Frühling im Februar

In der letzten Woche waren abends, nach der 10 Minuten Runde mit dem Hund meine Schnürsenkel als Schleife festgefroren und gingen schlecht auf. Diese Woche können das Julikind und ich barfuss auf dem Hof laufen und Kreidebilder malen. Der Schnee ist weg und es ist 30°C wärmer.

Zwei Tage bin ich müde und gereizt, bis ich darauf komme, meine Allergiemedikamente der Wetterlage anzupassen. Frühling also.

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Rückenschmerzen, Neurodermitisprobleme, Nackenverspannungen, Kopfschmerzen, Heuschnupfen, verschiendene Arten von Schlafstörungen, jeder von uns hat irgendwas. Eine unübersichtliche Menge an Hausaufgaben muss immernoch auf verschiedensten Wegen zu der jeweils richtigen Zeit an die Lehrkräfte geschickt werden. Online Unterricht, ach, zu dem Thema kann man auch einfach schweigen.

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Der Garten sieht ohne Schnee traurig aus. Man müsste da mal, mindestens die Wege fegen, alte Sachen rausrupfen, neues vorbereiten. Die „man müsste mal-Liste“ ist lang.

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Donnerstags läuft Germanys next Top Modell. Das Märzkind ist nachmittags schon ganz raschelig. Ob es heute wohl das große Umstyling geben wird? Sehr wahrscheinlich wird diese Eine rausfliegen, das wäre zwar schade, die ist eigentlich total süß, aber leider ist die schlecht gelaufen. Schlecht gelaufen? Ich habe mir zwei Wochen lang Mühe gegeben. Aber dieses quieksige „Oh!Mein!Gott! „, es ist nicht meine Welt. Sorry, ich finde diese Designerin sehr unhöflich und dieses mega-stylische outfit, das ist Lego auf einer umgedrehten Regenronne, oder?

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Wir wollten Englisch machen, nach dem Abendessen. Um halb zehn sitzen das Julikind und ich zu Tränen gerührt am Esstisch. Es ist aber auch wirklich schön. Irgendwie sind wir auf Youtube gelandet und schauen uns Videos davon an, wie amerikanische Militärangehörige nach monatelangen Einsätzen wieder nach Hause kommen und von ihren Kindern begrüßt werden.

Wir haben beide keine Lust mehr auf diese außerschulische Lernsituation.

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„Ach, Corona, so langsam reicht es, sollen sie doch einfach alles wieder aufmachen. So schlimm wird das schon nicht, oder, hast du in den letzen Wochen nochmal was gehört, dass es irgenwer hatte?“, mein Gesprächspartner ist merklich angenervt von dieser Situation. Das kann ich richtig gut verstehen, erschrecke mich aber trotzdem ein bisschen. „In meinem Bekanntenkreis sind vier daran gestorben, in den letzen Wochen“. „Oh“, sagt er.

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Das Märzkind hat einen Praktikumsplatz. Den, den sie am allerliebsten wollte. Da kullert mehr als nur ein Stein vom Herzen. Kurz wird die Stimmung getrübt von der Erkenntnis, dass sie dann dieses Jahr nur drei Wochen Sommerferien haben wird. Aber, eigentlich ist das wahrscheinlich auch egal, in diesem Jahr. Dann muss sie sich jetzt wenigstens keine Sorgen mehr machen, über diesen zermürbend provisorischen Präsenzunterricht.

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Ich lese keine Tageszeitung, ich tratsche am Küchentisch. Es könnte also sein, das meine Informationen, aufgrund der aktuellen Situation, veraltet sind. Aber wenn sie stimmen, dann muss innerhalb der Gemeinde eine Kläranlage neu gemacht werden. Muss, im Sinne von echt jetzt, weil anders geht es nicht mehr, egal wer gewinnt. Das wird leider richtig teuer, ohne das irgendwer, irgendeinen Mehrwert davon hat. Man kann sich aber aussuchen, ob das wirtschaftlich/gut für die Umwelt/ein Gewinn an Lebensqualität im ländlichen Raum/eine nachhaltige Investition sein soll.

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Der Onkel kommt um halb drei, sagt das Märzkind, wegen Haare schneiden. Der Onkel ist über das Wochende bei den Eltern. Die kommen mit. Sechs Stühle stehen ja immer am Tisch, einen siebten haben wir auch schnell organisiert, aber wo ist eigentlich der achte? Wann haben das letzte mal acht Leute am Tisch gesessen? Überhaupt noch nie, seit wir umgeräumt haben. Es geht aber. Ganz gut sogar. Einen Moment schauen alle leicht verwundert, man muss sich kurz an diese Situation gewöhnen. „Legal ist das nicht“, sagt der Vatta. Aber shutdown tut uns allen nicht mehr gut.

„Das war aber richtig schön, heute“, sagt das Maikind abends.

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Zwei Tage Schule hatte das Julikind in dieser Woche. Einerseits freut mich das, es hat sich angefühlt wir Urlaub. Andererseitshttps://www.zdf.de/comedy/noch-nicht-schicht/noch-nicht-schicht-210223-102.html

Halbzeit Februar

Ich bin anscheind der einzige Mensch, der im Wald spazieren geht. Die Hunderunde, die ich sonst in 40 Minuten laufe dauert anderthalb Stunden. Auf der ganzen Strecke liegen durchgängig 30cm Schnee, ich komme bei -10°C ins schwitzen, während zeitgleich meine Haare einfrieren.

Mir begegnen immer mal Tiere hier, aber wie viele wirklich unterwegs sind, das sieht man jetzt erst. Die Rehe haben schon Pfade auf dem Weg und es gibt mehr Hasen, als ich gedacht hätte. Eine Spur wird von Pfotenabdrücken gekreuzt und ein paar Meter weiter kann man deutlich sehen, wo der Fuchs dem Hasen gute Nacht gesagt.

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Vielleicht geht er einfach nicht mehr hin, zum online Unterricht, sagt das Maikind. Da wird 10 Minuten lang was erklärt und anschließend eine Stunde lang darüber geredet. Er stellt dann auf stumm und erledigt er die Aufgaben, die beim nächsten Mal online kontrolliert werden sollen. Die Hausaufgaben macht er nicht, das ist „6 Seiten lang immer die gleiche Aufgabe nur mit anderen Zahlen“, die Lehrerin schickt Freitags die Lösungen zur Selbstkontrolle, das muss man dann nur abschreiben.

Was soll ich da sagen? Er hat gelernt, eine sinnfreie Tätigkeit zu rationalisieren. Das ist was Gutes.

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Eine Lehrkraft meldet sich per mail, mitten in der Woche. Der Wochenplan sei ja bekannt, für die nächste online Stunde solle bitte noch das Arbeitsblatt aus dem Anhang bearbeitet werden. Die Email hat keinen Anhang. „Hast du ein leeres Blatt, oder soll ich dir eins geben?“, frage ich das Maikind. Er hat eins. Immer top vorbereitet, das Kind, da muss ich aber mal loben. Wir sind an einem Punkt, wo wir darüber lachen können.

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Auf dem Englisch-Wochenplan des Julikinds steht etwas von „wenn wir uns nächste Woche wieder sehen“. Hä?

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Der Minister schreibt uns Eltern. Tatsächlich, ab nächster Woche Wechselunterricht für die Klassen 1-6, weiterhin dieser die-ganze-Klasse-geteilt-in-zwei-Räumen-zeitgleich-mit-ein und derselben Lehrkraft-Unterricht für die Abschlussklassen, und für die Klassen 7-9 ist man voller Hoffnung, dass, soweit es das Infektionsgeschehen erlaubt, eines Tages ebenfalls, irgendwas. Bla.

Das Maikind freut sich. „Das klingt nicht so, als müsste ich vor den Osterferien noch, oder?“. Nö.

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Die Saison neigt sich dem Ende und Kunden gab es keine. Ein Modehaus bietet Überraschungspakete an. Ich brauche Klamotten und kann mir sowieso nicht vorstellen, mit FFP2 Maske einkaufen zu gehen. Es passt tatsächlich alles, was in dem Paket war. Einiges davon hätte ich im Laden nicht ausgesucht, aber alle Kleidungsstücke passen zusammen. Es ergeben sich Möglichkeiten, auf die wäre ich nicht gekommen. Ich könnte wieder unter Menschen.

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Das Märzkind wird eingeladen, eine Woche Campingurlaub mit einer Freundin. Eine Mutterkollegin hat gebucht und würde, wegen der aktuellen Situation, ein paar Freunde der Tochter mitnehmen. Alle freuen sich und beginnen mit der Planung. 10 Minuten, nachdem alle Probleme gelöst scheinen ruft die Mutterkollegin an. Osterurlaube sollen vermutlich nicht gestattet werden, es wurde alles wird abgesagt. Alle sind traurig, man sagt sich die üblichen Coronafloskeln. Ist halt so.

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Das Märzkind fragt nach Geburtstagsfeier- Möglichkeiten. Ich kann da leider gar nichts versprechen. Der aktuelle shutdown soll am 7.März enden. Man weiß nicht, was das heißt, oder was danach kommt. Eine Uroma hat den zweiten Impftermin drei Tage vorher, die könnten wir auf jeden Fall einladen. Was eine Feier mit Freunden angeht, da müssen wir abwarten, wie viele dann erlaubt sind und was geöffnet hat. Wir überlegen Miniparty-Möglichkeiten. Peinlich darf es unter keinen Umständen werden, langweilig auch nicht, wenn es nur so wenige Leute sind, dann ist es auch wichtig, dass die sich leiden können. Ach, es ist kompliziert. Es ist seit langem mal wieder ein Gespräch das wir geführt haben ohne uns anzuzicken, stellen wir am Ende verwundert fest. Eigentlich – nochmal kurz nachdenken- nee, wir haben uns den ganzen Tag noch nicht angeraunzt. „Hast du im Zimmer das Fenster auf und die Heizung auf vier?“, frage ich nach. „Nee“, sagt das Märzkind, „nichtmal das“.

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Das Julikind kommt morgens in Jeans und Pulli zum Frühstück. Ich wundere mich. „Haste gesehen, Mama, ich hab mich mal normal angezogen?“ Sicher, das habe ich gesehen. Das waren 90 Tage in Jogginghosen.

Langsam wird`s unheimlich.

Winter im Februar

Aha, ich hatte mich auch schon gewundert. Dieser Roman, der da beim Maikind auf dem Sessel liegt, der soll also gelesen werden. Das ist die lockdown Lektüre. Leider ist dieses Buch das langweiligste der Welt, und man hätte ja überhaupt auch mal sagen können, dass er anfangen soll, das zu lesen und ach, habe ich überhaupt gesehen wie dick dieses Buch ist? Es waren gute Zeiten, als die Lehrkräfte sich tot gestellt haben, aber die sind vorbei. Eine kurze Internetrecherche ergibt, es handelt sich anscheind um eine Standardlektüre für die achte Klasse. Man kann Inhaltsangaben zu allen Kapiteln vorgefertigt finden. Wenn da allerdings fünf Leute den gleichen Text einreichen, das wäre auch doof. Ich bestelle das Hörbuch.

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Die Englischlehrerin hat in der letzten Woche erstmals Hausaufgaben verlangt und diese Woche Sachen zur Korrektur vorliegen. Sie bittet in einer email alle Eltern, die Fotos der Aufgaben ab jetzt als pdf Datei zu schicken, denn, es ist schon ziemlich viel, all die Fotos zur Korrektur auszudrucken. Die dazu nötige app sei natürlich kostenlos.

Das ist ja nun wirklich kein Problem. Wenn wir sonst noch irgendwie helfen können, einfach sagen.

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Wir nutzen das click und collect Angebot des Baumarktes. Drei Waschbecken lang konnte die Armatur genauso einfach wieder dran gebaut werden. Diesmal passt nichts mehr zusammen. Anscheind haben sich die Abmessungen des günstigen Standard- Waschbeckens, das wir immer nehmen, irgendwie geändert. Es hat diesmal auch wirklich lange gehalten. Aus den 85 vorrätigen Möglichkeiten muss ich die einzig wahre Waschtischarmatur finden und online bestellen. Der Wasserhahn geht gerade so bis über das Waschbecken, der hätte ruhig 5cm länger sein können. Naja, aber so geht ja erstmal, sagt der Liebste. Wir wissen beide, dass das für immer so bleiben wird.

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Insgesamt hatte ich bei diesem homeschooling Quatsch den Eindruck, ich weiß nix mehr. Ich kann beim besten Willen keine Parabel mehr verschieben. Ganz spontan habe ich keine Ahnung, welche Klärstufen Abwasser durchläuft und zur Frühgeschichte der Menschheit ist gleich nach dem Stichwort Neandertaler Ende. Ich habe mir den aktuellen Spiegel-Wissenstest (*Werbung, unbezahlt, unbeauftragt, selber gekauft) mitbestellt, um herauszufinden, was man denn so allgemein wissen müsste. Siehe da, haha, zu meiner großen Freude erreiche ich ein Ergebnis, dass in der Testauswertung als „super“ beschrieben wird. Jetzt geht es mir besser. Mit Wissenlücken im Bereich Sport komme ich prima durchs Leben. Der Ruderweltmeister im Einer war vorher Schwimmer, übrigens.

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An ihrem Geburtstag ist die Liesel nicht ans Telefon gegangen. Das war schon ungewöhnlich. Als sie das letzte mal mit ihr gesprochen hat, da war sie ganz durcheinander. Der Willi war gerade ins Krankenhaus gekommen. Da hatten sie gesagt, der hat Corona. De Omma probiert es über mehrere Tage und telefoniert schließlich so lange herum, bis sie weiß, was los ist.

Die Liesel ist verstorben. Wenige Tage danach der Willi. Es fühlt sich an, wie ein Unfall. De Omma ist ganz durcheinander, sagt sie.

Ü80-jährige sind hier auf dem Land keine unbekannten, abgeschirmten Bewohner von Altersheimen. Das sind Leute. Ich kannte beide.

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Die Oma im Städtchen hat einen Impftermin Ende Februar. Eine freudige Nachricht, die man sich innerhalb der Familie weitererzählt.

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Winterwetter wird angesagt, aber so richtig. Man möge sich auf 40cm Schnee und Stromausfälle einstellen. Na toll. Locktown level zwei. Teenager ohne Strom. „Heißt dass dann, es würde auch kein Internet gehen?“ Ja. Wir wappnen uns mental. Alle Akkus werden bis zum Anschlag aufgeladen.

Sonntag vormittag liegt schon ein bisschen Schnee. Es ist auch windig, aber als Schneesturm würde ich das insgesamt nicht bezeichnen. Ich gehe eine große Runde mit dem Hund, für den Fall, dass es nachmittags doch noch Wetter gibt. Zwei Stunden laufen wir durch frischen Pulverschnee und sind fast überall die ersten. Das ist richtig schön, nach wochenlangem nebligen Matschwetter.

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Gerade als ich dachte, von dem angekündigten Unwetter haben wir nicht wirklich was abbekommen, fängt es an zu schneien. Sonntag abend schippt der Liebste nach der Arbeit noch eine Stunde die Einfahrt frei. Montag morgen ist davon nicht mehr zu sehen. Die Luft ist herrlich klar und der zugeschneite Wald sieht aus wie auf Instagramm. Noch vor Kaffee fange ich an, Schnee zu schaufeln und merke schnell, dass es eine Weile dauern wird. Ein kleiner schneebeladener Traktor fährt an unserer Einfahrt vorbei und kommt kurze Zeit später ohne Schnee wieder. Dreimal hintereinander. Im Ort stehen die Häuser dichter, da kann man den Schnee nicht einfach den Hang runter schaufeln. Als ich es fast geschafft habe, fährt das städtische Räumfahrzeug vorbei. Die 20cm Schnee, die auf der Straße lagen, landen schwungvoll in unserer Einfahrt. Och nö.

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Das Märzkind hat diese Woche auch keine Präsenzschule. Wegen Schnee, mal was anderes.

Montag morgen um 10 sind die Server überlastet. Je mehr Schüler, desto weniger Unterricht.

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„Mama, komm schnell, ich glaube, da sind Papageien am Futterhäuschen!“ Kernbeißer sind schon beeindruckend groß.

Blick aus dem Fenster