eine Adventswoche

Treffen um 9 Uhr im Tal. Endlich hat es mal gepasst, die Freundin und ich gehen eine Hunderunde. Es ist kalt, es ist matschig und es ist uns egal. Das Flüsschen führt viel Wasser, aber es sind noch alle Teile der Hängebrücke da, wir können die ganze Runde gehen. Früher, da hätte man um diese Jahreszeit Winterschuhe getragen, aber mittlerweile kommen einem zwei Stunden spazieren in Gummistiefeln völlig normal vor, stellen wir fest.

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Es dauert eine halbe Stunde, herauszufinden, dass es heute Bäume zu kaufen gibt und eigentlich niemand mit möchte. Das ist seltsam, passt aber in diesen Advent. Zu zweit brauchen wir kaum drei Minuten, um einen Weihnachtsbaum auszusuchen und fragen uns, ob das wirklich so einfach sein kann. Sicherheitshalber richte ich noch einen zweiten am Zaun lehnenden Baum auf. Der ist zu klein. Wir bleiben bei dem, den wir haben. Neben der riesigen Feuerschale wird kassiert, man begrüßt uns herzlich. Der Preis wird hier anhand von Markierungen auf einer Dachlatte ermittelt. Die Spitze unseres Baums ragt knapp aber eindeutig über einen schwarzen Strich. Die Verkäufer beraten sich per Blickwechsel. „Hätten wir mal besser die Astkiepe mitgebracht“, sage ich und meine es scherzhaft, der Liebste registriert, wie hier berechnet wird „na, na, na, nu aber“, sagt er, die Spitze wird er gleich in der Garage sowieso einkürzen, die Verkäufer grinsen, kassieren den Preis bis zum Strich und weisen darauf hin, dass der Liebste die ungenutze Spitze dann aber wieder bringen muss. Das sei ja wohl selbstverständlich, nur heute wird er es nicht mehr schaffen, ob es ausreicht, wenn er sie morgen in den Briefkasten wirft? Natürlich, da sei man kundenfreundlich. Ich fühle mich gut unterhalten. Und weil ein Weihnachtsbaumkauf länger als 10 Minuten dauern sollte trinken wir noch einen Glühwein, allerdings echt nur einen, auch wenn man uns versichert, dass solange geöffnet ist, bis die Leute nach Hause gehen.

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Aus einer gigantische Weihnachtsshow wurden zwei große Veranstaltungen hintereinander gemacht. Das ist eine enorme Verbesserung im Bereich Sitzkomfort und Unterhaltungswert. Wir haben das Glück, das beide Kinder bei der Abendverstaltung auftreten. Andere sind sitzen schon länger hier, man merkt es der Stimmung im Publikum an. Die dargebotenen Tanz und Turnaufführungen waren allesamt klasse. Beide Mädels stehen in ihren Teams vorne Mitte, leicht zu finden. Ich bekomme viel Lob und begeisterte Kommentare danach zu hören. Danke, danke. Ich fahre nur zum Trainung, Märzkind noch nicht mal mehr, aber danke, ich freue mich.

Nach zwei Stunden Weihnachtsmusik in krippenspielartigem Ambiente ist mein Merry Christmas-Akku auf null Prozent.

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Kopfschmerzen von einem Kaliber, dass mich überlegen lässt, ob eigentlich noch Coronatests vorrätig sind. Dann gehts wieder, einfach so. Am nächsten Tag ist es zehn Grad wärmer draußen. Das ist die Gelegenheit. Eine Stunde lang erledige ich liegen gebliebene Gartenarbeiten. Danach sieht es tatsächlich ein bisschen weniger traurig aus.

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10 Tage vor Weihnachten landen die obligatorischen „wünschen sie sich denn was?“ Anfragen bei mir. Ich verweigere den mental load und bin ein bisschen stolz drauf, wie leicht mir das fällt. Man möge Bargeld schenken, wenn man keine eigenen Ideen und/oder Lust auf Wunschgespräche hat.

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Die Covid-Saison wird eröffnet. Ich frage die Betroffene nach dem Befinden und bekomme einen ausführlichen Bericht des Gesundheitszustands. Jo, kenne ich alles. Denke ich, sagen tue ich das natürlich nicht. Da hat jemand, der Corona bisher als „leichten Schnupfen mit Kratzen im Hals“- kennengelernt hat mal die Vollversion erwischt.

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Julikind wird mit ihrer Hausarbeit fertig, um 20.30 Uhr am Abend vor dem Tag der Abgabe. Der Drucker druckt sie aus. Beim ersten Versuch. Wir halten einen Moment lang andächtig inne, zeitlich gesehen ist das der Familienrekord, ich hebe die Hand für high-five, „lieber erstmal gucken, ob auch alles dabei ist“, sagt sie. Es ist alles dabei. Erleichterung. Noch zwei Klassenarbeiten, dann Weihnachtsstimmung.

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Plätzchen gebacken, nicht viele, aber immerhin.

Aschenbrödel und Nikolaus

Man nimmt den Topf mit Kartoffeln vom Herd, geht zwei Schritte und schüttet das heiße Wasser einfach ins Spülbecken ab. Es ist toll. Ich freue mich heute zum zehnten mal, oder so darüber. Ein Spülbecken mit Wasseranschluss in der Küche ist so dermaßen praktisch. Nach dem Abendbrot räumen wir feierlich die Spülmaschine ein, drücken den Knopf und lauschen einen Moment andächtig ihrem Arbeitsgeräusch. Man müsste sich eigentlich albern vorkommen dabei. Tun wir aber nicht, kein bisschen. Die Arbeitsplatte ist auch wieder da. Man kann in der Küche stehend Dinge zubereiten, das vereinfacht die Arbeitsabläufe, es kocht sich wie von selber, also fast. Man hatte sich tatsächlich schon gewöhnt, an die provisorische Lagerung von Dosen, Tellern und Kleinteilen und zieht ständig die falschen Schubladen. Bisschen fusskalt ist es, so direkt auf dem Estrich aber irgendwas ist ja immer.

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So, da nun klar ist, in welchem Zustand sich der Hauptraum an Heilig Abend befinden wird, können wir anfangen, über Details nachzudenken. Wo soll denn der Baum stehen, dieses Jahr? Wo die Leute sitzen? Wir überlegen, zählen Namen an Fingern ab, diskutieren Eventualitäten und sich daraus ergebende Gehwege. Wahrscheinlich sind wir nur zu zwölft. Die Möbel können genau so stehen bleiben, eine zusätzliche Tischplatte rein, ein paar Stühle vom Dachboden und fertig. „Nur zwölf?“, der Neue schmunzelt ein bisschen, sie feiern zu dritt, sagt er.

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„Wo sind wir eigentlich?“, fragt Julikind auf dem Heimweg. „Irgendwo zwischen dem Nachbarort und zu Hause, aber so ganz genau weiß ich es ehrlich gesagt auch nicht“. Es geht nur langsam voran. Wenn man an einem Leuchtpfosten vorbei fährt kann man gerade so die Reflektoren des nächsten Pfostens erkennen und wirklich nur die. Wir unterhalten uns darüber, was Leute von woanders so meinen, wenn sie „Nebel“ sagen, sowas wie hier kennen die garnicht.

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Die Musik aus „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“, gespielt vom Orchester, der Film läuft darüber auf Leinwand mit. Die Karten hatten wir bereits im Sommer gekauft. Ich war ehrlich gesagt skeptisch und daher auch nur mäßig aufgeregt, vorher. Aber, zu meiner Überraschung war das wirklich schön. Die Oper war beinahe ausverkauft, die Stimmung kulturell, kein merchandise, keine Plastikbecher. Eine interessante Mischung von Leuten im Weihnachtspulli bis hin zu russischen Damen in Abendgarderobe. Das Orchester war wirklich beeindruckend. Die Zugfahrt zurück auch, denn da war gerade ein Fussballspiel zu Ende gegangen. Es gab an dem Tag keinen extra Zug für die Fans, und der reguläre hatte laut Anzeige leider heute einen Waggon weniger als üblich. Frankfurt hat auffallend freundliche Fans. Aber, wie viele Leute wirklich in einen Zug reinpassen, das stellt man sich nicht vor, als Landei. Am Abend fühlt es sich so an, als wäre es eine ganze Reise gewesen.

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Uhhh ha, da war doch was. Am späten Abend des 5. Dezember schleicht der Nikolaus noch mal über den Flur und befüllt Stiefel. Die Kinder wundern sich am Morgen. Alle drei hatten es total vergessen. Ein Meilenstein. Da könnte der Nikolaus ja vielleicht in Rente gehen? Neee, neeee, neee, das nun nicht, sie waren einfach zu busy, sagen die Blagen.

Zwei kleine Nikoläuse kamen am späten Nachmittag zum Süßigkeiten einsammeln. Vielleicht fällt diese Tradition Halloween zum Opfer oder es liegt daran, dass der Bär jetzt früher rum geht. Der war gut gewickelt und hat so gebrüllt – „ein bisschen gruselt es immernoch“, sagt Julikind und fragt dann interessiert, wer denn drin steckt (im aus Strohschlangen massgewickelten Kostüm)

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Der Parkplatz, den wir als Haltestelle einer wöchentlichen Elterntaxifahrt nutzen wurde zum Großteil gesperrt, man baut eine Eisbahn auf mit Würstchenbuden und so. Eigentlich wollte ich die Wartezeit für Besorgungen in der Fussgängerzone nutzen, tja, dann nicht, Weiterfahrt zum Baumarkt mit Parkplatz.

Äh, hä? Einen Moment lang stehe ich leicht verwirrt vor dieser Drogeriemarkt-Produktinsel. Wo letzte Woche noch Nougatmandeln und Lebkuchen standen sind jetzt Konfettikanonen und Glücksschweinchen aufgebaut. Man möge sich mit Sylvesterkitsch eindecken – am Freitag vor dem zweiten Advent.

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Nach drei Tagen bei windigen 4°C und Regen von allen Seiten, fühlt sich eine Hunderunde bei 4°C ohne Wind und Regen unter blauem Himmel an wie Frühlingserwachen.

Besinnlichkeits-basics

Der Drogeriemarkt wünscht eine „Fröhliche Vorweihnachtszeit“, die Kinder fahren freudestrahlend zu einer „Winterausstellung“ bis nach Kassel, auf den abendlichen Autofahrten fallen zunehmend Sterne in Fenstern und scheinbar hastig angebrachtes Lichtergedöns in Vorgärten auf. Die Adventszeit wurde um 2 Wochen verlängert, man kann es nicht mehr ignorieren. Ich verlege meine weiteren Einkäufe ins digitale und schaue einen Moment lang nicht hin. Dann war Totensonntag und – anscheind hatte man sich doch zurückgehalten, bis zum tatsächlichen Beginn der Adventszeit. Lichtermeer, Dekotipps, Rezeptideen und Besinnlichkeitserlebnis-Abgebote, alles eskalkiert, wohin man auch sieht oder hört der Aufruf, man möge es sich jetzt verdammt nochmal gemütlich machen! Zeitgleich werden so viele Klassenarbeiten geschrieben wie nur geht, das Schulhalbjahr ist nach den Weihnachtsferien ja quasi zu Ende. Es tun sich Sachen an Arbeitsplätzen, die bis nach Feierabend in den Köpfen bleiben, Termine lassen sich nicht mehr länger aufschieben, Dinge müssen besorgt und Abläufe geplant werden. Es ist grau und neblig und kalt. Bisher, besser als letztes Jahr

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Eigentlich wollte ich hauswirtschaftliches erledigen, bräuchte allerdings Strom dafür. Der kommt und geht gerade. Die Herren suchen einen Fehler. Ich arbeite statt dessen an analogen Weihnachtsvorbereitungen und lausche dabei der Geräuschkulisse, die von Raum zu Raum wandert „das kann nicht sein“, „ist aber so“, „dann müsste“, „hä?“, „verdammte scheiße“. Besser als jeder podcast.

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Ein Sonntagsessen mit allen. Man sieht sich garnicht mehr jeden Tag, stellen wir fest.

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Wir bekommen ein Geschenk mit adventlichem Hintergrund einfach so und freuen uns darüber. Es ist tatsächlich schon das zweite mal, dieses Jahr, dass sowas passiert. Ein Hauch von Weihnachtsmagie.

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Schwiegermutter bringt ein halbes Blech Kuchen vorbei und bleibt zum Abendessen. Das ist ungewöhnlich. Wir haben es nett und wundern uns später alle ein bisschen, ohne genau zu wissen worüber eigentlich.

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Der Liebste telefoniert in Sachen Baustelle, denn wenn sich Firmen nicht in angesagten Zeitfenstern melden, braucht man auf garnichts warten, soviel haben wir gelernt, in den letzen Monaten. „Man wird den Auftrag ab KW 50 terminieren“, sagt er. Moment. Das klingt schön, sagt aber rein garnichts aus. Frage: In welchem Zustand werden sich Küche und Wohnbereich am 23. Dezember konkret befinden? „Oh“, sagt er nur, und telefoniert noch mal. Am Ende des Tages stehen wir zu viert in der Küche und lauschen andächtig dem Spülmaschinengeräusch. Ein Fest. 6 Wochen ohne Spülen liegen vor uns. Danach dann allerdings, ach… erstmal ist jetzt.

Vor-adventliches

Morgens um viertel nach sieben klingelt es an der Haustür. Punktlandung. Ich hab die matschigen Schuhe von der Hunderunde noch an als ich öffne. Zwei Männer laufen eilig über den Flur, Lagebesprechung in der Küche, Werkzeugkisten werden ins Haus gebracht. Der Hund guckt fragend. Die sind früher dran, als angesagt, wobei, eigentlich wollten sie schon gestern… Man muss es eben nehmen, wie es kommt, sage ich, richte ihm ein Ersatzquartier für heute vormittag ein, gehe Kaffee kochen und mache mich dann unsichtbar. Drei Stunden später ist diese Baustelle beendet und ich freue mich. Echt. Kurz fühlt es sich so an, als müsste ich einen Piccolo öffnen und selfies machen, mit dem neuen Balken. Stattdessen schicke ich Fotos in Familiengruppe. Man träumt von Weihnachten mit Wasser in der Küche, nach dem Essen einfach eine Spülmaschine beladen, abends den Knopf drücken und dann aufs Sofa.

Wenn es nicht ausdrücklich drin steht, sind Fachwerkbalken übrigens nicht Teil der Elementarschädenversicherung. Auch nicht, wenn der Grund des Schadends Leitungswasser war und Leitungswassser mitversichert ist, auch nicht wenn der Zimmermann und der Versicherungsmann im örtlichen Büro sich einig sind, dass das eigentlich nicht sein kann, bei einer tragenden Wand, in einem hundert Jahre alten Haus.

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Wenn ja jetzt so gut wie keine Möbel im Raum stehen, dann könnte doch der diesjährige Weihnachtsbaum endlich mal angemessen groß sein, bemerkt Märzkind. Sicher nicht. Dann aber wenigstens einen so einen richtigen Adventskranz. Ich deute auf das allgemeine Wohnzimmerambiente. Naaargh, sagt sie. Die Vorweihnachtszeit gilt somit als eröffnet.

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Problem: Die Aquaristikabteilung im Städtchen wurde geschlossen. Maikind und ich stehen staunend vor dem Aquarium, denn das, was man da beobachten kann, hätte wir beiden nicht vermutet. Zwei kleine Kugelfische verweigern das einzig verfügbare, extra für sie gekaufte alternative Futterangebot konsequent. Wenn sie eine Stirn hätten, sie würden sie runzeln. Wir überlegen hin und her. Die nächste Aquaristikabteilung liegt jetzt 60 Kilometer entfernt, aber genau neben diesem Baumarkt wohnt ein Arbeitskollege, sagt der Liebste. Der hatte selber mal ein Aquarium und hilft gern. Geht doch, sagen die Kugelfische.

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„Bewerbung schreiben“ wurde in der Schule so unterrichtet wie eh und je. Ich habe tatsächlich einen Moment gebraucht, um das zu bemerken. Seufz. Ich richte dem Kind eine mail-Adresse ein und erkläre wie man eine Email schreibt. Es ist eigentlich ganz einfach und die Antwort kommt schon am nächsten Tag. Julikind ergattert einen Traum-Praktikumsplatz, auch darauf könnte man anstoßen.

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Der Saal ist festlich eingedeckt für 300 Leute, im angrenzenden Wintergarten wird in weihnachtsmarktähnlicher Atmosphäre etwas aufgebaut, dass man umgangssprachlich als Fressbuden bezeichnen würde, nur eben in schick. Beeindruckend. Wo wir denn sitzen wollen, fragt der Liebste. Äh, wenn ich aussuchen soll, dann leicht seitliche mittige Mitte, weil der Zauberer wird am Rand anfangen, denke ich. Welcher Zauberer? Ich deute auf den Mann mit Frack und Zylinder. Ah so, sagt der Liebste, er habe sich eben schon kurz gewundert über dieses outfit, aber so im Vorbeigehen gedacht, es handele sich um einen Kellner vom diversen Geschlecht. Zu uns an den Tisch setzen sich 8 freundliche, mir Unbekannte, die alle konsequent den Blickkontakt vermeiden und intuitiv darauf achten, dass immer mindestens einer auf Klo geht, wenn der Zauberer den Tisch wechselt. Das Essen war gut, die Zauber-Bühnenshow danach toll. Super Mitarbeiterfest.

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Letzte Woche stand ich vor verschlossener Tür, diesmal bin ich vorbereitet. Ich wähle ihre Telefonnummer und es klingelt im ganzen Haus. Man hört die Zimmertür, schlurfende Schritte, noch eine Zimmertür, dann hebt sie den Hörer ab, meldet sich, fragt nach, und legt mit den Worten „na, dat kann do nit sinn“ wieder auf. Ich drücke die Haustürklingel und de Omma öffnet, das Telefon noch in der Hand. „Ach, das passt aber gut, sie war auf dem Weg zum Telefon, war aber keiner dran.“ Es fühlt sich an wie ein Klingelstreich und muss ein bisschen grinsen.

Stille, Steine und Honig

Julikind und ich stehen in der Küche und schauen uns an. „Das ist seltsam“, flüstert sie. Ich nicke nur. Nach sieben Wochen ununterbrochenem Brummgeräusch wurden soeben die Trockengeräte aus der Küche, und dem Raum den wir einst Wohnzimmer nannten entfernt. Die Stille brüllt einen an. Man hat fast das Gefühl, selber Geräusche machen zu müssen, wie Städter beim Waldspaziergang. Nee, doch nicht. Leise ist schon schön. Erst am Nachmittag fällt uns auf, dass man die Plane zwischen Ess- und Wohnbereich dann ja jetzt auch entfernen kann. Es gibt wieder einen direkten Weg vom Esstisch zur Küche und ohne Geräuschkulisse bleibt man gern einen Moment länger sitzen als unbedingt notwendig. Fast wie damals, vor dem Wasserschaden…

Sauber machen, Möbel rücken, provisorische Normalität. Herrlich!

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Honig abgefüllt und in den Keller getragen. Eine krasse Farbe hat der dieses Jahr. Ich hatte gedacht, es könnte Waldhonig dabei sein, wegen der späten Ernte, aber das ist irgendwas anderes. Auf jeden Fall lecker, der wird seine Fans finden.

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Einen Vormittag lang habe ich 24 Grüße aus der Küche hergestellt, verpackt und anschließend verschickt. Aufs Gramm genau 10 kg Paket waren das. Jawoll. Keinerlei adventliche Gefühle entwickelt, der Kalender wird ein Geschenk.

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Also, wenn ich doch sehen kann, dass auf der anderen Seite NIEMAND steht und auch innerhalb der nächsten 30 Sekunden niemand kommen wird, dann fahre ich die 10 Meter durch die Baustelle, ohne an der Ampel mitten im Wald auf grün zu warten. Mehrmals. Kein Gegenverkehr bis zum nächsten Ort.

Leider verträgt diese Straße aber anscheind überhaupt keine Autos mehr. Ab nächster Woche wird voll gesperrt. Dann ist der Nachbarort nicht mehr drei, sondern 10 Kilometer weit weg, für ein halbes Jahr.

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Es ergibt sich eine spontane Hunderunde mitm Vatta. Eventuell müsse man den vorläufigen Weihnachts-Ablaufs-Plan anpassen, sagt er. Das mit den Ommas wird wohl eher nicht so funktionieren, wie wir es im Juli noch angenommen hatten. Man wird alles von der jeweiligen Tagesform abhängig machen müssen. Tja, dann ist es eben so. Wir brauchen nur 200 Meter um einen neuen Plan zu erstellen: Kirche ist um fünf, danach gibt`s Schnitzel*innen und Schnittchen, Käseplatte und Süßkram aller Art in gemütlicher Runde. Wer kommt ist da und falls es Reste gibt wird eingetuppert.

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Ein Traktor parkt direkt vor der Haustür. Das ist ungewöhnlich. Die Freundin musste ein geliehenes landwirtschaftliches Gerät zurückbringen und wir lagen auf dem Weg. Das ist schön. Sie sieht den Raum zum ersten mal ohne Plane, bleibt mittendrin stehen und lacht sich kaputt „ach! du! scheiße!“, also sie haben ja zu Hause Flur-Renovierung und das nervt gewaltig, aber das hier… jo, da geht es ihr doch schon viel besser. Freut mich. Ich mache eine Führung, wir trinken Tee vor rustikaler Bruchsteinmauer und unterhalten uns nett über Altbau-Versicherungskosten und andere Alltagsabenteuer.

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In dem Essenkorb vom foodsharing war eine Kilopackung Kartoffeln drin. Wie niedlich, ich wusste garnicht, dass es sowas gibt. Wir kaufen Kartoffeln in 25 Kilo Säcken. Von einem Kilo aussortierter Kartoffeln war eine einzige kleine angeditscht, die anderen 940g sind völlig in Ordnung. Man wird nachdenklich.

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Maikind kann den (im Führerschein als Beleitfahrer eingetragenen) Nachbarn mit zur Arbeit nehmen und fährt jetzt selbst. Ein Zeitgewinn von drei Stunden pro Woche für mich.

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Der Abwasch dauert inklusive allem hin und her von Geschirr fünfundvierzig Minuten, jeden Tag. Möööp.

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Der Nebel auf der morgendlichen Hunderunde ist so dicht, dass man nach hundert Metern das Gefühl hat alleine auf der Welt zu sein. Man kann kaum 20 Meter weit sehen, dahinter verschwimmt alles optisch miteinander. Sämtliche Geräusche der Umgebung werden irgendwie wattig gefiltert, unmöglich zu sagen, woher sie kommen. Ist auch egal, scheint alles weiter weg. Ich werfe den Ball, der Hund verschwindet und taucht mit Ball wieder auf. Es bewegt sich etwas, auf dem Feld neben uns, eine Gestalt kommt aus dem Nebel, wie im Film. Das ist ja mal ein richtig fetter Hase. Nee, wohl eher ein stattlicher Wäschbar. Hä? Ok. Der Hund hatte anscheind ähnliche Gedankengänge und guckt mich fragend an. Hasen sind ihm völlig egal, fremde Hunde begrüßt er gern in Ruhe, aber, das stelle ich gerade fest, mit diesem Dachs würde er echt gerne spielen. Ich verpasse die halbe Sekunde, in der ich das von vornherein hätte verbieten können. Fröhlich rennt er auf das Tier zu, es sind ja nur noch ein paar Schritte, die beiden haben tatsächlich in etwa die gleiche Größe, ich hätte gedacht… – verdammt – ich weiß garnichts über Dachse. Kämpfen die? Der da sieht auf jeden Fall gestresst aus, sonst wäre er uns wohl kaum so nahe gekommen. Ich rufe den Hund. Der Dachs rennt weiter zur nächsten Hecke und verschmilzt mit den Nebelschwaden, als wäre nie was gewesen. Der Hund nennt mich mit seinem Blick Spaßbremse.

Staub, Nebel und Fische

Gleich können wir essen. Ich laufe ums Haus, um der verstreuten Familie bescheid zu geben, bleibe an der Ecke aber abrupt stehen. Wow! Märzkind und der Liebste haben eine Baustaub-Abluft-Anlage konstruiert, die offensichtlich funktioniert. Aus dem Wohnzimmerfenster im Erdgeschoss schießt eine hellbraune Lehmstaubfontäne , die sich über dem Gartenweg derart verdichtet, dass es fast schon wieder Wand ist und dann, einige Meter weiter oben sanft wabernd ins Universum zurück gleitet. Nachbars Garten, die Fenster im Obergeschoss, ach, lassen wir das.

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Ich habe eine Wartezeit zu überbrücken und es gibt eine Weihnachts-Einkaufsliste. Man kann die gleiche Süßigkeit zu Kilopreisen zwischen 16 und 32 Euro erwerben, im gleichen Laden, am gleichen Tag. Alle Jahre wieder bin ich ehrlich fasziniert davon, was Leute bereit sind zu zahlen, wenn tanzende Wintertiere oder Christbaumschmuck auf die Folie gedruckt werden.

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Ein sehr nettes und ehrliches Gespräch geführt, mit jemandem, der die gleiche Schweigepflichtserklärung unterzeichnet hat. Das mit der Kündigung war tatsächlich der direkteste Weg, in Echtzeit. Blöd gelaufen. Aus Gründen, die man nur ahnen kann, und deswegen vielleicht sogar ganz gut so, für mich, denn den Murks sehen und garnichts tun können, fällt schwer. Herzliche Grüße!

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Zwei Stunden Abhänge rauf und runter gelaufen, zwecks Apfelernte. In einer perfekten Welt hätten wir die Äpfel danach in halb gemütlicher Atmosphäte gemeinschaftlich geschreddert, gepresst, und den Saft heiß abgefüllt. Dieses Jahr übernimmt das die Mosterei.

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Im Wohnzimmer meiner Oma gab eine schuhkartongroße Kiste mit Plastik-Bausteinen. Darin Steine unterschiedlicher Größe, kleine Bauplatten, Dachziegel, Fenster…. ich hab ewig nicht daran gedacht, aber gerade werde ich nostalgisch. Man kann Einzelteile bestellen auf dieser Seite, natürlich auch Bausätze, zu verschiedenen Themen, Häuser, Tiere, Blumen…und, in der Unterkategorie „für Mädchen“ findet man eine Eisdiele, kleine Drachen – die gleichen Sachen wie in den anderen Kategorien, nur vorsortiert für Weihnachts-einkaufende Männer. Die Beschreibungen sind sachlich und die Preise völlig in Ordnung. Sehr sympathisch. Klemmbausteine.(Werbung unbezahlt und unbeauftragt,weil mich die testosteron triefenden Werbetexte des Marktführers genervt haben)

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Was eigentlich im Moment so im Kino läuft hatte ich gefragt. Kleinkindersachen, Teenysachen und… da habe sie aber im Studium endlich mal was alltagstaugliches gelernt, sagt Märzkind und erklärt mir das Krankheitsbild von „folie à deux“. Interessant. Und unheimlich. Der Joker ist dann vielleicht auch eher nichts für mich. Julikind und ich verbringen einen gemütlichen Abend im Kino bei einem Film über häusliche Gewalt. Kinokarten kosten sonnstags 11 Euro, ein kurzer Moment von wottsefack

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„Das Gesicht hätte man eigentlich mal fotografieren müssen“, sagt Maikind und freut sich. Er ist der Fahrer dieser Elterntaxifahrt, denn da wo Julikind hin will, wohnt auch sein Kumpel. Der kennt das Auto noch nicht und braucht einen Moment, bis er versteht, was er sieht, als wir vorfahren. Ob er denn mal mitfahren will? Will er. Nach wenigen Sekunden sind die beiden in technische Gespräche vertieft und haben mich auf dem Rücksitz vergessen. Am Ortsausgang muss ich mich leider kurz ins Gespräch einklinken: „Ihr habt ein Video geguckt? Wir fahren mit youtube-Bremsen?“ „Jo, sicher“, sagt er völlig gelassen.

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Durch bunten Blätterwald laufen wir einen Berg runter, ohne genau zu wissen, wohin. Man kann sich eigentlich nicht vorstellen, das da noch was kommt, und wird überrascht. Hinter einem Zaun liegen Fischteiche versteckt. Auf dem Gelände verteilt stehen Tische und Bänke, daran fröhliche Leute, die uns herzlich begrüßen. Im Stundentakt kommen 20 Fische aus dem Räucherofen und werden sofort serviert, auf einem Holzbrett, dazu richtiges Besteck und auf Wunsch Beratung über die richtige filitier-Technik. Ich weiß garnicht, wie es dazu kam, dass wir eingeladen wurden, ist aber auch egal. Der beste Fisch aller Zeiten, in idyllischem Ambiente, schön war das.

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Wo ich denn hin wolle fragt de Omma. „An die Tür, es hat geklingelt.“ Nein, das kann nicht sein, das hätte sie gehört. Dreimal laufe ich an diesem Nachmittag scheinbar grundlos zur Tür. Dreimal steht jemand davor. Hören kann sie noch alles, de Omma, sie sieht halt nur den ganzen Tag niemanden.

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Ich mache den Scheibenwischer an, ich feudele über die von innen über die Frontscheibe, drehe die Lüftung voll auf aber es ändert sich nichts an dem Ausblick. Bei uns vor der Haustür war es garnicht so neblig, das hat sich schnell geändert. Ich mache das Fernlicht an und kann so immerhin den nächsten Leuchtpfosten am Straßenrand erkennen. „Irgendwo hiiiiieeeer müsste, nein, doch nicht“. „da, neee, daaa“, sagt Maikind. Also, wenn man die Ausfahrt erst sieht wenn man vorbei fährt ist offiziell Herbst, sind wir uns einig. Zwei Stunden später wird es hell.

Licht und Schatten, Anfang Oktober

Man übermittelt mir ein alternatives Stellenangebot den Fall, dass sich ab Montag wirklich etwas ändern sollte. Doppelt so viele Stunden, doppelt so weiter Anfahrtsweg und ich zitiere „leider noch schlechter bezahlt“, was natürlich Gründe habe, die kurz erläutert werden. Das beantwortet nicht meine Frage.

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Donnerstag ist Feiertag. Beim Abendessen fragen wir uns gegenseitig, was wir eigentlich den ganzen Tag gemacht haben. Nichts.

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Der Vater vom Zauberer ist jetzt Hypnosetherapeut. Manche Sachen kann man sich nicht ausdenken. Herzliche Glückwünsche gehen ins Land der Friesen.

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Die neue Waschmaschine wird geliefert. Sie kalibriert sich und nimmt anschließend fast geräuschlos ihren Dienst auf. Einen Moment lang stehen wir staunend im Durchgang, kein Vergleich zum Sound der Alten. Man kann hier jetzt eigentlich ganz gut sein, ein Barhocker vielleicht noch, ein kleiner Klapptisch an die Wand… gibt auch gutes W-Lan.

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Diese Erkältung war nie richtig weg, wenn man ehrlich und jetzt lässt sie sich nicht mehr ignorieren. Ich schleppe mich durch den Samstag, nützt ja nichts. Alle anderen sind zum Hecken-Schneide-Einsatz bei Schwiegermutter.

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Ach, er hat dann übrigens gleich einen Termin, sagt der Liebste, beim Mittagessen am Sonntag. Das passt, sagt der Neue, er nämlich auch, da können sie gemeinsam fahren, Maikind kann leider nicht, er ist schon woanders verabredet, ihm sagt ja keiner was… wusste man ja selber nicht, manchmal ergibt es sich einfach und dann passt das… Spoileralarm: Autos kaufen ist eine Superkraft des Liebsten. Das macht der einfach so, nebenbei.

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Montag morgen, sieben Uhr, es wäre interessant zu wissen, ob es meinen Job noch gibt, denn gegebenfalls müsste ich mich gleich auf den Weg machen. Anfrage beim Auftraggeber. Eine ungewöhnlich lange Zeit kommt garnichts. Ich packe meine Tasche und wappne mich, für einen besonderen Tag. Dann erhalte ich doch eine Antwort. Ja, die Situation hat sich geändert, ich werde nicht länger gebraucht. Vielen Dank für die tolle Arbeit. Ich wünsche von Herzen alles Gute und meine es ehrlich. Wenige Minuten später erkundigt sich die, mit der ich vor Ort direkt zusammen gearbeitet habe, ob ich denn schon etwas gehört habe, ob wir heute kommen? „Auftraggeber sagt nein“, antworte ich. „gerade sitze ich hier und frage mich, ob mein Arbeitgeber davon weiß“. Zehn Minuten später kommt eine whatssapp vom Arbeitgeber. Du bist ab heute raus, aus dem Auftrag, bitte sag bescheid, ob du in die Alternative einsteigen möchtest. Ich brauche einen kurzen Moment. Das haben die doch mit Sicherheit am Freitag schon gewusst. Mit einem sanften innerlichen Klick löst Mental-Health-Sicherung aus. Nein, ich möchte nicht einsteigen.

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Der Triathlet klingelt und der Hund schlägt an. Da hat auch recht, sagt der Triathlet, und knuddelt den Hund, so lange wie er nicht mehr hier war. „Ich habe schon gehört“, sage ich und setze Kaffee an. Bei der Geschichte, die er zu erzählen hat, reicht Kaffee alleine nicht aus. Ich fülle eine Schale mit Spekulatius. Sein Bruder ist gestürzt, es gab eine unklare Formulierung in der Vorsorgevollmacht. Um die Betreuung offiziell übernehmen zu dürfen musste er eine Schufa-Auskunft und ein polizeiliches Führungszeugnis vorlegen. Natürlich, man versteht den Sinn dahinter, aber – zwei Wochen hat das gedauert, eine Ewigkeit, wenn jemand auf Intensiv liegt. Dann Grundbucheinträge besorgen, Besitz auflisten, Pflegeplatz finden, alles kompliziert und zeitaufwändig und Preisschilder an gelebtes Leben heften zu müssen macht traurig.

Och guck, vor einer Stunde dachte ich noch, mein Tag läuft scheiße – es geht wieder.

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Statt außer-Haus-Arbeit nehme ich mir den Wäscheberg vor. Später ein Telefonat mit der Freundin, wir waren so larifari verabredet für diese Woche und ich hätte Zeit. „Von heute auf morgen gekündigt? das ist blöd“, findet sie. „von heute auf morgen wäre völlig in Ordnung gewesen, die Nachricht kam eine halbe Stunde vor Arbeitsbeginn. Aber ist egal, eine Lernerfahrung“. Natürlich gibt es eine Wetterwarnung wegen ergiebigem Dauerregen, an dem Tag, an dem wir uns zum wandern verabredet hatten. Wir verlegen den Termin, auf wann anders.

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Die Äpfel sind reif. Wir brauchen Apfelmus. Einkochen funktioniert bei mir unter normalen Umständen im Autopilot. In der kleinen Fewo-Küche nicht, aber man gewöhnt sich.

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Märzkind bringt mir Blumen mit. Einfach nur so. Ein Glas Wein, Herbst-Wetterereignis vor dem Fenster, der Duft von frischem Apfelmus – Pause – mental health matters.

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„Was machen die da?“, fragt Julikind. Zu zweit stehen wir eine Weile am Fenster und blicken schweigend auf den Parkplatz. Drei Männer in Arbeitskleidung gehen um das „neue“ Auto herum, wechseln dabei regelmäßig die Richtungen, blicken auf Reifen, knien sich hin, stehen wieder auf, jemand holt einen Wagenheber. Irgendeinen Grund scheint das ganze zu haben, denn sie reden miteinander. Nur mal gucken würden sie wahrscheinlich ohne Worte, „keine Ahnung“, sage ich, es ist ein bisschen so, als würde man ins Aquarium gucken.

Maikind hat ein Auto gekauft, Wunschzustand zum Wunschpreis, es wurde Dienstag geliefert. Am Freitag bringt der Liebste das Wunsch-Kennzeichen mit, weil er natürlich jemanden kennt, die nebenberuflich für Leute zur Zulassungsstelle geht. Leider sind die Bremsen, die der Neue bestellt hatte noch nicht da, das verzögert den Einbau.

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Freitag morgen steht die nächste Messung der Bautrocknung an. „Was hat Ihnen denn der Kollege gesagt?“, fragt der freundliche junge Mann. „Es waren drei verschiedene Leute aus Ihrer Firma da, jeder hat was anderes gesagt.“ „Ja“, er lacht „das ist immer so“. Er misst nach, er murmelt. Das decke sich mit dem, was der Kollege vor zwei Wochen gemessen und angegeben hat. Er habe dann jetzt im Auftrag stehen, dass er die Fliesen abnehmen soll. „Aha“, sage ich.

Während der in der Küche die Fliesen von der Wand geholt werden, klingelt der Postbote, er braucht meine Unterschrift. Die offizielle Kündigung kommt per Einschreiben, außerdem ein Paket mit 6 Kartuschen gratis Waschmittel, die gabs zu der Waschmaschine dazu.

Eine halbe Stunde später bittet der Handwerker um Entscheidungen. Soll ihre Firma die Sanierung übernehmen? Jo, so hatten wir das gedacht. Natürlich, er könne das so schreiben aber, „ich sag Ihnen ganz ehrlich, dies Jahr wird das nichts mehr“ Ok. Neuer Plan.

Ich würde also bei verschiedenen Handwerksfirmen Kostenvoranschläge einholen, denn wir möchten die Räume gern zeitnah wieder nutzen. Er wirkt erleichtert, dann schreibt er jetzt Fremdfirmen und dann muss er garnicht sooo genau dokumentieren, und für die Wand da hätte er noch einen Rat, wenn ich Bedarf hätte. Gerne. Wo wir uns so nett unterhalten, „wieso hat der Kollege, der hier vor vier Wochen die Trocknungsgeräte hingestellt hat nicht schon sofort die Fliesen abgenommen?“, frage ich. Ja, es sei so, man würde meinen, diese Fliesen gäbe es nicht mehr, kann man aber natürlich bestellen, in einer Firma die Kleinstauflagen nach Muster fertigt – da kostet dann so eine Fliese 10x10cm 20 Euro. „Die Fliesen sind vierzig Jahre alt und naja, sehen sie ja selber… Wir hätten die dann einfach alle abgemacht und irgendwas neues hin“ „Das sagen Sie, das sage ich, aber es gibt Leute… das stellen Sie sich nicht vor“, sagt er.

Herbstanfang

Es gibt gute Nachrichten, mehrere. Hinter jeder steht eine Geschichte. Aus Zeit- und Verschwiegenheitsgründen werden die unerzählt bleiben. Allzuviel Vorstellungskraft braucht es allerdings nicht, wenn man schon mal mit Teenagern zu tun hatte oder mit Altbauten.

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Maikind hat seinen Führerschein bestanden und darf jetzt begleitet fahren.

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Wenn „alle“ zum essen da sind, bedeutet dass wieder 6 Personen. Auf dem Plus-Eins-Platz sitzt jetzt allerdings jemand anderes. Drei Tage geben sich alle Mühe einen guten Eindruck zu machen, dann ist die Integrationsphase abgeschlossen.

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Der Estrich in der Küche kann drin bleiben. Juhu! Der Fussboden im Wohnzimmer auch. Wer hätte gedacht, dass das mal als gute Nachricht durchgeht. Bautrockner laufen, man freut sich darüber, nach neun Wochen. Andererseits – die Geräuschkulisse, die Raumluft, die Umstände… die Trockner ziehen Lebensenergie. Als Symbolbild der Stimmung, diese im Gewürzregal vergessene Chili.

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Ein abrupter Wechsel der Jahrezeiten. Zwischen „boar ej, man schwitzt im sitzen“ und „hätte ich mal lieber Handschuhe mitgenommen“ liegen nur 36 Stunden.

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Wir hatten SterneHerzenBrezeln, gefüllte Herzen, Marzipan-Nougat Baumstamm, Blätterkrokant und Spekulatius. Ich wäre dann durch mit Weihnachten, von mir aus könnte das Sortiment wieder raus. Leider ist das Gegenteil der Fall. Die Drogerie bietet 30 verschiedene Adventskalender. Am ersten Oktober. Ich spüre das Erwachen meines inneren Grinches.

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Es ist nur eine Erkältung. Wobei das „nur“ sich auf den Covid-Massstab bezieht. Früher – da hätte ich durchaus gejammert. Drei Tage bin ich völlig fertig und werde dann wieder gesund. Einfach so. Schön ist das.

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Autsch. Da bin ich aber irgendwo ganz fies hängen geblieben. Ich ziehe meinen Arm und die Wäsche wieder aus der Waschmaschine, kann aber nichts finden. Merkwürdig. Bei der nächsten Ladung das gleiche, ich fluche und wundere mich, erkältungsbedingt allerdings nur ein bisschen. Stunden später kommt mir eine Idee, was das für eine Art Schmerz gewesen sein könnte, aber das ist unmöglich oder, frage ich Maikind. „Naaargh“, sagt er, muss er mal gucken. Beim Abendessen ist klar, ich hatte recht. Da fließt Strom, wo keiner sein sollte, er hat auch direkt einen verbraten gekriegt, musste er garnichts messen, sagt Maikind. „Und jetzt? Lieber nicht mehr benutzen?“, frage ich nach. „Auf. Keinen. Fall.“, sagt er und guckt dabei einen Lebensgefahr durch Dummheit Blick. Dachte ich mir schon.

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Erkenntnisse im Vorbeigehen: Man hat viel Platz, so ohne Spülmaschine und Unterschränke und Waschmaschine. Man braucht eigentlich ziemlich wenig Geschirr, wenn man immer alles sofort mit der Hand spült. Man gewöhnt sich an die seltsamsten Abläufe. Zum Kochen und spülen gehen wir jetzt eben einmal ums Haus, in die Ferienwohnung. Was für ein Glück, dass wir die haben!

Nach 10 Tagen ohne Waschmaschine ist die Definition von „nichts zum anziehen“ eine andere.

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Er würde eventuell heute noch einen Whiskey trinken, sagt der Liebste, abends nachdem wir gemeinsam den Abwasch gemacht haben. Ich auch. Problem: Da wo wir sind gibt es keinen Whiskey, und wo der Whiskey ist gibt es kein Sofa, niemand hat Lust noch zweimal ums Haus zu laufen. Eine halbe Stunde später sitzen wir auf dem Bett, jeder mit einem Buch und reichen uns hin und wieder das Glas rüber. Eine richtig gute Lösung, hätten wir schon eher mal drauf kommen können. Der angemessene Abschluss für so eine Woche. Naja, fast, es ist Dienstag. Eventuell gibt es eine leichte Tendenz Richtung Schnauze voll.

Sommer Momente

Der Versuch, noch ein paar Sommerschnipsel einzufangen.

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Geburtstage haben wir gefeiert, drei Stück innerhalb von zwei Tagen, die Geburtstagskinder einigen sich routiniert auf einen Ablauf.

Einige Kaffeegäste der ersten Feier warten in den Autos vorm Gebäude. Die, die schon drin sind stehen am Fenster. Es regnet. Vor fünf Minuten war noch garnichts, jetzt Sintflut. Die zweite Party des Tages sollte in unserem Garten stattfinden. Alle Gäste im Haus zu platzieren wird ein Abenteuer, wegen der Wasserschadensituation, aber, „warten wirs erstmal ab, vielleicht geht es ja nachher wieder“, sagt der Liebste.

Drei Stunden später sind alle drei Gartentische voll besetzt mit fröhlichen Gästen. Es tropft noch ein wenig von den Bäumen, aber ansonsten, ein schöner Sommerabend. 35 Liter Regen in einer halben Stunde waren das, erzählt man sich, im Nachbarort sogar noch mehr. Es gab mal eine Zeit, früher, da hätte der Rest des Tages dann drin stattgefunden. Für einen Augenblick denkt man sich irgendwas mit Klima.

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Der enspannteste Hochbetagten-Geburtstag aller Zeiten. 6 Meter Frühstücksbuffet für 20 Leute. Jeder findet was, alle sind zufrieden, nette Gespräche.

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Besuch im Wildpark. Der Opa hat von den Kollegen einen Uhu bekommen, zur Pensionierung, den würden wir gern mal sehen, oder zumindest das Schild fotografieren. Tatsächlich sehen wir an dem Tag so wenig Tiere wie wohl noch nie, stellen wir am Ausgang fest. Macht nichts, am wichtigsten sind eh die Ziegen. Ein schöner Nachmittag. Auf dem Rückweg wieder Regen, der beeindruckt und Wellen auf dem Edersee, ohauaha.

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Julikind hat im Freibad ein tolles neues Spiel mit Freundinnen gespielt: „Tabu“. Tabu ist kein neues Spiel, das haben wir auf dem Dachboden, und könnten es spielen. Zu dritt geht das aber nicht. Man könnte jemanden einladen. Julikind greift zum Telefon. Eine Stunde später sitzen wir mit vier Erwachsenen und zwei Teenagern im Garten und wundern uns, wie einfach das war. Und so total spontane Treffen sind auch eine gute Gelegenheit Knabbergebäck-Fehlkäufe unter die Leute zu bringen. Bei Tabu muss man innerhalb einer bestimmten Zeit seinen Mitspielern so viele Begriffe wie möglich umschreiben. Dabei darf man bestimmte Worte nicht verwenden, sonst wird man angetrötet und die andere Mannschaft bekommt einen Punkt. Im Prinzip total einfach. In dieser neunziger-Jahre Version des Spiels gibt es allerdings Begriffe, die kann man 14-jährigen beim Besten Willen nicht erklären. CD-Rom zum Beispiel. Es hagelt Alterungsmomente.

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Oh. Da hängt ein Schild in der Einfahrt, in zwei Meter Höhe. Etwa so groß wie vier Seiten eines großen Zeichenblocks. Darauf steht ganz genau, wie dieses Parkplatz-Kassensystem arbeitet. Vom Auto aus hat man keine Chance das zu lesen, aber, jetzt, wo wir so hier stehen, wird uns klar, auf welche Vertragsbedingungen wir uns versehentlich eingelassen haben, als wir vor drei Tagen schon mal hier am See waren. Verdammt. Naja, nun ist es eben so. Wir suchen uns einen Platz auf der Liegewiese. „Vielleicht könnte man…“ sagt der Liebste eine halbe Stunde später ohne jeden Zusammenhang, springt auf und verschwindet murmelnd Richtung Parkplatz. Als er zurück kommt präsentiert er stolz eine Quittung über 37,58 Euro. Der scheiß Automat hatte tatsächlich unser Kennzeichen noch drin, von vor drei Tagen, warum er die Daten neulich nicht abrufen konnte bleibt ein Rätsel, aber, ist so auf jeden Fall billiger als die Höchstparkgebühr plus Fahrzeug-Halter-Ermittlungskosten und Rechnungsporto. Der Zettel hängt jetzt an der Pinnwand.

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Auf dem Heimweg vom Badesee kommen wir an den foodsharing Kisten vorbei und da ist tatsächlich noch einiges drin. Das, was da noch liegt, müsste allerdings alles heute noch gegessen werden… Macht nichts, ich hab Zeit. Zum Frühstück gibt´s Papaya-Mango-Maracuja-Marmelade, aus richtig reifen Früchten. Es ist ein schmaler Grat zwischen Dekadenz und Biotonne.

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Der Waldweg vor uns leicht nebelverhangen, einzelne Sonnenstrahlen fallen durch das dichte Blätterdach, könnte man alles genau so für Insta nehmen. Das Bild passt nicht zur Temperatur. Es ist zu warm. Mein T-Shirt klebt am Rücken, vom spazieren gehen, morgens um halb acht, im schattigsten Wald der Umgebung. Der Hund legt mir seinen Ball vor die Füsse. Punkt. Normalerweise fordert er dann unmissverständlich zum erneuten werfen auf. Jetzt bleibt er einfach stehen und guckt so, als ob ich irgendwas ändern könnte, an diesem Wetter.

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Die Straße, die von hier aus auf direktem Weg ins Städtchen führt, wird dann ab nächster Woche gesperrt sein, sagt das Schild. Bis vorraussichtlich 26.07.2025. Seufz. Man wird sich wohl gewöhnen.

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„Fachwerkbalken sind nicht Teil der Elementarschädenversicherung“. Die Information überrascht mich derart, dass ich meine folgende Frage recht schlicht formuliere „hä?“ Fachwerkbalken seien generell nicht versicherbar, sagt der Gutachter im Plauderton.

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Wir schleudern den letzen Honig der Saison. Es war eine gute Ernte. Sehr erfreulich, denn das hatte so ehrlich gesagt niemand erwartet.

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Maikind und ich stehen vor der frisch aufgebauten Produktinsel im Supermarkt und beratschlagen uns. Im Auto sind es ungefähr 60°C aber wir haben eine Kühltasche dabei. Darin könnte man durchaus auch schokoladenüberzogene Lebkuchen transportieren. Es spricht also nichts dagegen die Saison zu eröffnen. Wir packen unseren Einkaufkorb und nehmen mit: anderthalb Kilo Weintrauben, eine Wassermelone, einen Butternutkürbis und eine Packung SterneHerzenBrezeln. September also.

Normal wäre schön

Wir verlassen die angenehm temperierte Kirche in Richtung Friedhof. Draußen ist es heiß und hell und man hat irgendwie das Bedürfnis, sich mal zu schütteln. „Also, der Nachruf des Sportvereins war sehr schön“, raunt man sich zu, am Friedhofszaun. „Sollte ich versterben, während der örtliche Pfarrer Urlaub hat, lagert mich bitte ein“ , flüstere ich Märzkind zu „kein Ding“, sagt sie halblaut. Ein nebenstehender Verwandter hat uns wohl gehört und erkundigt sich ganz vorsichtig, ob uns denn diese Ansprache auch irgendwie – speziell – vorgekommen sei. Speziell? Die war schauerlich. Er wirkt erleichtert.

Wir gehen weiter und treffen den, den ich in letzter Zeit öfter auf Beerdigungen treffe, nur auf Beerdigungen. Den Liebsten hat er schon länger nicht gesehen, man begrüßt sich herzlich, „wie geht`s euch denn? alles gut?“ die Frage ist ehrlich gemeint und erfordert keinen small talk, „nnnnaaaarrrghhh“, macht der Liebste, untermalt von einer abwinkenden Geste. „wieso, was passiert?“, fragt der Bekannte besorgt. „naaa-ahhhnee“ sagt der Liebste. „Wasserschaden gehabt diese Woche“, erkläre ich, „mittlerweile haben wir wieder Wasser, und das Chaos einigermaßen im Griff, also, im direkten Vergleich zu dem, was andere diese Woche zu stemmen hatten“ sage ich und mache eine Geste Richtung Friedhof und Trauergesellschaft „haben wir kein Problem“. „…trotzdem blöd, im Urlaub“, sagt der Liebste. „Da haste recht“, sagt der Bekannte, „die meisten Leute wollen es immer schön haben. Im Urlaub dann nochmal ganz besonders. Ich bin da gerade an so einem Punkt – ich brauche garnicht besonders schön, wenn mir dafür das besonders blöde auch vom Leib bleibt. Normal finde ich gut.“ „Normal find ich auch schön“, sage ich, „wenn da einfach Wasser aus der Leitung kommt, zum Beispiel, das weißte nach zwei Tagen ohne ganz anders zu schätzen“, „… und so ein Küchenabbau ist gewissermaßen auch eine Familienaktivität“, ergänzt der Liebste, „beim Laminat raustragen kann sich jeder einbringen, haben ja alle Urlaub“. Wir lachen, so man eben lacht, am Rande von Beerdigungen. „Naja, Wasserschaden ist immer scheiße“, sagt der Bekannte in tröstendem Tonfall.

Ich sehe die Omma alleine in der Menschenmenge stehen. Eigentlich hatte ich gedacht, der Sohn, der nicht der Vatta ist würde sie mitnehmen, aber nun denn. Ich hake mich bei ihr unter. Sie begrüßt mich herzlich und erzählt, dass ihre Hände irgendwie so kribbeln als würde sie da vielleicht einen Krampf oder so, aber das kann ja nicht sein? Ob sie denn heute schon was getrunken hat, frage ich, betont beiläufig. Selbstverständlich. Sie hatte eine Tasse Kaffee heute Morgen. „Weißte was“, sage ich, „wir gehen jetzt einfach schon mal schon mal vor, zum Kaffee trinken“. „Das ist eine gute Idee“, sagt sie. Drei Meter weiter wird sie von freundlichen Menschen namentlich angesprochen und schaut mich fragend an. Ich kann leider nicht helfen, wir kennen uns nicht. Das stimmt, man erläutert das Bekanntheitsverhältnis, die Omma freut sich sehr. „und das ist ihre Tochter?“ fragen die Leute. „Ja genau“ sagt die Omma. „ähm, ich will ja nicht pingeling sein“, sage ich und stupse Omma sanft gegen die Seite, “ aber – du hast gar keine Tochter“. „Äh ja, nee“, sagt sie und muss selber lachen, „Enkeltochter?“ schlägt ihre Bekannte vor „sicher, die Enkelin isses“.

Normal halt.