Die Freundin kommt spontan vorbei, ich freue mich. Vor der Haustür klopft sie sich symbolisch den Staub aus den Klamotten, ich winke ab, einfach hinsetzen, ist heute total egal. Sie erzählt von der Baustelle. Da ist leider alles ziemlich genauso wie erwartet, was kein Vorwurf sein soll, der Mieter war Ü-80 und ein Guter. So einen werden sie wohl nicht mehr finden. Wer will schon direkt an der Bundesstraße wohnen, mit Gasheizung? De Politik tut so, als hätten Vermieter grundsätzlich einen Sack voll Geld, aber dem ist nicht so. Die Wohnung müsste mal etwas abwerfen, damit Geld für Investitionen da ist, aber, Hauptsache ist natürlich es wohnt überhaupt jemand in so alten Häusern. Es ist kompliziert.
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Zum Muttertag bekomme ich Geschenke, und freue mich sehr. Große Kinder sind toll.
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Elf Leute sitzen um den Küchentisch und lauschen angestregt.
Märzkind: „ooohhhh, das ist der, der das Tarzan-Lied singt“
ich: „stimmt, Phil Collins“
Vatta zeigt zielsicher auf zwei kleine Kärtchen, die schon auf dem Tisch liegen: „Genesis, das kommt dazwischen“, sagt er. Alle anderen staunen.
Hitster, battle of the generations (Werbung, Spiel natürlich selber gekauft), man lernt sich irgendwie nochmal anders kennen dabei.
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Bei Schichtwechsel sind kurz fast alle da, man verabschiedet mich nett. Am nachmittag ist nicht viel los. Zur Feier des Tages setzen wir uns doch einfach selber hin, sagt die Kollegin. Wir trinken Kaffee, essen Sahnetorte und unterhalten uns. Ich war gern hier und dachte, ich wäre ich trauriger. Aber, weil die Dinge jetzt so sind, wie sie sind, bin ich leider ein bisschen froh…schade, ist das, sind wir uns einig.
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Ein Blick auf Thermometer verrät, dass das Wetter tatsächlich so ist, wie der Blick aus dem Fenster vermuten lässt, aber nützt ja nix. Ich nehme mir also den Wintermantel, Handschuhe und Mütze, ziehe die warmen Stiefel an und gehe die morgendliche Hunderunde bei stürmischen 3°C. Das Weihnachtsbaum-Feld wurde geschreddert. Ein trauriger Anblick, aber es riecht gut. Das Wetter, der Geruch, dazu ein Gefühl von fast völlig verbrauchten Nerven- sehr adventlich. Zu Hause mache ich den Ofen an. Mir doch egal, ob Mai ist.
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Am frühen Sonntag morgen machen wir uns auf, in die Kurstadt zum Mädchenflohmarkt, das Auto ist voller Mädels. Auch dieser Flohmarkt ist ein bisschen ramschiger geworden, aber es lohnt sich noch. Vielleicht könnte man auch mal nur so hierher kommen, überlegen auf dem Rückweg. Hier gibt es noch Geschäfte und Cafes. Nicht nur Modeketten und Dönerbuden. Man fährt 45 Minuten, so weit ist das eigentlich garnicht.
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Nagut. Weil man mich so nett gefragt hat, gehe ich nachmittags kurz mit zum Brauchtumsfest. Aber wirklich nur Kaffee trinken. Ja sicher, sagen die, die gerne hin wollen. Auf dem Weg zum Eingang das Geräusch von billigen Plastiktrompeten und „bin ich froh, dass ich so einen scheiß nicht mehr kaufen muss“, sage ich zu Märzkind. Sie grinst nur. Man begrüßt uns herzlich, was kein Wunder ist, es gab hier im tagesverlauf mehrerer hundert Liter Freibier. Überraschend guter Kaffee und leckerer Kuchen. People watching. Ich kenne die Kinder nicht mehr. Ein Alterungsmoment. Obwohl, wenn man da einen Moment länger hinguckt – sehen einige doch Leuten ähnlich.
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Dienstag abend sitzen wir zu dritt auf dem Sofa und schauen uns eine Sendung über Essen an. Stanley Tucci dreht die Spagetti gegen den Uhrzeigersinn, bemerkt der Liebste. Ist mir nicht aufgefallen, sage ich. Hä? sagt Julikind, das ist doch die ganz normale Richtung. Nee. Ich drehe kurz eine imaginäre Gabel, der Liebste neben mir macht das gleiche. Hää? sagt Julikind, geht an die Besteckschublade und holt eine Gabel. Sie dreht Spagetti nach links auf, ganz normal. Wenn beide Eltern die Spagetti nach rechts drehen, wie kommt es dann, dass das Kind…? Nee, nee, macht Sinn, sagt der Liebste, spiegelverkehrt.
Prüfungswoche der Realschüler. Montag Englisch, Mittwoch Deutsch, Freitag Mathe. Dazwischen Anspannung und geistiger Tiefflug gleichzeitig.
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Wir decken gemeinsam den Tisch fürs Abendbrot, alle versuchen, sich dabei so wenig wie möglich auf den Sack zu gehen, jeder hatte heute irgendwas, alle geben sich Mühe. Das Festnetztelefon klingelt, wir wundern uns kurz, denn das tut es nicht oft. Der Liebste geht ran, murmelt etwas von, da sei er leider noch nicht zu gekommen, dann schaut er mich an, und fragt, völlig ernst „Möchtest du Freitag Matjes essen?“ Ich bin gedanklich gerade woanders und antworte daher das offensichtliche, formuliere es aber intuitiv so, dass die Frage nach einer mentalen Gesundheit mitschwingt „Nein!? Ich möchte nie Matjes essen.“ Er gibt das wortgetreu so weiter, und fügt hinzu, dass er dann alleine kommt. In dem Moment puzzelt mein Hirn die Informationen Festnetzanruf, Freitag und Matjes zusammen. Ohauahaua. Wobei, eigentlich, war das genau die richtige Antwort, und jetzt ist es sowieso egal, aber, nur fürs Protokoll, auf die Frage „Hamburg reist schon Freitag an, möchtest du mit zum Geburtstagsessen meiner Mutter?“, hätte ich diplomatischer reagiert.
