Tag 16 bis 19

Rehe, nicht mal hundert Meter von der Bushaltestelle weg. An einem Dienstag morgen um halb acht.

*

Den Arm voller Backwaren klopfe ich an die Haustür und warte vergebens. Die schlafen alle noch. Offensichtlich habe ich mich dran gewöhnt, dass immer jemand zu Hause ist. Als der Brotwagen hupte hab ich die Tür einfach so hinter mir zugezogen.

*

Mein Alltag hat sich, mal abgesehen von den Bergen an Hausaufgaben, und Distanz zu Großeltern, eigentlich wenig geändert. Dass Kinos, Restaurants und Geschäfte geschlossen sind, fällt nicht weiter auf. Auch im Bekanntenkreis wird relativ normal weiter gearbeitet. Vermutlich, weil der Bekanntenkreis einer Familie, die sich rund um ein Vierschichtsystem organisieren muss irgendwann nur noch aus Leuten im öffentlichen Dienst, Pflegenden, Außendienstlern und Feuerwehrleuten besteht.

*

Ich habe 10 Wassergläser in einen Karton gepackt und in den Keller gebracht. Wir haben anscheind mehr Gläser, als in den Schrank passen. Unter normalen Bedingungen stehen ja immer welche in der Spülmaschine, da fällt das nicht auf. Seit zwei Wochen kein Besuch, ich weiß nicht, ob es das schon je gegeben hat.

*

Glockengeläut um 19.30 Uhr ist ungewöhnlich. Eigentlich läutet es abends um 18 Uhr. Am ersten Tag nach der Zeitumstellung ist es gar nicht richtig aufgefallen. Am zweiten Tag haben wir uns gewundert und sind davon ausgegangen, dass bei der Uhrumstellung wohl etwas schief gelaufen ist, kann ja passieren. Am dritten Tag frage ich bei einem engagierten Kirchenmitglied nach. Es handele sich dabei um eine Aktion der Landeskirche, erfahre ich. Man habe so die Möglichkeit der persönlichen Andacht, weil ja keine Gottesdienste sind. Ah so.

*

Kaffee getrunken mit dem Pfarrer. Nicht in echt natürlich. Über die Whatsapp Gruppe der Alten Herren kam der Link zur persönlichen Andacht. War so unterhaltsam, das wir direkt einen ganzen Kaffee lang andächtig waren.

*

Mit der Omma telefoniert.

*

Den Computer fernwarten lassen. Er ist in aller Stille von uns gegangen. Ich hatte es geahnt.

*

Ich war anwesend als Star wars lief und habe fast den ganzen Film gesehen.

*

Der Liebste bräuchte zwei neue Sommerreifen, wenn er dann sowieso ins Städtchen muss, kann er ja auch einkaufen. Jeder möge intensiv nachdenken, es findet nur ein Einkauf statt diese Woche. Eine Gesichtsmaske (Kosmetikbedarf) wird gewünscht und frische Schnittblumen. Der Liebste zieht die Stirn kraus und guckt fragend. „Blumen machen das Leben fröhlich“, sagt das Julikind zwischen zwei Löffeln Cornflakes. Noch vor drei Wochen wäre dieser Wunsch mit „Du hast wohl n Vogel“ oder etwas ähnlichem kommentiert worden. Aber das ist lange her.

*Werbung, weil Markennamen erkennbar

*

Ein Kapitän steht auf der Brücke seines Schiffes. Das Schiff ist 40m hoch. Der Erdradius beträgt sechstausendachthundertdrölfizig km. Wie weit kann der Kapitän gucken?

Herausforderung angenommen.

Es ist Mathe, also kann man wohl getrost davon ausgehen, dass die aktuellen Wetterbedingungen und mögliche Verunreinigungen im Frontscheibenbereich, durch beispielsweise Seevogelkot nicht von Bedeutung sind. Es wird irgendwas mit Pythagoras sein. Man bräuchte einen rechten Winkel. Ich suche im Speicher nach einer Hirnwindung aus den späten neunziger Jahren. Irgendwas muss doch da noch sein.

Skizze, nicht Maßstabsgetreu

Der visualisierte kleine Kapitän in meinem Kopf trägt plötzlich ein Superheldenkostüm und beginnt zu rappen: “ This looks like a job for me, so everybody just follow me, we need a little contreversy, cause it feels so empty without me. La la la laa la, la la la laa laa, la la la laaaa…“ Ich nehme mir vor, mal zu googln, was Marshal Mathers jetzt beruflich macht. Zeitlich war diese Hirnwindung dicht dran, thematisch, ach, machen wir uns nichts vor.

*

Das Märzkind telefoniert mit der Mathelehrerin. Old school, das funktioniert gut.

*

Für ein Lesetagebuch soll ein Elfchen über die Hauptperson der Lektüre geschrieben werden.

„Was ist denn ein Elfchen?“ frage ich in die Runde.

„Zwei kleine Einsen nebeneinander?“ schlägt das Maikind vor.

„Nee, das sind so Worte, so untereinander“ erklärt mir das Julikind.

Onlinerecherche ergibt, das es sich bei einem Elfchen um eine pädagogisch wertvolle Wortspielerei handelt, die am Ende aus elf Worten besteht. In Zeile eins steht ein Wort, in der zweiten Zeile zwei… Mehrere Elfchen ergeben quasi als Strophen sowas wie ein Gedicht. Ist klar.

*

Käptn

Guckst du

Licht am Horizont

Unberechenbar ist die Weite

Ferienbeginn?

*

Ich glaube, die lernen auch viel Quatsch in der Schule.

*

Das Radioprojekt der Grundschule kann in einer digitalisierten Version doch stattfinden. Das Julikind hatte Spaß bei der Umsetzung. So könnte digitales Lernen gehen.

*

Mit warmen Worten und lieben Wünschen verabschieden uns die Klassenlehrer in diese seltsamen Ferien. Wenn man ehrlich ist klang es nicht so, als würde es danach anders werden. Aber, bis hierher haben wir es geschafft.

*

Ab morgen wird nicht um neun geweckt und man darf in Jogginghose rumlaufen. Die Duschpflicht alle zwei Tage bleibt bestehen.

Tag 10 bis 15

Die Tage gehen ineinander über. Mittlerweile hat jeder einen Rythmus gefunden.

*

Ein Rezept ist nicht da, wo es sein sollte, ich vermute menschliches Versagen (hüstel) und erkundige mich telefonisch bei der Krankenkasse. Jo, wurde abgelehnt. Ich hatte es geahnt, es war nicht rechtzeitig da. Schon vor einer Weile nicht. Zum Glück haben wir das selber bemerkt, leider erst nach dem dritten Termin. Die wir dann vermutlich selber zahlen…seufz. „Fristen sind im Moment ausgesetzt, einfach ein neues Rezept einreichen, wir klären das.“ Das ist nett.

Damit die Krankengymnastik von der Physiopraxis abgerechnet werden kann ist normalerweise folgendes zu tun: Ich fahre ins Städtchen, suche einen möglichst nah gelegenen Parkplatz, laufe zur Orthopädie-Praxis, erkläre am Tresen was ich brauche und warum, warte auf eine Unterschrift, bekomme ein Rezept, laufe zur Geschäftsstelle unserer Krankenkasse, setze mich in den Wartebereich, werde aufgerufen, sage was ich brauche und warum, bekomme eine Kopie mit Stempel, und der Rest läuft ganz von selber. Alle neun Wochen. Jetzt ist aber lockdown und man soll auf gar keinen Fall unaufgefordert eine Arztpraxis betreten. Mein Kopf sinkt auf die Tischplatte, „mimmimimmi“.

Nun denn. Anruf in der Arztpraxis. Was wir denn genau brauchen? Erklärung wie am Tresen. „Kein Problem, schicken wir zu.“ Waaas? Moment, Pokerface. „Wäre es möglich, das direkt an die Krankenkasse zu schicken?“ Sicher. „Danke“, es ist nicht der Moment Fragen zu stellen, noch nicht.

*

Hausaufgaben – Hausaufgaben – Hausaufgaben – Hausaufgaben

*

Das Schulportal Lanis hat am Versuch, den Unterricht während der Corona-Frei-Zeit zu simulieren teilgenommen. Im Rahmen seiner Möglichkeiten hat es sich stets bemüht. Eventuell, aber ich bin natürlich kein Experte, waren die dafür vorgesehenen 500MB Speicherplatz zu knapp kalkuliert. Jetzt ist nicht die Zeit, zu nörgeln. Die Lehrer geben sich wirklich alle Mühe. Jeder löst seinen Teil des Problems, alle sind erreichbar. Auch auf menschlicher Ebene, das ist im Moment eh wichtiger.

*

Corona- Traurigkeit beim Maikind. Wir planen eine Weihnachtspyramide aufzustellen, in seinem Zimmer. Das Internet sagt, im Erzgebirge machen das die Leute gerade, als Zeichen der Hoffnung, auf das Licht am Ende des Tunnels oder so. Hauptsache es hilft.

*

Corona-Traurigkeit bei mir. Ich weiß jetzt, warum so oft Unterricht ausfällt. Es macht schlicht und ergreifend keinen Spaß. Die ganzen Aufgaben aus den verschiedenen Ecken zusammenzuklauben ist mühsam. Im sechsten Anlauf endlich Zugang zu Arbeitsblättern zu bekommen, nur um dann festzustellen, dass das Kind in einer anderen Versuchs-Gruppe war und nicht das Material dabei hat, um die Aufgaben zu bearbeiten ist frustrierend. Das Märzkind hat es sehr schön zusammengefasst: „Niemanden interessiert gerade, wann ein französischer König gestorben ist. Das hilft einem doch bei nichts.“

Ich erkläre ihr, wie man Hefeteig herstellt. (Weil ich’s kann. Der Liebste hat zwei Würfel Hefe gefunden, im Wittiland) Das hilft auch nicht, aber am Ende gibt’s Apfelkuchen. Und frischer Apfelkuchen ist allemal besser als kein frischer Apfelkuchen.

*

Eine Lehrerin schreibt, sie habe den Eindruck, die Kinder hätten genug Aufgaben für diese Woche (richtig). Im Moment brauche es auch Zeit, einfach mal den Gedanken freien Lauf zu lassen. Wer mag, kann Tagebuch führen (gerne auch auf Englisch), müssen tut keiner was. Danke dafür.

Im Moment findet auf allen Kanälen Powi-Unterricht statt. Auch Mathe, Bio und Arbeitslehre sind im Angebot, wenn man die Zeit hat, es zu bemerken. Welcher Politiker wird vorgeschickt, um uns was zu sagen? Welche Berufsgruppen arbeiten noch? Warum sterben an der gleichen Krankheit in Italien soviel mehr Leute als hier? Woraus besteht ein Gesundheitssystem? In Indien, wie sollen die Leute denn da Abstand halten? Kostet es was, zu Hause zu bleiben? Dieser gemurmelte Halbsatz, in den Nachrichten erfahre man Sachen irgendwie anders als auf YouTube… wottsefack, wozu Schülerhirne in der Lage sind, nach neun Uhr. Erstaunlich.

*

Die Krankengymnastik Praxis teilt sich einen Hausflur mit einer Hausarztpraxis. Auf dem Flur steht jetzt ein Tisch mit medizinischem Zeug, daneben sitzt jemand, mit Atemmaske und Umhang. Zur Krankengymnastik darf man einfach so, gruselig ist es aber schon.

*

Wocheneinkauf macht der Liebste. Diese Woche in einer extended Version, wegen geschlossener Kantine. Klopapier auf Anfrage, keine Wahlmöglichkeit. Nächste Woche also vierlagig, hätte schlimmer kommen können.

*

Eine Runde Federball mit dem Opa auf dem Hof. Eine viertel Stunde die durch den ganzen nächsten Tag trägt.

*

Wir übermitteln Herzlichste Geburtstags- Glückwünsche unter einem Balkon stehend.

*

Ich verschicke dicke Geburtstagspost. Briefmarken, so gut welche zu haben!

*

Corona-Traurigkeit beim Liebsten. Er ist nicht der Typ der jammert, nie (Erkältungsbeschwerden ausgenommen, natürlich). Aber ich höre die Zwischentöne. Die Hände haben fiese Risse vom vielen desinfizieren. Kantine hat zu und mit Atemmasken kann man auch keinen Kaffee trinken. Lkw-Fahrer dürfen nicht mehr aussteigen, Warenannahme meldet sich nur über Telefon, das ist ja einerseits gut, andererseits… Der Oberboss schickt eine Mail und teilt allen mit wie viele Meter Filter gerade vom Band laufen, wie viel Masken und Schutzanzüge das mal werden, wie wichtig alle sind. Es geht besser. Per Post kommt ein Schreiben, dass ihm in gepfeffertem Amtsdeutsch die systemrelevante Tätigkeit bescheinigt. Seine Anwesenheit im Betrieb sei zwingend erforderlich, manchmal auch nachts oder am Wochende. Er darf eventuelle Kontrollen jederzeit passieren. Ein Blinklicht für aufs Auto wäre noch cool gewesen, aber so geht’s.

*

Die Ausgangsbeschränkungen sind beim Hund angekommen. Die Leine hatte ich sonst zwar dabei, habe sie aber nie gebraucht. Jetzt begegnen einem alle 500m Wanderer oder Fahrradfahrer, wo sonst seit Jahren niemand war.

*

Samstag Haus- und Hoftag, Sonntag Zeitumstellung und „Scheeflöckchen,Weißröckchen, was willst du denn jetzt noch?“

*

Der Himmel ist so klar. Das Sauerland sieht man ja immer, also, wenn es nicht neblig ist. Bisher waren es Hügel am Horizont. Mittlerweile kann man die Hügel einzeln erkennen, Wald- und Wiesenflächen unterscheiden sich. Die holländischen Alpen, so schön.

Tag 4

„Mammmaaa, die Nachbarländer von Malaysia??“

„Ähm, ich glaube, die Hauptstadt ist Kuala Lumpur, aber schwören würde ich das nicht.“

„Hauptstadt ist egal, es geht um die Nachbarländer.“

„Gib doch einfach mal „Nachbarländer von Malaysia“ ein, irgendwas wird doch dann kommen.“

„Es. Geht. Nicht.“

Es stimmt. Dass Google Maps nicht laufen würde war mir klar, aber das noch nicht mal eine normale Suchanfrage durchgeht am Vormittag nervt jetzt wirklich. Mein erster Impuls ist es das Fenster aufzureißen und rauszuschreien „Nehmt euch alle ne Zeitung und geht einfach mal kacken!!!“ Statt dessen höre ich mich sagen „Naja, es sind im Moment halt auch viele im Home Office, ich hab ne Idee“. An dieser Stelle kann ich wohl eine Empfehlung aussprechen für den YouTube Kanal Yoga with Adrienne. Die Lösung dieses Problems liegt auf dem Dachboden.

ohne Kommentar

Bonus: Hinten in diesem antiquarischen Atlas lagen zwei Klassenarbeiten des Liebsten. Er war 16 und hatte den Lehrvertrag schon unterschrieben, hat er gesagt.

*

Der Liebste übernimmt das Elterntaxi zur Krankengymnastik. Der einzige Termin dieser Woche.

*

Ich backe zwei Kuchen und packe Geschenke ein.

*

Am späten Nachmittag senden netflix und YouTube nicht mehr in HD. Das kann ich im Internet lesen. Erleichterung. Das Märzkind kann am Abend mit Freundinnen skypen. Das war wichtig, denn mittlerweile schlägt es aufs Gemüt.

Tag 5

Kuchen zum Frühstück, wir haben die Zeit. Die Geschenke kommen gut an und Glückwunschnachrichten erreichen das Märzkind von allen Seiten. Sogar die Klassenlehrerin hat dran gedacht, sie freut sich. Nach der Hunde-Spaziergangs-Runde portionieren wir den Kuchen und fahren die Omas an.

*

Oma und Opa haben vor dem Haus einen Geschenktisch aufgebaut. Mit Blumen und Schnuck (Süßigkeiten, sagt man in Norddeutschland wohl dazu). Beide stehen im Fenster, und winken und gratulieren, so herzlich wie es nur möglich ist, in diesen verrückten Tagen. Die Oma verschwindet aus dem Bild um etwas auf dem Klavier vorzuspielen. Was von Beethoven, denn Beethovenjahr haben wir ja trotzdem. Das Märzkind strahlt.

*

Dann müssen wir etwas hektisch zum Ende kommen, denn de Omma, die bis eben irgendwelche Gartenarbeiten gemacht hat, hat uns durch die Hecke gesehen. Sie war die einzige, die nicht verstanden hat, wieso wir nicht feiern. „Ooohhh, bestimmt will sie gratulieren, macht was!“ Ruft die Oma aus dem Fenster. Ich schnappe mir den dafür vorgesehenen Teller mit Kuchen und laufe der Omma entgegen. Sie freut sich, gerade wollte sie Kaffee kochen. „Guck doch mal da.“ Ich gucke da und sehe nichts. „Die Veilchen kommen. So schön. Und guck mal da.“ Mir fehlen die Nerven und gerade auch die Zeit, um mal überall im Garten „mal zu gucken“. Ich wünsche einen guten Appetit und gehe, mit einem schlechten Gewissen.

*

Die Oma im Nachbarort öffnet die Tür und ruft „Keine weißen Anzüge!“ ins Treppenhaus. Gerade haben sie im Fernsehen gesagt, Leute in weißen Anzügen würden sich Zutritt zu Seniorenwohnungen verschaffen, in böser Absicht. Ab jetzt wird niemandem mehr geöffnet, der keinen Kuchen dabei hat, hat Käthe entschieden, erklärt die Oma. Normalerweise würde die Oma das Märzkind jetzt herzlich knuddeln, aber, ach, es ist ein seltsamer Moment. „Herzlichste Glückwünsche, wir holen das alles nach, nichts geht euch verloren“. (Bei Cousine und Cousin fallen gerade jede Menge Abschlussfeiern aus, harte Zeiten für das Oma-Herz)

*

Die Tante erkundigt sich, wie wir die Geschenkeübergabe gestalten wollen. Vielleicht könnten sie ja sogar reinkommen? Jo, angeboten hätte ich es nicht, aber wenn sie möchten gerne. Sie hätte auch fast nicht gefragt, aber wie-ein-Onkel sitzt seit Tagen im home office und droht Gemütskrank zu werden. Na dann, bis gleich. Beim Kaffee sitzen wir noch weit auseinander, wir haben ja eh zwei Tische im Esszimmer stehen. Aber es ist zu sonderbar. Nach dem Essen beginnen Märzkind und wie-ein-Onkel über Fotografie zu fachsimpeln. Sie holt ihre Kamera und er erklärt ihr irgendwas über ISO Einstellungen. Dabei hängen sie so dicht mit den Köppen aneinander, dass es dann jetzt auch egal ist. Der Esszimmertisch hat Überbreite, abends essen wir alle zusammen da.

Der Liebste bekommt ein Video zugeschickt. Eine Frau steht auf dem Balkon, vermutlich zum Rauchen, sie geht einen Schritt zurück „Ach du scheiße“. Ein bisschen so, als würde man hinter der Turnhalle rauchen und die Aufsicht kommt unerwartet. Im Schritttempo rollt ein Kleintransporter ins Bild, auf dem Dach Megaphone. Eine Durchsage ertönt. Die Leute werden dringend gebeten, zu Hause zu bleiben und ihre sozialen Kontakte einzuschränken. Im Ort sei es vermehrt zu Infektionen mit Covid-19 gekommen. Eine Szene wie aus einem Film, 30 km von hier.

Das Handy macht die Runde, uns wird mulmig. Nach ein paar Minuten können wir wieder lachen. Wer hätte gedacht, dass man sich mal die Nachrichten vom Brexit zurückwünscht?

*

Trotz allem war es ein schöner Geburtstag, sagt das Märzkind. Sie freut sich, dass die beiden da waren, sonst wäre es vielleicht doch ein bisschen traurig gewesen. Auch die anderen haben sich alle soviel Mühe gemacht. Ein glückliches Lächeln.

Es fällt ein Stein vom Mutterherz.

*

Bei der Abend-Hunde-Runde stellen wir fest, das zu dem, was man woanders Skyline nennen würde bei uns auch die kleinen, sich zwischen den Orten bewegenden Lichtpunkte gehören. Die fehlen komplett. Es ist nicht ein einziges Auto unterwegs.

Tag 6

Samstag, ein ganz normaler Haus und Hoftag. Der Liebste muss arbeiten, 12 Stunden, das ist auch normal, am Wochenende.

Die Kinder helfen auffallend gut ohne zu nörgeln.

*

Das Bäckerauto kommt spät, ist aber gut gefüllt, stelle ich fest. „Ach, hör bloß auf“, sagt die Brotwagenfrau. Das sei schon die zweite Fuhre, deshalb auch so spät. Gleich heute morgen hätten zwei Leute jeweils 6 Brote kaufen wollen. Die nehmen normalerweise aber nur zwei, und das hat sie denen dann auch gesagt. Mehr als normal gibts nicht. Es soll ja wohl für alle reichen, 6 Brote braucht man nicht mal einfach so, die kann man doch wohl vorbestellen, ein Anruf, dann ist es kein Problem. So, unter diesen Umständen, ist das einfach schlechtes Benehmen. Ich gebe ihr Recht und freue mich, dass wir noch was bekommen. Aber ich hätte auch improvisieren können, versichere ich ihr. Gemeinsam wundern wir uns einen Moment über die Leute.

Es war mein einziger Kontakt zur Außenwelt an diesem Tag.

*

Der Himmel ist so klar. Ein Sonnenuntergang, quasi in HD. Ich ertappe mich dabei, wie ich am Fenster stehe und staune.

Tag 3

Nach einem späten Frühstück gehen die Kinder an ihre Aufgaben. Der Liebste hat einen regulären freien Tag und plant handwerkliches.

*

Der Optiker ruft an. Er wolle natürlich nichts beschreien, aber im Moment sähe es so aus, dass man Kontaktlinsen lieber heute als morgen abholen kommen soll, so man sie dringend braucht. Die Kontaktlinsen werden dringend gebraucht.

*

Moment. Ich frage alle Kinder einzeln, ob sie noch etwas aus normalen Geschäften brauchen. Der Liebste ruft die Ommas und die Nachbarn an. Fritz muss selber nochmal ins Städtchen, Marianne meldet, gut vorbereitet zu sein, der Opa ist quasi schon auf dem Weg und hat den Einkaufszettel von der Omma dabei.

*

Ich rufe bei „wo wir immer die Milch holen“ an und erkundige mich, ob das weiterhin möglich sein wird. „Jo, sicher, hat noch niemand was anderes gesagt, un? Sonst so?“ Angenervte Kinder, handwerkelnde Männer, sorglose Senioren, wir haben gerade alle das gleiche.

*

Vor der Apotheke stehen schon zwei Frauen an. Es sollen bitte immer nur 2 Kunden gleichzeitig drin sein, und bitte die Hände desinfizieren am Eingang. Eine große Plexiglasscheibe wurde quer über den Tresen gebaut, unten eine Durchreiche. Ein bißchen kleinlaut erkundige ich mich, ob es möglich sei, ein Heuschnupfen Medikament zu bekommen. Es ist so banal, ich komme mir seltsam vor, werde aber sehr freundlich bedient. Selbstverständlich laufen die ganz normalen Sachen weiter, sagt die Apothekerin. Ich bedanke mich, und meine es grundsätzlich.

*

In der Drogerie holen wir notwendiges und kaufen ein neues Brettspiel. Alle anderen Geschäfte sind geschlossen. Hoffentlich kann man online noch „zwei T Shirts und eine kurze Hose“ die das Maikind nach eigenen Angaben braucht bekommen. Die vorhandenen sind von etwas knapp auf wirklich zu klein gewechselt, diese Woche.

*

Ein normaler Wocheneinkauf Lebensmittel. Es sind mehr Leute im Laden als um diese Zeit üblich, aber es ist leiser. Die Kassiererin wirkt müde, was auch sonst. Ganz ehrlich, ich bin froh, dass das nicht mein Job ist. Sie reicht mir den Kassenzettel. „Danke, dass Sie den Laden am Laufen halten, wir brauchen nämlich wirklich so viel.“ Es ist nur ein Satz und er kostet mich gar nichts. Aber die Frau an der Kasse setzt sich wieder aufrecht hin und lächelt. „Gerne“, sagt sie „dafür sind wir ja da“.

*

Ansprache der Bundeskanzlerin. Wir entscheiden, den Geburtstag des Märzkindes ohne Gäste zu feiern. Ohne Freunde in der Schule war eigentlich schon schlimm genug. Natürlich ist es wichtig und richtig, scheiße ist es aber auch.

*

Bei der Abend-Hunde-Runde haben wir Kondensstreifen am Himmel gesehen. Es waren viel weniger als sonst und sie verlaufen anders. Es passte zu diesem verqueren Tag.

*

Das Internet läuft merklich langsamer.

Tag 2

Das ich keine Ahnung von der französichen Revulotion habe wußte ich. Das es aber noch viel mehr Revolutionen gibt, mit denen ich mich nicht auskenne ist mir neu.

„Worin unterscheiden sich die Märzrevolution und die Septemberrevolution in Berlin?“

„Ähm, spontan würde ich vermuten, eine fand im März statt und eine im September.“

„Boar, nee, Mama, weißte. Die Frau Geschichtslehrerin die interessiert sich wirklich für sowas. Die weiß solche Sachen. Ich glaube die macht das gerne, dass muss ich schon richtig machen.“

„Du hast doch ein Buch, wenn das die Aufgabe ist, wird es da wohl drin stehen.“

„Steht nix, gar! nichts!“

„Dann Google.“

*

Ich war nebenbei noch damit beschäftigt rauszufinden, wie PowerPoint auf unserem Tablet funktioniert. Anscheind anders als in der Schule am PC. Da ich vorher aber noch nie irgendwas mit PowerPoint gemacht habe, kann ich natürlich keine Unterschiede feststellen. Es enstanden Dialoge wie bei Loriot.

*

Das Märzkind ist mit den Nerven runter. Sie versteht beim besten Willen ihre Arbeitsanweisung nicht, und reicht mir ihr Handy: Es ist die Botschaft eines Akademikers, der sich erkennbar Mühe gibt, aber leider kein blödisch spricht: Wegen Überlastung des Schulportals wurde eine Subdomain eingerichtet und die Aufgaben aus datenschutzrechtlichen Gründen passwortgeschützt für jede Klasse einzeln hinterlegt. Gerne können die Schüler ihre bearbeiteten Aufgaben zusenden. Sollten Sie sich einverstanden erklären, könne man die dann für alle anderen sichtbar machen, übrigens auch Videos, so könne eine Unterrichtsatmosphäre entstehen, obwohl man sich nicht begegnet. Bleibt gesund.

„Samma, der ist aber doch kein Religionslehrer?“

„Doch, sicher. Aber ich glaube der hat Physik studiert, oder so.“

*

Die Mathelehrerin, die mich auch im normalen Alltag beschäftigt hält, teilt mit, sie habe die Aufgaben auf die Plattform geladen, die da schon seit Stunden abgeschmiert war. Lösungen im Email-Anhang. Die Email hat keine Anhänge. Über Klassenlehrerin und Klassensprecher landen die Lösungen im Klassenchat. Die Lösungen haben wir also, bleibt das Problem.

*

Nachmittags waren wir im Wald. Trotz Frühlingseinbruch habe ich bemerkenswert viel Luft. Erst oben auf dem Berg ist mir aufgefallen, dass ich keine Medikamente gebraucht habe, für den Weg. Sechs Leute sind uns begegnet.

Der Hund ist mehrmals hoch und runter gelaufen. Weil er’s kann.

Es wurde eine Reisewarnung für die ganz Welt ausgesprochen. Der Liebste stellt sich innerlich auf dieses sonderbare „frei haben“ ein.

Kein einziger Kondensstreifen. So blau war der Himmel nicht mehr, seit dieser Vulkan auf Island ausgebrochen war.

Der Theaterabend hatte ein upgrade von „abgesagt“ auf „verschoben“. Verschoben wurde auch Käthes fette Party zum hundertsten. Frisch abgesagt wurde das Osterfeuer. Wir planen eine private Alternativveranstaltung mit Feuerkorb und den Holzresten aus der Garage. De Omma hat für nächste Woche Klopapier auf dem Einkaufszettel stehen.

*

Es ist still im Ort. Noch stiller als normal. Wenn man hört, dass jemand Altglas einwirft möchte man ans Fenster gehen, um zu gucken, was denn los ist.

Erdbeerkakao

Es ist später Vormittag, in einem kleineren Supermarkt.

Ich bin erst seit einigen Wochen Kundin hier. Der bisherige riesige Stamm-Supermarkt optimiert sich seit Monaten, und hat so seinen einzigen Vorteil verspielt. Ich habe schlicht keine Lust, jede Woche bei Null anzufangen, weil die Regale neu sortiert wurden. Für mich ist einkaufen Teil des Jobs, ich komme wegen Hunger. Nicht um bei Dudelmusik an Regalen entlang zu schlendern.

Heute steht Erdbeerkakao auf dem Einkaufszettel. Ich bin mir nicht sicher, ob es den hier gibt. Vermutlich am ehesten im Themenbereich Kaffee. Gegenüber vom Kaffeeregal gibt es den Bereich „was man in Getränke einrühren kann“. Ich trete zwei Schritte zurück und scanne das Angebot.

Eine Frau steht jetzt direkt neben mir. Auf den ersten Blick geht sie auf die siebzig zu, würde ich sagen. Aber ihre Augen strahlen und sie lächelt so schelmisch, dass sie auch Mitte zwanzig sein könnte.

„Sie machen das ja genau wie ich“, sagt sie “ von hier hat man den besseren Überblick, stimmt’s?“

„Stimmt, genau“, antworte ich, “ nach was suchen Sie denn?“

“ Kaffeemilch. Diese winzig kleinen Tetrapaks, kennen Sie die?“

“ Ja, ich weiß, welche Sie meinen, die hab ich hier schon gesehen. Ich glaube, die sind im Themenbereich Milch“

“ Ach. Ja. Das ist eine Idee. Was suchen Sie denn?“

“ Erdbeerkakao“

“ Oh, na dann“ , sagt sie und nickt im Gehen einmal kurz „Waidmannsheil“

Ich nicke ebenfalls kurz, „Waidmannsdank“

Und, siehe da, zwei Fächer unterhalb vom Würfelzucker finde ich ihn, den Erdbeerkakao. Nur von einer einzigen Firma im Angebot, angeordnet in nur einer einzigen Reihe. Keine weiteren Entscheidungen notwendig, so kann ich arbeiten.