ich sehe es ihm an. Genug ist genug, er schnappt in die Luft, guckt einen Moment komisch und jault. Ich serviere einen Eiswürfel und ein „ich hatte doch gesagt…“

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Zwei komplette Vormittage damit verbracht einen neuen airbnb-Eintrag zu erstellen, alles viel aufwändiger als „damals“. Wenige Minuten nach Freischaltung fällt mir wieder ein, wieso ich den gelöscht hatte. Meine Frustrationstoleranz ist nicht mehr algorythmuskompatibel, fürchte ich.

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Geburtstag gefeiert mit einem langen Spaziergang durch den Nationalpark, Mittagessen in Premium-Imbissbude und Abendessen in gemütlicher Runde. Es wurden tatsächlich mehrere Flaschen Wein getrunken, man kann schon fast von Party sprechen. Glückwünsche kamen aus allen Richtungen, hab mich sehr gefreut.

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Zwei offizielle Schulentlassungs-Feiern haben wir besucht. Eine fröhliche, mit an Herzlichkeit grenzendem Respekt voreinander, aufgeregten aber professionell wirkenden Reden, schöner Musik und funktionierender Veranstaltungstechnik in einem ausreichend großen Raum und eine wird uns als ganz nett in Erinnerung bleiben.

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Ein warmer Sommerabend, wie gemacht für eine Abschlussfeier. Als wir um halb zehn ankommen ist vor der Halle richtig was los. „Ach, ihr seid ja doch da…“ „Sicher, hatte halt nur niemand Lust auf dieses Essen…deswegen“ „gute Entscheidung“.

Eigentlich sind es dann doch zwei Partys geworden. Die „Palette Dosenbier auf`m Sportplatz und Musik organisieren die Blagen selber“-Fraktion steht draußen vor der Halle, die „festlich dekorierter Ballsaal mit DJ und Fotobox“-Leute feiern drin. Kurz vor zwei bin ich müde, so leid es mir tut. „Gut“, sagt die Freundin, dann können sie ja auch gehen. „Ähhh“, sage ich. „Nee, nee“, sie hatten sich geschworen, nicht die ersten zu sein, die zum Aufbruch rufen, aber, wenn wir jetzt…

Wir fünf, alle zusammen im Auto nach Hause, wer hätte das gedacht? Niemand.

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Bei Hitzewarnung bekommen Paketboten ein Trinkgeld und eine Flasche Wasser. Außer, sie sprinten zum Auto, knallen die Tür zu und fahren filmreif vom Hof, wenn man „hallo“ hinter ihnen herruft, dann nicht.

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In der Klasse des Julikinds werden spontan noch zwei Lernstandserhebungen geschrieben. In Mathe wird ein Schnitt von vier komma eins erreicht und in Deutsch liegt er bei vier komma drei. Somit stellen wir fest, dass in diesem Schuljahr ausreichend Unterricht stattgefunden hat, oder was?

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Da kommt eine Wurzel hoch, direkt vor dem Hauseingang. Irgendwer wird sich da eher früher als später richtig auf die Schnauze legen, das geht so nicht mehr. Kein Problem, sagt der Steinmetz und bringt Werkzeug mit. Das Haus beginnt zu beben, ich geh dann mal mit dem Hund. Als ich zurück komme ist es verdächtig still. Der Liebste und der Steinmetz halten jeder eine Flasche Bier in der Hand und gucken schweigend in das entstandene Loch. Oh,oh. Die Baustelle sei größer geworden als gedacht, sagen sie, und der Aushub bestehe auch nicht aus dem Material, dass man erwartet hatte. Verfüllungs- und Entsorgungskosten haben sich verändert, es gäbe Möglichkeiten, ich soll mal sagen. Ganz einfach, wenn der Betrag dreistellig bleibt, würde es mir ehrlich gesagt nichts ausmachen, wenn es ein bisschen scheiße aussieht. Tatsächlich ist die Notlösung vielleicht sogar die bessere.

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Einen Immatrikulationsprozess begleitet. Also, ich hab daneben gesessen, Kaffee getrunken und regelmäßig bestätigt, dass das alles akademisch verschwurbelter Kackmist ist. Man tut, was man kann.

Maikind zur Einkleidung an Tor eins gebracht und Berufsstarts-Bürokratie erledigt. Gleiche Gefühlslage wie bei der Kindergarten-Eingewöhnung.

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Honig geschleudert und im Anschluss mit dem Liebsten ein Bier getrunken, abends um halb zwölf auf der Treppe. Wir sind beide ziemlich kaputt, aber, dieses kleine Zeitfenster zwischen zwei Hitzephasen hat zum Schichtsystem gepasst, das war gut. Jetzt bin ich gespannt, wie dieser Honig im Glas aussehen wird. Von „sieht aus Rapsöl“ bis „Samma, gibts eigentlich schon Waldhonig?“ war alles dabei.

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Boar, ich bin gut. Die Windböe kam überraschend, aber, einfach so, ohne drüber nachzudenken hab ich, während ich noch dabei war, mir das T-Shirt über den Kopf zu ziehen, die davon wehende äh, Wäsche mit den Zehen gefangen, voll der krasse move. Es wäre mir allerdings recht, wenn das keiner gesehen hätte. Ein schneller rundum Blick, Glück gehabt. Sonntag morgen um acht bin ich die einzige im Strandbad. Der Wind ist frisch aber das Wasser ist herrlich. Ich will später mal Frühschwimmer-Omi werden, glaub ich.

Unwetter und Alterungsmomente, KW 25/26 2023

Montag morgen um halb sechs bemerke ich auf dem Weg zum Auto, die Strickjacke hätte ich garnicht gebraucht. Es ist richtig schön draußen. Maikind sieht das anders und hofft sehr, dass sie bei diesem Wetter nicht im Stau stehen müssen, zumal die Fahrt ja sowieso schon fast 12 Stunden…

Die Busfahrerin öffnet die Kofferräume „bitte, ihr dürft, seid ja schon groß“, sagt sie und beißt in ihr Brötchen. Junge Menschen in Jogginghosen verabschieden sich, verladen Reisetaschen, und verschwinden im Bus. Ich hab eine Winkerlaubnis und bleibe an der Hecke stehen. In diesem kleinen Elterngrüppchen haben wir schon den Kindergartenausflügen hinterher gewunken. Als der Bus die Hauptstraße erreicht wird uns klar, das war gerade das letzte Mal, ab Herbst winkt jeder woanders, wenn überhaupt. Es ist so ein Moment.

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Der Liebste sieht blass aus, als er von der Hunderunde wiederkommt und setzt sich erstmal. Was er auf dem Weg erfahren hat ist kein Tratsch, es ist eine Nachricht. Es gab einen Unfall, Stromschlag, Spezialklinik, Intensivstation. Schweigen. Dann kommt die Sicherheitsfachkraft im Liebsten durch. Sowas sollte unmöglich sein. Wie nur?

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In der morning-show des regionalen Radiosenders spielt der Moderator normalerweise das Wetter als Klaviermelodie. Heute wäre das schnell erledigt, für ganz Hessen gilt das Gleiche. Allerdings ist diese Wetterlage auf dem Klavier nicht darstellbar. Man behilft sich mit ACDC „Thunderstruck“.

Äh, wenn es Tornados geben soll, würde ich den geplanten Gartenmarktbesuch vielleicht lieber verschieben. Nee, nee, sagt der Liebste, Tornados erst heute Nachmittag, wir machen das jetzt. Auf der Rückfahrt sind die Wetterwarnungen nicht mehr lustig. „Die Pumpe steht in der Garage“, sagt er, als er sich zur Spätschicht aufmacht, „nur für den Fall“. Ja nee, ist klar. Der Familienchat deckt diese Woche ein Gebiet von Dangast bis Wien ab. Fotos von Wolken, Stand jetzt: überall alles tutti.

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Ein Anruf. Jemand braucht eine Unterkunft, nur für eine Nacht, heute. Kein Problem, sage ich, in der Annahme, die Gäste kämen nach Feierabend. Man freut sich sehr und wäre dann in einer halben Stunde da, wegen Wetter… oh. Die Ferienwohnung war länger nicht belegt, ich hatte Grundreinigung…ääähh… die Mädels eilen zur Hilfe. Betten beziehen, durchsaugen, Bad fertig, Geschirrschränke einräumen, Bezüge aufs Sofa, Handtücher und Tischdecke, Gäste willkommen heißen. High five, große Kinder sind toll, das hätte ich alleine nicht geschafft. Eine halbe Stunde später schwitzen wir immernoch.

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Eine Luft draußen, man wundert sich fast, dass man sie nicht sehen kann, als gestapelte Würfel, oder so. Der Hund müsste nochmal raus. Bei dem Wetter kriegt er womöglich wieder Kreislauf, aber bei Hagel-Gewitter will man ja auch nicht. Ein rundum Blick an den Himmel, leichte Entscheidung, wir gehen jetzt. Die Wolken klingen, als würde jemand eine Mülltonne über Kopfsteinpflaster ziehen. Dann wird es dunkel im Wald. Ich drehe um, der Hund wundert sich. Erst sind es nur wenige Regentropfen, aber jeder einzelne geht sofort durch, bis auf die Haut. Wir joggen den Weg zurück.

Der Liebste ruft an, er hat Wolken ziehen sehen und Geräuschkulisse wahrgenommen. Alles gut, nur Regen sage ich und in dem Moment ändert sich das Geräusch. Die größten Hagelkörner, die ich je gesehen habe. Nur wenige und nur kurz, aber beeindruckend. Für 10 Minuten, dann erreichen uns Bilder aus dem Nachbarort. Hagelkörner so groß wie Hühnereier.

In der Gewitterpause gehe ich kurz zur Omma. Die ist fröhlich. Jo, es habe da eben mal ganz ordentlich geregnet, aber alles in Ordnung. „Da kommt gleich noch mehr“, sage ich, genaugenommen geht es schon los. Ich deute auf den laut prasselnden Regenschauer vorm Fenster. Die Omma dreht sich um. „Ja, die Blume da, auf der Fensterbank, wunderschön blüht die, ne?“ Ich unterdrücke ein Schmunzeln. Soviel zum Thema „ich höre und sehe noch alles“, aber für heute ist es praktisch. Den Weg zurück jogge ich und bin Sekunden vor dem richtig fetten Regen an der Haustür angekommen.

Der Vatta ruft an. Er hat Hessenschau geguckt im Urlaub und …wie es denn aussehe, bei uns? Gut. Ich mache das Fernseh an und bekomme eine Ahnung, wieviel Glück wir wirklich hatten. Nur wenige Kilometer weiter sieht es ganz anders aus. Gärten liegen darnieder, Autos mit Totalschaden, kaputte Dachfenster…

Wien schickt ein Foto vom Schnitzel.

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Auf wundersame Weise hat sich ein Chaos so zusammengefügt, dass ich nur sitzen und warten brauche. Ein Buch und ein Getränk, angenehm temperierter Sommerwind weht durch eine geöffnete Autotür, friedliche Parkplatzstille, ich vergesse die Zeit. Wegen Hunger gucke ich dann doch irgendwann auf die Uhr. Trainingsende ist schon länger her, eigentlich. Merkwürdig. Ich gehe nachsehen und finde eine fröhlich tratschende Runde von Kickboxern verschiedener Generationen.

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Die Spiele der Klostertrophy sind angelehnt an bekannte Klassiker wie vier gewinnt, looping Loui oder der heiße Draht, nur halt in XXL-outdoor-Versionen, gespielt wird in fünfer-Teams, alle müssen volljährig sein. Wir sind nur Zuschauer. „Weißte noch, damals?“, fragt der Liebste. Sicher. Legendär der Abend als sein Heimatort den ersten und den dritten Platz gemacht hat. 800 Euro Preisgeld waren das, kein einziger davon hat das Festzelt verlassen. Die, die jetzt mitspielen, waren da noch garnicht auf der Welt, stellen wir fest. Einige von ihnen haben wir auf Kindergeburtstagen bespaßt, neulich doch erst, wie kann das sein?

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Es gäbe einen Anlass, wir würden eventuell ins Phantasialand wollen. Karten muss man vorher buchen. Der angedachte Tag liegt in einer günstigen Preiskategorie, juhu – äh, nee, doch nicht. Bei allem Verständnis für Inflation und so, aber da bin ich raus. Für 270 Euro Eintritt würde mich jede in Warteschlangen verbrachte Minute stressen.

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Kind: „… Bundesjugendspiele… Bankballtunier… Wasserski fahren… und Freitag ist ja dann der Feiertag“

Ich: „Freitag ist kein Feiertag“

Kind: „Hä? Wieso haben wir denn dann Freitag keine Schule?“

Ich: „Ihr habt Freitag keine Schule?“

Es gab mal eine Zeit, da hat die Schule sowas an Eltern kommuniziert, aber, ach komm geh weg, ist ja auch egal.

Honig und Eichhörnchen, KW 24/2023

Schönstes Sommerwetter. Ich sitze allein im Garten, die anderen bevorzugen bei dieser „scheiß Hitze schon wieder“ abgedunkelte Innenräume. Nach einer Weile geht die Tür auf, wir hätten Besuch, falls ich reinkommen wollen würde… aber da kommt der Besuch schon in den Garten. Sie sind zu Fuss gekommen, aus dem Nachbarort und „Der Eselspfad ist garnicht frei geschnitten“, sagt er und und deutet vorwurfsvoll auf seine Waden. Kratzspuren von Beerengesträuch und Brennessel. „oh ha, tja“, ich zucke mit den Schultern, mache ein Furzgeräusch, ortsunkundige laufen eher den Premiumweg, vielleicht deswegen…

Trotz Wärme trinken wir Kaffee, lange nicht gesehen, und es gibt was zu erzählen. Eine Episode Dorftratsch vom allerfeinsten aus erster Hand, hätte man so nicht für möglich gehalten. Frau mit bestem Kumpel….alleine geht das mit dem Haus ja nicht… wobei, wenn man nachrechnet, für das zweite Kind wird er vielleicht keinen Unterhalt zahlenm müssen…da fängste bei Null wieder an… man kann ihm nur wünschen, dass es eine schwarze Null wird, wenigstens das.

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„Vielleicht könnten wir es ja morgen ausfallen lassen?“, schlägt Julikind vor. Ich bin dafür. Zum nächstgelegenen Gottesdienst würde man 20 Minuten fahren, zurück natürlich auch. Ich habe mein Konfirmandenmutter-Engagement glaube ich während der Coronazeit ziemlich verbraucht.

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Der Hund hat was. Heute nachmittag ging es ihm noch gut. Jetzt nicht mehr, es wirkt bedrohlich. Das hab ich so noch nicht erlebt. Wir rekonstruieren den Tag, wer war wann wo mit ihm und hat er vielleicht irgendwas gefressen? Ich google Symthome und Tiernotdienst und entscheide kurz vor Mitternacht, dass es keine Vergiftung ist. Die Kinder, die sowieso noch länger wach sein werden übernehmen den Patienten. Am nächsten Morgen wird klar – der Hund hat die Wärme nicht vertragen. Der Liebste kauft eine Kühlmatte. Der Hund mag sie nicht. Drei Menschen diskutieren, wer die Kühlmatte nutzen dürfte, sollte der Hund sie wirklich nicht wollen.

Hundenrunden werden auf Hochsommerbetrieb umgestellt. Morgens um halb acht ist anscheind Kinderstunde im Wald, ein Fuchswelpe, Kitze, zwei kleine Eichhörnchen spielen auf dem Weg „aaaawwww wie süüüß- guck ma!“, sage ich. Den Hund interessiert es nicht, aber das ist ja eigentlich gut so.

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Märzkind fährt auf Klassenfahrt und ich sie deswegen zur Schule. Anhalten am Treffpunkt, Kind steigt aus, wuchtet die Tasche aus dem Kofferraum, gibt mir ein angedeutetes Wangenküsschen, sagt „schüssi dann“, rollkoffert los und verschmilzt nach wenigen Sekunden mit der Gruppe junger Menschen in Jogginghosen. Ist noch garnicht so lange her, da musste ich aber auf jeden Fall winken, bis der Bus um die Kurve gefahren ist. Große Kinder zu haben ist doch auch schön.

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Honig geerntet, ganz normal – kiloschwere Waben in die Schleuder rein, Mittelwand-schwere Waben wieder raus, so soll das, so macht das Spaß, war auch mal nötig, nach den letzen Jahren. Die Menge ist erfreulich, also, in der Annahme, dass da nochwas kommt, im Sommer, aber bis hierhin, kann man nicht jammern.

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In der Mottowoche gehen die Abschlussklassen traditionell tagesaktuell kostümiert zur Schule. Mittwoch wäre Thema Zeitreise. Maikind hat als Ziel seiner Zeitreise das Jahr 2020 gewählt und plant, an diesem Tag zu Hause zu bleiben, ob ich ihm wohl eine Entschuldigung schreiben würden, sollte man das fälschlicherweise als schwänzen auslegen? Ja, würde ich tatsächlich, weise allerdings darauf hin, dass die fröhlichen PartyPeople möglicherweise Wege finden werden, die Spaßbremsen zu integrieren…Er denkt nach und geht dann doch hin. Als sie sich auf den Weg machen fragt Julikind welches Motto denn heute? Zeitreise. Ob er denn kein outfit habe? Doch sicher. Das von gestern. Julikind seufzt.

Alltag, sommerlich KW 22/2023

Wieviel Regelmäßigkeit in einem Vierschicht-System steckt, fällt einem auch erst auf, wenn es zum Fünfschicht-System wird. Das kann sich ganz schnell wieder ändern, in jede Richtung, aber für den Moment, ist es gut. Der Liebste hat Freizeit im Sinne von freie Zeit, in der er wach ist, in einem vorher bekannten Zeitraum. Das schafft Möglichkeiten.

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Ich wollte nur was auf den Dachboden bringen – Saisonwechsel – aber, kurz drüber nachgedacht, ja, es könnte sein, dass der Moment gekommen ist. Ich nehme einen Karton und zwei Einkaufstaschen voller Kabelsalat mit nach unten und kippe alles auf dem Esstisch aus. „Ach du scheiße, wo kommt das denn alles her?“, möchte Maikind wissen. Dachboden, was davon kann denn weg? Ich sehe nur meterweise Chaos, aber die Herren haben Spaß. Eine Stunde später ist ein kleiner Karton voll mit, Schrott darf man nicht sagen, weil funktionieren tut das schon noch, sagt Maikind, es kann sich nur niemand mehr erinnern zu welchen Geräten es gehört, elektronischem Zubehör also, `which has outlived it`s usefullness`. Sämtliche Steckdosen im Esszimmer sind belegt. Im weiteren Tagesverlauf finden wir Fotos, Musik, digitale Bücher…

So ein Fotoapparat ist eigentlich eine richtig gute Idee, aufm Handy guckt man ja immer Sachen, so macht man ein Bild und ist fertig, vielleicht nimmt er einen mit auf Klasenfahrt, sagt Maikind. Maikind ist im gleichen Jahr auf die Welt gekommen wie smartphones.

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Ein sonniger Sonntag mittag am Gartentisch. Wir unterhalten uns nett über das Wetter, die Grünflächen- Pflege und plötzlich hat der Gast eine Frage: Wann will ich denn eigentlich mal wieder was arbeiten? „Hä?“, sagt das mit am Tisch sitzende Kind, „die arbeitet doch den ganzen Tag.“ „Ja, nee, klar“, sagt der Gast, das meinte er nicht. Ich ahne was kommt. „richtige Arbeit, meine ich“. Autsch. „Tja, die Kinder gehen ja demnächst arbeiten, da war mein Plan ehrlich gesagt Dusche und Steckdosen auf Münzbetrieb umzustellen“, antworte ich, in der Hoffnung, dass der Gast es vielleicht selber merkt, aber so leicht lässt er sich nicht abwimmeln. Die Kinder seien ja nun groß und ganz ehrlich so könne das doch nicht weitergehen, also wann? denn? nun? „Vor drei Jahren. Dann kam es vorrübergehend zu Besonderheiten im Bereich öffentliche Infrastruktur und Gesundheit, dann war jetzt…“ „Ach, alles Ausreden“, sagt er und im Übrigen sei ich schon auch ein bisschen selber schuld, wenn die Kinder nicht selbstständig…. Es fühlt sich so an, als würde ein flauschiger kleiner Alte-Tanten-Hund quietschig kleffend hinterm Zaun auf und ab laufen. Ich schweige, denke allerdings verschiedenes dabei.

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Das herrliche Sommerwetter hat eine Schattenseite. Ich lege Allergietabletten in das Körbchen mit Sachen, die man eventuell brauchen könnte auf der Gästetoilette und bügele Taschentücher, viele die Stofftaschentücher, die hier intern verwendet werden, wegen Nasenfreundlichkeit und Weltrettung

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Eine Elterntaxifahrt bis zwei Orte weiter mit einer Stunde Aufenthalt, ich nehme den Hund mit. Auf der Weiterfahrt ins Feld springt der Hund freudig gegen die Scheibe, und da erkenne ich es auch. Eine Mutterkollegin hatte die gleiche Idee und sie hat einen von seinen Lieblingshunden dabei. Ich nutze die nächste Parkmöglichkeit und wir gehen gemeinsam.

Beim Postauto sind beide Fenster runtergelassen, es ist Sommer heute. Das Auto hält neben uns. „Was macht ihr denn hier?“, erkundigt sich der Fahrer. Konfirmandenstunde, wir haben Wartezeit. „Ah so“, er dachte nur, weil hier gehören wir ja nicht hin. „Stimmt, ist nett, dass er fragt“, sagen wir, „wenn wir verloren gewesen wären…“ „jooo, dann hätte er gleich beim M bescheid gegeben“, sagt er und grinst, „sehr aufmerksam, schönen Dank auch“, man kennt sich hier. M ist der Betreiber des nahegelegenen Seniorenheims.

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Die Vertretunsplan-App wurde gehäckt. Nichts geht mehr. Julikind steht vorm Tablet und ist ratlos. Woher soll man denn jetzt wissen, wann der Unterricht anfängt? Äh – garnicht, du hast einen Stundenplan, wir tun jetzt mal so, als würde der gelten. Damals, als ich jung war…

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Ein sehr angenehmer Konfirmanden-Elternabend. Innerhalb von nur einer Stunde erfahren, wie es dieses Jahr laufen wird und in freundlicher Atmosphäre Konfirmationstermine verteilt. Das war leicht, wir wundern uns im Rausgehen ein bisschen.

Mit dem Liebsten mal so ganz grob eine Gästeliste geschrieben. Es sind scheinbar weniger Leute als damals bei Märzkind, das kann eigentlich nicht, oder doch, ach, man weiß es nicht. Der Liebste bucht den Saal.

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Der Edersee ist so voll, dass die nächste Badestelle in einer viertel Stunde erreichbar ist. Das Wasser ist uuuuaaaarschkalt, seehr kalt, kalt, ganz wunderbar, wenn man erstmal drin ist.