Tag 3

Nach einem späten Frühstück gehen die Kinder an ihre Aufgaben. Der Liebste hat einen regulären freien Tag und plant handwerkliches.

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Der Optiker ruft an. Er wolle natürlich nichts beschreien, aber im Moment sähe es so aus, dass man Kontaktlinsen lieber heute als morgen abholen kommen soll, so man sie dringend braucht. Die Kontaktlinsen werden dringend gebraucht.

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Moment. Ich frage alle Kinder einzeln, ob sie noch etwas aus normalen Geschäften brauchen. Der Liebste ruft die Ommas und die Nachbarn an. Fritz muss selber nochmal ins Städtchen, Marianne meldet, gut vorbereitet zu sein, der Opa ist quasi schon auf dem Weg und hat den Einkaufszettel von der Omma dabei.

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Ich rufe bei „wo wir immer die Milch holen“ an und erkundige mich, ob das weiterhin möglich sein wird. „Jo, sicher, hat noch niemand was anderes gesagt, un? Sonst so?“ Angenervte Kinder, handwerkelnde Männer, sorglose Senioren, wir haben gerade alle das gleiche.

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Vor der Apotheke stehen schon zwei Frauen an. Es sollen bitte immer nur 2 Kunden gleichzeitig drin sein, und bitte die Hände desinfizieren am Eingang. Eine große Plexiglasscheibe wurde quer über den Tresen gebaut, unten eine Durchreiche. Ein bißchen kleinlaut erkundige ich mich, ob es möglich sei, ein Heuschnupfen Medikament zu bekommen. Es ist so banal, ich komme mir seltsam vor, werde aber sehr freundlich bedient. Selbstverständlich laufen die ganz normalen Sachen weiter, sagt die Apothekerin. Ich bedanke mich, und meine es grundsätzlich.

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In der Drogerie holen wir notwendiges und kaufen ein neues Brettspiel. Alle anderen Geschäfte sind geschlossen. Hoffentlich kann man online noch „zwei T Shirts und eine kurze Hose“ die das Maikind nach eigenen Angaben braucht bekommen. Die vorhandenen sind von etwas knapp auf wirklich zu klein gewechselt, diese Woche.

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Ein normaler Wocheneinkauf Lebensmittel. Es sind mehr Leute im Laden als um diese Zeit üblich, aber es ist leiser. Die Kassiererin wirkt müde, was auch sonst. Ganz ehrlich, ich bin froh, dass das nicht mein Job ist. Sie reicht mir den Kassenzettel. „Danke, dass Sie den Laden am Laufen halten, wir brauchen nämlich wirklich so viel.“ Es ist nur ein Satz und er kostet mich gar nichts. Aber die Frau an der Kasse setzt sich wieder aufrecht hin und lächelt. „Gerne“, sagt sie „dafür sind wir ja da“.

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Ansprache der Bundeskanzlerin. Wir entscheiden, den Geburtstag des Märzkindes ohne Gäste zu feiern. Ohne Freunde in der Schule war eigentlich schon schlimm genug. Natürlich ist es wichtig und richtig, scheiße ist es aber auch.

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Bei der Abend-Hunde-Runde haben wir Kondensstreifen am Himmel gesehen. Es waren viel weniger als sonst und sie verlaufen anders. Es passte zu diesem verqueren Tag.

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Das Internet läuft merklich langsamer.

Tag 2

Das ich keine Ahnung von der französichen Revulotion habe wußte ich. Das es aber noch viel mehr Revolutionen gibt, mit denen ich mich nicht auskenne ist mir neu.

„Worin unterscheiden sich die Märzrevolution und die Septemberrevolution in Berlin?“

„Ähm, spontan würde ich vermuten, eine fand im März statt und eine im September.“

„Boar, nee, Mama, weißte. Die Frau Geschichtslehrerin die interessiert sich wirklich für sowas. Die weiß solche Sachen. Ich glaube die macht das gerne, dass muss ich schon richtig machen.“

„Du hast doch ein Buch, wenn das die Aufgabe ist, wird es da wohl drin stehen.“

„Steht nix, gar! nichts!“

„Dann Google.“

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Ich war nebenbei noch damit beschäftigt rauszufinden, wie PowerPoint auf unserem Tablet funktioniert. Anscheind anders als in der Schule am PC. Da ich vorher aber noch nie irgendwas mit PowerPoint gemacht habe, kann ich natürlich keine Unterschiede feststellen. Es enstanden Dialoge wie bei Loriot.

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Das Märzkind ist mit den Nerven runter. Sie versteht beim besten Willen ihre Arbeitsanweisung nicht, und reicht mir ihr Handy: Es ist die Botschaft eines Akademikers, der sich erkennbar Mühe gibt, aber leider kein blödisch spricht: Wegen Überlastung des Schulportals wurde eine Subdomain eingerichtet und die Aufgaben aus datenschutzrechtlichen Gründen passwortgeschützt für jede Klasse einzeln hinterlegt. Gerne können die Schüler ihre bearbeiteten Aufgaben zusenden. Sollten Sie sich einverstanden erklären, könne man die dann für alle anderen sichtbar machen, übrigens auch Videos, so könne eine Unterrichtsatmosphäre entstehen, obwohl man sich nicht begegnet. Bleibt gesund.

„Samma, der ist aber doch kein Religionslehrer?“

„Doch, sicher. Aber ich glaube der hat Physik studiert, oder so.“

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Die Mathelehrerin, die mich auch im normalen Alltag beschäftigt hält, teilt mit, sie habe die Aufgaben auf die Plattform geladen, die da schon seit Stunden abgeschmiert war. Lösungen im Email-Anhang. Die Email hat keine Anhänge. Über Klassenlehrerin und Klassensprecher landen die Lösungen im Klassenchat. Die Lösungen haben wir also, bleibt das Problem.

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Nachmittags waren wir im Wald. Trotz Frühlingseinbruch habe ich bemerkenswert viel Luft. Erst oben auf dem Berg ist mir aufgefallen, dass ich keine Medikamente gebraucht habe, für den Weg. Sechs Leute sind uns begegnet.

Der Hund ist mehrmals hoch und runter gelaufen. Weil er’s kann.

Es wurde eine Reisewarnung für die ganz Welt ausgesprochen. Der Liebste stellt sich innerlich auf dieses sonderbare „frei haben“ ein.

Kein einziger Kondensstreifen. So blau war der Himmel nicht mehr, seit dieser Vulkan auf Island ausgebrochen war.

Der Theaterabend hatte ein upgrade von „abgesagt“ auf „verschoben“. Verschoben wurde auch Käthes fette Party zum hundertsten. Frisch abgesagt wurde das Osterfeuer. Wir planen eine private Alternativveranstaltung mit Feuerkorb und den Holzresten aus der Garage. De Omma hat für nächste Woche Klopapier auf dem Einkaufszettel stehen.

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Es ist still im Ort. Noch stiller als normal. Wenn man hört, dass jemand Altglas einwirft möchte man ans Fenster gehen, um zu gucken, was denn los ist.

Luka

Mir fällt ein, dass auf dem Besucherbett noch ein Kissen fehlt. Die Bezüge waren in verschiedene Waschladungen geraten, sowas kommt vor. Der Gast winkt ab, er hat seine eigenen Kissen dabei.

Das ist ungewöhlich. Normalerweise reisen 12jährige Jungs nur mit dem anerzogenen Mindestgepäck: ein frischer Schlübber, ein paar Socken ( falls das, was man anhat nass werden sollte), eine Zahnbürste, plus Handy und Spielekonsole. Auch, dass die beiden Jungs sofort nach der ersten Aufforderung ihre digitale Welt verlassen, ist irgendwie verdächtig. Aber ich bin schon zu müde, um mich zu wundern.

Der Gast kontrolliert in meiner Anwesenheit einen medizinischen Wert und dosiert sein Medikament entsprechend. Er zeigt mir wo er das Gerät zum messen hinlegt. Dann ist Schlafenszeit, also, für mich jedenfalls.

Der Liebste hat Frühschicht und wird am frühen Morgen den Gast kurz scannen: Messgerät über den Arm halten, wo eine Art Sensor drauf/drin sitzt. Sollte ein Wert unter 60 angezeigt werden, müsste der Gast kurz geweckt werden, damit er “ nachladen “ kann.

Am nächsten Morgen frühstückt das Maikind eine riesen Portion Cornflakes und der Übernachtungsgast zwei Scheiben Brot mit Wurst. Dann schicke ich sie eine Runde raus, in die echte Welt. Erst beim Mittagessen fällt dem Julikind auf, dass bei diesem Gast etwas anders ist:

„Warum wiegst du Luka’s Essen?“

Luka hat eine Krankheit. Er erklärt es dem Julikind, man hört, dass er darin Routine hat. Die Kurzfassung ist, bei Diabetes darf man zwar schon alles essen, aber nie einfach so. Man muss immer Insulin „abdrücken“. Ja, auch wenn man mal heimlich was naschen wollen würde, dann sogar ganz besonders. Es gibt eine Einheit dafür, BE. Die Portion Nudeln, die da jetzt auf dem Teller ist, hat eine BE. Schwungvoll übergießt er die Nudeln mit Soße „und Tomatensoße hat nix“, erfahren wir.

Nach dem Essen bleibt Luka einen Moment länger sitzen, als die anderen. Vorsichtig erkundigt er sich, wie dass denn für mich gewesen wäre, dass er hier übernachtet habe. Ich bin mir nicht sicher, was er meint.

“ Also, von mir aus hat alles gut geklappt, bist ’n netter Gast“.

Er strahlt, ob er denn vielleicht irgendwann nochmal hier übernachten könnte?

“ Jo, sicher, wieso nicht?“

Er würde mir gern etwas schenken, sagt er etwas schüchterner als ich ihn sonst kenne. Ich bekomme einen Ordner im Hosentaschenformat, darin sind alle gängigen Süßigkeiten und was man so an Snackobst anbietet in BE Einheiten abgebildet. “ Dann musst du die Packungen nicht immer lesen“. Das ist doch mal eine gute Idee! Ich freue mich, aber “ brauchst du den denn nicht?“ „Nö, ich kann das doch auswendig.“ “ Und wenn du woanders übernachtest?“ Er schüttelt nur mit dem Kopf.

Am Nachmittag kommt Luka’s Mama. Wir trinken einen Kaffee und sie erkundigt sich, wie es denn gelaufen sei. Sehr gut, soweit ich das sagen kann. Luka hat mich eingewiesen und sich an alle Absprachen gehalten. Da war ich viel entspannter als ich gedacht hätte. Sie freut sich sichtlich. Leider habe Luka nicht oft die Möglichkeit woanders zu übernachten. Er habe sich wirklich sehr darauf gefreut, die letzten drei Tage.

“ Und danke, ne“ sagt Luka im rausgehen und grinst seine Mama an. “ ich kann nochmal wiederkommen, hat sie gesagt“. “ Das ist doch toll, und weißt du was?“ , sagt die LukaMama “ das erzählen wir der Oma. Wenn die Mama vom Maikind sich das traut, wird die Oma vielleicht auch mutiger. Dann kannste da vielleicht auch mal übernachten.“

Einen kurzen Moment habe ich nachträglich noch Panik. Habe ich mir zu wenig Gedanken gemacht, was hätte passieren können?? Ach Quatsch, da geht doch gerade ein lebendiges, fröhliches Kind nach Hause. Alles ist gut gegangen. Einmal im Leben war ich mutiger als die anderen und hätte es beinah nicht bemerkt.

Liegt jetzt in der Schublade neben dem Esstisch bereit