übertroffene Erwartungen

Morgens um halb sechs ist es schon hell uns sonnig, so macht die frühe Hunderunde Spaß.

Oooooh wie süüüüß. Kurz muss ich mich zusammennehmen, um es nicht laut zu sagen. Hundert Meter vor uns, auf der Biowiese übt ein Fuchswelpe Mäuse fangen, so konzentriert, dass er uns nicht kommen sieht. Ich halte einen Moment an, um zuzuschauen, bis seine Mama mich bemerkt, der Hund wundert sich. Hinter der nächsten Kurve halten wir wieder an, Mutter Reh zeigt ihrem Kitz, was zu tun ist, wenn Spaziergänger mit Hund kommen. Ich liebe Juni, das meiste zumindest.

Heuernte, nachmittags Lockdown für Allergiker, quasi.

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Ach, übrigens, sie habe uns da angemeldet, teilt Märzkind Mittwoch nachmittag so nebenbei mit. Gut zu wissen. Samstag morgen treffen wir uns also auf dem Sportplatz im Städtchen, dort finden Kubb-Meisterschaften statt, wir sind eine Mannschaft, zu viert, Maikind hatte keine Lust, wegen Wetter. Der gesamte Sportplatz liegt in der Sonne und es ist morgens um 10 schon ziemlich warm, aber was solls, wir sind ja zum Spaß hier. Zumindest solange, bis klar wird, dass wir besser sind, als erwartet. Strategiebesprechungen aus denen man ein Bullshit-Bingo machen könnte. „Der Anfang ist das Ziel“ Am Ende werden wir dritter, nach tiebreak. Jippijeiyeah.

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Die Abende des langen Fronleichnamswochenendes verbringen wir am Edersee. Jeden Tag ist weniger Wasser als da am Tag zuvor. Es könnte ruhig mal regnen.

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Man könnte jetzt gut einfach hier am Badesee sitzen bleiben, aber wir müssen los. Jemand, den wir eigentlich kaum kennen hat einen neuen Grill bekommen und herzlich eingeladen. Wird es dort Schatten geben? Kommen da noch andere Leute? Was zieht man an? Es ist zu warm für klare Gedanken und so groß ist die Auswahl in der Kategorie sauber und gebügelt ehrlich gesagt gerade sowieso nicht, außerdem wollen wir ja eh nicht allzu lange bleiben. Irgendwann wird es dunkel. Das war ein richtig schöner Abend, gestehen wir uns auf der Rückfahrt ein, gutes Essen, nette Gespräche und das Ambiente so gemütlich, dass wir versackt sind, ohne es zu bemerken. „Nur so- Einladungen“ von Leuten, die sich gern sozialisieren sind eine feine Sache, in homöopathischen Dosen, zumindest.

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Eine Freundin des Julikinds ist in der Theater-AG. Die jährliche Jahresabschlussaufführung steht an und es gäbe noch freie Plätze, wenn wir wollen würden…?, sagt sie. Ja sicher wollen wir. Eine halbe Stunde vor Veranstaltungsbeginn kommen wir dort an, wie gewünscht. Der Parkplatz ist noch fast leer. Ich wundere mich. Julikind bemerkt, dass wir ja sonst immer nur zur gigantischen Weihnachtsshow hier sind und heute weniger Leute erwartet werden. Genaugenommen sind wir gerade die einzigen, die sich auf den Weg Richtung Schulportal machen. Julikind zweifelt an meiner Ortskenntnis, aber am Eingang stehen Leute. Die Darsteller begrüßen ihr Publikum mit Applaus, eine junge Frau begleitet uns bis zu den reservierten Plätzen in der Aula, „samma, sind wir V.I.P.?“, erkundige ich bei Julikind, „ein wahrgewordener Alptraum“, murmelt sie. In der Aula ist es warm, sehr warm. Wir falten Fächer aus unseren Platzreservierungsschildern und überlegen, ob nochmal jemand ans Auto geht, um die Flasche Wasser zu holen, aber dann beginnt die Aufführung. Das Stück ist unterhaltsam und die Schauspielenden sind richtig gut. Vielleicht stehen da gerade spätere Berühmtheiten, dann können wir sagen, weißte noch damals, diese Schulaufführung, wo es so warm war… man schwitzt im Sitzen und das ist eigentlich schade, denn so richtig genießen kann man das ganze so nicht.

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Klamotten und Schuhe in der echten Welt gekauft. Rückblickend hätte ich das mal ruhig gleich so machen sollen, aber es hat mehrere Rücksendungen gebraucht, bis ich verstanden hatte, dass man Sachen, die vor Jahren gekauft wurden nicht einfach durch nachfolge Modelle ersetzten kann. Gibt übrigens gerade Rabattaktionen überall, anscheind ist der Sommer schon durch, im Einzelhandel.

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Tag der offenen Tür beim Kickboxen. Auch in der Sporthalle ist es sehr warm, allerdings bewegt sich hier die Luft, das ist angenehmer als in der Aula neulich. Der Liebste und ich essen Käsekuchen und haben einen kurzen nostalgischen Moment, als die Kindergruppe ihr Können vorführt und – ich hatte ehrlich keine Ahnung wie erfolgreich dieser Verein eigentlich ist. Ich hab noch nie soviele schwarze Gurte auf einmal gesehen.

Da standen auffallend viele nicht selbst gebackene Kuchen/Brezeln/Berliner auf dem Mitbringbuffet, fällt mir auf. „Also früher, da hätte man sich das nicht getraut, oder?“ sagt der Liebste und deutet auf zwei Miniberliner, die Julikind sich geholt hat. Stimmt. Aber, das macht es nicht unbedingt schlechter. Er nickt, allemal besser als halbgare Backmischungsmuffins.

Nachmittags noch kurz bei der jährlichen Sportveranstaltung im Nachbarort vorbeigeschaut. Aber mehr aus Traditon und wegen Elterntaxifahrt, der Bedarf Veranstaltungen bei 30°C ist eigentlich erstmal gedeckt.

Sommer Momente

Der Versuch, noch ein paar Sommerschnipsel einzufangen.

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Geburtstage haben wir gefeiert, drei Stück innerhalb von zwei Tagen, die Geburtstagskinder einigen sich routiniert auf einen Ablauf.

Einige Kaffeegäste der ersten Feier warten in den Autos vorm Gebäude. Die, die schon drin sind stehen am Fenster. Es regnet. Vor fünf Minuten war noch garnichts, jetzt Sintflut. Die zweite Party des Tages sollte in unserem Garten stattfinden. Alle Gäste im Haus zu platzieren wird ein Abenteuer, wegen der Wasserschadensituation, aber, „warten wirs erstmal ab, vielleicht geht es ja nachher wieder“, sagt der Liebste.

Drei Stunden später sind alle drei Gartentische voll besetzt mit fröhlichen Gästen. Es tropft noch ein wenig von den Bäumen, aber ansonsten, ein schöner Sommerabend. 35 Liter Regen in einer halben Stunde waren das, erzählt man sich, im Nachbarort sogar noch mehr. Es gab mal eine Zeit, früher, da hätte der Rest des Tages dann drin stattgefunden. Für einen Augenblick denkt man sich irgendwas mit Klima.

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Der enspannteste Hochbetagten-Geburtstag aller Zeiten. 6 Meter Frühstücksbuffet für 20 Leute. Jeder findet was, alle sind zufrieden, nette Gespräche.

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Besuch im Wildpark. Der Opa hat von den Kollegen einen Uhu bekommen, zur Pensionierung, den würden wir gern mal sehen, oder zumindest das Schild fotografieren. Tatsächlich sehen wir an dem Tag so wenig Tiere wie wohl noch nie, stellen wir am Ausgang fest. Macht nichts, am wichtigsten sind eh die Ziegen. Ein schöner Nachmittag. Auf dem Rückweg wieder Regen, der beeindruckt und Wellen auf dem Edersee, ohauaha.

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Julikind hat im Freibad ein tolles neues Spiel mit Freundinnen gespielt: „Tabu“. Tabu ist kein neues Spiel, das haben wir auf dem Dachboden, und könnten es spielen. Zu dritt geht das aber nicht. Man könnte jemanden einladen. Julikind greift zum Telefon. Eine Stunde später sitzen wir mit vier Erwachsenen und zwei Teenagern im Garten und wundern uns, wie einfach das war. Und so total spontane Treffen sind auch eine gute Gelegenheit Knabbergebäck-Fehlkäufe unter die Leute zu bringen. Bei Tabu muss man innerhalb einer bestimmten Zeit seinen Mitspielern so viele Begriffe wie möglich umschreiben. Dabei darf man bestimmte Worte nicht verwenden, sonst wird man angetrötet und die andere Mannschaft bekommt einen Punkt. Im Prinzip total einfach. In dieser neunziger-Jahre Version des Spiels gibt es allerdings Begriffe, die kann man 14-jährigen beim Besten Willen nicht erklären. CD-Rom zum Beispiel. Es hagelt Alterungsmomente.

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Oh. Da hängt ein Schild in der Einfahrt, in zwei Meter Höhe. Etwa so groß wie vier Seiten eines großen Zeichenblocks. Darauf steht ganz genau, wie dieses Parkplatz-Kassensystem arbeitet. Vom Auto aus hat man keine Chance das zu lesen, aber, jetzt, wo wir so hier stehen, wird uns klar, auf welche Vertragsbedingungen wir uns versehentlich eingelassen haben, als wir vor drei Tagen schon mal hier am See waren. Verdammt. Naja, nun ist es eben so. Wir suchen uns einen Platz auf der Liegewiese. „Vielleicht könnte man…“ sagt der Liebste eine halbe Stunde später ohne jeden Zusammenhang, springt auf und verschwindet murmelnd Richtung Parkplatz. Als er zurück kommt präsentiert er stolz eine Quittung über 37,58 Euro. Der scheiß Automat hatte tatsächlich unser Kennzeichen noch drin, von vor drei Tagen, warum er die Daten neulich nicht abrufen konnte bleibt ein Rätsel, aber, ist so auf jeden Fall billiger als die Höchstparkgebühr plus Fahrzeug-Halter-Ermittlungskosten und Rechnungsporto. Der Zettel hängt jetzt an der Pinnwand.

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Auf dem Heimweg vom Badesee kommen wir an den foodsharing Kisten vorbei und da ist tatsächlich noch einiges drin. Das, was da noch liegt, müsste allerdings alles heute noch gegessen werden… Macht nichts, ich hab Zeit. Zum Frühstück gibt´s Papaya-Mango-Maracuja-Marmelade, aus richtig reifen Früchten. Es ist ein schmaler Grat zwischen Dekadenz und Biotonne.

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Der Waldweg vor uns leicht nebelverhangen, einzelne Sonnenstrahlen fallen durch das dichte Blätterdach, könnte man alles genau so für Insta nehmen. Das Bild passt nicht zur Temperatur. Es ist zu warm. Mein T-Shirt klebt am Rücken, vom spazieren gehen, morgens um halb acht, im schattigsten Wald der Umgebung. Der Hund legt mir seinen Ball vor die Füsse. Punkt. Normalerweise fordert er dann unmissverständlich zum erneuten werfen auf. Jetzt bleibt er einfach stehen und guckt so, als ob ich irgendwas ändern könnte, an diesem Wetter.

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Die Straße, die von hier aus auf direktem Weg ins Städtchen führt, wird dann ab nächster Woche gesperrt sein, sagt das Schild. Bis vorraussichtlich 26.07.2025. Seufz. Man wird sich wohl gewöhnen.

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„Fachwerkbalken sind nicht Teil der Elementarschädenversicherung“. Die Information überrascht mich derart, dass ich meine folgende Frage recht schlicht formuliere „hä?“ Fachwerkbalken seien generell nicht versicherbar, sagt der Gutachter im Plauderton.

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Wir schleudern den letzen Honig der Saison. Es war eine gute Ernte. Sehr erfreulich, denn das hatte so ehrlich gesagt niemand erwartet.

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Maikind und ich stehen vor der frisch aufgebauten Produktinsel im Supermarkt und beratschlagen uns. Im Auto sind es ungefähr 60°C aber wir haben eine Kühltasche dabei. Darin könnte man durchaus auch schokoladenüberzogene Lebkuchen transportieren. Es spricht also nichts dagegen die Saison zu eröffnen. Wir packen unseren Einkaufkorb und nehmen mit: anderthalb Kilo Weintrauben, eine Wassermelone, einen Butternutkürbis und eine Packung SterneHerzenBrezeln. September also.

die beste Ansage

Das Freibad in dem wir uns befinden ist alles in allem wohl ungefähr so groß wie ein Fussballfeld und wirkt liebevoll gepflegt, soweit man das beurteilen kann, denn es ist rappelvoll. Auf der Liegewiese sind zwei Mannschaftszelte aufgebaut, darin jeweils zwei Biergarnituren, rund herum stehen Iglo-Zelte, zwischendrin einige Gästebett-Luftmatratzen, einfach so auf der Wiese, überall liegen gemischte Stapel aus Handtüchern und Campingzubehör. Man hat das Tor im Zaun geöffnet, auf dem Grundstück der benachbarten Kita sieht es genauso aus. Fröhliche Menschen jeden Alters grüßen sich herzlich, wenn sie sich vor den Duschen begegnen. Sonnengebräunte Tagesgäste übergeben an die Feierabendschwimmer. Es riecht nach Abend im Freibad, aber die Geräuschkulisse passt nicht, denn dieses Bad wird heute nicht schließen. Da wo normalerweise Eintritt kassiert wird steht ein Bierpilz, am Beckenrand eine Pommesbude, der Kiosk hat geöffnet und die Sauna ist auch in Betrieb.

Zu dritt sitzen wir auf einer Bank am Zaun, schauen schweigend den Leuten zu und fragen uns allmählich, ob wir hier überhaupt richtig sind. Es gibt keinen Meter freie Fläche, wo bitte sollen Chearleader auftreten? Dann tut sich was. Die Dorfjugend trägt den 12 Personen-Stehtisch ein paar Meter weiter, Kiosk-Sitzgarnituren werden bis ans Beckenrandgeländer gezogen. Ein sportlich aussehender älterer Herr macht sich durchs Mikrofon bemerkbar. Er begrüßt alle Anwesenden und scheint sich wirklich zu freuen, dass so viele da sind. Hier im Dorf-Freibad ist es ja immer schön, das verdankt man dem Manfred, wo isser denn? *Lautäußerung vom Bierpilz aus* – ah, der ist zum gemütlichen Teil übergegangen, es sei ihm gegönnt, der kümmmert sich nämlich mit seinem Team das ganze Jahr um Hecken und Grünflächen, *dankbare Lautäußerungen, Applaus/ Gemurmel vom gesamten Gelände* besonders herzlich begrüßen möchten wir auch die Inge, die sich mit ihrem Team um den Kiosk kümmert, da gibts ja immer gute Sachen, aber heute eben ganz besonders *Applaus, Gemurmel*, ein herzlicher Dank auch an die DLRG, die die ganze Zeit in Bereitschaft steht und heute Nachmittag leider schon zum Einsatz kam, toll übrigens, dass alle sich an die Parkplatz-Regeln gehalten haben, der Rettungswagen kam einfach so durch, und das war wirklich gut… will man lieber nicht drüber nachdenken, wie das sonst…. *Zuschauer nicken und murmeln*, besonderer Dank geht auch an die Stricher am Beckenrand, die teilweise die ganze Nacht im Einsatz sein werden, (gemeint sind die Menschen, die am anderen Beckenrand mit Klemmbrettern auf Plastikstühlen sitzen, um die geschwommen Bahnen den Startnummern der Teilnehmenden zuzuordnen und dokumtieren, dass wirklich 24 Stunden lang immer irgendwer Bahnen schwimmt – nur für denn Fall, dass sich sonst noch jemand gewundert hat ) und dann freuen wir uns natürlich, dass die Dorfjugend so zahlreich erschienen ist *Lautäußerungen vom 12 Personen-Stehtisch*, wir nähern uns dem ersten Höhepunkt der Veranstaltung: Die Chearleader vom Sportverein des Städtchens werden jetzt gleich auftreten, morgen vormittag gegen elf, folgt dann der nächste Höhepunkt, da tritt der Shantychor des Nachbarortes auf. Offizielles Ende mit Ehrungen dann morgen um 13 Uhr, Getränke wird es selbstverständlich die ganze Nacht hindurch geben und der nächste Saunaaufguss ist um 21 Uhr, mit Zitrone/Orange. Jetzt wünsche ich allen einen schönen Abend. *Applaus* Dann geschieht einen Moment lang gar nichts. Die Chearleader stehen in Formation bereit, gucken fragend Richtung Kiosk, eine gestikuliert… Jemand müsste mal Musik… „Hach! Ja. Da war doch… so n Schtick… hatte man ihr ja gesagt, sowas aber auch“ sagt eine Frau, die vielleicht die Inge ist. Dann beginnt die Show und das Publikum ist beeindruckt, einige hören sogar auf, zu schwimmen. Sowas hat man hier noch nicht gesehen. Ich sehe es ja öfter, aber, das eben war vielleicht die beste Ansage, die ich je gehört habe.

Nach dem Auftritt tragen wir Schwimm- und Picknicktaschen wieder ins Auto und fahren an den nahe gelegenen See. Im Auto fragen wir uns, wie wir denn eigentlich auf dieser Veranstaltung gelandet sind? Lauras Oma ist Vorstand im Freibad-Verein. Ach so.

Ende Juni

Das Familienunternehmen mit Tradition, ist dann wohl offiziell insolvent, jemand schickt mir einen link zum Insolvenzregister und wirkt überrascht. Ich leite die Nachricht an den Liebsten weiter, „tja“, sagt er nur. Die Teams Traditon und Familie haben schon vor Jahren Abschied genommen. Aus Gründen.

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Die Mülltonnen, die laut Plan heute hätten geleert werden sollen stehen immer noch genauso da wie heute morgen. Ich ziehe sie hundert Meter weiter, denn hier kommt morgen niemand durch. Die Tonne, die für den nächsten Tag auf dem Plan steht hole ich dazu.

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Endlich Sommer. Statt im Auto zu warten nehme ich mein Buch und setze ich mich auf die Brücke am rauschenden Bach, umgeben von grünen Wäldern. Auf der anderen Uferseite wird Heu gewendet, der Wind trägt den Geruch bis hierher, als wäre eine Postkarte lebendig geworden. Die beste Mutti-Taxi-Wartezeit des Jahres.

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Seine Mitfahrgelegenheit sollte eigentlich jetzt hier sein, aber, der, der im Städtchen zusteigt steht noch, sagt Maikind und wird ein bisschen blass. Klassenarbeit in der ersten Stunde – ob ich ihn vielleicht fahren würde? Ja sicher. Der Bus ins Nachbarstädtchen mit Berufsschule ist seit 28 Minuten weg (Stadtkindern muss man vielleicht erklären: der Bus bedeutet, da fährt heute sonst nichts mehr) Wir bringen Julikind noch zur Bushaltestelle auf dem Berg, und dann aber… och guck, das Auto vor uns an der Bahnschranke kennen wir, es hat mit 99,5%iger Wahrscheilichkeit genau den gleichen Weg und hätte Maikind bestimmt mitgenommen. Warum haben wir uns denn vorher nicht gesehen? Muttitaxi-rush-hour an der Bushaltestelle… mein Hirn spielt spontan 90er Jahre Musik: isn`t it ironic?

Wenn ich jetzt eh im Nachbarstädtchen bin, kann ich auch gerade noch ein paar Lebensmittel einkaufen. OK, ich hatte gedacht, die stellen die Straßensperre 10 Meter weiter hinten auf. Gut, dass ich unterwegs war, denn unsere Einfahrt ist jetzt dicht. Ich parke hinter dem Haus und trage alle Einkäufe durch den Garten.

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Lieferengpass, jeder bekommt nur eine Packung. Kein Problem, reicht mir, aber ääähhh? Der Liebste war für mich in der Apotheke und hat etwas abgeholt, das fast so heißt wie das, was ich brauche. Nachfrage in der Hausarztpraxis. Das Rezept war korrekt, wenn die Apotheke es so rausgibt, hat es den gleichen Wirkstoff in gleicher Dosierung, sagt die Dame am Telefon. Na gut.

Fun fact: Dieses Importprodukt hat einen fett gedruckten Warnhinweis auf dem Karton. The action of *Medikament hier in der Schachtel* may last for up to 6 hours, weitere Dosierungshinweise und Handlungsanweisungen für den Fall, dass es nicht besser wird plus Infos zur richtigen Lagerung. Man geht also davon aus, dass es zu medinzinischen Zwecken genutzt wird, von Leuten, die nachts gern schlafen möchten. Das ist nett. Auf der deutschen Packung steht nur der Wirkstoff.

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Der Linienbus ist wohl schon weg, als wir drei Minuten vor der laut App planmäßigen Abfahrtszeit an der Bushaltestelle ankommen. Da steht kein Mensch. Wer jetzt hier lang fährt will mit ziemlicher Sicherheit Richtung Städtchen, spontan ergibt sich eine Mitfahrgelegenheit. Das Kind, bei dem ich mir sicher war, dass es zur Bushaltestelle gefahren werden muss, verlässt, leicht gehetzt aber pünktlich das Haus und erwischt den Schulbus. AS-Taxi-Verspätung bis zu 15 Minuten ist normal, solange muss man warten, dann kann man anrufen, was Märzkind gerade tut. Aha, ja, hatte sie sich gedacht. Wir waren um 7.59 Uhr hier, es war knapp, deshalb wissen wir es genau. Anscheind hat man uns nicht kommen sehen, auf der langen Geraden. Oder… ist vielleicht schon um 7.58 Uhr losgefahren? Egal, der Anschluss ist weg.

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Der Hund hat sich geschnitten, so richtig. Jeder Schritt hinterlässt eine kleine Blutlache auf den weißen Fliesen. Wieso hab ich das denn nicht vorher schon gesehen? Er läuft ganz normal, aber der Flur sieht aus wie ein Tatort. Nicht so schlimm, wie es aussah, zum Glück, aber – einen Hund ruhig zu halten, der lieber raus möchte ist anstrengend.

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Der einzige Facharzt, bei dem überhaupt noch jemand das Telefon abnimmt, kann einen Termin im September anbieten, nachdem man glaubhaft versichert hat, dass man im Einzugsgebiet seiner Zuständigkeit wohnt, verweist aber darauf, dass das eigentlich zu spät sei, denn Zeit sei hier wichtig. Mit Dringlichkeitscode auf der Überweisung könnte man über das medizinische Versorgunszentrum eventuell einen früheren Termin beim anderen Facharzt bekommen. Wir wussten nicht, dass es Dringlichkeitscodes existieren. Anruf in der Hausarztpraxis. Überhaupt kein Problem, der muss allerdings persönlich abgeholt werden. Ab ins Städtchen. Die abholberechtigte Person bringt einen 2×3 cm großen Papierschnipsel, der aussieht wie aus einem Kita-Papierkorb entnommen, darauf steht schlicht Vermittlungscode und eine 12 stellige Zahlenkombi. Man fragt sich Verschiedenes. Anruf im MVZ. Leider sind im 50 Kilometer-Radius innerhalb der nächsten 6 Wochen überhaupt keine Facharzttermine zu bekommen. ACH! WAS! genau das war doch das Ausgangs-Problem. Von sowas steht nie was in der Landlust.

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Eine Person verlässt das Nachbarhaus. Ich erkundige mich, ob da alles soweit… oder sollte lieber heute Nachmittag nochmal jemand gucken? Alles gut, da drin, erfahre ich und noch einiges mehr.

Dorftratsch: Ein Esel ist gestorben und zwei Hunde beinahe, zum Glück ist jemand drauf gekommen, dass es eine Vergiftung sein könnte, gerade noch rechtzeitig. Als kurz danach ein Pferd krank wurde haben sie das Futter durchgesiebt. Gefunden wurden Glassplitter, Heftzwecke und Teile einer Pflanze die für Pferde giftig ist. Die wächst hier nicht. Es gibt einen Verdacht. Man möchte das garnicht weiter denken.

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De Omma würde ihren Geburtstag gern so feiern wie immer. Das wird nicht möglich sein. Gut. Dann Frühstück. So wie die letzten beiden Jahre. Da hatte sie am Wochenende. Dieses Jahr nicht. Wer arbeiten muss, oder verstorben ist, wird nicht kommen können und außerdem hat ihr Wunschlokal leider geschlossen. Ach was, das haben wir letztes Jahr auch gesagt, dann hat sie nachgefragt und es ging. Nnnjaaa, richtig. Aber, dies Jahr ist wirklich geschlossen und vielleicht könnte eine Feier in einem Betrieb, der mehr als 2 Beerdigungskaffees und ein Frühstück im Jahr ausrichtet sogar noch schöner werden. War doch prima da, macht sie genau so wieder, sagt de Omma. Cheerio – Miss Sophie!

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Es ist schon Ende Juni und man kann hier noch schwimmen, das ist toll, stellen der Liebste und ich fest. Der Edersee ist voll, die nächste Badestelle liegt somit nur 15 Minuten entfernt. Herrlich ist das. Und tatsächlich das erste Mal in diesem Jahr, das ich im Wasser bin. Zu Hause trage ich die Winterjacken auf den Dachboden.

Von hundert auf null, KW 29/30 2023

So viel und so häufig haben wir seit der Kleinkinderzeit nicht mehr über Schlaf geredet, aus Gründen. Wir schlafen alle schlecht, seit längerem und jeder auf andere Art. Man bemüht sich, niemandem auf den Sack zu gehen, jeder räumt jedem Sachen hinterher, läuft Wege doppelt oder dreifach, weil der eigene Kram dabei vergessen wurde. Insgesamt erinnert dieser Zustand an was. Vielleicht ist das noch Rest-Corona?

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Ein Aufbackbrötchen vom Discounter, die Backzeit wurde offensichtlich auf das Minimum reduziert. Es ist aufgeschnitten, aber nicht erkennbar belegt. Aus Neugier hebe ich den Deckel an, sehe zwei hauchzarte Scheiben Mortadella auf einer dünnen Schicht Streichfett und seufze leise. Man hätte so viele Brötchen schmieren dürfen wie man will, sagt Julikind, aber eins musste jeder. Da hat der Klassenlehrer drauf bestanden, sonst hätte sie gar keins eingepackt, weil „is eklig, ne?“ Jo. Aber ich esse das jetzt trotzdem.

Nominiert für das unterwältigendste Gastro-Erlebnis in der Kategorie Preis/Leistung ist damit…Trommelwirbel… dieses Lunchpaket, bestehend aus einem halben Liter Wasser in Plastikmehrwegflasche, einem selbstgeschmiertes Brötchen und einem Großhandels-Müsliriegel zum Preis von 8 Euro.

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Julikind hat am letzten Schultag Geburtstag. Kaffeetrinken gibt es bei der Oma auf dem Hof. Sie teilen sich einen Geburtstag. Einige Gäste kommen etwas später und wundern sich, dass wir so draußen sitzen, wo sie herkommen ist Hagel und Sturm. Wir haben die Wolken vorbei ziehen sehen, aber sonst war nichts.

Abendessen gibt es bei uns. Nudeln wurden gewünscht, und das passt gut, denn zum draußen sitzen ist es abends tatsächlich zu frisch. Julikind freut sich ehrlich über alle Geschenke. Die Gäste sind ein bisschen erleichtert, geben sie zu. Dieses Jahr hatte niemand so richtig eine Idee, was Julikind eigentlich gerade gerne mag, noch nicht mal sie selber. Am meisten freut sie sich über einen besonderen Gast. Das Baby der Patentante ist gerade mal zwei Wochen alt. Julikind verliebt sich sofort.

Zeugnisse machen die Runde. Schwiegermutter murmelt und schüttelt dann staunend den Kopf. Leider habe sie garnicht genug Bargeld dabei, um ihre Freude in den für diese Noten üblichen Beträgen Ausdruck zu verleihen. Kann man stolz sein. Vor allem, wenn man über Wochen immer nur das Drama und das „durchkommen, einfach nur durchkommen….“- Mantra am Küchentisch und mit was ganz anderem gerechnet hatte. Ich freue mich, dass dieses Schuljahr endlich geschafft ist!

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Auf zwei Partys an einem Tag folgt einer auf dem Sofa. Niemand will irgendwas. Auch mal schön.

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Wir feiern den 91. Geburtstag von der Omma. Hochbetagten Partys sind was Schönes, aber auch ein bisschen anstrengend. Selbst wenn man „nur“ Gast ist. Unauffällig tausche ich einen Blick mit der Mudda, ab morgen wirds leichter.

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Die Zahnarztpraxis ruft an, man hat die Termine der Kinder hintereinander legen müssen, parallel geht nicht, leider sei jemand krank geworden, ich möge bitte statt 45 Minuten anderthalb Stunden Zeit einplanen, nur dass ich bescheid weiß. Meine Begeisterung hält sich in Grenzen. Man bietet mir an, einen oder beide Termine zu verschieben. Nee, aber danke. Ich gebe die Kinder ab und fahre einkaufen. Nach einer halben Stunde ruft Maikind an. Da sei nur ein Termin gebucht gewesen, war aber nicht schlimm, denn der war für Kleinkinder kalkuliert. Die Prohylaxefrau hat gesagt, das, was der Arzt da gemacht haben wollte ist eigentlich jenseits der Grundschule gar nicht mehr nötig, und wo sie denn jetzt hinkommen sollen? Man fragt sich verschiedenes. Aber, das Witzige ist, hätte jeder einzelne kommentarlos Dienst nach Vorschrift gemacht, es hätte von aussen gewirkt wie Kompetenz, stellt Maikind fest. Stimmt.

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Ein Starkregen-Ereignis. Der Liebste und ich gucken aus dem Fenster und beobachten, kann man ja nicht nachstellen, sowas. Sieht alles supergut aus. Regenmengen bis 30 Liter pro Stunde können wir jetzt entspannt sehen. Da läuft nix mehr in den Keller. Dank an den Steinmetz.

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Die erste Ferienwoche regnet es, durchgehend und ergiebig. Entspannend, man muss garnichts.

In der zweiten Woche kommen die Blagen das erste Mal aus ihren Zimmern, ohne dass vorher jemand „essen“ gerufen hat. Abends um halb 8 machen wir das Licht im Esszimmer an, weil es ohne zu dunkel wäre und spielen endlich mal dieses Gesellschaftsspiel, dass wir damals, vor dem ersten Lockdown in der Annahme, es könne langweilig werden, gekauft hatten.

Regen prasselt ans Fenster, der Liebste und ich sitzen mit Wolldecke über den Füßen und Bier in der Hand auf dem Sofa. Gemütlich. Kurz fragen wir uns, ob wir uns vielleicht selber peinlich sind. Aber nee, passt schon. Waaaackeeeen!!

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Ich hole mir eine zweite Decke vom Dachboden, ist sonst zu kalt nachts. Jemand hat die ersten Sendetermine für „Drei Nüsse für Aschenbrödel“ im Status. Märzkind gesteht kleinlaut, gestern abend den ersten Weihnachtsfilm geguckt zu haben. Ach, soll sie ruhig, sage ich. Wir arbeiten die Jahreszeiten einfach so ab wie sie kommen. Vielleicht können wir an Heilig Abend irgendwo ein Tretboot mieten.

Hallo? Sommerferien?

Unwetter und Alterungsmomente, KW 25/26 2023

Montag morgen um halb sechs bemerke ich auf dem Weg zum Auto, die Strickjacke hätte ich garnicht gebraucht. Es ist richtig schön draußen. Maikind sieht das anders und hofft sehr, dass sie bei diesem Wetter nicht im Stau stehen müssen, zumal die Fahrt ja sowieso schon fast 12 Stunden…

Die Busfahrerin öffnet die Kofferräume „bitte, ihr dürft, seid ja schon groß“, sagt sie und beißt in ihr Brötchen. Junge Menschen in Jogginghosen verabschieden sich, verladen Reisetaschen, und verschwinden im Bus. Ich hab eine Winkerlaubnis und bleibe an der Hecke stehen. In diesem kleinen Elterngrüppchen haben wir schon den Kindergartenausflügen hinterher gewunken. Als der Bus die Hauptstraße erreicht wird uns klar, das war gerade das letzte Mal, ab Herbst winkt jeder woanders, wenn überhaupt. Es ist so ein Moment.

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Der Liebste sieht blass aus, als er von der Hunderunde wiederkommt und setzt sich erstmal. Was er auf dem Weg erfahren hat ist kein Tratsch, es ist eine Nachricht. Es gab einen Unfall, Stromschlag, Spezialklinik, Intensivstation. Schweigen. Dann kommt die Sicherheitsfachkraft im Liebsten durch. Sowas sollte unmöglich sein. Wie nur?

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In der morning-show des regionalen Radiosenders spielt der Moderator normalerweise das Wetter als Klaviermelodie. Heute wäre das schnell erledigt, für ganz Hessen gilt das Gleiche. Allerdings ist diese Wetterlage auf dem Klavier nicht darstellbar. Man behilft sich mit ACDC „Thunderstruck“.

Äh, wenn es Tornados geben soll, würde ich den geplanten Gartenmarktbesuch vielleicht lieber verschieben. Nee, nee, sagt der Liebste, Tornados erst heute Nachmittag, wir machen das jetzt. Auf der Rückfahrt sind die Wetterwarnungen nicht mehr lustig. „Die Pumpe steht in der Garage“, sagt er, als er sich zur Spätschicht aufmacht, „nur für den Fall“. Ja nee, ist klar. Der Familienchat deckt diese Woche ein Gebiet von Dangast bis Wien ab. Fotos von Wolken, Stand jetzt: überall alles tutti.

*

Ein Anruf. Jemand braucht eine Unterkunft, nur für eine Nacht, heute. Kein Problem, sage ich, in der Annahme, die Gäste kämen nach Feierabend. Man freut sich sehr und wäre dann in einer halben Stunde da, wegen Wetter… oh. Die Ferienwohnung war länger nicht belegt, ich hatte Grundreinigung…ääähh… die Mädels eilen zur Hilfe. Betten beziehen, durchsaugen, Bad fertig, Geschirrschränke einräumen, Bezüge aufs Sofa, Handtücher und Tischdecke, Gäste willkommen heißen. High five, große Kinder sind toll, das hätte ich alleine nicht geschafft. Eine halbe Stunde später schwitzen wir immernoch.

*

Eine Luft draußen, man wundert sich fast, dass man sie nicht sehen kann, als gestapelte Würfel, oder so. Der Hund müsste nochmal raus. Bei dem Wetter kriegt er womöglich wieder Kreislauf, aber bei Hagel-Gewitter will man ja auch nicht. Ein rundum Blick an den Himmel, leichte Entscheidung, wir gehen jetzt. Die Wolken klingen, als würde jemand eine Mülltonne über Kopfsteinpflaster ziehen. Dann wird es dunkel im Wald. Ich drehe um, der Hund wundert sich. Erst sind es nur wenige Regentropfen, aber jeder einzelne geht sofort durch, bis auf die Haut. Wir joggen den Weg zurück.

Der Liebste ruft an, er hat Wolken ziehen sehen und Geräuschkulisse wahrgenommen. Alles gut, nur Regen sage ich und in dem Moment ändert sich das Geräusch. Die größten Hagelkörner, die ich je gesehen habe. Nur wenige und nur kurz, aber beeindruckend. Für 10 Minuten, dann erreichen uns Bilder aus dem Nachbarort. Hagelkörner so groß wie Hühnereier.

In der Gewitterpause gehe ich kurz zur Omma. Die ist fröhlich. Jo, es habe da eben mal ganz ordentlich geregnet, aber alles in Ordnung. „Da kommt gleich noch mehr“, sage ich, genaugenommen geht es schon los. Ich deute auf den laut prasselnden Regenschauer vorm Fenster. Die Omma dreht sich um. „Ja, die Blume da, auf der Fensterbank, wunderschön blüht die, ne?“ Ich unterdrücke ein Schmunzeln. Soviel zum Thema „ich höre und sehe noch alles“, aber für heute ist es praktisch. Den Weg zurück jogge ich und bin Sekunden vor dem richtig fetten Regen an der Haustür angekommen.

Der Vatta ruft an. Er hat Hessenschau geguckt im Urlaub und …wie es denn aussehe, bei uns? Gut. Ich mache das Fernseh an und bekomme eine Ahnung, wieviel Glück wir wirklich hatten. Nur wenige Kilometer weiter sieht es ganz anders aus. Gärten liegen darnieder, Autos mit Totalschaden, kaputte Dachfenster…

Wien schickt ein Foto vom Schnitzel.

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Auf wundersame Weise hat sich ein Chaos so zusammengefügt, dass ich nur sitzen und warten brauche. Ein Buch und ein Getränk, angenehm temperierter Sommerwind weht durch eine geöffnete Autotür, friedliche Parkplatzstille, ich vergesse die Zeit. Wegen Hunger gucke ich dann doch irgendwann auf die Uhr. Trainingsende ist schon länger her, eigentlich. Merkwürdig. Ich gehe nachsehen und finde eine fröhlich tratschende Runde von Kickboxern verschiedener Generationen.

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Die Spiele der Klostertrophy sind angelehnt an bekannte Klassiker wie vier gewinnt, looping Loui oder der heiße Draht, nur halt in XXL-outdoor-Versionen, gespielt wird in fünfer-Teams, alle müssen volljährig sein. Wir sind nur Zuschauer. „Weißte noch, damals?“, fragt der Liebste. Sicher. Legendär der Abend als sein Heimatort den ersten und den dritten Platz gemacht hat. 800 Euro Preisgeld waren das, kein einziger davon hat das Festzelt verlassen. Die, die jetzt mitspielen, waren da noch garnicht auf der Welt, stellen wir fest. Einige von ihnen haben wir auf Kindergeburtstagen bespaßt, neulich doch erst, wie kann das sein?

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Es gäbe einen Anlass, wir würden eventuell ins Phantasialand wollen. Karten muss man vorher buchen. Der angedachte Tag liegt in einer günstigen Preiskategorie, juhu – äh, nee, doch nicht. Bei allem Verständnis für Inflation und so, aber da bin ich raus. Für 270 Euro Eintritt würde mich jede in Warteschlangen verbrachte Minute stressen.

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Kind: „… Bundesjugendspiele… Bankballtunier… Wasserski fahren… und Freitag ist ja dann der Feiertag“

Ich: „Freitag ist kein Feiertag“

Kind: „Hä? Wieso haben wir denn dann Freitag keine Schule?“

Ich: „Ihr habt Freitag keine Schule?“

Es gab mal eine Zeit, da hat die Schule sowas an Eltern kommuniziert, aber, ach komm geh weg, ist ja auch egal.

Alltag, sommerlich KW 22/2023

Wieviel Regelmäßigkeit in einem Vierschicht-System steckt, fällt einem auch erst auf, wenn es zum Fünfschicht-System wird. Das kann sich ganz schnell wieder ändern, in jede Richtung, aber für den Moment, ist es gut. Der Liebste hat Freizeit im Sinne von freie Zeit, in der er wach ist, in einem vorher bekannten Zeitraum. Das schafft Möglichkeiten.

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Ich wollte nur was auf den Dachboden bringen – Saisonwechsel – aber, kurz drüber nachgedacht, ja, es könnte sein, dass der Moment gekommen ist. Ich nehme einen Karton und zwei Einkaufstaschen voller Kabelsalat mit nach unten und kippe alles auf dem Esstisch aus. „Ach du scheiße, wo kommt das denn alles her?“, möchte Maikind wissen. Dachboden, was davon kann denn weg? Ich sehe nur meterweise Chaos, aber die Herren haben Spaß. Eine Stunde später ist ein kleiner Karton voll mit, Schrott darf man nicht sagen, weil funktionieren tut das schon noch, sagt Maikind, es kann sich nur niemand mehr erinnern zu welchen Geräten es gehört, elektronischem Zubehör also, `which has outlived it`s usefullness`. Sämtliche Steckdosen im Esszimmer sind belegt. Im weiteren Tagesverlauf finden wir Fotos, Musik, digitale Bücher…

So ein Fotoapparat ist eigentlich eine richtig gute Idee, aufm Handy guckt man ja immer Sachen, so macht man ein Bild und ist fertig, vielleicht nimmt er einen mit auf Klasenfahrt, sagt Maikind. Maikind ist im gleichen Jahr auf die Welt gekommen wie smartphones.

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Ein sonniger Sonntag mittag am Gartentisch. Wir unterhalten uns nett über das Wetter, die Grünflächen- Pflege und plötzlich hat der Gast eine Frage: Wann will ich denn eigentlich mal wieder was arbeiten? „Hä?“, sagt das mit am Tisch sitzende Kind, „die arbeitet doch den ganzen Tag.“ „Ja, nee, klar“, sagt der Gast, das meinte er nicht. Ich ahne was kommt. „richtige Arbeit, meine ich“. Autsch. „Tja, die Kinder gehen ja demnächst arbeiten, da war mein Plan ehrlich gesagt Dusche und Steckdosen auf Münzbetrieb umzustellen“, antworte ich, in der Hoffnung, dass der Gast es vielleicht selber merkt, aber so leicht lässt er sich nicht abwimmeln. Die Kinder seien ja nun groß und ganz ehrlich so könne das doch nicht weitergehen, also wann? denn? nun? „Vor drei Jahren. Dann kam es vorrübergehend zu Besonderheiten im Bereich öffentliche Infrastruktur und Gesundheit, dann war jetzt…“ „Ach, alles Ausreden“, sagt er und im Übrigen sei ich schon auch ein bisschen selber schuld, wenn die Kinder nicht selbstständig…. Es fühlt sich so an, als würde ein flauschiger kleiner Alte-Tanten-Hund quietschig kleffend hinterm Zaun auf und ab laufen. Ich schweige, denke allerdings verschiedenes dabei.

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Das herrliche Sommerwetter hat eine Schattenseite. Ich lege Allergietabletten in das Körbchen mit Sachen, die man eventuell brauchen könnte auf der Gästetoilette und bügele Taschentücher, viele die Stofftaschentücher, die hier intern verwendet werden, wegen Nasenfreundlichkeit und Weltrettung

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Eine Elterntaxifahrt bis zwei Orte weiter mit einer Stunde Aufenthalt, ich nehme den Hund mit. Auf der Weiterfahrt ins Feld springt der Hund freudig gegen die Scheibe, und da erkenne ich es auch. Eine Mutterkollegin hatte die gleiche Idee und sie hat einen von seinen Lieblingshunden dabei. Ich nutze die nächste Parkmöglichkeit und wir gehen gemeinsam.

Beim Postauto sind beide Fenster runtergelassen, es ist Sommer heute. Das Auto hält neben uns. „Was macht ihr denn hier?“, erkundigt sich der Fahrer. Konfirmandenstunde, wir haben Wartezeit. „Ah so“, er dachte nur, weil hier gehören wir ja nicht hin. „Stimmt, ist nett, dass er fragt“, sagen wir, „wenn wir verloren gewesen wären…“ „jooo, dann hätte er gleich beim M bescheid gegeben“, sagt er und grinst, „sehr aufmerksam, schönen Dank auch“, man kennt sich hier. M ist der Betreiber des nahegelegenen Seniorenheims.

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Die Vertretunsplan-App wurde gehäckt. Nichts geht mehr. Julikind steht vorm Tablet und ist ratlos. Woher soll man denn jetzt wissen, wann der Unterricht anfängt? Äh – garnicht, du hast einen Stundenplan, wir tun jetzt mal so, als würde der gelten. Damals, als ich jung war…

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Ein sehr angenehmer Konfirmanden-Elternabend. Innerhalb von nur einer Stunde erfahren, wie es dieses Jahr laufen wird und in freundlicher Atmosphäre Konfirmationstermine verteilt. Das war leicht, wir wundern uns im Rausgehen ein bisschen.

Mit dem Liebsten mal so ganz grob eine Gästeliste geschrieben. Es sind scheinbar weniger Leute als damals bei Märzkind, das kann eigentlich nicht, oder doch, ach, man weiß es nicht. Der Liebste bucht den Saal.

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Der Edersee ist so voll, dass die nächste Badestelle in einer viertel Stunde erreichbar ist. Das Wasser ist uuuuaaaarschkalt, seehr kalt, kalt, ganz wunderbar, wenn man erstmal drin ist.

Letzte Augustwoche 22

Ich hab den Schreiner am Telefon. Er entschuldigt sich, drei Bestattungen in zwei Wochen…. aber natürlich hat er uns nicht vergessen. Kein Thema. Ich wußte garnicht, das diese Baustelle schon angelaufen ist und man wartet ja viel lieber auf Fenster als auf den Bestatter.

Nach dem Ausmessen gibt es zwei Möglichkeiten. 20% teurer werden die Fenster in jedem Fall, mindestens, das ist klar, da kann keiner was dran machen. Er kann uns ein Angebot schreiben, wir überlegen und sagen bescheid – oder er bestellt jetzt, und meldet sich kurz wenn der Auftrag bestätigt wird, dann könnten wir noch abbestellen. Die zweite Variante wäre vorraussichtlich vier Wochen schneller. Die Fenster müssen neu dieses Jahr, alles andere wäre energetischer Wahnsinn, es ist Ende August. Go!

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Julikind guckt so und denkt sich offensichtlich was. Dann hält sie mir ihre Gabel hin und fragt, ob ich das mal bitte probieren könnte. Irgendwas stimmt mit diesem Salat nicht. Moment, gestikuliere ich, weil, ich esse ja selber gerade. Märzkind ist schneller. „Apfel“, sagt sie. Julikind ist endgültig verwirrt „warum sollte jemand einen Kartoffelsalat mit Apfel drin machen?“ „Ich esse gerade etwas, das könnte Eiersalat mit Weintraube sein. Und, wenn ich drüber nachdenke, in dem Salat, den ich gemacht habe sind Rosinen drin.“ „Sind halt viele Sportler hier“, sagt Märzkind. Julikind schüttelt den Kopf, 6 Meter Salatbuffet und sie erwischt sowas. Die Freundin sagt, sie habe Mettsalat gemacht, ganz normales Essen, da soll das Julikind mal Ausschau halten.

Der Triathlet feiert Geburtstag. 150 Leute verteilen sich in der Halle und auf dem Grundstück drumherum. Irgendwann fällt mir auf, dass sich das alles total normal anfühlt. Wie früher. An der Wand neben der Theke hängt noch ein Schild auf dem „Lebensmittel“ steht, auf deutsch und ukrainisch vermute ich, die Buchstaben kann ich nicht lesen. Vor ein paar Wochen wurden hier Hilfsgüter vorsortiert und verladen. Auch schon ewig her.

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Öl getankt. Schweigeminute, im Gedenken an all die schönen Sachen, die man sonst mit diesem Geld noch hätte machen können. Aber eine warme Wohnung ist natürlich auch was tolles, also, warm im Sinne von angenehm temperiert, nicht dieses warm nach drei Tagen 38° draußen. Hach es ist irgendwie knifflig, dies Jahr.

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Hin und wieder war ich in den letzten Wochen abends auf dem Friedhof zum Gießen. Opas Todestag hab ich in den Kalender geschrieben – aus Gründen *hüstel*. Am frühen Nachmittag klingele ich bei der Omma und frage, ob sie vielleicht auf den Friedhof will. Weiß ich natürlich schon, aber so gehts schneller. Das ich daran gedacht habe, mensch, da freut sich. Schuhe an und los gehts.

Das Treppengeländer am Friedhof ist so heiß, man kann es immer nur kurz anfassen. De Omma nimmt schnell eine Stufe, macht eine wedelnde Handbewegung und sagt „du meine Güte“. Als sie unten ist sieht sie mich grinsen und muss selber lachen. Leider gibt es nur eine Gießkanne und die trage ich. Hätte es eine zweite gegeben, die hätte sie aber getragen, sagt die Oma. Ich murmele. Den Hang runter Richtung Grab geht es flott. „Och, dät süht aber noch ganz godd uut“, murmelt sie. Ich klopfe mir innerlich selber auf die Schulter. Das war er, der Moment. Ab jetzt kann das alles verdaddern. Der Rückweg dauert etwas länger. De Omma guckt mal, was die anderen so…

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Da hat der Liebste mal fühlen wollen, ob das Reifenprofil gleichmäßig abgefahren ist und sich dabei den Finger an einem Draht aufgerissen. Ohne zu Beschleunigen oder gar zu Bremsen ist er dann von der Arbeit aus direkt zum Reifengeschäft gefahren. Ich sage nichts. Aber ich kann so gucken, dass er weiß was genau ich nicht sage.

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„Ich hab mir immer gesagt, wenn ich an der Arbeit heule, dann höre ich auf. Am Wochenende wars soweit.“ Wir schweigen einen Moment. Die Freundin überlegt, wie ernst sie das gemeint hat. Alle Reserven sind verbraucht und es gibt kein Licht am Ende des Tunnels. „Es wird wohl in Zukunft so sein, dass mehr Leute sterben, weil man schlicht keine Zeit hat, sich so zu kümmern wie es nötig wäre, oder jemand einen Fehler macht.“ Krankenhäuser sind kein guter Ort im Moment.

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„Oh, ist aber frisch heute“, sagt Julikind, als sie zum Mittagessen in den Garten kommt. Wir haben 25°C. Anscheind gewöhnt man sich doch an Hitze.

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Wenn das nächste AS-Taxi ausgebucht ist, tja, dann muss man halt eine Stunde warten. Wenn das übernächste auch ausgebucht ist, das ist dann schon doof, wenn die nächsten fünf Fahrten ausgebucht sind, dann gibts quasi keinen öffentlichen Nahverkehr. So gesehen ist es garnicht schlimm, dass das neun-Euro Ticket endet, bevor die Kinder wieder wirklich auf die Fahrten angewiesen sind.

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„Es geht wieder los“, sagt der Liebste. Jo, ist doch voll nett von den Ölkonzernen, dass sie schon ein paar Tage vor Ende des Tankrabatts anfangen uns wieder an die Preise zu gewöhnen. An der Dorftankstelle kann man jetzt bis 100 Euro tanken, früher waren es 80. Ich bin da tatsächlich nur zum Tanken hingefahren, 12 km hin und zurück, eine Investition.

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Ein Ausflug zum längsten Spielgerät Europas, da waren wir schon ewig nicht. Den Ninja-Parcours seh ich zum erstenmal. Nebeneinander wurden zweimal die exakt gleichen Klettergeräte aufgebaut, den ganzen Berg hoch. „Das ist so gedacht, das man da um die Wette“, sagt ein etwa fünfjähriger Junge in staubiger Hose. Julikind nickt. Der erste Abschnitt ist für Menschen gebaut, die 1,20m groß sind. Garnicht so einfach. Der zweite Teil ist für Julikind perfekt, für mich eine Herausforderung, aber machbar. Der dritte Teil „och ähm, weißte, ich glaube ich gehe hier einfach am Rand lang…“ sage ich zu der achtjährigen die mir netterweise ihre Hand anbietet. Denn, sind wir mal ehrlich, selbst mit Anlauf und helfender Hand ist die Chance, dass ich mich diese 2,50 hohe Bretterwand hochhieve gering. Nach anderthalb Stunden haben alle genug. Abschluss im Kleinkinderbereich. Da kann man Wasser pumpen und Kies baggern. Und weil wir mittlerweile fast alleine sind auf dem Spielplatz machen sogar die beiden 15 jährigen mit. Schade, dass es sowas früher nicht gab. Wir hätten hier tagelang auf der Bank sitzen können, sagt die Freundin.

Meilensteine und Beobachtungen bei über dreißig Grad

Es ist warm. So warm, das man mit dem Wetter eigentlich nichts anfangen kann. Lüften morgens um sieben, die Hunderunde muss bis neun Uhr erledigt sein. Anschließend verdunkeln wir die Fenster und alle verkriechen sich irgendwo. Wenn man sich zufällig im Haus begegnet spricht man die immergleichen zwei Sätze miteinander „Boar, is das warm“ „ah komm, geh wech“.

Abendessen gibt es um halb neun, vorher hat niemand Hunger. Danach fahren wir auf den Sportplatz und spielen Kubb, bis es zu dunkel ist, dann Federball. Ich hab schon so oft Federball gespielt, ich hätte gedacht ich weiß, wie groß dieser Schläger ist. Klonk- offensichtlich nicht, aber da bin ich nicht die einzige. Dieser LED-Ball war auf jeden Fall sein Geld wert.


Der Plan war, die Grillhütte zu mieten und einfach alle einzuladen. Dann hat es uns umgehauen, dann kam die Hitze. So findet die Geburtstagsfeier des Liebsten in beschaulichem Rahmen statt. Ein Kaffeetrinken im Garten, abends Essen beim Inder. War schön. Das angekündigte riesen Gewitter blieb aus.


Maikind feiert die Geburtstage der letzten Jahre nach. Eine Gruppe Jugendlicher zeltet zwei Tage ohne Eltern und ohne besondere Vorkommnisse. Man freut sich natürlich, aber seltsam ist es schon.


Man kann in Ruhe gucken, wenn es was zu sehen gibt, und weitergehen, wenn es nichts zu sehen gibt. Zum ersten mal nutzen wir einen Picknickplatz, der nicht neben einem Spielplatz liegt und niemand weint, als das Tierfutter alle ist. Tierpark mit großen Kindern macht auch Spaß, stellen der Liebste und ich fest.


Vom Strandbad aus muss man einige Meter bergab laufen, bis man ans Wasser kommt. Das Wasser ist herrlich, aber so am Hang sitzen, auf dem was normalerweise der Grund des Sees ist, mit Blick auf Steininseln und Sperrmauerwand, naja. Mir ist Edersee mit Wasser lieber.


Das Schloss ist kaum 30 km weit weg von hier. Wir machen eine Führung mit, denn das haben wir tatsächlich noch nie. Drin ist es angenehm kühl, und man kann was lernen. Dass es da eine Beziehung zu den Niederlanden gibt wußte ich, aber dass „wir“ mit fast allen europäischen Königshäusern verwandt sind, ich hatte keine Ahnung. Die Fürstenfamilie hat Wohnrecht, solange es männliche Nachkommen gibt, sagt die Führerin, ist damals so ausgehandelt worden. Alle drei Söhne wären noch zu haben, ergänzt sie und blickt hoffnungsvoll Richtung Märzkind. „Och nö“, sagt Märzkind.

Das Strandbad am anderen See hat einen Sandstrand, man guckt auf Wasser und Bäume, der Kiosk ist geöffnet. Auf den ersten Blick alles Premium. Der algenfreie Badebereich ist leider klein und der Sandstrand ist voll und laut und dermaßen heiß, der Liebste und ich sind nach einer halben Stunde fertig.


Sie haben mal einen ganz anderen Liegeplatz ausprobiert, sagt Julikind, als sie mich am Freibad-Eingang abholt. Wir gehen direkt am Schwimmerbecken vorbei. Am anderen Ende des Beckens fällt mir eine Dame in einem krass pinken Badeanzug auf, aus 20 Meter Entfernung kann man erkennen, dass der Lippenstift die gleiche Farbe hat. Ihre ganze Erscheinung hat Unterhaltungswert, wie eine weibliche Version von Horst Schlämmer, denke ich und versuche ein Schmunzeln zu verbergen. Im Vorbeigehen stelle ich fest, diese Dame war mal ein Lehrer von mir. Altaaa. Einen kurzen Moment muss ich mich sortieren aber schade eigentlich, dass sowas vor dreißig Jahren unmöglich war, wäre vielleicht entspannter gewesen.


Der Liebste erhält eine Sprachnachricht „…sieht nach Schlaganfall aus, könnte aber natürlich alles mögliche sein“, ein Schreck. Ein Schlaganfall ist es zum Glück nicht. Es kann garnichts festgestellt werden. Die Patientin wird entlassen und ist enttäuscht. Ich ahne, welche Diagnose da kommen wird, irgendwann.


Auf unserer „wenn die Welt wieder geöffnet hat“-Liste stand ein Flohmarktbesuch. Genau für diesen Sonntag sind 35°C angesagt. Das ist nicht optimal, aber Regen wäre blöder. Morgens um kurz nach 8 bekommen Märzkind und ich den letzen regulären Platz auf dem Flohmarktgelände zugewiesen. Beginn ist erst um 10 Uhr, aber wer jetzt noch kommt, ist eigentlich zu spät. Ok. Damit hatten wir nicht gerechnet, vermutlich werden wir garnichts loswerden. Aber, der Platz ganz am Rand ist super. Hier geht ein bisschen Wind und die Leute sind noch oder schon wieder entspannter, mittendrin ist es einfach nur brüllewarm. Sämtliche Lockdown-Fehlkäufe und einige Dachboden-Schätzchen finden ein neues zu Hause. Mittags bringt der Liebste uns Eis und übernimmt für eine halbe Stunde. Wie es sich gehört, fahren wir kurze Zeit später mit genauso vielen vollen Taschen nach Hause, wie vorher, nur andere Klamotten drin.


Märzkind besteht die Moped-Führerschein-Prüfung. Beim ersten Versuch. Juhu. Sie bekommt allerdings nur eine Bescheinigung. Den eigentlichen Führerschein muss sie sich auf der Füherscheinstelle abholen und die hat natürlich schon geschlossen. Das bedeutet, ich muss nochmal quer durchs Städtchen, was wegen dieser Baustelle dreimal so lange dauert wie normal, Märzkind holen, zurück durch die Baustelle, Julikind abholen, nach Hause, Einkäufe ausladen und den Liebsten mit Märzkind ins Städtchen fahren, durch die Baustelle zum TÜV, wo das Moped wartet damit die beiden von da aus zur Krankengymnastik können.

Am nächsten Tag rollt Märzkind abends um halb neun vom Hof. Weil sie es kann. (AS-Taxi wäre um 8 gefahren oder um 9) Der Liebste und ich sitzen auf der Treppe und stoßen an. Ein Meilenstein.


Maikind schreibt eine Bewerbung. De Mudda unterstützt ihn tatkräftig. Das ist gut. Diese Aktion braucht mehrere Anläufe und ich hätte das garnicht so gekonnt, gestehe ich mir ein. Geradeaus denken ist mir immernoch anstrengend. Fröhlich und sichtlich entspannter teilt Maikind am Abend mit, dass seine Bewerbung eingegangen ist.

Wenn wir nächsten Sommer nochmal alle zusammen Urlaub machen wollen würden, gibt es genau eine einzige Woche, in der das möglich wäre. Gut, dass uns das beizeiten aufgefallen ist.


Der Wald verfärbt sich herbstlich, von einem Tag auf den anderen fällt es auf. Die Linde auf dem Hof verliert gelbes Laub. Soviel, dass man es nicht mehr ignorieren kann. Ich nehme den Besen und – alles zerbröselt auf Konfettigröße. Der Liebste schlägt vor, einfach den Kompressor anzuschließen und dann mit Druckluft…ist keine schlechte Idee..


Wer hätte gedacht, dass ich das mal sage, aber, ein paar Tage Regenwetter darüber würden wir uns tatsächlich freuen, gerade.

Geburtstage und Ferienanfang

Ich mag wenn es warm ist, aber, das hier, das ist sogar mir ein bisschen viel. Der Hund guckt mich vorwurfsvoll an. „Ich hatte es dir ja gleich gesagt“. Einmal Frisbee werfen und wir gehen wieder rein. 42°C Außentemperatur zeigt das Thermometer an. Abends Gewitter mit 46 Liter Regen. Der Wald sieht wieder fröhlich aus, die Hecke richtet ihre Äste auf, der Erntestaub ist aus der Luft gewaschen – herrlich.


Vormittags gibts ein gemütliches Geburtstagsfrühstück bei der Mudda. Ab Mittag gehts rund.

Die Bustüren öffnen sich und man kann von der Haustür aus hören, dass die Party quasi schon läuft. Alle Gäste kommen direkt nach der Schule, einmal im Leben nicht in Ferien Geburtstag… Es folgt ein klassischer Kindergeburtstag, mit Spagetti und Eis, Zeitungstanz und Fotoschnitzeljagd. Um halb sieben werden alle abgeholt. Der Liebste und ich gucken uns verwundert an. Das wars? Kein Starkregen-Ereignis mittendrin, niemand hat sich was gebrochen oder Kreislaufprobleme und verdroschen haben sie sich nur im Spaß, mit den Poolnudel-Lichtschwertern. Wahrscheinlich war das unser letzter Kindergeburtstag stellen wir fest. Im nächsten Jahr sind wir bestimmt zu peinlich. Es folgt ein kurzer Moment der Rührseligkeit, ach was, high five. „Da wartet man das ganze Jahr und zack, isses vorbei“, Julikind ist ein bisschen traurig. Zum Glück kommen am nächsten Tag noch die Großeltern und Paten.

Am Tag darauf wieder Geburtstagsfrühstück anlässlich Ommas 90stem. Das ist etwas offizieller, mit Pfarrer, Bürgermeister, und den Verwandten, die man selten sieht.


Die letzten Schultage haben sich gezogen wie Kaugummi. Jetzt sind endlich richtig Ferien. Stolz werden die Zeugnisse rumgezeigt. Zu recht, das war kein einfaches Schuljahr, haben sie toll gemacht, alle drei. „Brotdose raus?“ „jaja“ Schuljahr abgehakt.


„Kommt jetzt die kleine Kneipe„? erkundigt sich eine Gästin. „Nee, jetzt kommen erst die apokalypthischen Reiter, dann Peter Alexander, geht immer der Reihe nach“, sagt der Mann der das Handy mit der Musikapp in der Hand hält. Hier gehen die Geschmäcker weit auseinander, aber der Toleranzbereich ist riesig und es gibt Likörchen. Diese Feier hat keinen Anlass und braucht auch keinen. Menschen verschiedener Generationen hatten Zeit, sind gesund und das Wetter passt zum draußen sitzen. Es hat übrigens nie jemand gesagt, dass Frauen nicht an die Mauer hinter dem Haus pinkeln dürfen. „Die machen das von sich aus nicht“, sagt der Hausherr, und zuckt mit den Schultern.


Nachdem wir die verschiedensten Kuchenvarianten unterschiedlicher Hersteller durchprobieren durften (Präsentkörbe zum 90sten, de Omma backt natürlich trotzdem weiterhin selber) kommen wir zu dem Schluss – die schmecken alle gleich. Kuchengeschmack eben, das macht nachdenklich.


Beim Aufwachen höre ich leise Terassen-Frühstücksgeräusche der Nachbarn, das ist schön.

Zu meiner eigenen Überraschung bin ich überhaupt nicht neidisch, beim Anblick der Status- Urlaubsbilder der anderen. Ich hätte gerade überhaupt keine Lust, das Auto zu beladen…

Ein Freibadbesuch, ein Kinobesuch, lange schlafen, und schon ist eine Ferienwoche rum.

Die zweite Ferienwoche hatte bisher zweimal Magen-Darm vom allerfeinsten und einen spontanen Zahnarztbesuch zu bieten. Das bleibt ehrlich gesagt hinter den Erwartungen zurück. Andererseits – läuft, mit der Bikinifigur.