Jetzt schon?

Ein Notarztwagen kommt uns entgegen, halb auf unserer Seite der Straße und ziemlich schnell. Ausweichen kann man auf der kurvigen Strecke durch den Wald kaum. Wenn der so schnell fährt könnte er doch ruhig mal tatütata anmachen. Ein Schreckmoment. Dann fragen wir uns kurz, was wohl los ist, denn wenn hier ein Notarzt fährt, will der ins Dorf. Merkwürdig, dass vorher kein Rettungswagen kam, den hätte man gehört.

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(Aus dramaturgischen Gründen werden im folgenden Markennamen genannt, nicht zu Werbezwecken. Wir zahlen das ganze Geraffel selber.)

Die Großen wünschen sich alle Geld, erfahre ich per whattsapp, der Kleine überlegt noch. Gefragt hatte ich vor drei Wochen. Wer mich kennt weiß eigentlich, dass ich nie im Advent in Fussgängerzonen gehe. Dass Paketzustellungen im Moment etwas länger dauern ist doch eigentlich auch klar. Ich mache eine klare Ansage. Wunsch jetzt – oder Geld zu Weihnachten.

Ein Legoset also. Lego im Dezember… wer schon mal ein bestimmtes Set gesucht hat weiß, dass das nicht so einfach ist. Ich frage nach: Wenn dieses Set nicht zu bekommen ist? Anderes Set? Gleiche Baureihe oder was ganz anderes? Gutschein? Bargeld? Es kommt ein Foto von einem Siku- Traktor. Ich seufze und schicke die Bilder weiter an den Liebsten, er ist der Onkel und hat vor Weihnachten frei. . „Jo, ist Lego, das ist ja kein Problem“. Vielleicht hat er Recht.

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Ich würde gern mal wissen, wo das Märzkind steht. Reicht das kommende Zeugnis zur Zulassung zur weiterführenden Schule oder nicht? Mehr geht nicht. Wir werden ab hier mit dem arbeiten, was da ist. In den Weihnachtferien werden wir Bewerbungen auf den Weg bringen, die Frage ist nur für was.

Die Klassenlehrerin meldet sich schnell. Sie habe da ja auch schon gesprochen und hält das für eine ganz gute Idee mit der weiterführenden Schule. Das Märzkind sei aus ihrer Sicht in jedem Fall dafür geeignet, sie wundert sich. Ich frage mich, warum so viele Lehrer da so dramatisch Druck aufbauen. Es hilft nicht.

Das Märzkind ist wie ausgetauscht. Die Tante holt sie nachmittags ab, sagt sie. Sie fahren ins Städtchen und lassen Fotos machen für Bewerbungen, vielleicht auch mal nach einem Weihnachtsoutfit gucken…

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Das Maikind fährt irgendwann demnächst ins Städtchen zur nächsten Runde im Mathewettbewerb. Also, wenn er da Hilfe braucht, sagt die Oma, dann soll er aber bescheid sagen. Sie könnte zum Beispiel vor der Tür stehen und Plakat hochhalten. Niemand wird das Datum erfahren, sagt das Maikind.

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Weihnachten bei den Eltern im Wohnzimmer war eigentlich durchgewunken. Wir hatten uns gewundert, waren aber mental an einem Punkt, wo man Sachen mit einem Schulterzucken und einem gemurmelten „wenn sie meinen“ hinnimmt. Zwei aus der Hochrisikogruppe wollen zwar einerseits gerne dabei sein, haben aber andererseits Bedenken, mit so vielen Leuten in einem Raum. Weihnachten in der Scheune kommt wieder ins Spiel. Die Scheune ist nach oben hin riesig. Mit genügend Abstand könnte man da den ganzen Abend atmen ohne irgendein Aerosol zweimal zu erwischen. Leider ist die Scheune auch einfach die Scheune. Um da einen Hauch von Landlust Weihnacht reinzubekommen müssste man schon so einiges vorher noch. Kalt wäre es trotzdem, eine Feuerschale kann man natürlich nicht aufstellen, gibt es eigentlich eine Steckdose? Zwei vom Team „wie-immer-im-Wohnzimmer-mit-Baum“ stellen sich quer. Ich bin raus. Man möge bitte entscheiden, was gewollt ist, dann helfe ich gern bei der Umsetzung. Das Märzkind schreitet zur Tat. Mit den Worten, sie werde jetzt alle Weihnachtsprobleme lösen, macht sie sich auf den Weg zur Oma. Stunden später kommt sie wieder, ein bisschen blass. Ich erkundige mich, worauf man sich denn nun geeinigt habe. Es sei alles nicht so einfach, sagt das Märzkind.

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Thüringen plant einen richtigen Lockdown. Kein Besuch in den Weihnachtsferien. Eigentlich hatten wir uns das gedacht, schade ist es trotzdem. Das wäre mal was anderes gewesen.

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Das Märzkind erhält per whattsapp ein schönes Gedicht, sie schmunzelt. Jemand möchte wissen, was sie sich zu Weihnachten wünscht, ihre Geschwister soll sie bitte auch fragen. Da braucht sie gar nicht laufen, die Liste liegt hier. Gewünscht wird noch ein Papierkorb in rosa oder lila, eine Schulterstütze für das nerf Modell… Der Liebste und ich gucken uns an und denken wohl das gleiche. „Schreib, ihr wünscht euch Geld“, sagt er.

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Da kommen jedes Jahr neue Weihnachtsbackbücher und ganze Plätzchen-Zeitschriften raus. Ich habe der Einfachheit halber alle gefragt, welche Sorten denn die besten sind und in diesem Jahr gebacken werden sollen. Johannistaler, Kokosmakronen, Zimtsterne, Vanillekipferl und einfach welche mit Plätzchengeschmack wurden gewünscht. Die Klassiker. Eigentlich brauche ich dann garnicht backen, weil da hab ich noch ein Foto vom Plätzchenteller vom letzten Jahr, das könnte ich in meinen Status stellen. Ein Scherz, natürlich.

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Der Hund ist wieder ganz der alte. Morgens eine Stunde raus und nachmittags nochmal, das ist zu wenig, zu langweilig. Die rote Müslischale, das beste Hundespielzeug der Welt, wird durchs Esszimmer gejagt, jeder der sich hinsetzt bekommt einen Ball vor die Füsse gelegt.

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Das erklärt, warum kein Rettungswagen kam, da hatte ich schon gar nicht mehr dran gedacht.

Glockengeläut morgens um acht. Jemand ist am Vortag verstorben. Ich öffne das Fenster und stehe einen Moment andächtig da.

Nachmittags überlegen wir, wie man Anteilnahme ausdrücken kann, bei Kontaktbeschränkungen und Personenzahl-Begrenzungen.

Alle anderen Probleme dieser Woche sind eigentlich keine mehr.

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