die beste Ansage

Das Freibad in dem wir uns befinden ist alles in allem wohl ungefähr so groß wie ein Fussballfeld und wirkt liebevoll gepflegt, soweit man das beurteilen kann, denn es ist rappelvoll. Auf der Liegewiese sind zwei Mannschaftszelte aufgebaut, darin jeweils zwei Biergarnituren, rund herum stehen Iglo-Zelte, zwischendrin einige Gästebett-Luftmatratzen, einfach so auf der Wiese, überall liegen gemischte Stapel aus Handtüchern und Campingzubehör. Man hat das Tor im Zaun geöffnet, auf dem Grundstück der benachbarten Kita sieht es genauso aus. Fröhliche Menschen jeden Alters grüßen sich herzlich, wenn sie sich vor den Duschen begegnen. Sonnengebräunte Tagesgäste übergeben an die Feierabendschwimmer. Es riecht nach Abend im Freibad, aber die Geräuschkulisse passt nicht, denn dieses Bad wird heute nicht schließen. Da wo normalerweise Eintritt kassiert wird steht ein Bierpilz, am Beckenrand eine Pommesbude, der Kiosk hat geöffnet und die Sauna ist auch in Betrieb.

Zu dritt sitzen wir auf einer Bank am Zaun, schauen schweigend den Leuten zu und fragen uns allmählich, ob wir hier überhaupt richtig sind. Es gibt keinen Meter freie Fläche, wo bitte sollen Chearleader auftreten? Dann tut sich was. Die Dorfjugend trägt den 12 Personen-Stehtisch ein paar Meter weiter, Kiosk-Sitzgarnituren werden bis ans Beckenrandgeländer gezogen. Ein sportlich aussehender älterer Herr macht sich durchs Mikrofon bemerkbar. Er begrüßt alle Anwesenden und scheint sich wirklich zu freuen, dass so viele da sind. Hier im Dorf-Freibad ist es ja immer schön, das verdankt man dem Manfred, wo isser denn? *Lautäußerung vom Bierpilz aus* – ah, der ist zum gemütlichen Teil übergegangen, es sei ihm gegönnt, der kümmmert sich nämlich mit seinem Team das ganze Jahr um Hecken und Grünflächen, *dankbare Lautäußerungen, Applaus/ Gemurmel vom gesamten Gelände* besonders herzlich begrüßen möchten wir auch die Inge, die sich mit ihrem Team um den Kiosk kümmert, da gibts ja immer gute Sachen, aber heute eben ganz besonders *Applaus, Gemurmel*, ein herzlicher Dank auch an die DLRG, die die ganze Zeit in Bereitschaft steht und heute Nachmittag leider schon zum Einsatz kam, toll übrigens, dass alle sich an die Parkplatz-Regeln gehalten haben, der Rettungswagen kam einfach so durch, und das war wirklich gut… will man lieber nicht drüber nachdenken, wie das sonst…. *Zuschauer nicken und murmeln*, besonderer Dank geht auch an die Stricher am Beckenrand, die teilweise die ganze Nacht im Einsatz sein werden, (gemeint sind die Menschen, die am anderen Beckenrand mit Klemmbrettern auf Plastikstühlen sitzen, um die geschwommen Bahnen den Startnummern der Teilnehmenden zuzuordnen und dokumtieren, dass wirklich 24 Stunden lang immer irgendwer Bahnen schwimmt – nur für denn Fall, dass sich sonst noch jemand gewundert hat ) und dann freuen wir uns natürlich, dass die Dorfjugend so zahlreich erschienen ist *Lautäußerungen vom 12 Personen-Stehtisch*, wir nähern uns dem ersten Höhepunkt der Veranstaltung: Die Chearleader vom Sportverein des Städtchens werden jetzt gleich auftreten, morgen vormittag gegen elf, folgt dann der nächste Höhepunkt, da tritt der Shantychor des Nachbarortes auf. Offizielles Ende mit Ehrungen dann morgen um 13 Uhr, Getränke wird es selbstverständlich die ganze Nacht hindurch geben und der nächste Saunaaufguss ist um 21 Uhr, mit Zitrone/Orange. Jetzt wünsche ich allen einen schönen Abend. *Applaus* Dann geschieht einen Moment lang gar nichts. Die Chearleader stehen in Formation bereit, gucken fragend Richtung Kiosk, eine gestikuliert… Jemand müsste mal Musik… „Hach! Ja. Da war doch… so n Schtick… hatte man ihr ja gesagt, sowas aber auch“ sagt eine Frau, die vielleicht die Inge ist. Dann beginnt die Show und das Publikum ist beeindruckt, einige hören sogar auf, zu schwimmen. Sowas hat man hier noch nicht gesehen. Ich sehe es ja öfter, aber, das eben war vielleicht die beste Ansage, die ich je gehört habe.

Nach dem Auftritt tragen wir Schwimm- und Picknicktaschen wieder ins Auto und fahren an den nahe gelegenen See. Im Auto fragen wir uns, wie wir denn eigentlich auf dieser Veranstaltung gelandet sind? Lauras Oma ist Vorstand im Freibad-Verein. Ach so.

hinter der Hecke

( eine Geschichte aus dem Sommer 2022, denn dieses Jahr hält uns der Sommer beschäftigt )

Der Gast hatte mich nach Wanderwegen gefragt, dann haben wir uns verquatscht. Die Wäsche, die ich vorhin aufgehangen habe kann ich vielleicht direkt wieder mit rein nehmen, so brüllewarm, wie das heute ist, sagt er. Kurzer Check, nee, eine halbe Stunde fehlt noch, verrücktes Wetter…

Ahh, beim Stichwort verrücktes Wetter fällt ihm noch was ein, sagt der Gast. Er geht ja in letzter Zeit nachts spazieren, ist uns doch bestimmt aufgefallen… Nee. Also, wenn er von der Arbeit kommt ist er von der Hitze so hinüber, dass er quasi direkt nach dem Duschen einpennt. Wenn er ausgeschlafen hat, morgens um drei, kann man nicht viel machen, außer halt spazieren gehen. Ist richtig schönes Wetter dann, nicht zu warm, nicht zu kalt. „Aber – weißte was seltsam ist?“ Ich schüttle den Kopf. „Da… auf diesem Grundstück…. “ er gestikuliert, ich weiß bescheid „da steht immer jemand hinter der Hecke, egal, ob du da abends um elf lang gehts oder morgens um halb zwei“. „Ja, nee, ist klar“, sage ich und deute vielsagend auf seinen Aschenbecher „nee, nee, nee, davon kommt das nicht“, sagt er. „Neulich, bin ich so gegen eins los, da stand sie da. Als ich um halb drei zurück gekommen bin, immernoch – oder schon wieder, könnte natürlich auch sein, auf jeden Fall an genau der gleichen Stelle. Ich also auf die Person zugegangen, vor der Hecke stehen geblieben. Zurück geguckt. Die war eindeutig echt. Aber – keine Reaktion. Da hab ich sie gefragt, ob ich vielleicht irgendwie helfen kann, daraufhin hat sie sich wortlos umgedreht, ist ins Haus gegangen und hat die Tür abgeschlossen. Das. war. unheimlich.“ „Gute Gruselgeschichte“, sage ich lächelnd. „Nee, nee, nix Gruselgeschichte, ist ehrlich genau so passiert“. Ich erkundige mich, wie die Person denn ausgesehen habe. Der Gast gibt eine exakte Beschreibung des Hausbewohners, inklusive eines kleinen Details, dass man sich beim besten Willen nicht ausdenken könnte.

„Boarh-hoo“, sagt der Liebste, als ich ihm die Geschichte erzähle, „das merkste jetzt aber selber, oder?“

Jo, schon.

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Wir lassen uns ja gern überraschen

Ein strahlender Sommertag, 28°C sind es draußen, in der vollbesetzten Aula eher mehr. Dieser Feier allmählich die Luft aus, in jeder Hinsicht. Zwei von drei Abschlussklassen haben ihre Zeugnisse bereits erhalten, lange kann es nicht mehr dauern, wir sind tapfer. Dann, Verwirrung vor der Bühne. Spontan komme noch ein Programmpunkt hinzu, das sei nicht bekannt gewesen, aber „wir lassen uns ja gern überraschen“ sagt die Moderatorin. In Wahrheit wollen wir alle lieber fertig werden.

Aus selbst mitgebrachtem Beschallungsgerät ertönt ein Musikstück aus dem Filmklassiker „Bibi und Tina“. Die soeben geehrten Absolventen stellen sich vor der Bühne auf, haken sich unter und beginnen zu schunkeln. Das Publikum wundert sich. Sicher kommt da noch was. Einigen, die da so schunkeln ist es sichtbar unangenehm. Andere wischen sich Tränen der Rührung von den Wangen, derart theatralisch, ich muss ganz dringend mal irgendwas aus meiner Handtasche unter dem Stuhl… Mein Blick trifft den des Liebsten der gerade seinen Schuh… irgendwas. Sein Mundwinkel zuckt, ganz wenig nur aber jetzt ist es vorbei mitte Kontenongs. Wir schütten uns aus vor lachen, so unauffällig, wie das eben geht, wenn man in Reihe vier einer offiziellen Veranstaltung, nebeneinander, ziemlich am Rand sitzend zur gleichen Zeit den Kopf zwischen den Knien hält. Nützt nichts, the show must go on. Wir setzen uns aufrecht hin, der Liebste wischt unauffällig über seine Wange, ich gucke stur geradeaus. Jemand zupft von hinten an meinem Ärmel. Hoffentlich ist das keine Schunkelmutti. Ich gebe mir Mühe, mein Grinsen unter Kontrolle zu bekommen. Es gelingt einigermaßen, aber, so zu tun, als würde ich diesen Programmpunkt genießen, scheint mir unmöglich. Muss ich zum Glück auch nicht. Die Mutterkollegin auf dem Platz hinter mir neigt grinsend den Kopf in meine Richtung. „Guck mal – unsere“, sie deutet auf die festlich gekleideten Absolventen in den Reihen vor uns. Fast unsichtbar werden dort Köpfe geschüttelt und Augenrollen ausgetauscht. „die kotzen gleich im Strahl“. „Aber sie gucken so wohlerzogen dabei, da kann man wirklich stolz sein“, sage ich. Der neben uns sitzende Vaterkollege erwacht aus seiner Feierlichkeitsstarre. Er räuspert sich so, dass es vielleicht ein bisschen wie „fürchterlich“ klingt, bewegt sich dann kurz, so als hätte er bei über 30°C anderthalb Stunden auf Plastik gesessen. „32 Minuten“, sagt er, in abschließdem Tonfall. Wir gucken fragend. Solange habe es heute gedauert, bis zum Ausfall der Mikrofonanlage, erklärt er und bemerkt, dass es eigentlich schade sei, dass er deren Neuanschaffung nicht mehr erleben wird. Aber wenn wir gewettet hätten, hätte er tatsächlich 34 Minuten getippt und wäre damit ziemlich dicht dran gewesen, sagt er. „Ich hätte 42 getippt, glaube ich.“ „nää“, sagt die Mutterkollegin in der Reihe hinter uns, „länger als 40 Minuten hat das Mikro nie durchgehalten“. Es wäre ein knappes Rennen gewesen, sind wir uns einig und werden dann doch ein bisschen wehmütig. Die Schule verlassen wir alle leichten Herzens, aber dieses kleine Clübchen aus mittelmäßig engagierten Eltern, das war was besonderes.

Herzliche Grüße zum Jahrestag.

Ende Juni

Das Familienunternehmen mit Tradition, ist dann wohl offiziell insolvent, jemand schickt mir einen link zum Insolvenzregister und wirkt überrascht. Ich leite die Nachricht an den Liebsten weiter, „tja“, sagt er nur. Die Teams Traditon und Familie haben schon vor Jahren Abschied genommen. Aus Gründen.

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Die Mülltonnen, die laut Plan heute hätten geleert werden sollen stehen immer noch genauso da wie heute morgen. Ich ziehe sie hundert Meter weiter, denn hier kommt morgen niemand durch. Die Tonne, die für den nächsten Tag auf dem Plan steht hole ich dazu.

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Endlich Sommer. Statt im Auto zu warten nehme ich mein Buch und setze ich mich auf die Brücke am rauschenden Bach, umgeben von grünen Wäldern. Auf der anderen Uferseite wird Heu gewendet, der Wind trägt den Geruch bis hierher, als wäre eine Postkarte lebendig geworden. Die beste Mutti-Taxi-Wartezeit des Jahres.

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Seine Mitfahrgelegenheit sollte eigentlich jetzt hier sein, aber, der, der im Städtchen zusteigt steht noch, sagt Maikind und wird ein bisschen blass. Klassenarbeit in der ersten Stunde – ob ich ihn vielleicht fahren würde? Ja sicher. Der Bus ins Nachbarstädtchen mit Berufsschule ist seit 28 Minuten weg (Stadtkindern muss man vielleicht erklären: der Bus bedeutet, da fährt heute sonst nichts mehr) Wir bringen Julikind noch zur Bushaltestelle auf dem Berg, und dann aber… och guck, das Auto vor uns an der Bahnschranke kennen wir, es hat mit 99,5%iger Wahrscheilichkeit genau den gleichen Weg und hätte Maikind bestimmt mitgenommen. Warum haben wir uns denn vorher nicht gesehen? Muttitaxi-rush-hour an der Bushaltestelle… mein Hirn spielt spontan 90er Jahre Musik: isn`t it ironic?

Wenn ich jetzt eh im Nachbarstädtchen bin, kann ich auch gerade noch ein paar Lebensmittel einkaufen. OK, ich hatte gedacht, die stellen die Straßensperre 10 Meter weiter hinten auf. Gut, dass ich unterwegs war, denn unsere Einfahrt ist jetzt dicht. Ich parke hinter dem Haus und trage alle Einkäufe durch den Garten.

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Lieferengpass, jeder bekommt nur eine Packung. Kein Problem, reicht mir, aber ääähhh? Der Liebste war für mich in der Apotheke und hat etwas abgeholt, das fast so heißt wie das, was ich brauche. Nachfrage in der Hausarztpraxis. Das Rezept war korrekt, wenn die Apotheke es so rausgibt, hat es den gleichen Wirkstoff in gleicher Dosierung, sagt die Dame am Telefon. Na gut.

Fun fact: Dieses Importprodukt hat einen fett gedruckten Warnhinweis auf dem Karton. The action of *Medikament hier in der Schachtel* may last for up to 6 hours, weitere Dosierungshinweise und Handlungsanweisungen für den Fall, dass es nicht besser wird plus Infos zur richtigen Lagerung. Man geht also davon aus, dass es zu medinzinischen Zwecken genutzt wird, von Leuten, die nachts gern schlafen möchten. Das ist nett. Auf der deutschen Packung steht nur der Wirkstoff.

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Der Linienbus ist wohl schon weg, als wir drei Minuten vor der laut App planmäßigen Abfahrtszeit an der Bushaltestelle ankommen. Da steht kein Mensch. Wer jetzt hier lang fährt will mit ziemlicher Sicherheit Richtung Städtchen, spontan ergibt sich eine Mitfahrgelegenheit. Das Kind, bei dem ich mir sicher war, dass es zur Bushaltestelle gefahren werden muss, verlässt, leicht gehetzt aber pünktlich das Haus und erwischt den Schulbus. AS-Taxi-Verspätung bis zu 15 Minuten ist normal, solange muss man warten, dann kann man anrufen, was Märzkind gerade tut. Aha, ja, hatte sie sich gedacht. Wir waren um 7.59 Uhr hier, es war knapp, deshalb wissen wir es genau. Anscheind hat man uns nicht kommen sehen, auf der langen Geraden. Oder… ist vielleicht schon um 7.58 Uhr losgefahren? Egal, der Anschluss ist weg.

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Der Hund hat sich geschnitten, so richtig. Jeder Schritt hinterlässt eine kleine Blutlache auf den weißen Fliesen. Wieso hab ich das denn nicht vorher schon gesehen? Er läuft ganz normal, aber der Flur sieht aus wie ein Tatort. Nicht so schlimm, wie es aussah, zum Glück, aber – einen Hund ruhig zu halten, der lieber raus möchte ist anstrengend.

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Der einzige Facharzt, bei dem überhaupt noch jemand das Telefon abnimmt, kann einen Termin im September anbieten, nachdem man glaubhaft versichert hat, dass man im Einzugsgebiet seiner Zuständigkeit wohnt, verweist aber darauf, dass das eigentlich zu spät sei, denn Zeit sei hier wichtig. Mit Dringlichkeitscode auf der Überweisung könnte man über das medizinische Versorgunszentrum eventuell einen früheren Termin beim anderen Facharzt bekommen. Wir wussten nicht, dass es Dringlichkeitscodes existieren. Anruf in der Hausarztpraxis. Überhaupt kein Problem, der muss allerdings persönlich abgeholt werden. Ab ins Städtchen. Die abholberechtigte Person bringt einen 2×3 cm großen Papierschnipsel, der aussieht wie aus einem Kita-Papierkorb entnommen, darauf steht schlicht Vermittlungscode und eine 12 stellige Zahlenkombi. Man fragt sich Verschiedenes. Anruf im MVZ. Leider sind im 50 Kilometer-Radius innerhalb der nächsten 6 Wochen überhaupt keine Facharzttermine zu bekommen. ACH! WAS! genau das war doch das Ausgangs-Problem. Von sowas steht nie was in der Landlust.

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Eine Person verlässt das Nachbarhaus. Ich erkundige mich, ob da alles soweit… oder sollte lieber heute Nachmittag nochmal jemand gucken? Alles gut, da drin, erfahre ich und noch einiges mehr.

Dorftratsch: Ein Esel ist gestorben und zwei Hunde beinahe, zum Glück ist jemand drauf gekommen, dass es eine Vergiftung sein könnte, gerade noch rechtzeitig. Als kurz danach ein Pferd krank wurde haben sie das Futter durchgesiebt. Gefunden wurden Glassplitter, Heftzwecke und Teile einer Pflanze die für Pferde giftig ist. Die wächst hier nicht. Es gibt einen Verdacht. Man möchte das garnicht weiter denken.

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De Omma würde ihren Geburtstag gern so feiern wie immer. Das wird nicht möglich sein. Gut. Dann Frühstück. So wie die letzten beiden Jahre. Da hatte sie am Wochenende. Dieses Jahr nicht. Wer arbeiten muss, oder verstorben ist, wird nicht kommen können und außerdem hat ihr Wunschlokal leider geschlossen. Ach was, das haben wir letztes Jahr auch gesagt, dann hat sie nachgefragt und es ging. Nnnjaaa, richtig. Aber, dies Jahr ist wirklich geschlossen und vielleicht könnte eine Feier in einem Betrieb, der mehr als 2 Beerdigungskaffees und ein Frühstück im Jahr ausrichtet sogar noch schöner werden. War doch prima da, macht sie genau so wieder, sagt de Omma. Cheerio – Miss Sophie!

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Es ist schon Ende Juni und man kann hier noch schwimmen, das ist toll, stellen der Liebste und ich fest. Der Edersee ist voll, die nächste Badestelle liegt somit nur 15 Minuten entfernt. Herrlich ist das. Und tatsächlich das erste Mal in diesem Jahr, das ich im Wasser bin. Zu Hause trage ich die Winterjacken auf den Dachboden.

Pommes, Erdbeeren und Zecken

Es war aufgeräumt hier drin, das ist noch garnicht lange her. Tja. Ich räume einen Meter Platz frei, schichte kleine Stapel aus Kartons rund herum und hole einfach alles, was man zum Honig-Etiketten kleben braucht nach unten in den Keller. Das Wetter ist sowieso grau in grau, da kann man gut mal eine Weile neben dem Weck-Regal sitzen. Vorm Fenster sanfte Regengeräusche und dazu einen podcast über die Sprengung von nordstream zwei. Sehr stimmiges Ambiente.

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Ich hatte garnicht auf Thermometer geguckt, und mich gewohnheitsmäßig für Hunderunde bei 7°C angezogen. Schon auf dem Weg in den Wald kommt es mir ungewohnt warm vor, im Tal aber doch nicht. Als wir den Berg wieder hoch laufen ziehe ich die Jacke aus, kremple die Ärmel hoch. Der Hund geht direkt neben mir, hechelt, trinkt zu Hause einen halben Napf auf ex und legt sich danach auf die kühlen Fliesen. 14°C zeigt das Thermometer an, doppelt soviel wie gestern. Sind wir nicht mehr gewohnt, so eine Hitze.

Da krabbeln Zecken auf dem Hund. Mehrere. Viele. Bei 25 höre ich auf zu zählen, den Rest des Tages spüre ich Phantom-Zecken am Oberarm und an den Knöcheln, deshalb gehen wir am nächsten Tag lieber im Feld spazieren. Dort legt der Hund sich in eine schöne tiefe Pfütze, direkt neben einer frisch gegüllten Wiese. Irgendwas ist immer.

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„Ich wollte mal fragen…. eigentlich darf man das ja nicht sagen, aber, du wirst es wahrscheinlich eh nicht glauben…“ „Doch. Glaube ich, sofort. Ich hab auch mal in so einem Laden gearbeitet.“ Ein Gespräch unter Lebensmittelhandwerkern am Rande eines public-viewing-events. Leicht codiert, weil Leute drum herumstehen. Da kann ich einen Rat geben und es ist leider genau das, was der junge Mensch in Ausbildung sich schon selber überlegt hatte. Wir schweigen einen Moment. Der Liebste kommt dazu, fragt, ob wir denn vor Beginn der Veranstaltung noch irgendwas essen wollen. „Wenn ich dir auch einen Rat geben darf“, sagt der Azubi, „nimm Pommes. Die Brötchen sind von uns.“

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Das Brauchtumsfest neulich hatte so dermaßen gute Pommes, daran müssen sich dies Jahr sämtliche Veranstaltungen messen. Die public viewing Pommes waren gut essbar und die Schale für den Preis angemessen gefüllt, da hatten wir echt schon schlechtere für mehr Geld. Jemand eine zweite Portion? Nee, danke

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Da kommt fast überraschend doch ein bisschen Fussball-Stimmung auf.

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Gestern Abend wurde auf eine Vorwarnung für Unwetter hingewiesen. Ernsthaft. Ich gucke also morgens kurz in die Nachrichten. Jo, da kommt was, wahrscheinlich ab Mittag, nicht überall aber, man möge die Entwicklung im Blick behalten und sich vorbereiten auf Starkregen, Hagelkorngrößen zwischen 3 und 5 cm, Orkanböen und stellenweise Tornadobildung. Na dann. Ich klappe die Wäschespinne ein und lege sie unters Dach, schließe die Türen vom Gewächshaus, rolle den Grill in den Schuppen und baue die kleinen Starkregenschutzmauern vor den Kellerfenstern auf. Unwetterroutinen. Nachmittags regnet es heftig. Mehr nicht.

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Sonntag nachmittag bei der Omma in der Küche. Sie hat sich gerade einen Kaffee gekocht und ist dabei ein Stück Kuchen auszupacken, dass der Vatta ihr mitgebracht hat und bietet mir die Hälfte an, aber ich komme gerade vom essen, wir essen ja immer später Mittag… (als elf Uhr) Was das denn für Kuchen sei, erkundige ich mich, denn man kann es nicht richtig erkennen. De Omma guckt nachdenklich, nimmt noch eine Gabel voll, kaut und überlegt. Rhabarber? frage ich. „Nee, eigentlich, Rhabarber? Vielleicht nicht“, sagt sie. Ich gucke fragend, sie friemelt aus der Pudding-Creme-Schicht ein Stück Obst raus und hält es mir hin. Ich nehme es – und kann tatsächlich auch nicht sagen, was das ist. Eine Rosine? Die oberste Schicht dieses Kuchens scheint Baiser zu sein. Nehmen wir also an, es wären Stachelbeeren. Allmählich verschiebt sich die Grenze des Kuchenangebots von teuer Richtung dreist, scheint mir.

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Wir hatten das Gemüse-Abo nicht verlängert und sind seit vier Wochen ohne. Frage: Fehlt es uns? Nein. Tatsächlich garnicht. Die Solawi hat im Laufe des letzten Jahres das Gemüseangebot so zusammengeschrumpft, das ist jetzt Ablasshandel für Öko-Boomer.

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Es dauert nur eine halbe Stunde die drei kleinen Eimer voll zu pflücken. Die Erdbeeren sind riesig, dieses Jahr und man braucht nicht weit laufen, auf dem Feld. Ich koche einen Jahresvorrat an Marmelade und Sirup, dachte ich. Die Familie fragt nach, wie viele Gläser das denn jetzt genau gegeben hat? Zu wenige, da sind sie sich einig, nicht das die uns wieder ausgeht, die großen Kinder werden nach Feierabend nochmal aufs Feld fahren, der Liebste übernimmt alles andere, sagt er, nur, kochen müsste ich die Marmelade halt. Anscheind hatten sie Mangelerscheinungen. Fürs Protokoll: 10kg kosten 40 Euro, dies Jahr

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Ein bisschen wehmütig schaue ich abends bei der letzten Hunderunde in den Hang an der Straße. Es wurden Bäume markiert. Die kommen alle weg. Um die große Fledermaus-Buche tut es mir wirklich leid, andererseits hab ich hier abends schon öfter armdicke Äste von der Straße gezogen, die möchte man wirklich nicht aufs Auto bekommen, auf den Kopf noch weniger. Straßensperrung dann diese Woche an drei Tagen, jeweils ab 7.30 Uhr. Der Schulbus der um 7.35 Uhr an der Bushaltestelle gehalten hätte, kann diese deswegen nicht anfahren, man möge die auf dem Berg am anderen Ende des Ortes benutzen. Da läuft man doch bestimmt zwanzig Minuten? Julikind is not amused. Vielleicht bilden wir Fahrgemeinschaften. Zur Bushaltestelle. Obwohl wir nur 50 Meter von einer weg wohnen. Wegen fünf Minuten. Nicht. Witzig.

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Ein Baby-Feuersalamander, wie süüüß, ich hatte noch nie einen gesehen.

Anfang Juni, 2024

„Ich weiß eigentlich gar nicht, was ich erwartet hatte, aber, das nicht“, murmele ich, während wir vor der Tür der saubersten Parkhaustoilette aller Zeiten Wache stehen. Nee, sie irgendwie auch nicht, sagt Märzkind. Julikind kommt dazu, bemerkt, dass diese Toilette wirklich angenehm…. sogar mit Seife… und, hier riecht es aber seltsam. Jo, sagen wir und deuten auf den Passanten der da beschwingt um die Ecke biegt. Der erste freilaufende Kiffer, der uns begegnet ist war ein junger Mann in gepflegtem Sportoutfit, mutmaßlich Pysiotherapeut, mit Barbershop Frisur, tätowierter Wade und riesiger Brötchentüte in der Hand, morgens um halb zehn in der Kurstadt.

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Ein Hauch von Sommer. Die Sonne hat Kraft, der Wind aber auch. Man weiß es nicht. 30er Sonnencreme und Strickjacke, Pollenflug des Todes plus Heuernte. Die Allergiker kacken ab.

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Kinderstunde. Leicht flusig gefiederte Meisen, Kleiber, Gimpel, Specht und Spatzen üben den Anflug und bekommen eine Einweisung in Sachen Sonnenblumenkerne am Futterhaus. So süüüß. Junge Füchse trainieren voll konzentriert das Mäuse fangen auf frisch gemähter Wiese, am hellichten Tag, direkt neben der Straße. So süüüß. Das Reh, das irgendwie zur Nachbarschaft gehört hat Zwillinge, erzählt jemand auf der Geburtstagsfeier. Ja sicher, haben wir schon gesehen, sagen alle Gassigeher und Anwohner. So süüüß. Direkt vor uns huscht was kleines felliges über die Straße, ein Baby-Marder, süüüß – und schön, dass der hier im Wald wohnt und nicht in der Nachbarschaft.

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Familientreffen. Das Schloss im Wald ist privat, weiß jeder. Geplant war, auf dem Wanderweg, der am Gebäude vorbeiläuft zu spazieren und auf der Wiese ein Foto von allen, mit Schloss im Hintergrund, zu machen. Aus der Cousinen-Generation ist allerdings jemand mit dem verheiratet, der sich um die Außenanlagen kümmert und sie sagt, eventuell dürfen wir auf den Hof und ein Foto machen, direkt vor dem Haus, in dem die Geschwister-Generation damals gewohnt hat. Es gab allerdings noch keine Bestätigung. Die Cousine geht vor, um nachzufragen, alle anderen warten am Tor.

„Sie winkt“, sagt jemand, der weiter vorne steht.

„In welche Richtung?“, fragt eine Cousine

„Hä?“, fragt die Stimme von vorne

„Na, ist es ein „macht das ihr weg kommt, lauft so schnell ihr könnt“- winken oder sollen wir kommen?“

„Ääh, warte mal…. nee, doch, wir dürfen“

Och guck. Ich hatte keine Ahnung, dass hier noch ein Haus steht, dabei bin ich bestimmt schon hundert mal vorbeigelaufen, an den Gebäuden. Ich dachte, das wäre eine Scheune und sonst nichts. Und ich bin nicht die einzige. Die Geschister-Generation geht nickend über den Hof, da der Stall und da, in dem Türmchen, gegenüber vom kleinen Haus war das Klo. Das Schloss, der Wald, das Flüsschen alles zusammen ergibt scheinbar eine märchenhafte Idylle. So war es aber nicht, man kann es noch sehen, in ihren Augen. 30 Meter über den Hof laufen zu müssen bis zur Toilette erscheint einem schon an einem sonnigen nachmittag unpraktisch, bei Regen oder Schnee, im stockdunkeln…. lieber nicht.

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Das erste Mal zu viert zu einer Wahl gegangen. Man tut was man kann, und lauscht abends kopfschüttelnd den Ergebnissen.

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„Boar, kumma hier, was ich! hier! habe!“, freut sich das Geburtstagskind. Der Liebste und ich tauschen einen high-five Blick mit einem Hauch von Nostalgie. Ist doch schon länger her, dass wir sandkastentaugliche Landmaschinen verschenkt haben.

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Als ich das letzte Mal über 7°C und Regen gejammert habe, hat es zwei Tage später geschneit. Aber, ach, zweistellige Temperaturen wären schon schön, morgens um halb neun, im Juni. Hunderunde gehe ich in T-Shirt, aber mit Winterjacke drüber. Wäre es nicht so hell und so grün, würde ich sagen, Oktober.

Der vier Uhr zwanzig Vogel

Mein Kopf ist schon wach, sehr wach, wie ein fünfjähriger nach einem halben Liter Isogetränk, mein Körper nicht. Wirkung und Nebenwirkung, es ist Mai, man muss sich entscheiden, tagsüber gut atmen oder nachts gut schlafen. Ich frage mich, wie spät es wohl ist, um auf die Uhr zu gucken müsste ich mich umdrehen. Oder auch nicht. Ein sanftes FlapFlap-Geräusch im Baum, vor dem Fenster dient als Zeitansage. Die Amsel ist da. Sie räuspert sich, macht ein paar Tschilp-Laute …Test, zwei drei… und begrüßt dann in wirklich beeindruckender Lautstärke den neuen Tag. Man könnte quasi, wie Mary Poppins den Arm einladend aus dem Fenster halten…mein Hirn spielt „wenn ein Löööööffelchen voll Zuuucckaaaa….“, im Bett neben mir ein Brummgeräusch. Der Liebste richtet sich auf und schließt das Fenster, setzt sich noch einen Moment, um wach zu werden und macht seinen Wecker aus. Der hat die ganze Woche noch nicht geklingelt denn, ich zitiere „irgendein scheiß-Vogel tririlliert da um zwanzig nach vier so dermaßen laut…“.

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De Omma hat einen guten Tag, wir sitzen am Küchentisch und unterhalten uns nett. Da hat sie aber eine schicke neue Pillendose, sage ich. Ja, die sei tatsächlich neu, und leer, bestimmt kommt dein Vatta gleich, der füllt ihr die jetzt immer, ist auch neu. Es klingelt an der Tür, „Och guck, da ist er schon“, sagt de Omma, „gerade von dir gesprochen“, sage ich, „die Dosen sind leer“. „Das kann nicht sein“, sagt der Vatta, hat er Donnerstag erst gemacht. Er nimmt das kleine Pillenregal auseinander, ordnet die Wochentage in die richtige Reihenfolge und stellt fest, es sind wirklich alle Fächer leer. „Ja sicher“, sagt de Omma, nimmt sie ja immer, so wie er gesagt hat. Wir haben Sonntag. Einen Moment lang wundert sich jeder im Raum über was anderes.

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Es regnet, aber das ist fast egal, denn es ist nicht kalt und viel nasser kann man nicht mehr werden – dachte ich. Dann setzt sich das Fahrgeschäft sanft in Bewegung “ uuuund jetzt mit Schwuuung“ sagt die fröhliche Jahrmarktstimme. Durch die entstehenden Fliehkräfte läuft sämtliches Regenwasser, dass sich während der minutenlangen Wartezeit irgendwo im Rückenbereich gesammelt hat auf den Sitz und wird von meiner Jeans aufgesogen, zeitgleich reagieren meine Innereien überrascht, auf die schnellen Veränderungen der Schwerkraft-Bedingungen und ich bin mir ehrlich gesagt einen Moment lang nicht sicher, ob ich diesen sensorischen Gesamteindruck angemessen schnell werde verarbeiten können…. dann nimmt der linke Fuss eine leicht angewinkelte Position ein, baut Verbindung zur rechten Seite der Hüfte auf, mein Magen sagt „ach so“ und alles ist fein. Anscheind kann der Autopilot die neunziger Jahre BreakDancer-Muskulatur noch ansteuern. Ob es mir gut geht, fragen die Mädels, als wir uns nach Fahrtende am Kassenhäuschen wieder treffen. Man dachte kurz, ich kotze vielleicht. Ja, ich auch, aber alles gut. Wir sehen aus, als wären wir aus der Wildwasserbahn gekommen, aber alle sind fröhlich. Bei Sonnenschein hätte die Fahrt vermutlich nur halb so lange gedauert.Fürs Protokoll: Einmal BreakDancer fahren kostet 5 Euro, ein Schokokuss 1,20 Euro. Gefühlt war das teurer als im letzten Jahr.

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Ich fahre Julikind ins Nachbardorf, ab da kann sie mitgenommen werden. Natürlich ist sie aufgeregt, aber es geht, so gut, dass man sich fast ein bisschen wundert. Wir freuen uns beide darüber. Start zu einer Klassenfahrt. Ohne besondere Vorkommnisse.

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Ganze Regalreihen wurden verstellt und umsortiert, mein Einkaufzettel passt nicht mehr zur Laufrichtung. Ich irre durch den Rewe wie ein mittelalter Mann am Tag vor Heilig Abend.

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Eigentlich wollte ich zu „Von Beileidsbekundungen am Grab bitten wir Abstand zu nehmen und danach gehen wir in aller Stille auseinander“ Beerdigungen nicht mehr hingehen. Ausser halt, es ist der Karl Heinz. Hier passt das Konzept, denn der Karl-Heinz hat konsequent garnichts verfügt, sagt die Freundin. Also haben die verbliebenen fünf Geschwister sich gekümmert, um die letzten Tage des Lebens und den Rest. So wie man das macht, wenn man aus einem landwirtschaftlich geprägten Haushalt mit Nebenbei-Bestattungsunternehmen kommt. Den Tod braucht in dieser Familie niemand zu fürchten. Das ist eigentlich was schönes. Wer nicht zum engsten Kreis gehört verlässt im Anschluss an die Beisetzung den Friedhof leise – bis zum Zaun. Dort atmet jeder einmal tief durch, dann endet die Stille und es fühlt sich kein bisschen seltsam an.

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Wir freuen uns über eine richtig gute Honigernte. So macht das Spaß. Einerseits. Andererseits dauert jeder einzelne Schritt etwas länger als gedacht. Die Küche ist zwei Tage lang ausser Betrieb. In alter Tradition natürlich in der Woche, in der Maikind Geburtstag hat. Eine Stunde vor Beginn des Kaffeetrinkens regiert noch das Chaos. Aber, mit großen Kindern reicht tatsächlich eine Stunde um das Esszimmer von Honigabfüllstation in Kaffeetafel zu verwandeln. Ich staune.

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Maikind wird 17, eigenes Geld, auf dem Weg zum Führerschein, Wahlbenachrichtung bekommen, hach, „und wir müssen noch Fotos machen, damit man sieht, wie die klein die Uromas im letzten Jahr geworden sind“

Blumen und ein lost place

Julikind ist ganz aufgeregt. Es wird einen Vortrag geben heute, für alle, in der Festhalle, nachher noch einen workshop in der Schule, über cybermobbing, weil, damit kennt die sich ja wirklich aus, die arme…. Ich hab den Namen der Rednerin noch nie gehört. echt nicht? wie kann das sein? da fragt man sich aber schon…. Die junge Frau, war vor längerer Zeit Teilnehmerin der Sendung „germanys next Topmodel“ , hat das Format anscheind auf eigenen Wunsch verlassen und daraufhin feedback der aller übelsten Art bekommen. Sie tourt jetzt durch Schulen und betreibt Aufklärungsarbeit. Cybermobbing, Vertragsverhältnisse, Beauty-Standards, mental health, es dauert nur 3 Stunden, die Infos in pubertierende Gehirne so reinzubekommen, dass es verarbeitet wird. Ich bin begeistert.

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Da sind richtig viele, richtig schöne Fotos entstanden, auf der Feier. Als wäre ein Fotograf mitgelaufen. Märzkind macht immer tolle Bilder, es ist ihre Kamera. Maikind hat die benutzt um sich selber unsichtbar zu machen und so Leute vor die Linse bekommen, die seit Jahren auf keinem Bild drauf waren. Ungestellte Fotos erzählen interessante Geschichten.

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Der Garten sieht jeden Tag anders aus. Man sitzt so da und freut sich, diskutiert Rasenhöhen, Gießrituale und überlegt mit einem ersten Halbsatz, dass es vielleicht bald schon zu warm für so zum sitzen sein könnte. Ach was. Schön ist das.

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Aufgrund der außergewöhnlichen Umstände des kommenden Wochenendes bekomme ich schon Freitag einen Muttertagsstrauß – und was für einen. Boar. Gut, dass ich den nicht in den Status gestellt habe, stelle ich Sonntag abend fest. Da wären alle anderen Mamis (inklusive meiner, hüstel) aber traurig geworden. „Ahhh, kamma aber ruhig“, sagt Märzkind.

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Na, wer ist gleich auf dem ersten Bild der Fotostrecke vom Brauchtumsfest in der online Ausgabe der Regionalzeitung? Ich natürlich. Somit ist dokumentiert, dass ich da war. Leider kann man auch sehen, wieviel Spaß ich hatte. Vielleicht kann ich nächstes Jahr das ehrenamtliche Engagement der jungen Menschen irgendwie vom homeoffice aus würdigen. Mit hundert anderen Leuten aus dem gleichen Spülwasser trinken fühlt sich nach dreimal Corona nicht mehr gut an, Persönliche Befindlichkeit, ausgelöst durch den Biergeschmack, den das Wasser des Julikinds hatte, in Kombination mit Blasmusik und Schießsport. Gab den ganzen Morgen Freibier, gutes Fest

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Eine Cousine meiner Mutter meldet sich bei mir, mit der Bitte um Verbreitung einer Nachricht, zwecks Familientreffen. Aus Altersgründen muss die Organisation in die nächste Generation übergehen. Ich wundere mich kurz. Strenggenommen bin ich schon die übernächste Generation, andererseits, die Cousine meiner Mutter ist vielleicht 7 Jahre älter als ich, wenn überhaupt. Gebucht wurde, witzigerweise die Unterkunft, die nur drei Häuser von uns entfernt liegt. Der Liebste freut sich, wollte er sowieso mal gerne angucken, das Haus, und erkundigt sich, welche Cousine das denn da war am Telefon. Ich zeige ihm das whatsapp Foto. Sieht aus wie deine Cousine – nur halt mit braunen Haaren. „Fa-mi -li-en-treffen“, sage ich. De Mudda kommt auf 17 lebende Cousinen und Cousins aus dieser Richtung, hat sie extra nachgerechnet. Da sehen alle aus wie irgendwer.

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Eigentlich wollte ich nur kurz fragen ob alles OK ist, dann haben wir uns verquatscht. Die Gästin wird ein Haus kaufen hier im Ort. Es hat eine Weile gedauert, bis das möglich war, und heute war sie zum ersten Mal drin. Der letzte Mieter ist schon lange weg, wohin weiß eigentlich niemand. Bevor er ging hat er die Wasser- und Elektroleitungen ausgebaut und verkauft. An der Tür waren Zinken, jeder der wollte durfte rein. Also, da wo sie wohnt hätte es keine 10 Minuten gedauert, bis jemand diese kostenlose Übernachtungsmöglichkeit genutzt hätte, aber hier…? „Also, ich wüsste ehrlich gesagt garnicht, wie das Symbol für „jeder der will darf rein“ aussieht“, sage ich. Auf dem Dachboden haben sie Kinderkleidung gefunden und Spielzeug. Es gab ein Gerücht, dass der letzte Mieter mit einer Frau aus dem Ort verschwunden sei, erzähle ich und lasse es scherzhaft nach Aktenzeichen XY klingen, die hat einen Sohn. Die Gästin wird blass. „Der Junge – ist der noch da?“. Sicher, der wohnt bei seinem Vater. Sie wirkt erleichtert und möchte Fotos zeigen. Ein lost place, mitten im Dorf. Man braucht tatsächlich nicht viel Fantasie, um dort verschwundene Kinder zu vermuten.

Konfirmation und ein Ausflug

Man einigt sich für heute auf untentschieden. Es wird zu kalt in der schicken Klamotte. Diese letzte Runde Kubb lief über zwei Stunden, zweimal gings auf den König und dann doch nicht… eine Verabredung wird getroffen für irgendwann in diesem Sommer, auf dem Sportplatz, bis es entschieden ist. Was hatten wir ein Glück mit dem Wetter, niemand hätte letzte Woche damit gerechnet, dass man heute die halbe Party draußen feiern kann.

Als die letzten Gäste gegangen sind, stehen der Liebste und ich vor den Resten des Kuchenbuffets. „Da ist aber ordentlich was übrig geblieben“, sagt er. „Das war eine Torte mehr, als ich dachte und 10 Leute weniger“, sage ich. Oh. Alles ist wunderbar hin gekommen.

Schön war`s. High five.

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Verschiedene Erkenntnisse im Nachgang, wie bei jeder guten Familienfeier. In großer Runde werden manchmal Dinge sichtbar, die sonst nicht auffallen und umgekehrt.

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Wenn das Schiff wendet, lassen die dabei entstehenden Wellen die Sperrmauer überschwappen. Wann haben wir den Edersee das letzte Mal so voll gesehen? Ich kann mich nicht erinnern. Auffallend wenig Touristen. Anscheind beginnt das lange Wochenende erst nach dem ersten Mai.

Auf dem Sperrmauervorplatz steht jetzt ein monumentales Bauwerk. Im Inneren finden wir Touristeninformation und anscheind gibt es eine Ausstellung oder einen Film? über Sperrmauergeschichte auf der unteren Etage. Toiletten gibt es leider keine, dafür muss man einmal aussen halb ums Gebäude herumlaufen und ernsthaft? Einmal Pipi kostet 1 Euro, Kartenzahlung wird akzeptiert, sagt das Drehkreuz. Ich bin offensichtlich nicht die erste, die das befremdlich findet, denn an der Mauer links daneben hängt ein großes Schild auf dem steht „Hier bitte nicht pinkeln“. Ich zahle bar, bin aber von dem Preis/Leistungsverhältnis enttäuscht. Wir sparen uns die Ausstellung und gehen etwas abseits der Touristen-Hotspots Eis essen. Nächster Halt Strandbad. Der Liebste badet an. Ich gehe rein bis zur Bauchnabelgrenze und überlege es mir anders.

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Der Bus kommt mir entgegen, hundert Meter vorm Ortsschild des Nachbarortes, seufz. Natürlich ist die Baustellenampel rot, Maikind kommt mir entgegen in der Mitte der Baustelle, denn die Ersatzbushaltestelle liegt so, dass Fussgänger mittendurch müssen, auf dem Weg zur Anschluss-Bushaltestelle. Der Bus, kommt uns auf dem Heimweg wieder entgegen, in unserer Straße, 300m von der Haltestelle entfernt. „och guck“, sagt Maikind, den hater ja dann wirklich sehr knapp verpasst. Stimmt.

Aber, eine twizzy-Fahrt bei sonnigen 23°C macht deutlich mehr Spaß als bei 5°C mit Schneegriesel, soviel steht fest. Man riecht das frisch gemähte Gras, den Raps und Gülle, natürlich.

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Von heute auf morgen völlig verrotzt und allgemeine Erkältungssymthome, nichts geht mehr. Märzkind erwischt es zuerst, Julikind natürlich am Tag vor der Konfirmation, mich in der Woche danach. Am nächsten Tag geht es schon viel besser. Zum Glück. Aber, ein kleiner Rest bleibt länger und macht den Alltag etwas zäh.

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Birdrace ist ein bisschen wie goecaching. Man fängt aus Quatsch an und entwickelt Ehrgeiz. Wäre da nicht diese Erkältung gewesen, wir hätten leicht noch mehr Arten finden können, da sind Maikind und ich uns einig. Nur so vom Küchenfenster und von der Haustür aus betrachtet, kommen wir auf 12 verschiedene Vogelarten und werden mit diesem Ergebnis quasi Kreismeister – weil wir die einzigen waren, von hier. Verdammt, wir wollten alle beide keine Urkunde. Wer ahnt denn auch sowas.

Hintergrundrauschen, Ende April 24

Morgens um halb acht im Wald. Aus dem Augenwinkel sehe ich am Hang zwei Rehe stehen. Wir begegnen uns jeden Morgen irgendwo auf der Runde, man kennt sich, man ignoriert sich. So nah kommen wir uns sonst allerdings nicht. Anscheind sind heute morgen alle mit den Gedanken woanders. Statt einfach geradeaus in den Wald zu laufen, dreht der junge Rehbock sich um und flüchtet genau in unsere Richtung. Er macht zwei lange Sätze, bemerkt, dass der Hund nicht aus dem Weg geht, weil er sich grundsätzlich nicht für Rehe interessiert und noch nicht gesehen hat, was da auf ihn zukommt, senkt den Kopf und Das kannste nicht erklären stellt die Stimme in meinem Kopf ganz sachlich fest, während ich in einer halben Sekunde darüber nachdenke, wie ich denn wohl das Geweih wieder aus dem Hund und den Hund aus dem Wald…“uuuuaaaaa“ sage ich laut, der Hund guckt hoch und springt sofort zur Seite. Nichts passiert. Alle wach.

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Ein Rapsfeld blüht, direkt vor dem Bienenstand und es schneit. Aus imkerlicher Sicht werden die zwei Sommertage neulich vielleicht als Unwetterereignis zu werten sein, am Ende der Saison.

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Textaufgabe: Eine Schulklasse fährt vom 21. – 24. Mai auf Klassenfahrt. Der zu zahlende Betrag für 4 Übernachtungen inkl Halbpension beträgt laut Elterninformationszettel 212 Euro plus Geld für Ausflüge und so. Details wurden den 13-jährigen Schülern mündlich mitgeteilt, vor den Osterferien und dem Praktikum. Insgesamt sind also 5 Wochen vergangen. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass die fehlenden Informationen in allen Elternhäusern angekommen sind in Prozent?

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Och guck, für ein bestmögliches Baustellen-Erlebnis baggern sie Freitag noch die Bushaltestelle weg, in dem Ort, durch den dann ab Montag alle durch müssen. Dreißigerzone mit Ampel, der kreuzende Verkehr möge sich nach eigenem Ermessen einordnen. Eine entschleunigende Achtsamkeitsübung.

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Maikind kommt nach Feierabend mit dem Bus nach Hause. Eigentlich. Es könnte sein, dass sich die Verbindung geändert hat, wegen Baustelle und unklarer Streckenänderung. Ich frage nach, ob ich ihn irgendwo auflesen soll. Ja, auf jeden Fall, aber wann und wo kann er noch nicht sagen, denn der Bus, der vor fünf Minuten bei uns vorm Haus hätte ankommen sollen, steht immernoch am Busbahnhof im Städtchen. Der Fahrer muss Pause machen, Lenkzeit überschritten. Nur zum Spaß hat er mal nachgeschaut, wie man die letzten 6 Kilometer überbrücken könnte, wenn man den Anschlussbus im Nachbarort verpasst, erzählt Maikind auf der Rückfahrt. Spoileralarm: Zu Fuss wäre man schneller.

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Märzkind ruft an, ob ich sie im Nachbarort holen könnte, es gibt anscheind keinen Anschluss. Sicher. Zur vereinbarten Zeit stehe ich an der Ersatz-Bushaltestelle hinter der Ampel. Märzkind ruft an, um zu fragen, ob ich schon da sei. Jo. Ah, Mist, tut ihr voll leid. Sie wurden rausgelassen und stehen gerade drei Orte weiter, da kommt gleich ein Bus, der fährt durch bis nach Hause, wusste niemand, steht nicht in der App, ist aber so.

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Julikind kann morgens mit dem Bus zum Praktikumsbetrieb fahren. Nachmittags fährt nichts. Sie muss abgeholt werden, um 15 Uhr. Es sei denn sie fährt mit auf Baustelle, dann könnte es später werden, es sei denn, sie sind eher fertig oder die Baustelle liegt so, dass man sie auf dem Rückweg zu Hause vorbeibringen kann.

Theoretisch liegt die Bushaltestellen-Einsammel-Fahrt in diesem Zeitraum auf dem Weg. Praktisch nicht einmal.

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Im Spülmaschinen-Ablauf-Sieb steckt eine Plastikpommesgabel. Intuitiv strecke ich eine Hand aus, um sie zu entfernen. Moment. Plastikpommesgabeln kommen doch eigentlich nicht in den Geschirrspüler und, wenn ich so darüber nachdenke, ist diese nervige Fehlermeldung, die sonst immer blinkt nicht da gewesen, beim letzten Spülgang. Könnte Zufall sein oder smartes engineering oder beides. Ich lasse die Pommesgabel wo sie ist. Never change a running system.

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Mittagessen zu dritt. Märzkind fällt was ein: „Ah so…, wegen Sektempfang, sollte ich dich noch fragen, ob du das… machste, ne?“ Pluseinskind verarbeitet die Frage, gibt dann ein zustimmendes Geräusch von sich und gestikuliert „kein Thema“, „siehste hab ich doch gesagt, braucht man nicht fragen, das macht der so“. „Ist höflicher“, argumentiere ich. Pluseinkind hat schon auf der Ladies-Night im Kino Sekt serviert, sagt er und schweigt dann vielsagend.

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„Und? Wie gefällt dir diese Deko?“, frage ich Julikind auf der Feier ihrer Freundin. „Sehr schön“, ungefähr genau so hatte sie sich das auch gedacht. „6 Tage vor Veranstaltung wissen wir also endlich, was für Dekogedöns auf den Tisch soll“, murmele ich, eigentlich nur zu mir selber. Och, das sei aber sehr sympathisch, sagt die neben mir sitzende Mutter, sie sei da auch immer recht entspannt. Aber das sagt man ja so kurz vorher lieber keinem. Stimmt. Ich wundere mich selber, aber das entspannte Gefühl ist echt. Naja, die Eskalation wird uns finden, zu gegebener Zeit.

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Es hat eine Weile gedauert, sich zu der Erkenntnis durchzuringen, aber jetzt ist es soweit. Ich hole mir die Winterhandschuhe wieder vom Dachboden, ziehe Skiunterwäsche drunter und ein zweites paar Socken an bevor ich mit dem Hund rausgehe. Könnte sein, er fährt morgen mit der Flitschbimmel an die Arbeit, sagt der Liebste. Bei seinem Auto sind schon Sommerreifen drauf, leichtsinnigerweise, Ende April.