KW 17/18 2022

Es war angenehm ereignislos.

Die Wechselschichtwochen des Liebsten sind schon vorbei. Ich glaube, es war nur ein Rückwärtswechsel dabei. Aber Normalbetrieb ist noch einfacher. Naja, was man so Normalbetrieb nennt. Die Lieferketten, die Rohstoffe, eigentlich ist alles möglich.

Märzkind hat Theorieprüfung für den Autoführerschein. Zwanzig nach acht muss sie beim TÜV sein, danach in die Schule. Das geht nur mit Muttitaxi. Mein Plan war, in der halben Stunde Wartezeit einzukaufen, aber wegen der Baustelle quer durchs Städtchen kommt das hin. Ich habe also einen Aufenthalt auf dem TÜV Parkplatz. Ein Fahrschulauto mit einem sichtlich angespannten jungen Mann am Steuer fährt gerade los. Ich schicke gute Gedanken und drücke die Daumen. Nach zehn Minuten sind sie zurück. Der junge Mann sieht blass aus und geht mit gesenktem Kopf davon. Schade. Ich nutze die Zeit um in meinem Auto Müll einzusammeln, es lohnt sich. Märzkind hat bestanden – juhu! Dann jetzt schnell zur Schule, dritte Stunde Mathearbeit. Ich bin heimlich froh, dass das nicht mein Tagesprogramm ist.

Aus Gewohnheit gehe ich mit Maske in den Baumarkt. Eine niederländische Familie, die im gleichen Gang steht guckt mich komisch an. Die fühlen sich sichtlich unwohl, neben mir. Erst da fällt mir auf, dass alle anderen keine Maske aufhaben. Soll mir recht sein. Ich nehme sie ab und kaufe ohne weiter ein. Es fühlt sich genauso verrückt an wie der erste Einkauf mit Maske, damals.

Man möge sich doch bitte auf Katastrophen vorbereiten, geht durch die Nachrichten. 10 Tage ohne einkaufen sollte man durchhalten. Das würde gehen, glaube ich. Wobei, ohne Strom wäre blöd. Ein Wasservorrat macht natürlich auch Sinn, das haben wir ja letzten Herbst gesehen, als da dieses Rohr im Keller… aber auf unsere Haushaltsgröße gerechnet wären das nach amtlicher Liste 220 Liter. Wo sollten wir die denn lagern? Andererseits wollen wir natürlich auch nicht die ersten Idioten sein, die nichts mehr haben. Weltfrieden wäre am komfortabelsten.

Ein bei rebuy im Zustand „sehr gut“ gekauftes Mobiltelefon gibt nach einem halben Jahr den Geist auf. Ich schicke es ein, die sagen, kein Garantiefall, wegen nicht sachgemäßer Bedienung. Keine Ahnung was damit gemeint ist. Das Handy hatte keinen Unfall, war keinen Naturgewalten ausgesetzt, nix. Nachfrage im Handyladen. Natürlich kann man das reparieren. Würde 289,98 Euro kosten. Totalschaden. Sehr! Ärgerlich! Schrott hätte ich billiger kaufen können.

Wenn in der Hexennacht auf den ersten Mai vorm Haus Sachen weg gehext und irgendwo im Ort versteckt werden, ist das völlig in Ordnung. Brauchtum. Da muss man eben dran denken, den Kram reinzuholen, oder Maibowle hinstellen, für die Hexen. Wenn Sachen hinterm Haus, im umzäunten Grundstück gehext werden ist das weniger in Ordnung, finde ich. Wenn etwas aus dem Garten mitgenommen wird und nicht mehr zu finden ist – das ist klauen. War nur Gartenkitsch, aber ich mochte den.

Die blauen Briefe wurden verschickt und, ich will nicht angeben, aber ein bisschen stolz bin ich schon, denn ich habe keinen bekommen. Von den 12 Jungs in seiner Klasse sind 6 versetzungsgefährdet, sagt Maikind. In der Paralellklasse sieht es nicht besser aus. Wenn kein Wunder geschieht, wird aus zwei Abschlussklassen mit etwa 18 Kindern, wohl eine mit irgendwas um die 30 Schülern werden.

Ich habe einen neuen Filter im Denken, stelle ich fest. Vermutlich kommt das von der mentalen Überlastung der letzten Jahre. Manche Dinge sind mir so von Herzen egal, dass ich noch nicht mal aus Höflichkeit so tun kann, als würde ich mich dafür interessieren. Die Länge des Rasens in Schwiegermutters Garten beispielsweise und nein, ehrlich gesagt habe ich die Folge vom Traumschiff, in der Wie ein Onkel mitspielt nicht gesehen, weil, ich gucke nie Traumschiff.

Der Liebste hat neue Beete angelegt und Mist von regionalen Biorindern im Garten verteilt. Gemüsepflanzen haben wir in einer kleinen Gärnterei gekauft, mit Beratung. Ich habe die am ersten sonnigen Nachmittag eingepflanzt und schon mehrmals gegossen. Wenn das jetzt nichts wird, betonieren wir die Fläche und streichen sie grün.

Es wird grün und bunt draußen, endlich.

Osterferien 2022

Märzkind steht fröhlich, aber erkennbar müde, neben ihrem Koffer in der Tür.

„Zwei Sachen“, sagt sie „ich hab wahrscheinlich wieder Corona und mein Handy ist kaputt“.

„Hallo Kind, schön, dass du wieder da bist. Komm einfach rein, so ein FFP2-Masken-Gehampel würden wir sowieso nicht nochmal machen, das hat ja nichts gebracht und tja…“

Eine Woche war das Kind mit Freunden unterwegs und wir haben uns alle ein bisschen erholt.


Man muss in der Fastenzeit nicht unbedingt verzichten, man kann auch bewusst Sachen tun, hat de Mudda gesagt. Ich habe also seit dem Märzkind-Geburtstag jedesmal, wenn mir jemand ein Bier angeboten hat und ich nicht mehr fahren musste „ja“ gesagt, um entweder eine ausreichende Trinkfestigkeit zu erlangen, oder den Alkohlkonsum in der Öffentlichkeit einzustellen. Ostersonntag, morgens um halb drei, beende ich dieses Experiment, „nein danke, es ist genug“, trotz Freibier. Der Liebste und ich gehen zusammen mit Märzkind und Pluseinskind nach Hause. Das war ein erstklassiges Osterfeuer, da sind wir uns einig. Es folgt der faulste Ostersonntag aller Zeiten.


Am Ostermontag feiert Brüderchen seinen Geburtstag. Es gibt ein Frühstücksbuffet vom Feinsten. Da findet wirklich jeder was, zwei Stunden wird gegessen. Danach gehts zum Eierwerfen, dann wieder Sofa.

Bis Mittwoch sind alle Eier und Schokohasen aufgegessen. Gut so. Die Süßigkeitenberge vermisst niemand.


Alle Kinder haben schon wieder diese Erkältung. Ärgerlich in den Ferien. Bei den Mädels ist es nach drei Tagen wieder gut, beim Maikind beginnt nahtlos die Pollensaison.


Duschen, anziehen, mit dem Auto einmal ums Städtchen drumherum fahren, weil man wegen Baustelle nicht einfach durch kann – was für ein Aufwand, schwer vorstellbar, dass man sowas früher öfter gemacht hat. Aber, als ich mit Julikind im Kinosaal sitze, sind wir doch beide froh, dass wir uns aufgerafft haben. Ein schöner Film. Daniel Ratcliff kann den Bösen spielen, wer hätte das gedacht.


Man könnte es regelmäßiger machen, dann wäre es vielleicht weniger *wurks* , sagt eine Stimme in meinem Hinterkopf. Sicher. Man könnte seine Steuererklärung auch im Februar schon machen, sage ich. Fürs Protokoll: Waschmaschinendichtungen und Einspülkammern gereinigt, Maschine entkalkt, im April.


Julikind braucht was zum Anziehen für eine Hochzeit. Bei der Gelegenheit nehmen wir das Kommunionskleid mit, dass hier einige Jahre als Prinzessinenkleid im Einsatz war. Da passt niemand mehr rein, aber es ist immernoch gut, Julikind streicht noch einmal mit der Hand drüber, seufzt und übergibt die Tüte an die Dame im Rote Kreuz Laden. Eine Stunde später kommen wir nochmal am Laden vorbei. „Guck mal, was da im Schaufenster hängt“, sage ich. „Ooooohhh“, sagt Julikind. Da macht sich das Kleid viel besser als in unserem Dachbodenschrank.

Julikind hat aktuell drei verschiedene Kleidergrößen am Oberkörper. Klamotten kaufen ist ein bisschen kompliziert.


Post vom Energieversorger. Ab Juni wirds teurer, es sei denn, es wird günstiger, das könnte wohl auch sein, wenn da irgendwas wegfällt, aber wir sollen mal lieber davon ausgehen, dass es teurer wird. Das ist keine Überraschung. Ich rechne nach. In unserem Fall wären das in etwa die Stromkosten eines Monats, die nochmal dazu kämen, wenn denn dann.


„Wann wart ihr denn zuletzt auf einer kirchlichen Hochzeit?“ Da muss ich aber wirklich überlegen. Es ist auf jeden Fall schon länger her. Meine Schwester und ich stehen mitten im Sektempfang und schauen uns die Leute an. Dass man bei einer Hochzeit mal kaum jemanden kennt und nichts muss, ist ungewohnt, aber toll. Bestimmt füllen wir den Single-Tisch auf, vermutet meine Schwester – für sowas sind Cousinen doch da. Die vier Unbekannten, mit denen wir den Tisch teilen sind zwei Pärchen mitte zwanzig. Einer davon sieht so aus, wie Daniel Ratcliff in dem Film, flüstert Julikind mir zu. Tatsächlich. Wir sind der nicht-Schlager-hörende-Tisch, sehr viel näher an der Theke als an der Tanzfläche. Passt. Es gibt Gegrilltes und 6 Meter Salatbuffet dazu, dann Eis aus der Gefriertruhe zum selber nehmen. „Manche meinen ja, da müsse man noch mousse au chocolat servieren, wenn alle sowieso schon voll gefressen sind“ sagt die Tischnachbarin, „aber das ist doch Quatsch“. Finde ich auch. Eine richtig schöne Party.


So, von mir aus kann es jetzt gerne ein bisschen wärmer werden. Ich habe keine Lust mehr auf Hunderunden in Winterjacke.

KW 14/15 2022

Die Nachbarin ist Ü70. Sie schreibt whattsapps wie Briefe. Meine liebe…, Text in ganzen Sätzen, neue Zeile ihr Vorname und der Nachname dargestellt durch das passende Emoji. Das hat was. Schön zu lesen.


Abends um zehn der letzte Blick auf die Vertretungsplan-app. Morgen zur ersten Stunde, seufzt Julikind. Morgens um halb sieben Nachrichten von den Mütterkolleginnen auf dem Handy – erste Stunde entfällt. Die Mathearbeit wurde verlegt, auf irgendwann nach den Ferien, sagt Julikind. In der Paralellklasse sind sieben Kinder positiv zu Hause diese Woche, da macht das keinen Sinn, wegen der Vergleichbarkeit der Ergebnisse, hat der Lehrer gesagt. Letzte Woche waren in der eigenen Klasse sechs Kinder nicht da. Die Deutscharbeit haben sie trotzdem geschrieben, weil, auf was soll man denn warten, hatte die Lehrerin gesagt. Ach, es gäbe da übrigens einen neuen Stundenplan, ob ich den vielleicht irgendwo aufhängen will, fragt Julikind. Nö. Schule ist wie Wetter, wir nehmen es wie es kommt.


Wegen Spritpreisen und Weltrettung schien es eine gute Idee zu sein, dass der Liebste auf dem Heimweg einkauft. Ich müsste ja sonst extra dahin fahren, wo er sowieso vorbeikommt. In der Praxis funktioniert das nicht, stellen wir fest. Ich habe die Bestände eher im Kopf und kaufe manchmal Sachen, die nicht sofort gebraucht werden, einfach, weil ich im Vorbeigehen dran denke. Wenn der Liebste „Filtertüten“ auf der Liste stehen hat und es gibt die in der passenden Größe nicht, ist das für ihn eine Stresssituation. Da wäre ich nicht drauf gekommen. Wir haben übrigens noch welche, ist halt nur die letzte Packung und ich beim Zettel schreiben ist mir das eingefallen… „Das ist schon richtige Arbeit, so ein Einkauf, hat er immer gewusst“, sagt er. Mir war das nicht so klar, aber ja, stimmt schon.


Der Hund bellt, meldet mein Hirn. Egal, da kommen bestimmt gerade Märzkind und Pluseinskind nach Hause, ich schlafe. Kann nicht sein, sagt das Hirn, die übernachten woanders. Es klingelt an der Haustür. Völlig verpennt mache ich Licht und schaue auf die Uhr. OK, wenn es um diese Zeit klingelt, dann muss was passiert sein. Jetzt bin ich wach, aber so richtig. Ich brauche Socken und meine Brille, und ach, ich wünschte, ich hätte ein Shirt ohne Zahnpastafleck drauf an… unglaublich, was man alles denken kann, in zwei Sekunden. Der Liebste ist schon auf halben Weg an die Tür. „Hallo?“ ruft er raus in die Nacht. Eine Minute später kommt er zurück. „Irgendwer ist lachend weggelaufen“, sagt er und knurrt fast, dabei. Ich bin erleichtert. Klingelstreiche Samstag morgen um halb zwei, „möge euch der Blitz der beim scheißen treffen“, denke ich und schlafe wieder ein.


Schnee, Regen, Sonne und wieder von vorn. In zwei Stunden „Aktion sauberer Ortsteil“ erleben wir so ziemlich jedes Wetter, dass dieser April zu bieten hat. Auf der Strecke, die ich mitlaufe finden wir gar nicht so viel. Es kommt trotzdem eine beeindruckende Menge zusammen. Beim Abschluss-Grillen steht man kopfschüttelnd vor dem Berg Müll und fragt sich, was das wohl für Leute sind, die Reifen dieser Größe in den Wald bringen. Das ist doch viel aufwendiger, als sie zum Entsorger zu bringen – mal ganz abgesehen davon, dass man eigentlich im Kindergarten schon lernt, dass man sowas einfach nicht macht.

Soziale Kontakte mit Nicht-Familien-Mitgliedern sind immernoch was Besonderes. Wenn man so läuft, kann man prima tratschen… Die beste Grundschul-Freundin des Märzkindes hat einen Ausbildungsplatz und zieht im Sommer aus. Häuser haben den Besitzer gewechselt, Leute sind gestorben…Die Zeit ist doch weitergelaufen, in den letzten zwei Jahren. Manchmal vergesse ich das.


Vor der Kapelle steht der Bestatter, die Urne ist unter dem Dach aufgebahrt. Außer mir sind nur vier andere Leute da. Beileidsbekundungen. Drei weitere Gäste kommen dazu, das Wetter ist frühlingshaft und dieser Friedhof ist wirklich schön. Wir unterhalten uns, es ist eine angenehme Atmosphäre. Anscheind sind alle da. Der Verstorbene habe eine stille Beerdigung gewünscht, sagt der Bestatter, aber, wenn noch jemand etwas sagen möchte… Alle gucken sich fragend an. Eine Frau zuckt mit den Schultern und sagt in einem feierlichen Ton: „Er war ein Chaot, sein Leben lang.“ Alle nicken und lachen – dieses flüchtige Beerdigungslachen. Die Frau ist die Schwester des Verstorbenen. Und das war wahrscheinlich eine der aufrichtigsten und herzlichsten Grabreden, die ich je gehört habe. Die Urne wird zum Grab getragen, man verabschiedet sich andächtig. 10 Minuten später stehen alle auf dem Parkplatz und unterhalten sich noch kurz. Die Angehörigen erzählen ihre Sicht auf die Dinge und alles puzzelt sich nochmal anders zusammen. Dieses „in aller Stille auseinander gehen“ fühlt sich sonst immer irgendwie seltsam an. Aber diese Feier war eine Runde Sache.


Jetzt Osterferien.

Anfang April 22

Der April startet mit 20cm Neuschnee und bitterkalt. Die Schneeschaufel hatte ich eigentlich schon nach hinten gestellt, im Schuppen. So richtig Lust hab ich nicht mehr, auf dieses Wetter.


Tja, dann haben wir jetzt offiziell nur noch halb so viele Bienen, wie im letzen Jahr, meldet der Liebste. Keine Ahnung wieso, vielleicht irgendwas mit Klimawandel.


Ob schon jemand was gehört hat, wegen Beerdigung, frage ich vorsichtig nach. Es dauert einen Moment, bis ich Antwort bekommen. Kontakt hatte bisher niemand, zu den Angehörigen, aber sie haben Eindruck hinterlassen. Das erklärt im Nachhinein so einiges.

*

Wir lernen daraus, dass wir unbedingt mal unseren Papierkram auf die Reihe bringen müssen. Es wäre doch schön, wenn die Ordner im Ernstfall intuitiv bedienbar wären. Der Liebste findet eine Unfallversicherung. Die hätten wir im letzten Jahr…nnaaargh


Der Außendienstler und der Liebste sitzen mit Kaffee am Tisch und rechnen mal ganz grob, was wir durch Warmwasserkollektoren sparen könnten – oder wenn man eine PV-Anlage installieren und die Heizung umrüsten würde. Also, wenn man da mal ganz ehrlich den zu erwartenden Stromverbrauch mit reinrechnet, so, wie das Haus steht und hier die Sonne scheint bzw, eben nicht scheint, wäre ein Pufferspeicher notwendig, den man im warmen viertel Jahr aufheizt, um die Wärme dann im Winter kontinuierlich zu entnehmen, der müsste natürlich die entsprechende Größe haben. Als sie gedanklich das Haus entkernen unterbreche ich kurz: Nope.


Maikind zwei Tage krank. Der Wechsel von „irgendwas Unterrichts-ähnlichem von acht bis eins, es sei denn es entfällt“ auf Betriebspraktikum von halb acht bis halb fünf mit körperlicher Bewegung hat ihn umgehauen. Wen wunderts?


Post vom Kultusminister. Sinngemäß: Mit der Maskenpflicht und dem Testen und so, das hat alles gut funktioniert, aber wir machen dann jetzt doch das mit der Durchseuchung, weil allmählich nervt es ja wirklich und so schlimm ist es gar nicht, wurde entschieden. Vielleicht ist das bei einer Inzidenz von 1600 keine richtig gute Idee, aber eigentlich betrifft es uns gar nicht. Ich glaube, in den drei Klassen, in denen die Kinder sitzen ist niemand mehr, der nicht geimpft oder genesen wäre. Man ist eher beides.

Julikind kommt fröhlich nach Hause. In der ganzen Schule kann man jetzt ohne Maske rumlaufen, einfach so, das war schön. Märzkind war Samstag Abend noch kurz was einkaufen. Da waren tatsächlich schon Leute ohne Maske im Laden. Sie hat ihre Maske dann kurz bis über die Nase gezogen, einmal geatmet und sie wieder aufgesetzt. Von jetzt auf gleich, mit wildfremden Leuten die gleiche Luft atmen, das ist ihr dann doch irgendwie zu persönlich, sagt sie.


Eigentlich wollte ich nur mal gerade Nachrichten gucken, so hin und wieder muss man das doch. Ich sehe Bilder aus Butscha und sitze dann eine Weile fassungslos da. Der Opa musste mit 15 in den Krieg, als der schon fast vorbei war, „zum aufräumen“ hat er gesagt, und dass er „für sein Lebtag genug Tote“ gesehen hat. Ich hab mich nie getraut, weiter nachzufragen, fällt mir gerade auf.

Ein Geburtstag und ein Großstadtmoment

Die Omas, der Opa, die Patentante mehr Gäste kommen gar nicht. Die können alle so am Tisch sitzen, es braucht nur eine weitere Platte. Oder kommt man sich da doch zu nah? Ich weiß es nicht. Und ich hab auch eigentlich keine Lust mehr, über sowas nachzudenken. Wir feiern jetzt so und fertig. Man merkt, dass es für einige Gäste ungewohnt ist, mit so vielen Leuten am Tisch zu sitzen, aber schön.

Ich altere mehr an den Geburtstagen der Kinder, als meinen eigenen. 17 Jahre, meine Güte. Diese verkleinerten Familienfeiern gefallen mir gut. Damals, als zu solchen Anlässen 26 Leute im Haus waren, habe ich alle nur im Vorbeigehen gesehen. Da war keine Zeit für Gespräche. Das Möbel rücken vermisse ich auch nicht.


Julikind und ich machen Frühstücks-Pause auf dem Bahnhofsvorplatz. Nach drei Stunden im Zug und anderthalb Stunden in einer Arztpraxis einfach mal ohne Maske atmen – herrlich. Obwohl, „es stinkt irgendwie“, sagt Julikind. Stimmt. Und es ziemlich laut, ohne das man die Lautstärke irgendwas Bestimmtem zuordnen kann. „Die Menschen sind so schön hier“, sagt Julikind. Stimmt auch. Im Wartezimmer saß mir eine Frau gegenüber, die sah in Leggins und T-Shirt schick aus. Sowas gibt es bei uns nicht. „Guck mal“, sagt Julikind, „diese Zug-Busse fahren da einfach mitten durch“. „Das ist eine Straßenbahn“, sage ich. „Ach, das ist eine Straßenbahn?“ „Jo“, sage ich. Auf der Rückfahrt winkt Julikind den Hochhäusern, solche Hochhäuser hat sie noch gesehen. Der Tag in der Großstadt war interressant, aber man kann sich eigentlich nicht vorstellen, dass es Leute gibt, die da wohnen wollen, sagt sie. Je weiter wir Richtung Heimat fahren, desto schöner wird der Blick aus dem Zugfenster. Wir sind Dorfkinder durch und durch, machste nix dran.

Abends bei der letzten kleinen Hunderunde höre ich die Rehe im Wald – ziemlich laut.


Morgens nach dem Aufstehen im Kopf die dringenden Tagesaufgeben durchzugehen, und festzustellen, dass es möglich ist, alles in den folgenden 17 wachen Stunden zu schaffen, es ist ein großartiges Gefühl. Wenn da zwischendurch sogar noch Zeit für eine Pause bleibt… Der Liebste und ich sitzen auf der Treppe vor dem Haus, trinken ganz in Ruhe einen Kaffee und können es kaum glauben. Wie Urlaub.

So könnte das gerne mal eine Weile sein jetzt.

Wahnsinn, ganz normaler

Alle drei Kinder waren an allen fünf Wochentagen in der Schule bzw. im Praktikum. Das hatten wir in diesem Jahr so noch nicht.


Ich stelle fest, das ich unbedingt mal wieder zum Frisör muss, dann lese ich beim Frühstück einen Artikel über ukrainische Frauen im Krieg. Ein rausgewachsener Haarschnitt ist ein banales Luxusproblem. Andererseits feiern wir nächste Woche Geburtstag – während gar nicht mal so weit weg von hier Bomben fallen. Es ist gerade kompliziert in meinem Kopf. Ich mache einen Frisörtermin. Das Städtchen hat ukrainische Flaggen gehisst. Och guck, das hätten wir rückblickend vielleicht besser schon mit der syrischen Flagge gemacht, vor zehn Jahren, denke ich, im Vorbeifahren.


Da bin ich aber froh, dass ich direkt nach der Quarantäne die Vorräte wieder aufgefüllt hatte. Mehl ist ausverkauft. Märzkind sagt, die Physiofrau hat erzählt, in der Nachbargemeinde gibts nicht nur kein Mehl, da fehlen sämtliche Corona-Klassiker in den Regalen: Hefe, Nudeln, Klopapier und jetzt neu, Speiseöl. Boar nee, nicht das wieder.


Ein Termin in Frankfurt, morgens um elf, wir würden die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen wollen. Das Kind kann mit dem Hessenticket fahren, ich brauche eine Fahrkarte. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, zu verschiedenen Preisen. Die Fahrzeiten unterscheiden sich aber nur um zwanzig Minuten. Nach einer halben Stunde Internetrecherche und einem Gespräch am Servicecenter entscheide ich mich für Plan C. Wir werden in den Zug einsteigen, und mangels Automat am Dorfbahnhof, ein Ticket bei der Zugbegleitung kaufen für was auch immer verfügbar ist und zahlen was es kostet. Und wenn das Kind bis dahin doch positiv ist, dann nicht.


Wir hatten verschiedene Wege durchs Städtchen und treffen uns beim Optiker. Eigentlich brauchte der Liebste nur Kontaktlinsen aber, seufzend zeigt er mir ein Etui. Vor diesem Tag hat er sich lange gefürchtet, mitfühlend streiche ich ihm über den Arm. Tja, nun sind wir ja nicht nur verheiratet, sondern auch befreundet. „Samma, kennst du diese Meilensteinkarten, mit denen man kleine Kinder fotografiert?“, frage ich. „Hä?“ sagt er. „kleine Schilder halt, da steht drauf *heute bin ich die ersten Schritte gelaufen* oder so“. Er zieht die Augenbrauen so zusammen. Ich grinse. „Wenn wir gleich zu Hause sind, dann bastle ich dir eins, *meine erste Lesebrille* und dann machen wir ein Foto…“ Er piekst mich in die Seite, ich quieke und rutsche fast vom Stuhl vor lachen. Dann kommt die Optikerin mit meiner frisch gerichteten Brille aus der Werkstatt und wir benehmen uns ganz schnell wieder wie Erwachsene im Lesebrillenalter.


Seit letzter Woche dürfen die Kinder im Unterricht am Platz die Maske abnehmen. Das war schön, weil sie dann nachmittags wacher und fröhlicher sind. Leider ist diese kleine Lockerung ganz gewaltig eingeschlagen. In der Klasse des Maikinds sind sie aktuell zu zwölft. Eltern dürfen entscheiden, ob sie die Kinder schicken, da gäbe es gerade eine Ausnahme, sagt Maikind. Nix. Er ist geboostert und genesen, wenn irgendwer gehen kann dann er, sage ich. Ein Seufzer, das hatte er sich schon gedacht. In der Klasse des Julikinds sind sie noch neun. Statt ganz ohne Maske sitzen wieder alle mit FFP2. Ich bin mir ziemlich sicher, dass man sich das nicht zweimal innerhalb von 8 Wochen einfängt. Aber diese bange halbe Stunde Montags, Mittwochs, Freitags ab 8.20 Uhr, sie ist wieder da.

Wenn alle anderen in Quarantäne sind, das ist fast so doof, als wäre man es selber. Julikind telefoniert jeden Nachmittag alle ihre Freundinnen ab. Das Kinder Corona bekommen, ohne es zu bemerken ist Quatsch.


Maikind hat so gar keine Lust auf Nachmittagsunterricht. Das der tatsächlich dreimal hintereinander statt findet ist eigentlich unzumutbar. Aber es gibt eine gute Nachricht. Die Dönerbude im Städtchen liefert bis an die Dorf- Schule. Wenn man da anruft, mittags, und sagt „bitte 6 Döner mit doppelt Fleisch und 3 Familien-Pizzen in den Ortsteil“, dann fragen die garnicht mehr wohin, die sind einfach eine halbe Stunde später da. Service der begeistert. Anscheind vermisst niemand die Schulcafeteria. Ich stelle mir eine Gruppe Jungs vor, alle ungefähr 1,80m groß und 65kg schwer, wie sie sich freuen, wenn das Dönerauto vorfährt. Sind bestimmt schöne Bilder. Man könnte ein Schild aufstellen, Fütterung der Teenager um 13.40 Uhr

KW 10/2022

Die gute Nachricht ist, mein Hirn findet allmählich wieder in den Normalbetrieb zurück. Ich kann wieder mehr Sachen denken und wahrnehmen als zur Aufrechterhaltung des Betriebes hier zwingend notwendig ist. Es fühlt sich gut an und ich freu mich. Die schlechte Nachricht ist, ich sehe jetzt, was im Haus so alles liegen geblieben und in der Welt passiert ist, während dieser 6 intelligenzgeminderten Wochen.


Ich fahre schon eine ganze Weile nur 90 km/h auf Landstraßen. Erstens weil mein Auto eine Flitschbimmel ist, zweitens wegen Weltrettung. Ich werde oft überholt, normalerweise. Seit neustem nicht mehr. Der Liebste berichtet, er sei auf der Bundesstraße 80 gefahren, in Kolonne, mit den LKW. Niemand überholt, niemand drängelt. Nimm das, Putin! Ganz nebenbei fällt mal auf, wie entspannt man Auto fahren kann. Und länger dauert es eigentlich auch nicht.

Spontan an der Tanke gehalten, es war eigentlich noch halb voll, aber 2,06 Euro der Liter, mensch, so ein Schnäppchen lässt man nicht liegen. Hätte mir das vor vier Wochen jemand erzählt…

Mit dem Hund ins Feld fahren um dort spazieren zu gehen, eigentlich geht das garnicht mehr. Wir machen es trotzdem. Auto fahren ist unser Urlaub dieses Jahr.


Es gibt wieder Anlässe und somit auch Bedarf für Sachen, die nicht Lebensmittel sind. Die Fussgängerzone im Nachbarstädtchen hat sich verändert, aber nicht zum Schlechten. Der Liebste und ich arbeiten eine Geschenke-Einkaufsliste ab. Ich weiß ehrlich nicht, wann ich zuletzt in so vielen verschiedenen Läden war. Zwischendrin gab es das erste Eis der Saison. Mal was anderes zu sehen hat richtig gut getan.


Es kraschpelt auf dem Flur, Blick auf den Wecker, halb eins. Vor drei hatte ich nicht mit Gekraschpel auf dem Flur gerechnet, lieber mal gucken. Märzkind ist im Bad. „Seid ihr rausgeflogen?“, frage ich. „Nee, garnicht erst reingekommen.“ Oh. Heute war erster Öffnungstag der Discos nach Corona. Sie hatte sich Hin- und Rückfahrt und die Unterschrift einer anwesenden volljährigen Person organisiert (damit darf bis nach Mitternacht). Geöffnet wurde um neun. Um zehn nach neun waren sie da. Viel zu spät, da ging die Schlange schon bis an die Straße. Drei Stunden haben sie angestanden, als sie einen Meter vor der Eingangstreppe waren, durfte niemand mehr rein, wegen zu voll. Man hätte natürlich warten können, bis die 14-jährigen um Mitternacht rausgefiltert werden, aber – sie waren so durchgefroren, dass sie keine Lust mehr hatten. Das ist scheiße. Aber jeder steht irgendwann mal vorm Utopia und kommt nicht rein. Das ist Teil der Magie dieser Dorf-Disco.

Am darauffolgenden Nachmittag, fröhlicher Gesang und lachende Teenager auf dem Flur. Es gibt wieder was zu erzählen. Die drin-Gewesenen tauschen auf allen Kanälen Geschichten mit den draußen-Gestandenen. Das Mutterherz bekommt eine Ahnung davon, was gefehlt hat, in den letzten zwei Jahren. Man weiß nicht, ob man lachen oder weinen möchte.


De Omma muss zum Arzt. Um elf klingele ich an ihrer Tür. Die wird sofort und schwungvoll geöffnet. De Omma hat die Jacke schon an, die Handtasche über der Schulter und wirkt ziemlich durch den Wind. Was denn los ist, frage ich. Sie dachte ich komme ich nicht. „Wir hatten doch gesagt, wir fahren um halb elf.“ Der Termin ist um viertel vor zwölf. Von der Haustür bis zum Parkplatz vor der Arztpraxis brauchen wir zwanzig Minuten. „Nee, Omma, du hattest gesagt, wir fahren um halb elf. Ich hatte gesagt, ich komme um elf. Es ist elf.“ Sie ist schon auf halbem Weg zum Auto. Anschnallen bitte, soviel Zeit ist noch. Ach so ja, anschnallen, ach, das geht eigentlich nicht. Ihre Hände zittern. Doch, doch, geht das. Ich helfe ihr. Sie ist sich ehrlich nicht nicht sicher, ob wir das jetzt zeitlich noch schaffen können. Einatmen, ausatmen. De Omma ist im Kriegszustand, sie macht das nicht mit Absicht. Anstrengend ist es aber trotzdem.


Oh ha, was ist denn da los? Das Scheunentor des Feststalls im Nachbarort ist bis auf halbe Höhe zugestapelt mit, ja mit was eigentlich? Für das ungeschulte Auge sieht es von Weitem so aus, als hätte jemand einen Messihaushalt ausgeräumt. Auf dem Parkplatz stehen Autos. Ach, anscheind nutzt die spontan gegründete Hilforganisation den Raum. Letzte Woche wurde um Spenden gebeten. Zwei hier lebende Ukrainier wollten mit einem Transporter an die Grenze fahren und Sachen für ein Krankenhaus zur Verteilung übergeben. Als ich noch überlegt habe, wir könnten da eigentlich die Orthese hinspenden, die braucht hier hoffentlich nie mehr jemand, da kam eine whattsapp, man habe jetzt Material für vier Transporter und brauche eigentlich noch Fahrer und Fahrzeuge. Diese Woche fahren sie wieder hin.

Die Mengen, die hier „gespendet“ werden, es ist beeindruckend. Gut, bestimmt ist da auch viel brauchbares dabei, aber, wieso das jetzt alles an ukrainische Grenze muss, verstehe ich nicht. Mir persönlich gehen die Bilder von flüchtenden Menschen in der Ukraine nicht näher, als die Bilder von Geflüchteten an der belarussischen Grenze oder im Mittelmeer. Vielleicht freuen sich die Leute einfach, das man mal was tun kann gegen die Apokalypse, außer zu Hause zu bleiben. Vielleicht ist bei mir auch Gewöhnung eingetreten, weil ich jede Woche bei der Omma in der Küche Geschichten vom Krieg höre. Im Edeka lege ich eingekaufte Nudeln und Haribo in den Spendenkorb für die Tafel. Vorsorglich. Nimm das AfD.


In der Schule haben sie jetzt neue Coronatests, mit kleineren Teststäben und die Flüssigkeit ist im Deckel von den Röhrchen mit drin, richtig cool, die besten die es je gab, erzählt das Maikind. „Hä? Du musst dich doch garnicht testen“. Doch, da war einer positiv, deshalb müssen sich diese Woche alle testen. „Ach so“, sage ich. Keine innere Unruhe, kein bodyscan auf Halskratzen oder ähnliches. Mit dem Thema sind wir durch. Das ist schön.

Zwischen Krieg und Sahnetorte

Halb drei, von was bin ich denn wach geworden? Sirenengeheul. Muss ich was? Nein, das kommt aus dem Nachbarort, wenn es hier wäre, wäre es viel lauter. Ich schlafe sofort wieder ein und bin mir am nächsten morgen gar nicht sicher, ob das wirklich passiert ist. Eigentlich werde ich von entferntem Sirenengeheul nicht wach. Hier ist niemand in der Feuerwehr. Es muss an der Nachrichtenlage gelegen haben. ( Es war ein Verkehrsunfall, einer von der Art, wo man hofft, nie Ersthelfer zu werden.)

***

Strahlender Sonnenschein und fröhliches Kinder-Gewusel auf dem Hof. Maikind gibt eine Übernachtungsparty in der Ferienwohnung. Alle seine Kumpel sind gesund, Ferienwohnungs-Gäste kommen erst nächste Woche, die ersten dieses Jahr, aber das nur am Rande, war ja sowieso kein Winter, jedenfalls ist die Gelegenheit günstig, man nutzt sie lieber, wer weiß, was als nächstes kommt. Julikind hat Besuch von einer Freundin, die beiden gehen ins Dorf.

Ich lese die Nachrichten. Männer zwischen 18 und 60 dürfen nicht aus der Ukraine ausreisen. Das Pluseinskind wird im Herbst 18. Märzkind gehört zu den Jüngsten dieses Jahrgangs. Wir kennen viele, die dieses Jahr 18 werden. Wehrfähige Männer? Die hab ich doch neulich erst vom Kindergeburtstag nach Hause gefahren. Es fühlt sich komisch an. Cyberangriffe auf Deutschland scheinen möglich, man möge sich vorbereiten. Bitte? Wie soll ich mich denn auf einen Cyberangriff vorbereiten? Ich kann noch nicht mal das W-Lan Passwort ändern. Vielleicht sollten wir den Trinkwasservorrat aufstocken, die Autos volltanken? Julikind steckt den Kopf zur Tür rein: „Wir hatten doch noch Kreide, oder nicht? Wo isn die?“ Sie wollen Mariokart mit den Longboards spielen und müssten mal die Strecke markieren. Die Welt vor meinen Augen passt so gar nicht mit der in meinem Kopf zusammen gerade, es ist irgendwie anstrengend.

Märzkind sitzt neben mir am Tisch und bastelt ihre Geburtstagseinladungen. Eigentlich müsste sie einen Praktikumsbericht schreiben, aber das ist erstmal wichtiger. „Soll ich dir mal ganz ehrlich was sagen? Ich hab überhaupt keinen Bock mehr auf diese Scheiße“, sage ich und deute auf den Bildschirm. „Soll ich dir mal was sagen? Ich hab schon seit zwei Jahren keinen Bock mehr auf die Scheiße“, sagt Märzkind, beiläufig, beim Glitzerblumen kleben, „und Mama, weißte, ganz ehrlich, ich glaube, man kann sich auch nicht um jeden Scheiß kümmern“. Wahre Worte.

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Montag muss der Kuchen bei der Omma geholt werden. Der Fernseher läuft, das ist ungewöhnlich, am Nachmittag. Sie wirkt ein bisschen verhuscht. Auf dem Tisch stehen zwei riesige Behälter mit Brombeeren. Die tauen gerade auf, morgen will sie Gelee kochen. Das sieht nach Arbeit aus. Tja, nun, sagt sie, im Sommer hat sie das nicht geschafft. Smalltalk. Heute waren die Kinder nicht in der Schule. Es wäre Rosenmontag gewesen, der ist aber abgesagt, wegen Corona. „Ach, ja, Corona, aber damit sei es doch jetzt besser, oder nicht?“, erkundigt sie sich. „Ja“, sage ich, „besser schon, aber gut immernoch nicht“. „Und jetzt machen sie wieder Krieg“, sagt de Omma, mehr zu sich selbst und hat den gleichen Blick dabei, wie die Kinder im Fernseh. Sie ist 1932 geboren. Ich weiß nicht, was ich sagen soll.

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Diesel kostet 1,63 Euro/Liter. Nützt nix, der Liebste muss an die Arbeit. Einmal schwer geschluckt und vollgetankt. Zwei Tage später, Schnäppchengefühl. Diesel kostet 1,93 Euro/Liter.

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„Och nö, jetzt geht das wieder los“, sagt der Liebste bei der Hunderunde. Ich grinse vor mich hin. Feldlerchen klingen nach Sommer und stören mich überhaupt nicht.

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Der Fuss muss wieder in der Chirurgie vorgestellt werden. Die engen Skischuhe waren hatten leider üble Nachwirkungen. In der Praxis ist es ein bisschen wuselig. Es wird gesammelt. Ich komme mit der Arzthelferin ins Gespräch. Ihr Mann ist Ukrainer und hat Kontakte. Er wird am Freitag einen LKW voll laden und bis an die Ukrainische Grenze fahren, dort kommen Bekannte und übernehmen die Verteilung. „Irgendwas muss man ja machen“, sagt sie. Sie selbst ist Russin. Ihre Familie in Russland wohnt eher ländlich, die hatten von der ganzen Sache noch garnichts mitbekommen, sagt sie. Aber eine Freundin in der Ukraine ist morgens um halb fünf wach geworden, von Geräuschen, die sie für Feuerwerk hielt.

Das ist der Moment in dem mir klar wird, dass ich eigentlich kein Problem habe. Ich weiß alle meinen Lieben in Sicherheit, und so Verbandszeug, wie hier gesammelt wird, haben wir noch nie gebraucht. Wir spenden Bargeld. Der LKW muss ja tanken, und wenn der Fahrer sich davon einen Kaffee holt, wär das für mich auch OK. Wir gehen mit dem Gefühl, irgendwas getan zu haben.

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Ein Anruf auf dem Festnetz. Die Anruferin erkundigt sich, wie es uns so geht, ich wundere mich. „Ähm, gut, soweit“, sage ich. Abgesehen von den gesundheitlichen Nachwirkungen der letzten Wochen und der allgemeinen Gesamtsituation, denke ich. Smalltalk. Ob denn der Liebste zu Hause sei? Nein, der hat Schicht. Tja, es gäbe da ein Problem das bis spätestens morgen vormittag gelöst werden müsse, sie hatte gedacht, der Liebste könnte da, eventuell mit einem Bekannten, mal gerade… aber wenn der jetzt auf Schicht ist… und uns geht es allen wieder gut? Ich ahne, worauf das hinaus laufen soll. Da muss sie mal versuchen, den Liebsten auf dem Handy zu erreichen, denn ich weiß leider gar nicht, welche Schicht er morgen hat, Wechselschicht-Wochen. Vielleicht könnte ich ja den Bekannten schon mal… ? Nee, da kann der Liebste dann selber, wenn denn dann. Ja dann… liebe Grüße.

Das war leichter als gedacht. Leben an der Kapazitätsgrenze eröffnet neue Möglichkeiten.

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Ob ich vielleicht zur Konfirmation eine Torte backen würde? Ja sicher, gerne. Ich habe in den letzen drei Jahren über dreißig Torten geschenkt bekommen, da muss ich dringend wieder welche ans Universum zurück geben. Was wird denn gewünscht? Diese SchokoMokkaKaramelltorte vom Geburtstag wäre super. Oh ha. Die hatte ich aus verschiedenen Rezepten zusammengebastelt und anscheind hatte ich nicht damit gerechnet, dass es eine Neuauflage geben würde. Ich hab nichts aufgeschrieben. Herausforderung angenommen.

Alles gut, oder so

Ein Pfosten stand schief, das hatten wir bei der Hunderunde gesehen. Das Kabel, wodurch unser Internet kommt war mit Seil an einem umgefallenen Baum angeleint, damit es nicht über den Waldweg hängt. Wir sind davon ausgegangen, dass diese Konstruktion den Sturm auf keinen Fall überstehen würde, und waren gewappnet. Aber, entweder wurde das schon repariert oder es hat so gehalten. Und nicht nur das, der Distanzunterricht hat wahrhaftig funktioniert. Der ganze Schultag online, das hatten wir noch nie, stellen wir fest, beim Mittagessen. Märzkind hat Rückenschmerzen und diesen leicht entrückten Blick, vom vielen Bildschirm gucken. Beim Julikind haben auch beide Distanzstunden auf Anhieb funktioniert. Maikind hat sowieso kaum Unterricht im Moment. Da machen zwei Tage ohne Schule keinen großen Unterschied.

„Nooaargh, süß“, sagt Maikind beim Blick in den Nudeltopf. Wir essen zu viert, es sieht tatsächlich wenig aus, in dem großen Topf. 10 Minuten später ist alles weg. 700g Nudeln waren das. Ich hatte eine Kinderportion. Die Blagen nehmen das Geschirr mit in die Küche und gehen alle nochmal an der Schnuck-Schublade vorbei. Ich hatte schon vergessen, welche Mengen an Proviant homeschooling erfordert.


Der Sturm hatte es tatsächlich in sich. Man konnte die Böen durchs Tal anrollen hören. Sehr beeindruckend. Kurt, der AS-Taxi-Fahrer dem kein Wetter etwas ausmacht, ist auf der langen Gerade kurz vorm Städtchen 60 gefahren, sagt Märzkind. Das heißt was, da gehen locker 100. Jo, das war krass, sagt Maikind. Er hat zu der Zeit mit einem Kumpel telefoniert, der lag im Garten auf dem Trampolin und man konnte im Wald hinter dem Haus Bäume umknicken hören. Da muss ich kurz mal Luft holen. „Das war gefährlich. Echt jetzt, bei Orkan sollte man nicht auf dem Trampolin im Garten sein“, erkläre ich. „Oh“, sagt Maikind. Man kann die Erkenntnis in seinem Gesicht sehen. Wer in den letzten zwei Jahren schulpflichtig war, ist an Warnungen und Lebensgefahr gewöhnt.

Wir haben ein Stück Dachrinne gewonnen, beim Sturmwichteln. Außerdem mehrere Styroporteile und ein Päckchen Tabak. Wohin die Dachrinne gehört weiß ich, die hatten wir schon öfter. Der Rest ist Müll.


Eine Hunderunde durch Schneegestöber und Wind. Ich hatte gedacht, wir machen Frühling.


Elternbrief von der Schule, ab 7. März dürfen die Kinder wieder ohne Maske im Unterricht sitzen. Das ist schön. Warum die aber immernoch mit Maske über die Flure laufen müssen, wenn man in anderen Teilen des Landes Straßenkarneval feiern darf, verstehe ich nicht.

Es gebe außerdem gerade eine TikTok-Challenge, in der man das Schulklo demoliert. Man bittet die Eltern, mit ihren Kinder darüber zu reden, dass man Schulklos nicht anstecken darf, und wenn man schon dabei ist, möge man auch gleich den Medienkonsum und die Auswirkungen auf den Alltag unbeteiligter Dritter mal ansprechen. Da war ich der Zeit voraus. Sowohl Tiktok als auch das zündeln auf Schultoiletten sind bei uns verboten.


Meine Klamotten passen wieder. Ich freue mich. Sieben Kilo waren in den homeschooling Lockdowns dazu gekommen. Nach distanziertem Advent, Corona und Zahnbaustelle liege ich wieder im Wohlfühlgewichts-Bereich. Abgehakt. Uffpasse jetzt.


Der Triathlet kommt zu Besuch. Weihnachten haben wir uns zuletzt gesehen. Wie gehts denn? Sie sind immernoch negativ, rechnen aber täglich mit dem Einschlag. Eine Alpenüberquerung ist gebucht, für dieses Jahr. Natürlich nicht E5, E5 ist völlig überlaufen. Sie nehmen die Route vom Alpenverein, die ist anspruchvoller, deswegen ist entsprechend weniger los. Bei euch so? Jo, ich war heute morgen eine Stunde mit dem Hund, hab eine Stunde geputzt, gekocht und mich dann mit einem Gefühl von „mehr geht nicht“ aufs Sofa gesetzt. Ich würde sagen, gut.

Eventuell hat sich meine Definiton von „gut“ etwas verändert.


Nach dem Sturm sind wir an allen Bienenständen vorbei gefahren. Vier Völker sind hinüber. Es sind die Völker, die das Futter nicht gut abgenommen hatten. Wahrscheinlich war da im Herbst schon irgendwas nicht richtig. Statistisch gesehen ist das normal. Schade ist es trotzdem, und ein Schaden, wenn man das wirtschaftlich sehen wollen würde.

Der Laden für Imkereibedarf schließt. Wir machen eine Einkaufsliste fürs ganze Jahr. Vielleicht bekommen wir noch was im Ausverkauf, alles andere muss bestellt werden. Im Kopf stapeln wir Honigkartons und Futterkanister. Die Lagerkapazität ist begrenzt. Andererseits, wenn die Lieferkette hängt, wäre haben besser als brauchen, die Frage ist nur wieviel von was. Es gibt keine normalen Jahre mehr. Entweder ist es knallheiß ab April oder es schneit noch im Mai.


Ich habe meinen Nachrichtenkonsum auf einmal am Tag beschränkt. Grusel-Gänsehaut beim Lesen: Russland greift die Ukraine an. Das hatte ich tatsächlich für so unwahrscheinlich gehalten, dass ich den Teil immer nur überflogen hab. Keine Ahnung was das bedeutet. Ich hoffe man wird am Ende des Jahres nicht sagen, weißte noch, damals, im Januar und Februar, als wir Corona hatten, das war ne gute Zeit.

Halbzeit, Februar 22

Skifahren hat wider erwarten so richig Spaß gemacht, Julikind ist begeistert. Der Lehrer hat ihr gar nicht geglaubt, dass sie das noch nie gemacht hat. Wenn die Patentante fragt, was sie sich für einen Ausflug wünscht, dann weiß sie aber ganz genau was sie gerne würde. Skifahren war genauso blöd wie befürchtet, sagt Maikind. Seine Kumpels wollen alle mit, zur nächsten Skifreizeit, und, nur damit ich bescheid weiß, er nicht. Hatte ich mir schon gedacht, beides.


Die Kraniche kommen wieder, ein Schneeglöckchen steht im Garten, am Bäckerauto werden bunte Eier verkauft und der Nachbar erledigt Baumschnittarbeiten, im Flur liegt ein Motorradhelm. Frühling also. Mir war so, als wäre Weihnachten gerade durch, aber von mir aus gern. Die letzten Wochen sind irgendwie zu einem Klumpen Zeit verschmolzen.


Vorletzte Woche stand der Football-Brustpanzer mitsamt Helm im Esszimmer. Der Liebste fing sich einen „dein Ernst?“ Blick. Keine Sorge, hat er gesagt. Es wurde gefragt, ob irgendwer seine Ausrüstung verleihen würde und er braucht die im Moment ja leider nicht. Ob er das echt so verleihen will, hatte ich gefragt. Sicher, die Neuen fliegen sowieso in den Dreck. Gestern hat er erfahren, seine Ausrüstung war Teil der Superbowl-Dekoration im Foyer einer echt großen Firma. Hätte er das gewußt, er hätte ein frisches Jersey draufgezogen, da steht doch sein Name drauf. Tja, sage ich.


In der Familien-whatsapp Gruppe wird eine Idee angesprochen, und um Rat gebeten. Als ich den Chat sehe läuft das Thema anscheind schon eine Weile. Die Antworten überraschen mich. Das hatten wir schon mal, vor vier Jahren und es ging schief. So grundlegend und spektakulär schief, dass eine Neuauflage undenkbar ist. Anscheind bin ich die einzige, die das so sieht. Man versucht dem Fragenden mit einem bunten Stauß an Argumenten darzulegen, warum es keine gute Idee ist. Mir wird auf einmal etwas klar: Ich will und kann keine Energie mehr in dieses Projekt stecken. Nicht mal in Gedanken.


Drei Termine an einem Tag. Wann hatte ich sowas denn zuletzt?


Ein Elterngespräch. Die Ängste, bei einem der Kinder, sie sind nachweisbar in den psychologischen Tests. Es braucht aber im Moment weder Medikamente noch Therapie. Erleichtert und nachdenklich verlasse die Praxis, ausgestattet mit guten Ratschlägen und den Adressen sämtlicher Therapeuten im Umkreis von 50km, falls wir den Eindruck haben, dass es doch nötig werden könnte. Hoffentlich brauchen wir die nicht.


Die Zahnbaustelle ist fertig gestellt. Juhu! Endlich. Also, eigentlich nicht juhu, es fühlt sich im Moment an, als wäre ich in eine Kneipenschlägerei geraten. Aber morgen dann, oder übermorgen. Ein Haken auf meiner „dieses Jahr zu erledingen“- Liste. Ich freue mich.


Pluseinskind war am Wochenende in der Kneipe, in der es einen Coronaausbruch gab. Eigentlich sind alle positiv gewesen danach, aber er natürlich nicht. Man fragt sich wirklich, wie der das immer schafft, sagt Märzkind. Vielleicht hatte er schon längst und hat es einfach nicht mitgekriegt. Wir sind auf jeden Fall froh, dass niemand das Virus aus unserem Haus mitgenommen hat.


Ich gucke schon seit der Quarantäne keine Nachrichten mehr. Die Sturmwarnung begegnet mir durch Zufall im Internet. Unwetterwarnung haben wir ja immer mal, denke ich. Diesmal scheint es aber doch etwas mehr zu werden. Wir gehen einmal durch den Garten und sichern Dinge, die wegfliegen könnten. Der Liebste packt sich die Kettensäge ins Auto. Er hat Nachtschicht, Arbeit fällt leider nicht aus, Schule schon. Wobei, doch nicht. Die Mädels haben Distanzunterricht. Die Schule des Märzkinds kommuniziert da ganz klar die Erwartungen. Märzkind läd neue Sachen runter. Vielleicht funktioniert es mit diesem System ja tatsächlich. Das wär doch mal was.