Tag 58 bis 63, Pandemie fertig

Auf einmal werden Hausaufgaben wieder rausgekramt, die wir vor langer Zeit mal auf einen „sollte der Moment kommen, vielleicht “ Stapel abgelegt hatten. Einige Lehrer haben Andeutungen gemacht, anscheind geht es dann nächste Woche doch los. Irgendwie, ein bisschen. Ich durchsuche Emails und chat-Gruppen nach Informationen und finde nichts. Nur der Kultusminister schreibt mir auf allen Wegen immer den gleichen Brief.

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Vier Seiten lang ist der Brief des Kultusministers. Vermutlich hat er den wirklich selber geschrieben. Er habe zwei Kinder, eins ist schon fertig mit der Schule, eins ist im Kindergarten, deshalb glaubt er, nachfühlen zu können, was Eltern gerade alles leisten. Er schildert mir meine Belastungen und Sorgen der letzten Wochen. Diese Sache mit dem Unterricht in der Zeit des lockdown, nun, ach, da wäre wohl noch Luft nach oben gewesen, gibt er zu. Dass die Eltern jetzt alle so laut und nörgelig sind tut ihm voll leid. Bei ihm im Haus arbeitet man daran, die Schulen zukünftig bei der Schaffung einer verbesserten „unterrichtsersetzenden Lernsituation“ zu unterstützen. Sogar mit so digitalen Sachen. Alles wird gut, und von ganzem Herzen schönen Dank auch, das wir den Arsch am kacken gehalten haben. Mit freundlichen Grüßen, Professor Doktor….

Die unterrichtsersetzende Lernsituation bin dann wohl ich, vermute ich mal. Das bin ich ja schon seit neun Jahren. Die kantinenersetzende Küchensituation übrigens auch, obwohl alle Kinder in Schulen mit Ganztags-irgendwas gehen. Das ist alles kein Problem, also, im Moment nicht. Wenn ich an meine einkommensersetzende Rentensituation denke schon. Anerkennung in Form von Rentenpunkten oder irgendeiner Art von mehr Euros auf dem Konto wären mir lieber, als blumige Ministerworte.

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Allmählich kommt Leben ins Dorf, man hört wieder Kinder draußen, es fahren mehr Autos, in der Ortsmitte sitzen die älteren Damen wieder auf der Bank. So soll das.

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Der Parkplatz vor dem Supermarkt ist ziemlich voll, es sind aber noch Einkaufswagen da. Anscheind kaufen wieder die Leute ein, die das normalerweise auch tun. Es steht niemand mehr lange nachdenklich vorm Regal und alle Anwesenden laufen intuitiv in die richtigen Richtungen. Keine Gespräche, keine Augenkontakte, es wird normaler.

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Die Monteure, die eigentlich heute angereist wären, müssen überraschend zwei Wochen Quarantäne stopp in Polen machen. Falls es den Auftrag danach noch gibt, würden sie wohl gern kommen. Kein Problem.

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Ich war beim Frisör. Die Frisur, die mir das Märzkind geschnitten hat, war gut. Allerdings wächst sie seltsam unregelmäßig nach. Um da wieder eine Richtung reinzubringen… so kurz hatte ich die Haare zuletzt auf meinem Führerscheinfoto.

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Montag also Schule. Die neuen Klassenräume und Laufrichtungen werden bekannt gegeben. „Dann muss ich jetzt alles selber mitschleppen?“ Ja, so sieht’s aus. Eigentlich gibt es ein mit Banknachbarn abgesprochenes, ausgeklügeltes System, dass an jedem Tisch eine Vollausstattung an Büchern, Tintenkillern, Geodreiecken und so sicherstellt, ohne das jeder alles dabei haben muss. Die Kinder sichten den Stundenplan, der an diesem Tag gelten, wird und packen.

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Der erste Schultag fühlt sich paradoxerweise an, wie der letzte vor den Sommerferien. Welche Anspannung in den Kindern steckte, merkt man erst jetzt. Alles war seltsam in der Schule, aber auf eine nette Art. Das morgen wieder frei ist, ist eigentlich ganz schön. Ranzen werden in die Ecke gestellt und Verabredungen für den Nachmittag gemacht. Die ersten Gäste die kommen waren auch die letzten, die vor der Kontaktbeschränkung gegangen sind. Obwohl, einer schleicht über den Flur, der war noch nie hier. Langeweile hatten wir die ganze Zeit nicht einmal.

Tag 49 bis 53, lockerer lockdown

Sonntag Vormittag ging ich joggen, dann wurden zwei Elterntaxifahrten verlegt. Die fallen im Moment weg. Ich gehe also Sonntag Vormittag joggen, nicht weit und nicht schnell, ein bisschen für die Gesundheit, hauptsächlich um den Kopf frei zu bekommen. Um diese Zeit hat man die Welt für sich alleine. Auf der Strecke sind mir im ganzen letzten Jahr zwei Radfahrer begegnet. Da ich alleine laufe und nicht oft, trage ich dabei eine Sofasitzhose, die mir vor Jahren als Jogginghose verkauft wurde, dazu das ganze Frühjahr über das gleiche Langarmshirt, solange, bis Tshirt Wetter ist, dann kommt es in die Wäsche. Die Schuhe sind deluxe und fast neu, leider erkennt man das aufgrund der Staubschicht nicht.

Das erste Teilstück verläuft an der Hauptstraße. Es kommt uns genau ein Auto entgegen. Der Hund läuft hier lässig und entspannt an der Leine. Im Feld mache ich ihn los.

Im tiefsten Wald begegnet uns mit ein mittelaltes Pärchen mit Hund. Ich rufe den Hund, leine ihn an. Sie erkundigen sich nach dem Weg, denn sie sind einfach mal auf gut Glück… ist alles richtig, schönen Sonntag.

Hund los, weiter geht’s. Nach 200 Metern begegnen mir Fahrradfahrer. Hund rufen, anleinen. Ein guter Freund des Maikinds ist unter den Radfahrern. Ob er denn den Hund mal streicheln dürfte, fragt er aus der Distanz. Sicher. Wir kommen schnell ins Gespräch. Schule läuft bei ihm auch eher so mittel und das Baumhaus ist eigentlich fertig, gut, zu tun gibt’s da immer was aber irgendwie… Vielleicht könnte man sich ja mal verabreden, liebe Grüße ins Tal, Grüße auf den Berg.

Einen Moment sind wir alle ratlos, weil ein weiterer Jogger in beachtlichem Tempo auf uns zu kommt. Auf dem Pfad mit Bächlein links und hohem Gras rechts bilden wir eine Gasse, um die Abstandsregeln umzusetzen. Wir schmunzeln alle, man kommt sich blöd vor, der Jogger nickt dankend. Schönen Sonntag euch allen.

Hund los, weiter geht’s. Hinter der nächsten Kurve sehe ich zwei Wanderer. Hund rufen, anleinen, Distanz halten auf schmalem Waldweg, weiter geht’s mit angeleintem Hund, damit ich einfach mal ein paar Meter laufen kann. Der Hund versteht die Welt nicht mehr. Eigentlich wollte er durch den Bach toben, während ich hier langlaufe, und all die schönen Stöcke, die man hier mitnehmen kann, sollen einfach so liegen bleiben? Joggen mit Junghund an der Leine im Wald ist ähnlich wie ein Spaziergang mit Kleinkind. Aber es nützt nichts. Ein Spaziergänger ist in Sicht. Danach noch zwei und noch zwei und noch zwei.

Das Shirt hab ich in die Wäsche getan und nächste Woche ziehe ich diese stylische Laufhose an.

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Montag ein Besuch beim Hausarzt und ein Großeinkauf in nur zwei Stunden erledigt. Das hätte sonst den ganzen Vormittag gedauert. Das Städtchen fast ohne Menschen ist ganz angenehm.

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Immernoch keine Hefe. Klopapier steht wieder im Regal. Man hat die Auswahl zwischen Ökokratz und 5-lagig, ich hätte gern das dreilagige Standard Papier. Ein paar Tage kommen wir noch hin.

Statt dessen kaufe ich „das Kochbuch für Notfall und Krise nach Empfehlungen vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe“. Der Titel gefiel mir und auf dem Cover ist eine Dose. Kochen ohne Wasser wird bestimmt das nächste große Ding.

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Dass sich beim Märzkind wieder Lehrer um den Unterricht kümmern, entlastet mich enorm. Beim Maikind ist regelmäßiger Kontakt zur Mathelehrerin entstanden, ein Abgabetermin mit Rückmeldung macht vieles leichter. In Englisch fehlen Grundlagen. Wir haben uns vorgenommen, daran zu arbeiten, vielleicht wird es dann weniger nervig. Die Deutschlehrerin lebt noch. Grundschule läuft, da muss ich nur anwesend sein. Wobei das auch zeitintensiv ist, aber, unter Vorbehalt würde ich sagen, dass aus dem Hausaufgaben-Marathon allmählich so etwas wie home schooling wird.

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Es wird entschieden, dass jedes Bundesland für sich entscheiden darf, wann was in welcher Form gelockert wird. Wer schon mal versehentlich an Allerheiligen im Städtchen war kann da nur mit dem Kopf schütteln. (NRW hat Feiertag, Hessen nicht).

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Eventuell geht für alle Schüler ab der vierten Klasse ab 18. Mai der Unterricht wieder teilweise los, in eingeschränkter Form. Danke für diese Information.

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Das Julikind hat eine Freundin zu Gast. Die beiden machen die Dorfralley, die der örtliche Kindergärten organisiert hat.

Das Märzkind macht eine Fahrradtour mit einer Freundin. Picknick am Edersee.

Das Maikind guckt den neuen Star wars Film auf DVD.

Der Liebste holt 0,8 Kubikmeter Rindenmulch und verteilt ihn auf Beeten. 0,2 Kubikmeter fehlen noch.

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Es ist erstaunlich wie verschieden Gesichter sind. Ich habe bestimmt schon 5 Rotzbremsen genäht, die keinem passen. Drei Modelle können in Serie gehen, sobald die coolen Stoffe versendet werden können und es wieder Gummiband gibt.

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Lob und Anerkennung erhielt ich für eine weitergegebene Rotzbremse. Die passt perfekt. Kollegen seien neidisch, das vom Amt gestellte Modell passt nämlich niemandem und erinnert an Boxershorts. Ich freue mich.

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Ab neunten Mai darf mit sich wieder mit Personen aus einem anderen Haushalt treffen. Das passt, der Vatta hat Geburtstag und läd den ganzen Haushalt zu Gulaschsuppe ein.

Vorfreude als wäre morgen Weihnachten.

Tag 41 bis 45, hat Ihnen diese Information weitergeholfen?

Samstag morgen, kurz nach acht. Der Liebste und ich sitzen am Esstisch, der noch kein Frühstückstisch ist. Es wäre die Gelegenheit, mal ein normales Gespräch zu führen. Aber, wir sind zu müde. Erstmal Kaffee. Nach dem ersten Kaffee werden kurze Sätze möglich. Der Alltag macht uns fertig, stellen wir fest.

Dass das Julikind am Montag wieder zur Schule hätte gehen sollen, hat zwar allen ein komisches Gefühl gegeben, es war aber auch eine Perspektive. Das ist uns erst aufgefallen, als es abgesagt wurde. Im Klartext bedeutet dass, es wird vor den Sommerferien keine Normalität mehr geben. Die Kinder sind da schon selbst drauf gekommen. Das ihnen das niemand offiziell mal sagt, macht es nicht besser. Die Osterferien waren nicht wahrnehmbar, vor lauter Hausaufgaben, ein Wochenende hatten wir auch schon lange nicht. Die home office Mütter sprechen da immernoch von „einer Herausforderung, die eine Umstrukturierung des Alltags erfordert“. Ich persönlich neige allmählich dazu, die Situation als suboptimal zu bezeichnen, möchte aber nicht die erste sein, die jammert. Das macht müde.

Der Liebste managt auf der Arbeit das Abwasser. Der Betrieb entnimmt Wasser aus einem Flüsschen und leitet es ein paar Meter weiter wieder ein. Da gibt es strenge Auflagen, die zu erfüllen die meiste Zeit kein Problem ist. Im Moment hat das Flüsschen aber so wenig Wasser, dass alles ganz genau kontrolliert und dokumentiert werden muss, ständig. Schlimmstenfalls muss dann ein Anruf getätigt werden, „Maschine stopp“. Das war im letzten Sommer schon anstrengend, als man sich noch mit Kollegen austauschen konnte. Dürre und Pandemie macht müde.

Nach und nach tauchen die Kinder zum frühstücken auf. Heute hat niemand Lust, über Hausaufgaben zu reden, jeder pickt sich seine Aufgaben aus der Haus- und Hoftag-Liste. Wenn fünf Personen gleichzeitig Präsenz-hausarbeiten stellen sich schnell vorher/nachher Effekte ein. Das tut gut.

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Am Sonntag Rückenschmerzen des Todes beim Liebsten.

Die Tante und wie-ein-Onkel kommen auf ihrer Fahrradtour bei uns vorbei. Wir trinken einen distanzierten Kaffee. Abstandsregeln können in unserem Esszimmer eingehalten werde, es fühlt sich seltsam an.

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Montag morgen möchte ich einen Anruf tätigen, über Festnetz, weil in unserem Haus der Mobilfunkempfang schlecht ist. Kein tuut. Vielleicht haben die geschlossen? Ein Blick ins Internet, ähm, ich bin offline? Router ausschalten, Router einschalten, immernoch offline. Eine halbe Stunde vor Beginn des online Unterrichtes ist das nicht gut. Ich gehe also vors Haus und rufe die Störungsstelle an. Während ich mich durch das Menü klicke, kommt das Märzkind dazu, sie ist offline, weiß ich doch, bin dran. Sie setzt sich auf die Treppe und amüsiert sich über meine Unterhaltung mit dem Algorithmus. Nach einigen Minuten erfahren wir:

„Ihr Anschluss ist von einer Störung betroffen, wir arbeiten bereits an diesem Problem. Hat Ihnen diese Information weitergeholfen?“

“ N E I N!!“, sage ich sehr laut und sehr deutlich. Das Märzkind guckt irritiert, normalerweise bin ich nett am Telefon. Na gut, ein bisschen hat es geholfen, ich muss jetzt nicht panisch nach dem Fehler suchen. Allerdings kann ich auch sonst nichts.

Sind Sie gerade so richtig angepisst, drücken Sie die 2.

Möchten Sie uns Kraftausdrücke Ihrer Wahl aufs Band sprechen, drücken Sie die 3.

Möchten Sie sich unter die Kellertreppe setzen und heulen, drücken Sie die 4

Möchten Sie ein Glas Rotwein und eine Schachtel Pralinen dazu, drücken Sie die 5

Ich hätte gerne eine Wahlmöglichkeit, aber der Algorithmus hat das „Gespräch“ schon beendet.

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„Hä? Haben wir jetzt kein Internet? Wie lange denn? Dann kann ich nicht in den online Unterricht?“

„Nö. Keine Ahnung. Nö. Hat Ihnen diese Information weitergeholfen?“

Wir lachen, noch.

Dann schreibt sie ihrer Freundin schnell ne Whatsapp, dass die Bescheid sagt. Whatsapp läuft über WLAN. Ah so, dann ne Email. Für Emails braucht man Internet. Stimmt. Dann ruft sie halt an. Festnetz geht nicht. Das Märzkind geht an die Stelle, an der mobil telefonieren möglich.

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Zusammenfassend kann ich sagen, dass keine Schule und keine Freizeitaktivitäten und keine Freunde treffen und kein Internet selbst für die tapfersten Kinder der Welt zu viel ist.

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Auf nichts davon Einfluss nehmen zu können ist schwer fürs Mutterherz.

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Dienstag Mittag gegen halb eins ist die Störung behoben. Die Erleichterung ist sofort spürbar. Es dauert eine ganze Weile, bis sich das Chaos sortiert, aber die Freunde können jetzt wieder helfen.

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Das Mutterherz braucht den ganzen Mittwoch zur Regeneration. Aus Erschöpfung wird wieder Müdigkeit. Es geht bergauf.

Tag 37 und 38

In Woche 4 kommt das Schulmaterial immernoch ziemlich verpeilt an, ich habe aber mittlerweile mehr Routine.

Das Märzkind zeigt mir völlig entnervt ihre Email. Zwei Sachen kann sie Montag beginnen, vom Zeitaufwand wäre damit die Woche wohl voll. Mittwoch müssen dann Arbeitsblätter in der Schule geholt werden für den ganzen Rest. Das Wochenende wird demnach mit eingeplant, in aller Selbstverständlichkeit. Warum es umgekehrt unzumutbar ist, das kopierte Material bereits am Montag zur Verfügung zu stellen? Ich kann das nicht erklären, beim besten Willen nicht.

Das Maikind besucht eine Kombi-Klasse. Hauptfächer werden getrennt nach Haupt- und Realschule unterrichtet, der Rest gemeinsam, aber mit unterschiedlichem Arbeitsmaterial. Das zu sortieren dauert einen Moment. Ich lache herzlich über das Pensum, das in Englisch vorgesehen ist. Aufgaben für die nächsten drei Woche wurden kommentarlos über den Klassenlehrer geschickt. Die Aufgaben der letzten drei Wochen werden nirgendwo erwähnt. Ich hätte da mal eine Meinung, aber die gute Frau hat weder Telefonnummer noch Email-Adresse bekannt gegeben. Dann ist es vielleicht auch schlicht und ergreifend egal. Ich summe Pippi Langstrumpf.

Grundschule muss ich nur ausdrucken. Diese Woche wird sogar ein Diktat geschrieben, ohne Noten, nur um Übungsmaterial passend zu machen. Was so alles geht, in diesem Internet, wenn denn dann…

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Hausaufgaben, Hausaufgaben, Hausaufgaben, Hausaufgaben

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Gespräche zur Grundschulöffnung nächste Woche, eine Meinung zu haben ist zeitaufwändig, tja, jetzt hab ich nun mal eine

Das neue Konzept wird uns mitgeteilt. Das Julikind ist in einer Gruppe mit allen anderen Buskindern und hat immer von der zweiten bis zur fünften Stunde Unterricht. Die große Pause ist nach der dritten Stunde. Die andere Gruppe besteht aus den Kindern, die zu Fuss zur Schule kommen. Man wird sich nicht begegnen. Zum Glück sind viele Freunde Buskinder. Der Landkreis sagt es wird sowas von krass geputzt im Gebäude. Zu den Bussen äußert sich niemand, aber, na gut, wenn ich mich zusammenreiße kann ich das ignorieren. Dann also wieder Schule, nächste Woche. Ein mulmiges Gefühl bleibt.

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Wir holen Unterrichtsmaterialien. Die Tür ist zu, die Klingel müssen wir kurz suchen. Während wir warten machen wir Virus Witze. Jeder drückt den gleichen Klingelknopf, wir werden alle sterben. Wir werden eingelassen, die Dame sieht, dass ich Kinder dabei habe, die sich auskennen und verschwindet wieder. Im Großgruppenraum hat jede Klasse ihren Tisch. Man nimmt sich, was man braucht und lässt es im Sekretariat kopieren. Das Märzkind muss nur einen Stapel abholen, da war alles vorbereitet. Das Maikind und ich laufen murmelnd an drei Meter Materialien vorbei und stellen fest, dass wir schon alles haben, was wir brauchen. Die Email-Adresse der Englischlehrerin steht in ihrer Mail an den Klassenlehrer. Abfotografiert, ätschibätschi.

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Die Schule schickt eine Mail mit einer geänderten Schulordnung.

Wer hüstelt oder so, bleibt zu Hause.

Hände waschen , Hände waschen, Hände waschen

Maskenpflicht. Die Masken können nicht gestellt werden, weil sie in der kritischen Infrastruktur des Kreises gebraucht werden, dafür haben wir ja sicher Verständnis.

Wer sich mehrfach widersetzt wird ausgeschlossen.

Das ist doch mal ne Drohung.

Tag 25 bis 29, Ostern

Wir färben 40 Eier, das wird in diesem Jahr ausreichen. Die Eier kommen aus dem Eierautomaten zwei Orte weiter. Das witzige ist, das da verschiedene Größen Formen und Farben in der gleichen Packung sein können. Hier gleicht kein Ei dem anderen.

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Die Kirchenglocken sind im Moment so ziemlich das einzige Geräusch in der Außenwelt. Zwischen Karfreitag und Ostersonntag schweigen die Glocken. Es fahren auch kaum Motorräder vorbei, was bei diesen Temperaturen am Wochenende sehr ungewöhnlich ist, Trecker auch nicht, wegen Feiertag. Es ist still im Ort.

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Abends um halb zwölf, ich bin auf dem Weg ins Bett, kommt das Julikind im Schlafanzug die Haustür rein.

Die waldecksche Mundart kennt ein allumfassendes Fragewort für solche Situationen. Durch Variationen in Klang und Länge kann man den eigenen Standort anzeigen und Zukunftspläne oder Herkunft seiner Mitmenschen erfragen. Es klingt kompliziert, wird aber von Ortsansässigen aller Generationen intuitiv verstanden. Deshalb brauche ich nur ein Wort.

„Hää?“

Die Patentante habe doch am späten Abend ein Osternest bringen wollen, da habe sie jetzt nur nochmal geguckt, nicht das die Waschbären…

„Ach so.“

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Der Samstag erfüllt jedes Klischee. Ein bißchen putzen, ein spontaner Baumarktbesuch, Gartenarbeiten, Straße fegen, grillen.

Als es dunkel wird machen wir Osterfeuerchen im Garten. Zu fünft sitzen wir um die Feuerschale und suchen Sternbilder. Das kleine Feuer ist angenehm. Man kann dicht genug dran sitzen, dass man nicht friert, ohne das einem dabei die Schuhsohlen schmelzen, weil es einen Meter weiter schon echt richtig heiß ist.

Die Nachbarn machen auch Osterfeuer. Es gibt also doch noch mehr Menschen außer uns.

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Normalerweise würden das Märzkind und ich um kurz vor fünf aufstehen und ins Städtchen fahren. Dort beginnt um halb sechs die Osternacht. Da ist es noch dunkel. Am Eingang der Kirche bekommt man mit eine Kerze und ein Gesangbuch gereicht, mit einem freundlichen, aber wortlosen Nicken. Entlang der Sitzbänke stehen drei kleine Laternen um grob den Weg zu zeigen, man braucht ein paar Sekunden um sich zu entscheiden, Leute sieht man nicht, aber man kann spüren, das noch andere da sind. Nicht auf gruselige Art, nur leise und dunkel. Andächtig. Irgendwann kraschpelt es ein bisschen. Während man noch überlegt, ob das Geräusch wohl echt war oder nur eingebildet, fängt der Chor an zu singen. Unplugged. In einem Gebäude, dessen Akustik genau dafür gemacht wurde, ein Gänsehautmoment. Nicht digitalisierbar.

Merkwürdig, der Gottesdienst an Heilig Abend hat mir garnicht gefehlt.

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Ich rufe meine Schwester an, um frohe Ostern zu wünschen. Nach einer viertel Stunde Gespräch fällt uns auf, das wäre gar nicht nötig gewesen. Wir sind uns die letzten 20 Jahre nie an Ostern begegnet, wenn nicht zufällig jemand Geburtstag hatte. Ach guck, haben wir das auch mal bemerkt. Es ist aber trotzdem schön sich mal zu hören.

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Das Osternest der Patentante wird gefunden. „Schöne Ostern soll ich euch sagen“ , meldet das Julikind mit einem fröhlichen Grinsen „wir machen dann was, wenn Corona vorbei ist, hat sie geschrieben“. Dazu gabs eine gesegnete Portion Schnuck, die sofort ins Kinderzimmer getragen wird. Läuft.

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Die anderen Osterkörbchen hatte der Hase wegen sommerlicher Temperaturen im Haus versteckt. Das ist unüblich, es gibt keine Standardverstecke und die Suche dauert entsprechend länger. Eiersuche im Garten geht dann schneller.

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Mittagessen besteht aus Marzipan und Blätterkrokant.

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Am frühen Nachmittag gehen wir Eierwerfen. Bei 25 Grad ist es eigentlich schon zu warm, um den Hang mehrmals wieder hochzulaufen. Nach der zweiten Runde essen wir die Eier, die noch heil geblieben sind in Picknick Atmosphäre auf der Wiese. Die zwei die kaputt gegangen sind darf der Hund sich holen. Am Himmel über der Eierwiese ist nicht ein einziges Flugzeug zu sehen, die ganze Zeit nicht.

Am Wanderparkplatz ist schon ein Hinweis auf Waldbrandgefahr angebracht. Anscheind rechnet man mit anreisenden Städtern. Das man im Wald nicht raucht und keine Zufahrtswege zuparkt ist eigentlich klar.

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Oma und Opa haben das Eiersuchareal ausgeweitet. „Die ganze Hecke, bis da hoch“, die Oma macht eine ausladende Armbewegung. Die Kinder verschwinden.

Als alles gefunden ist sitzen wir noch eine Weile auf dem Hof.

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Als wir zu Hause ankommen fährt gerade die Oma aus dem Städtchen vor. Sie bleibt im Auto sitzen, wir bleiben stehen und warten. Sie bleibt sitzen, wir wundern uns. Sie öffnet die Tür einen kleinen Spalt und sagt, sie wolle nur die Osterhasen für die Kinder bringen, bleibt aber sitzen. Der Liebste fragt, ob er denn ans Auto kommen dürfe, um sie ihr abzunehmen. Sie ringt sichtlich mit sich, steigt dann aus und übergibt mit ausgestreckten Armen eine Tasche mit Osterhasen und eine mit ausgelesenen Büchern, die ich ihr geliehen hatte.

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Abends wieder Star wars. Ich habe jetzt drei Folgen gesehen und frage mich, worin die Handlung wohl besteht. Natürlich nur innerlich, sonst wird mir das noch jemand erklären. Ich habe allerdings nachträglich noch einige Witze aus big bang theory und Lego Movie verstanden. Das Märzkind und ich waren uns einig, das die dieses Fluggerät mal grundsätzlich warten sollten. Nach jedem Start fliegen irgendwo Funken und jemand rennt fluchend mit dem Schraubenschlüssel los. Das verliert zunehmend an Unterhaltungswert. Die Jungs waren der Meinung, wir hätten keine Ahnung.

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Montag dann fünfzehn Grad weniger und viel Wind. Ich mache den Ofen an.

Nach der Hunde-Spaziergangs-Runde sammeln wir ein Osternest bei der Oma im Nachbarort ein.

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Märzkind und Maikind erkundigen sich unabhängig voneinander, ob ich schon weiß, ob die Schule nach den Ferien weitergeht, und wenn ja, wie?

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In den Nachrichten spricht ein Professor der Leopoldina. Bestimmt einer der besten seines Fachs. Leider hat er ganz offensichtlich keine Vorstellung davon, wie sich Grundschüler verhalten werden, die sich seit 5 Wochen nicht gesehen haben. Das nicht alle Schüler generell zu Fuss zur Schule kommen hat anscheind auch noch niemand im Detail bedacht.

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Zu meiner eigenen Überraschung stelle ich fest, das mir die Probleme der letzten Wochen sympathischer werden, je näher wir einer Lösung kommen.

Tag 10 bis 15

Die Tage gehen ineinander über. Mittlerweile hat jeder einen Rythmus gefunden.

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Ein Rezept ist nicht da, wo es sein sollte, ich vermute menschliches Versagen (hüstel) und erkundige mich telefonisch bei der Krankenkasse. Jo, wurde abgelehnt. Ich hatte es geahnt, es war nicht rechtzeitig da. Schon vor einer Weile nicht. Zum Glück haben wir das selber bemerkt, leider erst nach dem dritten Termin. Die wir dann vermutlich selber zahlen…seufz. „Fristen sind im Moment ausgesetzt, einfach ein neues Rezept einreichen, wir klären das.“ Das ist nett.

Damit die Krankengymnastik von der Physiopraxis abgerechnet werden kann ist normalerweise folgendes zu tun: Ich fahre ins Städtchen, suche einen möglichst nah gelegenen Parkplatz, laufe zur Orthopädie-Praxis, erkläre am Tresen was ich brauche und warum, warte auf eine Unterschrift, bekomme ein Rezept, laufe zur Geschäftsstelle unserer Krankenkasse, setze mich in den Wartebereich, werde aufgerufen, sage was ich brauche und warum, bekomme eine Kopie mit Stempel, und der Rest läuft ganz von selber. Alle neun Wochen. Jetzt ist aber lockdown und man soll auf gar keinen Fall unaufgefordert eine Arztpraxis betreten. Mein Kopf sinkt auf die Tischplatte, „mimmimimmi“.

Nun denn. Anruf in der Arztpraxis. Was wir denn genau brauchen? Erklärung wie am Tresen. „Kein Problem, schicken wir zu.“ Waaas? Moment, Pokerface. „Wäre es möglich, das direkt an die Krankenkasse zu schicken?“ Sicher. „Danke“, es ist nicht der Moment Fragen zu stellen, noch nicht.

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Hausaufgaben – Hausaufgaben – Hausaufgaben – Hausaufgaben

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Das Schulportal Lanis hat am Versuch, den Unterricht während der Corona-Frei-Zeit zu simulieren teilgenommen. Im Rahmen seiner Möglichkeiten hat es sich stets bemüht. Eventuell, aber ich bin natürlich kein Experte, waren die dafür vorgesehenen 500MB Speicherplatz zu knapp kalkuliert. Jetzt ist nicht die Zeit, zu nörgeln. Die Lehrer geben sich wirklich alle Mühe. Jeder löst seinen Teil des Problems, alle sind erreichbar. Auch auf menschlicher Ebene, das ist im Moment eh wichtiger.

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Corona- Traurigkeit beim Maikind. Wir planen eine Weihnachtspyramide aufzustellen, in seinem Zimmer. Das Internet sagt, im Erzgebirge machen das die Leute gerade, als Zeichen der Hoffnung, auf das Licht am Ende des Tunnels oder so. Hauptsache es hilft.

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Corona-Traurigkeit bei mir. Ich weiß jetzt, warum so oft Unterricht ausfällt. Es macht schlicht und ergreifend keinen Spaß. Die ganzen Aufgaben aus den verschiedenen Ecken zusammenzuklauben ist mühsam. Im sechsten Anlauf endlich Zugang zu Arbeitsblättern zu bekommen, nur um dann festzustellen, dass das Kind in einer anderen Versuchs-Gruppe war und nicht das Material dabei hat, um die Aufgaben zu bearbeiten ist frustrierend. Das Märzkind hat es sehr schön zusammengefasst: „Niemanden interessiert gerade, wann ein französischer König gestorben ist. Das hilft einem doch bei nichts.“

Ich erkläre ihr, wie man Hefeteig herstellt. (Weil ich’s kann. Der Liebste hat zwei Würfel Hefe gefunden, im Wittiland) Das hilft auch nicht, aber am Ende gibt’s Apfelkuchen. Und frischer Apfelkuchen ist allemal besser als kein frischer Apfelkuchen.

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Eine Lehrerin schreibt, sie habe den Eindruck, die Kinder hätten genug Aufgaben für diese Woche (richtig). Im Moment brauche es auch Zeit, einfach mal den Gedanken freien Lauf zu lassen. Wer mag, kann Tagebuch führen (gerne auch auf Englisch), müssen tut keiner was. Danke dafür.

Im Moment findet auf allen Kanälen Powi-Unterricht statt. Auch Mathe, Bio und Arbeitslehre sind im Angebot, wenn man die Zeit hat, es zu bemerken. Welcher Politiker wird vorgeschickt, um uns was zu sagen? Welche Berufsgruppen arbeiten noch? Warum sterben an der gleichen Krankheit in Italien soviel mehr Leute als hier? Woraus besteht ein Gesundheitssystem? In Indien, wie sollen die Leute denn da Abstand halten? Kostet es was, zu Hause zu bleiben? Dieser gemurmelte Halbsatz, in den Nachrichten erfahre man Sachen irgendwie anders als auf YouTube… wottsefack, wozu Schülerhirne in der Lage sind, nach neun Uhr. Erstaunlich.

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Die Krankengymnastik Praxis teilt sich einen Hausflur mit einer Hausarztpraxis. Auf dem Flur steht jetzt ein Tisch mit medizinischem Zeug, daneben sitzt jemand, mit Atemmaske und Umhang. Zur Krankengymnastik darf man einfach so, gruselig ist es aber schon.

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Wocheneinkauf macht der Liebste. Diese Woche in einer extended Version, wegen geschlossener Kantine. Klopapier auf Anfrage, keine Wahlmöglichkeit. Nächste Woche also vierlagig, hätte schlimmer kommen können.

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Eine Runde Federball mit dem Opa auf dem Hof. Eine viertel Stunde die durch den ganzen nächsten Tag trägt.

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Wir übermitteln Herzlichste Geburtstags- Glückwünsche unter einem Balkon stehend.

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Ich verschicke dicke Geburtstagspost. Briefmarken, so gut welche zu haben!

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Corona-Traurigkeit beim Liebsten. Er ist nicht der Typ der jammert, nie (Erkältungsbeschwerden ausgenommen, natürlich). Aber ich höre die Zwischentöne. Die Hände haben fiese Risse vom vielen desinfizieren. Kantine hat zu und mit Atemmasken kann man auch keinen Kaffee trinken. Lkw-Fahrer dürfen nicht mehr aussteigen, Warenannahme meldet sich nur über Telefon, das ist ja einerseits gut, andererseits… Der Oberboss schickt eine Mail und teilt allen mit wie viele Meter Filter gerade vom Band laufen, wie viel Masken und Schutzanzüge das mal werden, wie wichtig alle sind. Es geht besser. Per Post kommt ein Schreiben, dass ihm in gepfeffertem Amtsdeutsch die systemrelevante Tätigkeit bescheinigt. Seine Anwesenheit im Betrieb sei zwingend erforderlich, manchmal auch nachts oder am Wochende. Er darf eventuelle Kontrollen jederzeit passieren. Ein Blinklicht für aufs Auto wäre noch cool gewesen, aber so geht’s.

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Die Ausgangsbeschränkungen sind beim Hund angekommen. Die Leine hatte ich sonst zwar dabei, habe sie aber nie gebraucht. Jetzt begegnen einem alle 500m Wanderer oder Fahrradfahrer, wo sonst seit Jahren niemand war.

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Samstag Haus- und Hoftag, Sonntag Zeitumstellung und „Scheeflöckchen,Weißröckchen, was willst du denn jetzt noch?“

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Der Himmel ist so klar. Das Sauerland sieht man ja immer, also, wenn es nicht neblig ist. Bisher waren es Hügel am Horizont. Mittlerweile kann man die Hügel einzeln erkennen, Wald- und Wiesenflächen unterscheiden sich. Die holländischen Alpen, so schön.

Tag 3

Nach einem späten Frühstück gehen die Kinder an ihre Aufgaben. Der Liebste hat einen regulären freien Tag und plant handwerkliches.

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Der Optiker ruft an. Er wolle natürlich nichts beschreien, aber im Moment sähe es so aus, dass man Kontaktlinsen lieber heute als morgen abholen kommen soll, so man sie dringend braucht. Die Kontaktlinsen werden dringend gebraucht.

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Moment. Ich frage alle Kinder einzeln, ob sie noch etwas aus normalen Geschäften brauchen. Der Liebste ruft die Ommas und die Nachbarn an. Fritz muss selber nochmal ins Städtchen, Marianne meldet, gut vorbereitet zu sein, der Opa ist quasi schon auf dem Weg und hat den Einkaufszettel von der Omma dabei.

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Ich rufe bei „wo wir immer die Milch holen“ an und erkundige mich, ob das weiterhin möglich sein wird. „Jo, sicher, hat noch niemand was anderes gesagt, un? Sonst so?“ Angenervte Kinder, handwerkelnde Männer, sorglose Senioren, wir haben gerade alle das gleiche.

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Vor der Apotheke stehen schon zwei Frauen an. Es sollen bitte immer nur 2 Kunden gleichzeitig drin sein, und bitte die Hände desinfizieren am Eingang. Eine große Plexiglasscheibe wurde quer über den Tresen gebaut, unten eine Durchreiche. Ein bißchen kleinlaut erkundige ich mich, ob es möglich sei, ein Heuschnupfen Medikament zu bekommen. Es ist so banal, ich komme mir seltsam vor, werde aber sehr freundlich bedient. Selbstverständlich laufen die ganz normalen Sachen weiter, sagt die Apothekerin. Ich bedanke mich, und meine es grundsätzlich.

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In der Drogerie holen wir notwendiges und kaufen ein neues Brettspiel. Alle anderen Geschäfte sind geschlossen. Hoffentlich kann man online noch „zwei T Shirts und eine kurze Hose“ die das Maikind nach eigenen Angaben braucht bekommen. Die vorhandenen sind von etwas knapp auf wirklich zu klein gewechselt, diese Woche.

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Ein normaler Wocheneinkauf Lebensmittel. Es sind mehr Leute im Laden als um diese Zeit üblich, aber es ist leiser. Die Kassiererin wirkt müde, was auch sonst. Ganz ehrlich, ich bin froh, dass das nicht mein Job ist. Sie reicht mir den Kassenzettel. „Danke, dass Sie den Laden am Laufen halten, wir brauchen nämlich wirklich so viel.“ Es ist nur ein Satz und er kostet mich gar nichts. Aber die Frau an der Kasse setzt sich wieder aufrecht hin und lächelt. „Gerne“, sagt sie „dafür sind wir ja da“.

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Ansprache der Bundeskanzlerin. Wir entscheiden, den Geburtstag des Märzkindes ohne Gäste zu feiern. Ohne Freunde in der Schule war eigentlich schon schlimm genug. Natürlich ist es wichtig und richtig, scheiße ist es aber auch.

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Bei der Abend-Hunde-Runde haben wir Kondensstreifen am Himmel gesehen. Es waren viel weniger als sonst und sie verlaufen anders. Es passte zu diesem verqueren Tag.

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Das Internet läuft merklich langsamer.

Tag 2

Das ich keine Ahnung von der französichen Revulotion habe wußte ich. Das es aber noch viel mehr Revolutionen gibt, mit denen ich mich nicht auskenne ist mir neu.

„Worin unterscheiden sich die Märzrevolution und die Septemberrevolution in Berlin?“

„Ähm, spontan würde ich vermuten, eine fand im März statt und eine im September.“

„Boar, nee, Mama, weißte. Die Frau Geschichtslehrerin die interessiert sich wirklich für sowas. Die weiß solche Sachen. Ich glaube die macht das gerne, dass muss ich schon richtig machen.“

„Du hast doch ein Buch, wenn das die Aufgabe ist, wird es da wohl drin stehen.“

„Steht nix, gar! nichts!“

„Dann Google.“

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Ich war nebenbei noch damit beschäftigt rauszufinden, wie PowerPoint auf unserem Tablet funktioniert. Anscheind anders als in der Schule am PC. Da ich vorher aber noch nie irgendwas mit PowerPoint gemacht habe, kann ich natürlich keine Unterschiede feststellen. Es enstanden Dialoge wie bei Loriot.

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Das Märzkind ist mit den Nerven runter. Sie versteht beim besten Willen ihre Arbeitsanweisung nicht, und reicht mir ihr Handy: Es ist die Botschaft eines Akademikers, der sich erkennbar Mühe gibt, aber leider kein blödisch spricht: Wegen Überlastung des Schulportals wurde eine Subdomain eingerichtet und die Aufgaben aus datenschutzrechtlichen Gründen passwortgeschützt für jede Klasse einzeln hinterlegt. Gerne können die Schüler ihre bearbeiteten Aufgaben zusenden. Sollten Sie sich einverstanden erklären, könne man die dann für alle anderen sichtbar machen, übrigens auch Videos, so könne eine Unterrichtsatmosphäre entstehen, obwohl man sich nicht begegnet. Bleibt gesund.

„Samma, der ist aber doch kein Religionslehrer?“

„Doch, sicher. Aber ich glaube der hat Physik studiert, oder so.“

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Die Mathelehrerin, die mich auch im normalen Alltag beschäftigt hält, teilt mit, sie habe die Aufgaben auf die Plattform geladen, die da schon seit Stunden abgeschmiert war. Lösungen im Email-Anhang. Die Email hat keine Anhänge. Über Klassenlehrerin und Klassensprecher landen die Lösungen im Klassenchat. Die Lösungen haben wir also, bleibt das Problem.

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Nachmittags waren wir im Wald. Trotz Frühlingseinbruch habe ich bemerkenswert viel Luft. Erst oben auf dem Berg ist mir aufgefallen, dass ich keine Medikamente gebraucht habe, für den Weg. Sechs Leute sind uns begegnet.

Der Hund ist mehrmals hoch und runter gelaufen. Weil er’s kann.

Es wurde eine Reisewarnung für die ganz Welt ausgesprochen. Der Liebste stellt sich innerlich auf dieses sonderbare „frei haben“ ein.

Kein einziger Kondensstreifen. So blau war der Himmel nicht mehr, seit dieser Vulkan auf Island ausgebrochen war.

Der Theaterabend hatte ein upgrade von „abgesagt“ auf „verschoben“. Verschoben wurde auch Käthes fette Party zum hundertsten. Frisch abgesagt wurde das Osterfeuer. Wir planen eine private Alternativveranstaltung mit Feuerkorb und den Holzresten aus der Garage. De Omma hat für nächste Woche Klopapier auf dem Einkaufszettel stehen.

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Es ist still im Ort. Noch stiller als normal. Wenn man hört, dass jemand Altglas einwirft möchte man ans Fenster gehen, um zu gucken, was denn los ist.

Luka

Mir fällt ein, dass auf dem Besucherbett noch ein Kissen fehlt. Die Bezüge waren in verschiedene Waschladungen geraten, sowas kommt vor. Der Gast winkt ab, er hat seine eigenen Kissen dabei.

Das ist ungewöhlich. Normalerweise reisen 12jährige Jungs nur mit dem anerzogenen Mindestgepäck: ein frischer Schlübber, ein paar Socken ( falls das, was man anhat nass werden sollte), eine Zahnbürste, plus Handy und Spielekonsole. Auch, dass die beiden Jungs sofort nach der ersten Aufforderung ihre digitale Welt verlassen, ist irgendwie verdächtig. Aber ich bin schon zu müde, um mich zu wundern.

Der Gast kontrolliert in meiner Anwesenheit einen medizinischen Wert und dosiert sein Medikament entsprechend. Er zeigt mir wo er das Gerät zum messen hinlegt. Dann ist Schlafenszeit, also, für mich jedenfalls.

Der Liebste hat Frühschicht und wird am frühen Morgen den Gast kurz scannen: Messgerät über den Arm halten, wo eine Art Sensor drauf/drin sitzt. Sollte ein Wert unter 60 angezeigt werden, müsste der Gast kurz geweckt werden, damit er “ nachladen “ kann.

Am nächsten Morgen frühstückt das Maikind eine riesen Portion Cornflakes und der Übernachtungsgast zwei Scheiben Brot mit Wurst. Dann schicke ich sie eine Runde raus, in die echte Welt. Erst beim Mittagessen fällt dem Julikind auf, dass bei diesem Gast etwas anders ist:

„Warum wiegst du Luka’s Essen?“

Luka hat eine Krankheit. Er erklärt es dem Julikind, man hört, dass er darin Routine hat. Die Kurzfassung ist, bei Diabetes darf man zwar schon alles essen, aber nie einfach so. Man muss immer Insulin „abdrücken“. Ja, auch wenn man mal heimlich was naschen wollen würde, dann sogar ganz besonders. Es gibt eine Einheit dafür, BE. Die Portion Nudeln, die da jetzt auf dem Teller ist, hat eine BE. Schwungvoll übergießt er die Nudeln mit Soße „und Tomatensoße hat nix“, erfahren wir.

Nach dem Essen bleibt Luka einen Moment länger sitzen, als die anderen. Vorsichtig erkundigt er sich, wie dass denn für mich gewesen wäre, dass er hier übernachtet habe. Ich bin mir nicht sicher, was er meint.

“ Also, von mir aus hat alles gut geklappt, bist ’n netter Gast“.

Er strahlt, ob er denn vielleicht irgendwann nochmal hier übernachten könnte?

“ Jo, sicher, wieso nicht?“

Er würde mir gern etwas schenken, sagt er etwas schüchterner als ich ihn sonst kenne. Ich bekomme einen Ordner im Hosentaschenformat, darin sind alle gängigen Süßigkeiten und was man so an Snackobst anbietet in BE Einheiten abgebildet. “ Dann musst du die Packungen nicht immer lesen“. Das ist doch mal eine gute Idee! Ich freue mich, aber “ brauchst du den denn nicht?“ „Nö, ich kann das doch auswendig.“ “ Und wenn du woanders übernachtest?“ Er schüttelt nur mit dem Kopf.

Am Nachmittag kommt Luka’s Mama. Wir trinken einen Kaffee und sie erkundigt sich, wie es denn gelaufen sei. Sehr gut, soweit ich das sagen kann. Luka hat mich eingewiesen und sich an alle Absprachen gehalten. Da war ich viel entspannter als ich gedacht hätte. Sie freut sich sichtlich. Leider habe Luka nicht oft die Möglichkeit woanders zu übernachten. Er habe sich wirklich sehr darauf gefreut, die letzten drei Tage.

“ Und danke, ne“ sagt Luka im rausgehen und grinst seine Mama an. “ ich kann nochmal wiederkommen, hat sie gesagt“. “ Das ist doch toll, und weißt du was?“ , sagt die LukaMama “ das erzählen wir der Oma. Wenn die Mama vom Maikind sich das traut, wird die Oma vielleicht auch mutiger. Dann kannste da vielleicht auch mal übernachten.“

Einen kurzen Moment habe ich nachträglich noch Panik. Habe ich mir zu wenig Gedanken gemacht, was hätte passieren können?? Ach Quatsch, da geht doch gerade ein lebendiges, fröhliches Kind nach Hause. Alles ist gut gegangen. Einmal im Leben war ich mutiger als die anderen und hätte es beinah nicht bemerkt.

Liegt jetzt in der Schublade neben dem Esstisch bereit