Jenseits der Blinklichter

Ob ich auch was essen wolle, fragt der Liebste. Ja, aber ich bringe das gerade noch weg, bevor es dunkel wird.

Vom Garagenweihnachtsmarkt der örtlichen Nebenerwerbsfloristin mache ich mich auf den Weg zum Friedhof, um das krasseste Gesteck der Christenheit zu platzieren. Sowas bekommt man nicht im Baumarkt, es wurde extra angefertigt.

Der Friedhof ist steil und die Wege sind hier nicht befestigt. Langsam gehe ich den Hang runter. Ein Nachbargrab fällt mir auf. Es wurde eingefasst und ist wirklich schön bepflanzt. Einen Moment bleibe ich stehen. Die Frau kannte ich und die Bepflanzug erinnert mich an ihren Garten. Es hätte ihr bestimmt gefallen.

Ein paar Schritte weiter ist das Grab zu dem ich wollte. Ich suche einen Platz, wo das Gesteck nicht zu sehr auffällt. Die liebevoll ausgewählte Geschmacklosigkeit ist eine Tradition, die es im Leben auch schon gab. Aber das weiß ja hier sonst keiner. Während ich ein umgefallenes Figürchen richte und ein paar Blätter wegschnipse betritt ein weiterer Besucher den Friedhof. Auch er schnippt ein paar Blätter und räumt ein Figürchen. In Gedanken scheint er ganz woanders zu sein. Eigentlich sieht alles tiptop aus.

Auf dem Rückweg nicke ich ihm zu, grußlos vorbeizugehen kommt nicht in Frage, aber ich will ihn nicht stören.

Er schaut auf das Grab, an dem ich gewesen bin und spricht mich an. Das wäre aber schön, dass ich hier sei. Jo, mach ich jedes Jahr. Ich weiß nicht, ob man das sagen darf, aber ich machs einfach mal. „Das Grab habt ihr wirklich schön zurecht gemacht, gefällt mir gut“. Zum Glück war das kein Fettnapf. Ach, das würde ihn aber freuen, das das jemand mal sagt. Sowas zu gestalten sei nicht einfach. Das glaube ich sofort. Etwas leiser frage ich ihn, wie es ihm geht.

„Ach, weißte, was soll ich sagen? Am liebsten wollen die Leute ja immer hören, dass es gut geht.“ „Ähm, nee. Wir stehen auf dem Friedhof, am Grab deiner Frau, wenn ich davon ausgegangen wäre es geht gut, hätte ich gar nicht gefragt.“ Er lächelt und überlegt ganz kurz. „Beschissen. Alles ist irgendwie wie durch Nebel, der ganze Alltag ist zäh. Manchmal weiß ich abends nicht, was ich tagsüber eigentlich gemacht habe. “ Die Kinder haben ihm gesagt, er solle langsam mal wieder einen normalen Alltag aufnehmen. Es ist ja nun schon eine Weile her. Ich blicke auf das Datum im Stein und bin anderer Meinung. „Weißt du“, ich deute auf das Grab, das ich besucht habe „das ist schon zehn Jahre her, und manchmal, im geistigen Leerlauf, kommt immernoch der Gedanke, „die hat aber lange nicht mehr angerufen““. Wahrscheinlich wird es noch eine ganze Weile dauern, bis sich Alltag wieder normal anfühlt, vermute ich.

Einen Moment ist es einfach still. Ach, eigentlich gäbe es auch schöne Momente, sagt er. Wenn die Enkel so einfach von Herzen fröhlich sind zum Beispiel, das tue ihm gut. Und an den Kindern merke man ja, das Zeit vergeht. Ich wünsche ihm, die unter diesen Umständen bestmögliche Adventszeit. „Euch auch eine schöne Zeit“, er lächelt ein bißchen fröhlicher als eben.

Nachdenklich gehe ich zurück zum Weihnachtsmarkt. Zusammen mit dem Liebsten eine Portion pulled pork zu essen ist auch eine Vorweihnachtstradition. Und gerade habe ich bemerkt, dass das gar nicht so selbstverständlich ist, wie ich dachte.

In diesem Jahr brauchte ich nichts bestellen.
Als ich an diesem Schmuckstück vorbei lief,
spielte mein Hirn einfach so ein Zitiat von Oliver Kahn ein.
„Eier, wir brauchen Eier!“

Gekauft.

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