Frühling und Pullover

Die Sonne scheint, Vögel zwitschern, es ist deutlich wärmer als noch vor ein paar Tagen, und wir haben gerade mal Anfang März. Das tut gut. Ich gehe die frühe Hunderunde und freue mich über das wunderschöne Frühlingswetter und überhaupt – im Moment sind tatsächlich alle gesund, munter und fröhlich. So schön, wenn mal so nix ist, nagut, abgesehen von einem Hausarbeits-Abgabetermin den jemand hat und Pollenflug-apokalypse, aber das ist ja normal. Einen halben Tag später ist Krieg im Nahen Osten.

Die Spritpreise gehen hoch. Sehr schnell und sehr deutlich. Freitag tanke ich für 1,80 Euro pro Liter, halb voll nur, weil, so teuer war es, glaube ich noch nie. Vier Tage später tanke ich für 1,94 Euro pro Liter und habe ein Schnäppchengefühl, weil hinter mir noch drei Autos anstanden. Julikind ruft an, sie hatte doch schon nach der 6. Stunde Schluss und es sei kein Bus gekommen, ob ich denn wohl bitte? Ja sicher. Der nächste Stadtmensch, der mir erklären will, wie man Autofahrten einspart, kann sich auf was gefasst machen.

Ich meide die Nachrichten, dann gehts.

Alle Lieferanten haben Aufträge still gelegt, und müssen Preise neu aushandeln, meldet der Liebste aus seinem Job. War klar, basiert alles auf Erdöl.

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Eine Pfanne voll Zimtschnecken gegessen, zusammen mit allen Kindern, im T-Shirt im Garten gesessen dabei.

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Die erste Stromabrechnung nach Einbau des Balkonkraftwerks. HolladieWaldfee. Sehr erfreulich.

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Man bat mich um einen Rettungsversuch einer untragbar kaputten Hose. Jetzt hätte ich ein bisschen Zeit. Ich nehme das gute Stück vom zu erledigen Stapel und suche den Schaden. Och guck. Einsatz für die Knopfsammlung. Ich nähe zwei neue Knöpfe an, bessere mit ein paar Stichen das Knopfloch aus, lasse mich feiern. Basic skills des letzten Jahrhunderts.

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Es hat ein bisschen Anlauf gebraucht, aber jetzt geht es. Ich räume Ommas Kleiderschrank aus. Wobei, Kleiderschrank stimmt eigentlich nicht, es gibt einen Schrank nur für Pullover. Die, in denen ich sie kenne, lasse ich einfach noch liegen. Alle anderen stopfe ich in Säcke. Da kommt ordentlich was zusammen. Und es dauert eine Weile, denn man findet Sachen. Antike Unterwäsche und Stofftaschentücher in Aussteuerqualität, alles orginalverpackt, Postkarten aus Zeiten, in denen man selbst keine Fotos gemacht hat, eine Zigarrenkiste voll gemischter Münzen und Scheinen, die fast aussehen wie Kunstdrucke, coupons über jeweils ein Kilo Eisen, noch gültig, steht auf dem Stempel, man fragt sich verschiedenes.

Haushalt mit Jahresringen

Ein Schrank voller Bettwäsche. Baumwolle und Leinen, gemangelt und akurat zusammengelegt. Ich liebe Stoffe. Ich kann nicht alle behalten, denn brauchen tue ich strenggenommen gar keine. Es ist kompliziert. Auf einen Kissenbezug sind Initalien gestickt, ich kann sie einer Urgroßmutter zuordnen, bewundere einen Moment die Handarbeit, und erinnere mich daran, wie die Omma mal gestenreich davon erzählt hat, wie man die Fäden in den Webrahmen einspannt, auf dem dieses Leinen vermutlich entstanden ist. Ein Zettel auf der Schranktür weist darauf hin, dass sich noch Verbandszeug hinter den Stapeln des zweiten Faches befindet. Ich ziehe einen Stapel nach vorn und finde ein Schreibheft darunter. In Grundschul-Handschrift steht dort ihr Name, 4. Klasse, da ist man ungefähr 10, das Heft ist 84 Jahre alt. Ach komm, wenn wir ehrlich sind – heute werde ich hier nicht weiterkommen. Ich schließe die Schranktür. Einen Meter weiter hängt das Medizinschränkchen an der Wand. Medikamente aussortieren sollte einfach sein. Ich schaue auf die Verfallsdaten und ja, das kann alles weg. Im obersten Fach findet sich eine stattliche Sammlung an Mullbinden. Ich ziehe das einzige verpackte Päckchen heraus und staune. Die Geschichte dazu wurde mir nie erzählt. Ich weiß nur, dass der Opa als „letzte Reserve“ kurz vor Kriegsende noch eingezogen wurde, mit 15 Jahren. Ich zeige den anderen, was ich gefunden habe.

Es ist Samstag Nachmittag. Wir waren nicht verabredet aber in jedem Raum scheint jemand zu sein. Ein Geruch von „wuäh, was isn das“ wabert durchs Treppenhaus. Im Keller werden gerade uralte Weckgläser geöffnet und der Inhalt entsorgt. Ein Wäschekorb voll leerer Schnapsflaschen steht im Flur. Der Inhalt wurde unter eine Hecke geschüttet, ob das Spätfolgen hat, wird der Frühling zeigen. Auf dem Dachboden läuft jemand hin und her, Kisten voller Honiggläser werden die Haustür rausgetragen. Im Wohnzimmer finde ich Brüderchen, er inspiziert ebenfalls einen Wäscheschrank. Wir begrüßen uns herzlich. „Wenn de Omma sehen würde, was wir hier heute machen, sie würde sich im Grabe umdrehen“, sagt er und da hat er wohl recht. Wir lachen, so, wie man eben lacht, drei Wochen nach der Beerdigung. Kaum jemand durfte je in ihre Schränke gucken. Wir waren alle ein bisschen neugierig. Spoileralarm, es gibt von allem reichlich. Gemeinsam gehen wir in die Küche, ziehen eine Schublade auf. Darin gemischtes. Brüderchen beginnt zu kramen. „Ach scheiße“, sagt er „so ein Ding hab ich letzte Woche gekauft“, „du hast ne Suppenkelle gekauft?“ erkundige ich mich und lache ihn ein bisschen aus, „jamann, hab nicht dran gedacht, scheiße ej“, murmelt er.

Auf der Fensterbank stehen eine Menge Vasen und Krüge, „Flohmarkt“ steht auf dem kleinen Zettel der daneben liegt, ich erkenne die Handschrift meiner Mutter. In einer Vase steckt ein Zettel, in Erwachsenenhandschrift weist de Omma darauf hin, dass diese Vase noch von ihrer Oma sei und wir sie stets in Ehren halten und nicht verkaufen sollen. Ich schmunzle und stecke den Zettel wieder zurück.

Ich trage eine Kiste mit Flohmarktware auf den Dachboden, und stelle sie zu den anderen unter einen Tisch. Auf dem Tisch liegt ein Buch, das war beim letzten Mal noch nicht da. Es sieht aus, als hätte es jemand aus der Hogwarts-Bibliothek entliehen. Ich klappe den Deckel auf. Eine Bibel von 1823. Lag in der Schublade des Gästezimmers, sagen die, die den Keller geräumt haben, und sowas wirft man ja nicht weg. Im Keller liegen auch die Schallplatten, die Julikind gesucht hat. Was drauf ist, ist total egal, sie wählt nach Größe aus, die werden Deko. Zwischen den Schallplatten findet sie ein Foto, in schwarz weiß, darauf eine Gruppe junger Männer. Schützenverein 1932, steht auf dem kleinen Schild im Fordergrund. Wo das Bild gemacht wurde kann man erraten, auch wenn das Gebäude im Hintergrund heute verfallener aussieht. „Das war Hitlerzeit“ murmelt Julikind. Ich nicke. Einen Moment lang sagt niemand was. Einige der Jungs sind vermutlich so alt wie Julikind. Ob sie mal ein Bild davon machen kann, fragt sie den Opa, für die Schule, sie haben das gerade in Geschichte.

Advent, Halbzeit

Als ich abends nach Hause komme, steht das Sofa vor weiß gestrichener Wand, der Fernseher gegenüber. Auf dem Sofa sitzt Julikind und lächelt. Gemeinsam staunen wir einen Moment darüber, wie groß dieser Raum eigentlich ist, und wie gemütlich das alles aussieht. Es fehlen noch zwei Leisten und die Bilder an der Wand, aber dann ist alles wieder so, wie es mal war, vor 18 Monaten, als diese ausserplanmäßige Renovierung begann.

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Das Kind braucht einen Facharzttermin sagt die Hausärztin für morgen, spätestens übermorgen. Wir verlassen die Praxis mit einer Überweisung. Am Abend des nächsten Tages sind der Liebste und ich beide mental erschöpft aber, zusammenfassend kann man sagen, sie hat einen Termin für den übernächsten Tag bekommen.

Es brauchte nur drei Telefonate mit der Fachpraxis, die Anmeldung in einem Medizinportal über das man theoretisch ein Foto hätte übersenden können, eine Fahrt ins Städtchen zum Foto zeigen auf Mobiltelefon am Tresen der Facharztpraxis, ein Telefonat mit dem Krankenhaus zwecks Ausstellung eines Arztbriefes und die Abholung des Arztbriefes am Tresen der Notaufnahme, wo die ganze Geschichte vor 10 Tagen begann (auf Papier naürlich, denn es zu diesem Zeitpunkt nicht weitergeholfen den an die Haussarztpraxis zu faxen, denn gebraucht wurde er in der Facharztpraxis) Alles ist gut, sie hat zur richtigen Zeit bekommen was sie brauchte, und darüber sind wir froh und dankbar. Aber, man fragt sich ernsthaft, wie man das hätte regeln sollen, wenn der Liebste nicht zufällig frei gehabt hätte. Beim nächsten Hausarztbesuch ist der Arztbrief da, war heute in der Post, sagen sie. (Post im Sinne von Papier in Briefumschlag). Tja.

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De Omma ist krank und muss ins Krankenhaus. Dort würde man sie nach wenigen Tagen gern entlassen, eine Geschichte gegen die unser Erlebnis wie Ponyreiten im Sonnenuntergang aussehen lässt.

Veränderungen stehen an, zum Guten wahrscheinlich, aber erstmal ist es eben wie es ist.

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Weihnachtsmusik der krassesten Sorte schallt aus der Küche. Der Liebste und ich tauschen einen leicht gequälten Blick als wir gewhamt werden, aber wir sind tapfer. Die Kinder haben es „schön adventlich“, backen Plätzchen, alle zusammen und räumen danach sogar auf. Große Kinder sind toll.

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Je mehr Weihnachtsbäume mir im adventlichen Alltag begegnen, desto weniger erinnere ich dieses ultimative Weihnachtsgefühl der früheren Heilig Abende, dass ich sonst damit verbunden habe, was eigentlich schade ist.

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An einem Nachmittag kommen drei verschiedene Versanddienstleister. Pakete, Pakete, Pakete. Ich staple sie nach an verschiedenen Orten.

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Nikolaustag hat sich verändert. Ich habe Geschenke von Kolleginnen bekommen, schöne Geschenke, mit Liebe, obwohl ich gerade mal 6 Wochen da arbeite, und mich ehrlich gefreut. Ich mag die auch alle gern, hatte aber natürlich nix dabei, weil – ich hatte ja keine Ahnung. Vormittags kam ein Nikolaus und hat die Gäste beschenkt. Es war sprichwörtlich froh und munter. Ich hab gestaunt, wie viele Erwachsene ein Foto mit Nikolaus machen wollten. Schön war das.

Abends kamen null kleine Nikoläuse zum Süßigkeiten sammeln. Könnte am Regenwetter gelegen haben, oder Halloween hat gewonnen, man weiß es nicht.

Der Bär sah von der Haustür aus betrachtet aus, wie ein 2 Meter großes Gummibärchen, hat mir gut gefallen.

Man wundert sich

Im Einkaufswagen liegen Weintrauben, Spekulatius und der erste Kürbis, kulinarischer Jahreszeitenwechsel.

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Passend dazu eine herbstliche Hunderunde am frühen morgen, durch Nebel im dunkeln, immerhin ist es nicht kalt. Der Hund bleibt stehen, das macht er so, wenn er Rehe sieht. Ich schaue mich um, mein Hirn braucht zwei Sekunden und fasst dann mehrere gleichzeitig gedachte Gedanken zusammen: Keine! Chance! Der schwarze Fleck da, zwanzig Meter vor uns auf dem Stoppelfeld ist ein richtig großes Wildschwein und es hat uns auch gesehen. Es grunzt einmal kurz warnend und die zwei kleineren schwarzen Flecken verschwinden sofort im angrenzenden Maisfeld, die große Sau läuft hinterher, und es sind wohl auch schon einige andere da drin. Ein Geräusch, wie wenn im Jurassic Park die Raptoren kommen. Ich bin wach. Siehste, sage ich zum Hund, deswegen werfen wir nie den Ball ins Maisfeld…

Am nächsten Morgen fahre ich ein Stück ins Feld, dahin, wo uns eigentlich nie Wild begegnet. Heute ohne Nebel und im Dämmerlicht. Ich werfe den Ball auf die Wiese. „Haaalloooo??“, ruft es laut von irgendwo. Och nö. Ich möchte bitte nicht morgens um viertel vor sechs einen dementen Opi im Feld finden, oder so, denke ich, während ich mich suchend im Kreis drehe. Da ist niemand. Es bleibt still. Merkwürdig, aber soll mir recht sein. Hundert Meter weiter meldet sich die Stimme wieder „Halllloooo? Würden Sie BITTE MAL den HUND FEST machen?“ Ok, ich bin verwirrt, mache den Hund fest und gehe weiter. Hinter der Hecke steht ein Auto, unter dem Hochsitz und jetzt kann ich es erkennen, auf dem Hochsitz sitzt jemand. Ich hebe grüßend die Hand und sage laut, dass ich erleichtert bin, ihn zu sehen, weil ich nämlich dachte, ich höre Stimmen. „Tjaaa, er wollte ja eigentlich hier, aber das ist jetzt rum“, murmelt der Jäger, der direkt unter dem Hochsitz parkt. Tjaa, sorry, not sorry, denke ich, und lasse den Hund hinter der nächsten Wegbiegung wieder laufen.

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Im Wald wurde ein Weg markiert. An jeder Abzweigung drei hellgelbe Pfeile auf den Boden gesprüht, Flatterband am nächsten Baum in Sichthöhe und Pfeile mit Reflektorband an Pfosten, eindeutiger gehts nicht, man fragt sich… ah – Wanderabenteuer. Die Freundin hat es auch gesehen, auf ihren Hunderunden und während wir Spekulatius essend am Tisch sitzen machen wir uns Gedanken. Die Streckenführung geht den Eselspfad hoch, im Ort einmal über die Straße und auf der anderen Seite zurück in den Wald und über einen ausgespülten Kiesweg wieder runter. Der Eselspfad heißt nicht ohne Grund so, das ist ein Trampelpfad im Wald mit vielen Höhenmeter. Keine richtig gute Idee da lang zu laufen, abends um zehn, wenn es stockduster ist, würde man meinen, zumal man ja wenige hundert Meter die Straße runter und über einen Teerweg geradeaus laufen könnte, um genau da anzukommen, wo der Kiesweg wieder rauskommt. Aber – wenn es 80 Euro kostet und man ein T-Shirt bekommt, finden die Leute das offensichtlich toll. Warum sind wir da nicht drauf gekommen?

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Irgendwas scheint an der Grillhütte los zu sein, meldet der Liebste nach der letzten Hunderunde. Allerdings ohne Musik und nur spärlich beleuchtet, klingt nach einer Anwohner-freundlichen Abendveranstaltung, da kann man sich ruhig mal drüber freuen. Am nächsten Morgen meldet der Dorfchat, dass die Feuerwehr einen Baum gepflanzt habe. Man wundert sich. Die Auflösung kommt wenige Tage später, es läuft irgendeine Challenge, bei der Firmen und Vereine sich gegenseitig nominieren. Die Nominierten müssen dann innerhalb von 48 Stunden einen Baum pflanzen oder der örtlichen Kita Eis spendieren. Schöne Sache.

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Vor uns fährt ein Traktor auf die Straße. Ein für heutige Verhältnisse sehr kleiner, mit einem Ladewagen dahinter, den man vom Auto aus einsehen kann. Auf der Ladefläche stehen fünf Bratpfannen in haushaltsüblichen Größen. Drei davon gestapelt, zwei jeweils einzeln daneben. Sonst nichts. Fragt man sich, woher, wohin und wieso wohl…

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Dinge tun sich an Arbeitsplätzen, verschiedene, aber natürlich an allen Arbeitsplätzen zur gleichen Zeit und wo wir schon dabei sind – Schulentlassungsfeier Anfang Juni steht in der Elternpost, vorher natürlich noch Abschlussfahrt und alles andere, zum ersten Mal bemerken wir, wie kurz dieses Schuljahr sein wird. Man wappnet sich innerlich.

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Die Frage war noch halb scherzhaft gemeint, aber da hat tatsächlich jemand schon einen Weihnachtswunsch. Wie gut, dass ich gefragt habe, denn auf sowas wäre ich in hundert Jahren nicht von selber gekommen. Geklickt, bestellt, geliefert, an die Haustür, genau an dem Tag, der angesagt war. Kein Vergleich zum Einkauf im Advent. Und wegen des großen Erfolgs im letzen Jahr gleich noch Karten für ein vorweihnachtliches Kulturerlebnis- Geschenk geordert. Ich liege sowas von gut in der Zeit dies Jahr.

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„Ah ja, Bürgermeisterwahl, das ist ja heute, stimmt. Der S. hat gestern schon geflucht, dass er da am Sonntag rumsitzen muss…“ sagt Maikind, als wir uns auf den Weg machen, zum Wahllokal. „Der S. macht Wahlhelfer?“ wundere ich mich, „der wirkt garnicht so politisch interessiert.“ „Ist er auch nit“, sagt Maikind. Aber der Nachbarort verlost die Ehre des Wahlhelfertums unter allen wahlberechtigen Einwohnern, „und der S. hat eben gewonnen, höhöhö“, sagt er.

Anfang Mai

Ein Mann mit Kleinkind auf dem Arm steht im Rapsfeld, eine Frau mit Handy in der Hand davor, sie fotografiert offensichtlich, aber wieso? Man wundert sich. Der Liebste hat es auch gesehen. „Ab hier sind es Stadtmenschen“, sagt er.

Hochzeitstagsausflug nach Fulda. Wir finden auf Anhieb ein Restaurant, dass man trotz Nahrungsmittelunverträglichkeit besuchen kann. Es gibt sogar eine Auswahl an Gerichten. Wir werden so freundlich und so schnell bedient, dass es sich anfühlt, als wäre hier Fachpersonal im Einsatz. Wir überlegen, wann wir sowas zuletzt erlebt und wo. Zum Nachtisch eine Kugel Eis. Die kostet hier 1,70 Euro und der Preis ist angemessen, denn es schmeckt richtig gut.

Die Menschen in der Fußgängerzone sehen alle anders aus. Man kann ziemlich lange nur so sitzen und Leute gucken, ohne sich zu langweilen. Da wo wir herkommen hat jedes Lebensjahrzehnt seine Uniform.

Das Kino ist viel größer, was vielleicht der Grund dafür ist, dass der Ton sich so gut anfühlt. Auch die Kinositze sind bequem. In dieser Atmosphäre könnte man komfortabel Filme schauen, die länger als zwei Stunden laufen.

Eine Taube sitzt irgendwo im Innenhof, auf den das Hotelzimmerfenster rausgeht. Aber ansonsten – unmöglich im Halbschlaf am Vogelgesang abzuschätzen, wie spät es ungefähr ist. Und das man dass normalerweise automatisch so macht, ist uns auch gerade eben erst aufgefallen.

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Spülmaschine kaputt. Tja. Abwasch mit Spülbecken und Wasser in der Küche nervt deutlich weniger als Abwasch nebenan. Aber, ach.

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Eine Motorradkolonne, die gesperrte Straße ist scheint also wieder befahrbar. Gesperrt ist sie aber noch, da fragt man sich… Der Liebste fährt eine Hunderunde mit dem Fahrrad. Es fehlen noch Leitplanken, sagt er, als zurück ist. Allerdings nur die ganz weit unten, weiter oben im Hang ist wohl irgendwas mit dem Wasserablauf schief gegangen. Die Fahrbahn ist an einer Stelle unterspült.

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Zwei Tage Sommer. Dann doch wieder kalt. Morgendliche Hunderunde in Winterjacke und, och guck, da sind noch Handschuhe in den Taschen, das ist gut. Aber es ist schon richtig hell, morgens um halb sechs, und die Wiesen verheißen eine erhöhte Allergiebelastung für den Nachmittag.

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Zwanzig Minuten vor Abfahrt treffen wir uns zufällig alle auf dem Flur und fragen uns gegenseitig, was man denn wohl anzieht, zu einem Konfirmations-Kaffeetrinken, wenn man in keinerlei verwandschaftlichen Verhältnis zum Konfirmanden steht. Sauber und gebügelt sollte es sein, da sind wir uns schnell einig, aber ansonsten? In jedem Raum Gemurmel.

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Die Freundin kommt vorbei, nur mal Hallo sagen. Ich freue mich. Als Neuigkeit kann ich erzählen, dass ich gerade gestern den ersten Aperol meines Lebens getrunken habe. Anscheind bin ich jetzt in dem Alter, wo die gesellschaftlichen Konventionen so sind. War ganz gut, so als Gesamterlebnis. Die Freundin ist leicht überrascht, kann aber noch einen drauf setzen. Sie hat nämlich am Wochenende Eierlikör aus einem Waffelbecher getrunken, morgens um halb neun, mit den Sonntagmorgen-Frühschwimmerdamen vom Diemelsee, anlässlich des Muttertages. Wassertemperatur liegt bei 11°C, das sei schon ziemlich frisch, sagt sie, war aber ganz gut, so als Gesamterlebnis.

Eier und Gesang

In der Woche vor Ostern haben drei von fünf Leuten frei. Einkäufe werden erledigt, kleinere Projekte abgeschlossen, der Haushalt auf normal-Zustand gebracht und ausgeschlafen. So. Nach einem durchwachsenen ersten viertel Jahr sind wir jetzt vielleicht auf der Höhe der Zeit angekommen. .

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Ein Gottesdienstbesuch zum Karfreitag mit der ehemaligen Konfirmandin. Kaum zu glauben, dass in drei Wochen schon die nächsten dran sind, sagt sie, ein Jahr hat sich sonst länger angefühlt.

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Acht Leute wollen zum Osterfeuer, drei werden von dort wieder nach Hause fahren. Es wird nur ein Auto gebraucht, irgendwer wird die Strecke bis zum Sportplatz also laufen müssen. Einen Moment lang gucken sich alle gegenseitig fragend an. Der Vorschlag war eigentlich ein Scherz, aber die andern finden den spontan gut und sind so schnell auf dem Weg zum Auto, dass ich garnicht mehr dazu komme, den Kindern bescheid zu geben, naja, werden sie schon merken, sagt die Freundin. Vier Erwachsene fahren einfach so los, ohne Kinder, hihihi.

Die lieben Kleinen kommen etwas später an, als wir (augenrollendes Nicken einfügen) die Stimmung ist aber gut, denn das kulinarische Angebot wurde erweitert. Statt nur Bratwurst im Brötchen gibts jetzt auch Pommes, Currywurst, Mantaplatte und Butterbrezeln. Man plant die Speisenfolge des Abends. Gegen elf sind alle Erwachsenen müde genug für nach Hause. Um halb zwei werde ich halb wach, wegen ungewöhnlicher Geräuschkulisse im Haus: Treppe, Küchentür, Speisenkammertür, Stille, Küchentür in leise, Treppe in noch leiser, Zimmertür normal, dann gegiggel. Julikind hat einen Übernachtungsgast, anscheind waren die Snacks ausgegangen

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Ich hatte gesagt, ich hole sie ab. Wir sind beide auf die Minute pünktlich und wundern uns selber darüber. Vor der Kirche sind auffallend viele Parkplätze frei, so viele, das man sich fragt….? war klar, wir stehen natürlich vor der falschen. Aber, selbst vor der richtigen Kirche gibt es noch freie Parkplätze, als wir dort ankommen. Eine gut gelaunte Dame steigt aus dem Auto neben uns. Sie kennen sich hier garnicht aus und seien uns einfach mal hinterher gefahren, sagt sie, und „Frohe Ostern und ihr linkes Rücklicht funktioniert nicht“. Wir wünschen ebenfalls frohe Ostern und danken für den Hinweis, das Problem ist bekannt, und leider hartnäckig.

Das Kirchenportal ist angelehnt, ab hier wird man automatisch leise, denn drin ist es dunkel. Nach 5 Minuten haben sich die Augen daran gewöhnt und die wenigen Kerzen auf dem Fussboden wirken wie Scheinwerfer, wenn man direkt darauf guckt. Irgendwann beginnt die Kantorei zu singen, ein Gänsehautmoment, alle Jahre wieder.

Gemütliches Osterfrühstück zu Hause, anschließend Eiersuche im Garten. Die Eier wurden gut versteckt, schließlich sind die Blagen schon groß. Wie immer sind zwei Eier unauffindbar. Der Liebste möchte die Suche trotzdem nur ungern beenden, weil er immer derjenige ist, der diese Eier dann später im Jahr findet, und man sich über faule Eier weniger freut. Noch einmal werden die gefundenen Eier gezählt und mööööglicherweise wurden die beiden fehlenden bereits gestern Abend entnommen, als das Körbchen noch in der Speisekammer stand, sagt jemand, wir haben sie also alle.

Am frühen Nachmittag sind wir zum Eierwerfen verabredet. Entgegenkommende Spaziergänger schauen uns verwundert an. Wahrscheinlich ist es eher selten, dass 10 Leute gemeinsam spazieren gehen, überlegen wir. Am Eierwerfplatz ist schnell eine Reihenfolge festgelegt und der erste Werfer beginnt. Neun Leute rufen laut „ooohhhh“, als bei der Landung ein Feuerwerk aus hart gekochtem Ei zu sehen ist. Noch nie sind so viele Eier kaputt gegangen, wie in diesem Jahr, außerdem wurden einige garnicht wieder gefunden. Die Siegereier werden am Ende aufgegessen. Fast ohne Salz, weil es windig war und das hätte man einkalkulieren müssen, beim kippen des Salzstreuers.

Dann Kaffee und Kuchen bei den Eltern.

Dann sitzen am Küchentisch bei Schwiegermutter, bei Wasser und Apfelschorle. Alle sind gut satt.

Abends steht ein Rudel aus Schokoladenhasen auf der Anrichte.

Es war richtig schön, dieses Ostern so mit allem. Alle gesund, keine Baustelle im Haus, fließendes Wasser in dichten Leitungen, kein Lockdown, Wetter jahreszeitlich angemessen, früher war sowas ja ganz normal, heute weiß man es zu schätzen.

Ostermontag ist aber zum Glück ein Sofasitztag. Sozialkontakte-Kater.

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Auf dem Weg vom Esstisch in die Küche kommt man jetzt wieder am Sofa vorbei, begegnet also hin und wieder zufällig, anderen Familienmitgliedern, tauscht Neuigkeit, verteilt gute Ratschläge oder macht im vorübergehen Fratzen. Das hat gefehlt.

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In der Ansprache zur Trauerfeier für die Großtante ist der, ich zitiere „legendäre Heilige Abend“ in ihrem Elternhaus ein großes Thema. Es ist das Haus, in dem wir jetzt wohnen, ich kenne die Geschichten und muss fast Grinsen. Es wurde viel gesungen, das stimmt, wunderschön können die alle singen, zweistimmig mit Melodievariationen und auswendig natürlich. Funfact: Teil der Legende sind etliche Kästen Bier und es wurde nicht, wie der Pfarrer dieser Gemeinde offensichtlich annimmt, „zur Lobpreisung unseres Herrn“ gesungen, sondern schlicht zur Deeskalation. Zwei Schwager sind sich gegenseitig so dermaßen auf den Sack gegangen, dass es jederzeit zu ernsteren Streitigkeiten hätte kommen können. Der hauseigene Opa hatte das im Auge und unter den Schwestern gab es ein Abkommen, dass, wann auch immer der Opa sagt, jetzt wir singen mal ein Lied, sofort alle einstimmen. Hat die Oma erzählt, an Weihnachten.

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Maikind hat die Zwischenprüfung hinter sich, Julikind die Präsentation abgegeben. Man kann sich bei den gemeinsamen Mahlzeiten wieder ganz normal unterhalten. Schön ist das.

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Eigentlich wollte ich nochmal grüne Soße machen, mit übrig gebliebenen Ostereiern, aber, äh, es gibt keine Reste. Mit nachlassender nervlicher Anspannung ist der Apetit wohl wieder zurück. 50 Eier waren das.

Hallo April

Wir haben ein neues Auto. Wenige Wochen nach der Entscheidung, das Alte nochmal durch den TÜV zu bringen, zwei Wochen nach einer entsprechenden Reperatur… klingelte morgens um fünf das Festnetztelefon. Der Liebste hatte einen Wildunfall, garnicht weit von zu Hause. Das kaputte Auto blieb im nächsten Feldweg stehen, er fuhr mit dem anderen an die Arbeit. Ich verbrachte meinen freien Tag mit Resten des Adrenalienspiegels, den ich immer habe, nach solchen Anrufen. Nur das Auto… es war nur das Auto…

In mir unbegreiflicher Geschwindigkeit hat er ein „neues“ gefunden, Probe gefahren, gekauft, zugelassen und das Alte weiterverkauft. Zu einem Preis, der fast so hoch war, wie die letzte Reperatur und die neuen Reifen gekostet haben.

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Bei windigen 5°C steht die Nachbarin im Garten. Das ist schön, ich habe sie lange nicht gesehen, und oh. Anstatt zu grüßen beobachte ich einen Moment die Situation. Vielleicht müsste ich da mal – irgendwas? Nö, eigentlich alles OK. Fröhlich summend arbeitet sie mit der Gartenschere an einem Blumenbeet. Sie trägt einen Bademantel über etwas, dass von hier aus aussieht wie ein Pyjama. Ich bin mir ziemlich sicher, diese Erkenntnis wäre ihr peinlich.

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In einer fünfer Gruppe laufen wir die wegen Bauarbeiten gesperrte Straße ab bis ins Tal und über Wanderwege durch den Wald wieder zurück zum Ort. Eigentlich hatten wir nicht damit gerechnet, viel Müll zu finden, schließlich ist „allmählich Grund drin“, wie man sich alle Jahre wieder zum Start dieses Aktionstages sagt. Als wir am Brunnen ankommen sind wir uns ziemlich sicher, wir werden König, heute: beide Müllsäcke voll, plus ein bröseliger Altreifen. Weit gefehlt. Eine Mutterkollegin zeigt ein frisch in die Gruppe gestelltes Foto rum, die Herren haben tatsächlich einen ganzen Autoanhänger voll gesammelt.

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Eier färben geht total schnell, wenn man es quasi alleine macht. Die Mädels sitzen am Tisch und wir unterhalten uns nett, aber das mit der Farbe und so, dass kann ich ruhig selber, sagen sie. Vielleicht bin ich dann im nächsten Jahr alt genug, fertig gefärbte Eier zu kaufen.

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Eigentlich wollte ich verschiedene Dinge einkaufen, in der echten Welt. Leider gibt es entweder die Läden nicht mehr oder nicht mal annähernd das, was ich gesucht hatte. Nach anderthalb Stunden gebe ich auf und verlasse die Fussgängerzone nur mit zwei Glückwunschkarten. Eine Kugel Eis in der Waffel kostet 1,60 Euro diese Saison, lese ich im Vorbeigehen. Tja, da bin ich dann raus.

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Ähm, ich würde mal davon ausgehen, dass sich die Heimwerker-Baustelle in den kommenden Wochen eher nicht verändern wird? frage ich vorsichtig nach. Damit läge ich richtig, sagt der Liebste. Dann könnten wir ja vielleicht die Möbel wieder so hinstellen, wie es ursprünglich mal war? Sicher. Die Männer legen mal gerade die Verkabelungen passend hin, holen Möbel aus der Garage, Julikind geht auf den Dachboden und holt Sachen, um sie in Regale zu stellen. Ich stehe mittendrin und frage mich, wieso ich diese Frage nicht schon vor Wochen gestellt habe.

Nach monatelangem Suchen, abwägen und diskutieren haben wir dann einfach so ein Sofa gekauft. Maikind und der Liebste holen es noch am gleichen Tag ab. Ein Filmabend auf dem Sofa. Herrlich! Nach 8 Monaten provisorischer Möblierung hat das fast Event-Charakter.

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Auffallend wenig Urlaubs-Status-Meldungen bisher.

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Cannabis-Dünger wird jetzt im Gartencenter verkauft. Nachdenklich stehen wir vorm Regal. Entweder der Hype hat sich gelegt oder es gehört jetzt zum normalen Gartensortiment. Letztes Jahr um diese Zeit musste man das Zeug suchen wie Klopapier im Lockdown.

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Eine Geburtstagskarte, Konfirmationskarten und eine Trauerkarte geschrieben, hintereinander weg, wenn man einmal dran ist.

Mitte März, unsortiert

Bis vor wenigen Wochen sah ich morgens öfter den Nachbarn auf der Bank unter der Linde sitzen. Er hatte ein Sitzkissen dabei und Zeit. Solange bis der hochbetagte Hund, der einen Meter weiter auf der Wiese lag andeutete, dass er den Weg nach Hause jetzt wieder schafft. Dann wurde in aller Ruhe zusammengepackt und der Rückweg angetreten. Ein Spaziergang von 200 Metern etwa, einträchtig nebeneinander, total entspannt. Ich habe den Nachbarn eine Weile nicht gesehen, ohne mir etwas dabei zu denken, es fällt mir erst gerade auf, denn heute ist er wieder da. Er geht sein gewohntes Tempo. Sein neuer Begleiter läuft kläffend um ihn herum, als müsste es viel schneller gehen, der Mann stakt eilig seine Gehhilfen aus der sich windenden Leine und dreht sich einmal um die eigene Achse, kurz sieht es so aus, als würde das Gleichgewicht verlieren, als der kleine Hund mit aller Kraft zieht. Oh hauahaua ha, denke ich vom Fenster aus. Gut, dass de Omma sich nur einen neuen Hahn gekauft hat.

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Einen Moment lang stehen wir vorm Schaltschrank und beobachten das kleine Rädchen. Der Stromzähler dreht sich sehr langsam, aber erkennbar rückwärts. Irgendwann demnächst wird bestimmt ein digitaler Zähler kommen, dann müssen wir den geernteten Strom immer frisch verbrauchen.

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Frühlingsbeginn so ganz ohne Bienen fühlt sich merkwürdig an.

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Ist das ein Rauchmelder? Wir gucken uns fragend an. Nee, ist nur dieser Alarm, wegen Warntag, sagt eine Kollegin, schiebt das Handy zurück in die Tasche und guckt so, dabei… Die Nutzung mobiler Endgeräte aller Art sind eigentlich im ganzen Gebäude verboten, gerade gestern wurden wir darauf hingewiesen. Macht schon Sinn, diese Regel, eigentlich. Nur – Sirenengeheul hört man offensichtlich nicht, über 20 spielende Kinder hinweg. Da müsste sich die Katastrophe dann übers Festnetz melden, oder ans Fenster klopfen, oder so.

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Ohne echtes Interesse gelegentlich die Koalitionsverhandlungen verfolgt und kopfschüttelnd amüsiert dabei.

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Man würde die Kindergeldzahlung aufgrund der Volljährigkeit demnächst einstellen, es sei denn, ich kann belegen, dass es noch zur Schule geht oder eine erste Ausbildung macht, teilt das Amt mit. Ich nutze den aufgedruckten QR-Code um die nötigen Unterlagen einzureichen, und frage mich, ob das wohl wirklich so einfach geht. Wenige Tage später bekomme ich wieder Post, in den Briefkasten neben der Haustür. Mein Kind befinde sich in einer Berufsausbildung. Der Ausbildungsbetrieb möge das fristgerecht bestätigen, sonst wird es kein Kindergeld mehr geben. Das Kind nimmt den Zettel mit in den Betrieb, der Ausbilder unterschreibt und stempelt, ich adressiere einen Umschlag, klebe eine Briefmarke, laufe zum Briefkasten und hoffe, dass die Post das fristgerecht hinbekommt. So fühlt es sich viel normaler an.

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Klausur und Zwischenprüfung wurden geschrieben, das Betriebspraktikum läuft und macht Spaß, die Stimmung im Haus ist nicht mehr zu vergleichen, mit der von letzter Woche. Puh.

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Wir haben wirklich schöne Schüsseln, sagt Märzkind beiläufig, während der Essensvorbereitungen, und eine richtig gute Rezeptesammlung, da kann man sich später mal über ein Erbe freuen. Vermögen wäre natürlich auch toll, aber so was praktisches, als Andenken fürs Leben ist auf jeden Fall viel besser als ein Haufen Klump, wo man sich sofort fragt, wie man es am besten entsorgen kann. Ein ungewöhnliches, aber nettes Kompliment.

Ich könnte ja mal das Fotoalbum holen, sagen die Gäste. Wenige Minuten später schwelgen alle Anwesenden in fröhlicher Nostalgie. „Dann bist jetzt seit 20 Jahren Mama“, sagt meine Mama, ich nicke nur und mache ein so-isses-Brummgeräusch „…und ich Oma“. Auf dem „Kind mit Großeltern-Foto“, dass heute vor genau 19 Jahren gemacht wurde, sind 9 Personen. Heute feiern noch zwei Omas und ein Opa mit.

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Eine Wartezeit im Auto. Mit Tee aus dem Thermobecher einem Buch und einer Wolldecke ist es eigentlich ganz gemütlich. Normalerweise würde ich einkaufen fahren, solange, bin aber schon wieder erkältet, ich würde sowieso die Hälfte vergessen. Es nervt.

Was das Bild schon immer da? Könnte sein, es stand eine Mülltonne davor, oder so.

ein bisschen Frühling

Es kommt selten vor, dass der gleiche Paketbote mehrmals kommt, aber wir erkennen uns wieder, als er mir ein Päckchen durchs Fenster des Lieferwagens anreicht. „Wegen dem Solar neulich“, sagt er… entschuldigt sich mehrfach, hat er selber nicht gesehen. Er erklärt mir, wie er Ladung sichert. Im Moment stellt er mehrmals die Woche Solarpaneele zu, bisher immer alles Ok und ob wir da jetzt was bezahlen müssen??? „Nein, alles gut. Wir haben ein Foto vom Schaden geschickt, die haben nur gesagt, OK, ist kaputt, kommt neu, bitte das alte selber zur Entsorgung bringen“ Es war so einfach, dass man sich fast fragt, ob das vielleicht von vorneherein zur Entsorgung…

Ein gutes Gespräch mit jemand völlig Fremden geführt.

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Julikind bekommt ihre Hausarbeit zurück. Benotet und mit Anmerkungen. Vielen Anmerkungen, in rot. Sie reicht mir den Ordner, kann ich ja mal gucken, wenn ich will. Nach der ersten Seite erhöht sich meine Pulsfrequenz, nach der zweiten würde ich gerne Anmerkungen zu den Anmerkungen reinschreiben, nach der dritten Seite gebe ich auf, sonst muss ich womöglich noch jemanden anrufen, um darauf hinweisen, dass es höflicher ist, einen Satz erst bis zum Ende zu lesen, manchmal erschließt sich Sinn nämlich erst nach einem Komma, und dass der Begriff „ewig“ einen Zeitraum beschreibt, dessen Ende nach menschlichem Ermessen unfassbar weit in der Zukunft liegt, also per Definition ungenau und in Bezug auf PFAS durchaus angemessen ist. Aber – Empörungsfasten. Wir verbuchen es als Lektion in Frustrationstoleranz und Julikind kann sich dann jetzt doch vorstellen, solche Aufgaben zukünftig durch eine KI erledigen zu lassen, wie ich es vorgeschlagen hatte.

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Drei Hühner und der Hahn wurden vom Grundstück genommen. Naja, eigentlich nur zweieinhalb Hühner und der Hahn. Mitten am Tag, die genauen Umstände sind unklar. Ein Trauerfall. De Omma hat schon hunderte von Hühner geschlachtet und gegessen, aber das war was anderes. Diese Hühner sind sowas wie Nachbarn. Für alle die an der Ecke wohnen, denn sie laufen ja tagsüber frei rum.

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Morgens um kurz nach sieben sehe ich auf der langen Geraden kurz vorm Nachbardorf zwei Fahrradfahrer auf Mountainbikes. Sie tragen ganz normale Kleidung und schwere Rücksäcke, das ist ungewöhnlich. Ach guck, die kenne ich doch. Sie müssen etwa zur gleichen Zeit wie der Bus losgefahren sein, es sind ungefähr 15 Kilometer bis zur Schule, bei 2°C, aber heute mittag wirds warm. Bräuchte es ein Bild um zu erklären, wie scheiße die Busverbindungen sind, würde es wohl ungefähr so aussehen.

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Der Liebste und ich sitzen nebeneinander in den Sesseln, beide gerade erst angekommen, aus verschiedenen Richtungen, leicht zerrupft und völlig platt. Zwei Arzttermine waren das heute, einer lange geplant, einer ganz spontan nötig geworden, beide blöd und mit Folgetermin. Zwei Autos sind kaputt, eins nicht eilig aber mit langer to do Liste, eins schafft es wohl noch bis zur Werkstatt, Kollegen krank …, zwei Teenager im Vor-Prüfungsmodus, eigentlich reicht es schon, für diese Woche. Es ist Dienstag 18 Uhr.

Und wie immer- wenn das Chaos groß genug ist, findet sich alles auf wundersame Weise von selber. Jeder tut was er kann und ist großzügig mit den anderen. Das frühlingshafte Wetter hilft sicher auch. Irgendwann ist dann wirklich Wochenende. Zumindest für die, die nicht lernen müssen.

Wäsche draußen aufgehangen, Sonnencreme eingekauft, Tomaten angesät, Burger gegrillt im Garten. Essen lieber drin, denn wenn die Sonne erstmal weg ist merkt man doch, dass letzte Woche noch Winter war.

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Märzkind plant eine Geburtstagsfeier. Zu den Vorbereitungen gehört auch ein „weißte noch, damals“– Moment. Fünf Jahre ist das her. Es waren ganz andere Zeiten, damals.

Luft nach oben

Drei Stunden lang hat es geregnet. Jetzt schneit es, aber wie. Das ist kein leises rieseln. Große, nasse Flocken fallen entschlossen zu Boden, auf den dort liegenden nassen Schnee. Es sind nur 5 Kilometer bis nach Hause und meine Winterreifen sind gut. Nach 500 Metern denke ich darüber nach, einfach rechts ran zu fahren und auf ein Räumfahrzeug zu warten. Zu Hause angekommen schaufele ich die Einfahrt frei. Es dauert. Natürlich kommt, genau in dem Moment, als ich fertig bin ein Räumfahrzeug und wirft dicke Eisklumpen in die Einfahrt. Julikind wird das übernehmen, sagt sie. Ich freue mich. Eine Stunde nach Fahrtbeginn komme ich endlich an der Haustür an.

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Die gesperrte Straße wird geräumt, aber nicht gestreut. Das ist super für verletzte Hundepfoten. Für gesunde auch, eine Premium-Gassirunde. Die wenigen Autos, die die Schilder ignorieren fahren sehr langsam, man hält an, tratscht durch Autofenster.

Das die Ortsdurchfahrt morgens nicht mehr geräumt wird nervt allerdings. Im Ort wohnen ja noch Menschen, auch wenn es keinen Durchgangsverkehr gibt.

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Am Wochenende dann Winter-Wonder-Land, mit Schnee und blauem Himmel. Vier Leute und ein Hund begeben sich zum Schlittenhang. Zum Schlitten fahren ist der Schnee zu tief, aber wir haben den aufgepumpten Treckerschlauch dabei. Das funktionert richtig gut, schneller und weiter als gedacht. Der Versuch, die Fahrtrichtung so zu ändern, dass ich den Stacheldrahtzaun sehen kann, bevor ich reinfahre endet schmerzhaft.

Am nächsten Wochentag dann der schnellste Besuch in einer chirurgischen Praxis aller Zeiten, ich freue mich fast, als ich wieder ins Auto steige. Es ist nichts kaputt. Weh tuts trotzdem. Mein Handgelenk wechselt täglich die Farbe.

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„Zwischendurch mal für eine Stunde“ sei die Küche nicht zu betreten, hatte der Handwerker gesagt. Das ist ja nun wirklich kein Problem, wir richten uns darauf ein. Irgendwann haben dann doch alle Hunger und es sieht gut aus, der Handwerker räumt ungewöhlich früh seine Sachen zusammen Für heute ist er hier fertig, sagt er, Trockungszeit ab jetzt seien 4-6 Stunden, um 20 Uhr könnten wir die Küche also wieder betreten, aber – bitte vorher testen, nicht gleich mit dem ganzen Gewicht. Ähm, ja.

Der Liebste fährt ins Pommesgeschäft und holt uns etwas zu essen. Drei recht kleine Cheeseburger und vier Portionen Pommes, die garnicht mal so gut schmecken kosten 42 Euro. Schade, die waren mal gut, aber das kann man dann in Zukunft einfach sein lassen.

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Die Oma im Städtchen feiert ihren halb runden Geburtstag. Der engste Kreis sind etwa 30 Leute. Wir sitzen in einem seperaten Raum der Pizzeria mit Ambiente, alle unterhalten sich nett. Das Geburtstagskind bekommt routiniert ein Ständchen gesungen, als die erste Runde Getränke auf dem Tisch steht, so schön, dass im angrenzenden Gastraum alles still wird. Es gibt einige „Kind bist du groß geworden“-Momente, Kreuzfahrergeschichten werden ausgetauscht, Wochenplanung gemacht. Es dauert lange, bis alle etwas zu essen haben, dafür hat man natürlich Verständnis, aber – wenn ich eine Stunde auf eine Pizza warte, hätte ich gern das Gefühl, dass die frisch für mich gemacht wurde. Lauwarme Pizza kann man auch zu Hause… leider auch nur so mittelgut im Geschmack. Der Laden war rappelvoll, das macht nachdenklich.

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Am Tag darauf, wie es die Traditon in der dritten Januarwoche verlangt, drei von fünf krank. Coronatests negativ, immerhin, aber das ändert nichts am elenden Gefühl.

2025 hat noch Luft nach oben.