Was man so macht

Der Virus kommt ungelegen. Drei wichtige Arzttermine liegen in dieser Woche. Solange noch zwei gesund sind, können wir uns durchwurschteln. Bis Donnerstag müssen sie noch kommen, ermuntern sich die Gesunden, danach wäre es egal, nur bis Donnerstag… Der Termin am Mittwoch klappt und es gibt gute Nachrichten. Es ist nicht eine Krankheit sondern drei verschiedene. Keine davon so schlimm, dass die Kosten für Medikamente übernommen werden. Man freut sich entsprechend, was solls. Sie gehen nach nebenan um sich etwas zu kochen, bieten an, etwas mit rüber zu bringen. Nicht nötig.

Mittwochabend haben es dann alle. Der Handwerker, der währenddessen die Küche renoviert hat völlig freie Bahn. Eine Packung Salzstangen, ein halbes Glas Apfelmus und ein paar Löffel Haferflocken, dazu einige Liter Tee – mehr wird nicht verzehrt in drei Tagen.

Arzttermine verschoben – auf Ende April. Dann ist es eben so.

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Am Abend ist der Küchenboden fertig, die Wand auch. Wir hatten Sekt gekauft, um diesen Moment gebührend zu feiern. Man könnte jetzt die Möbel wieder reinstellen, aber ohne dass es jemand laut sagt, ist allen klar. Heute nicht. Statt dessen stehen wir alle andächtig eine Weile im Raum, nicken, laufen ein bisschen hin und her, ein ungewohntes Gefühl, so auf Fussboden. Schön ist das geworden, richtig schön. Es war allerdings auch lange richtig scheiße, vorher.

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Sonntag wieder fit genug für einen kurzen Besuch bei der Omma. Sie freut sich, dass „mal jemand guckt“, wie sie es nennt, bedankt sich für mitgebrachtes Essen. Ich freue mich, dass sie sich freut, aber es ist bemerkenswert ungewöhnlich. Sie verändert sich von Woche zu Woche.

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Eine Wartezeit mit einem Besuch im Baumarkt überbrückt, dort murmelnd vor Wandpaneele gestanden, festgestellt, dass heute nicht der Tag der Entscheidung ist und statt dessen nach Falttüren gefragt. Was man so macht.

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Märzkind schickt Urlaubsbilder, Palmen, strahlender Sonnenschein, lachende Gesichter, so soll das.

Maikind zählt die Tage bis zur Zwischenprüfung, die eigentlich schon Teil der Abschlussprüfung ist.

Ich altere bei sowas.

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Der Januar lag vor uns wie ein Berg. Wir habens geschafft, bis hierher. Die dunkelste Zeit vorbei ist, Restlicht um 17.30 Uhr und ganze Tage ohne Nebel, man hatte beinahe vergessen, wie sich sowas anfühlt… Ganz vorsichtig machen wir erste Pläne für das weitere Jahr, Urlaubstage, Geburtstagsfeiern….

Sonst war nichts. Ist auch mal schön.

Willkommen in 2025

Ein frohes neues Jahr wünsche ich euch allen!

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Silvesterbesucher am letzten Nachmittag des Jahres. Brüderchen sieht blass aus und trägt den Arm in einer Schiene, ruhig gestellt bis fast an die Schulter. Mitleid möchte er nicht, also bekommt er auch keins. Wir tauschen Geschenke aus und haben es noch ein bisschen Restweihnachtlich. Die Freundin kommt, um einen guten Rutsch zu wünschen … und danke dass ihr die Kinder hier… da nicht für, das Konzept hat sich bewährt.

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Gegen halb elf am Silvesterabend sind wir, wenn wir ehrlich sind, zu müde für ein weiteres Denk- oder Strategiespiel und für tiefschürfende Gespräche auch. Jemand schlägt vor, Mensch ärgere dich nicht zu spielen, das würde gehen, zu sechst. Gut sogar. Als das nächste Mal jemand auf die Uhr schaut ist es schon Zeit sich anzuziehen. Das neue Jahr begrüßen wir draußen im Garten. Maikind feiert mit Freunden nebenan, sie haben das Feuerwerk schon hingestellt, die Glocken beginnen zu läuten, es kann gezündet werden. Richtig schönes Feuerwerk haben sie ausgesucht. Dann ein Schreckmoment, alle bleiben wie eingefroren stehen und lachen dann erleichert los. "Was hab ich denn da gekauft?", fragt sich jemand laut. Ein außergewöhnlich schauerliches Silvesterquietschgeräusch war das. Es ist kalt und windig. Das Feuerwerk ist schnell zu Ende, wir gehen zurück ins Haus, beantworten Neujahrswünsche und weiter gehts. Die Partie Mensch ärgere dich nicht zieht sich über Jahre, um halb zwei steht ein Sieger fest. Und erst da fällt auf, dass wir jetzt gar keinen Sekt… vielleicht zum Frühstück.

Jeder schreibt seine Wünsche für das neue Jahr und auf einen Zettel, so ist es Tradition. Die Zettel lagern in der Zeitkapsel auf dem Dachboden, bis zum nächsten Silvester. Dann wird abgerechnet. Im letzten Jahr hatte niemand Lust darauf. 2024 fehlt, aber das passt.

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Der Hund und ich sind offensichtlich die allerersten, die hier heute unterwegs sind. Eine geschlossene Schneedecke liegt auf Bürgersteig und Straße, geht nahtlos in weiß verschneiten Wald über, malerisch. Obwohl? Es ist Freitag morgen halb neun. Kurz frage ich mich, wann ich eigentlich zuletzt Nachrichten geguckt habe, ist heute Zombieakolypse angesagt?

Als ich eine Stunde später wieder komme sieht man ersten Fahrspuren, geräumt ist noch nichts – außer dem Fussweg an der Bushaltestelle natürlich, das macht der Nachbar. Wir unterhalten uns einen Moment, darüber, wie schön das alles aussieht, und das der Bus tatsächlich wieder den Berg hoch gekommen ist. Tja, ich hatte ehrlich gesagt gehofft, es würde jemand kommen, zum räumen, sage ich, aber dann muss ich wohl auch mal… was sollen die Leute denken, wenn alle Ü70 den öffentlichen Raum vor ihren Haustüren schon freigeschaufelt haben und wir nicht…. nein, doch nicht, der Liebste ist schon dabei. Glück gehabt.

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An einem Morgen die Hunderunde in kompletter Winterausstattung gegangen, Kapuze über die Mütze gezogen, und auf halber Strecke entschieden, den gleichen Weg wieder zurück zu gehen, weil das Stapfen durch tiefen Schnee doch anstrengend war – am nächsten Morgen sind es neun Grad, der Wind, der gestern eindeutig eisig war, fühlt sich frühlingshaft an. Sterbewetter.

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Ich schmücke den Weihnachtsbaum ab und trage ihn raus. Es war ein wirklich schöner Baum, dies Jahr. Weihnachtsdeko ist schnell eingesammelt und verstaut. Das war das.

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Gemeinsam räumen wir die Schränke wieder in Baustellenmodus, die halbe Küche wird rausgetragen, die andere Hälfte mit Hilfe von Wagenheber und Kanthölzern soweit höher gestellt, dass es gerade noch nutzbar ist, Wohnzimmer und Essbereich zusammengelegt. Zwei Zimmer sind leer, die anderen unpraktisch und ungemütlich eingerichtet. Ein Arzttermin wird nötig, zwei Winterreifen müssen neu, heute und irgendwo unter dem Schnee muss eine Scherbe gelegen haben, der Hund hat sich mal wieder die Pfote übelst aufgeschnitten. Willkommen 2025.

Rund um Weihnachten 2024

Am letzten Schultag hole Julikind ab und wir fahren ins Nachbarstädtchen. Das war vielleicht nicht die klügste Entscheideung, wenn wir jetzt so drüber nachdenken. Die Straßen sind voll. Wir stehen quasi im Stau. Aber ist auch egal, es ist die erste und letzte Gelegenheit und die Einkaufsliste ist noch ziemlich lang. Der Advent war zäh, dies Jahr. Dieses jetzt oder nie, es macht entscheidungsfreudig. Wir finden was wir suchen, sogar in schön und sind ehrlich gesagt überrascht. Julikind denkt laut darüber nach, ob das zum neuen Konzept werden könnte, einfach vier Tage vor Weihnachten, Sachen in zu Geschäften kaufen, dann mit Tüten durch Fussgängerzonen laufen, das hat ihr gut gefallen.

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Dann kommt der Moment, ab dem wirklich alle frei haben. Endlich.

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Es gibt garnicht so viel vorzubereiten. Der Nachmittag des heiligen Abends ist ruhig. Alle gemeinsam gehen wir zum Gottesdienst. Ich war seit Jahren nicht mehr Heilig Abend in der Kirche und wundere mich über die freien Plätze. Früher musste man zeitig da sein, die Reihen wurden nachverdichtet, bis in die hinterletzte Ecke, das scheint lange her zu sein. Zum Eingang wird die Aschenbrödel-Melodie gespielt. Die Damen lächeln sich zu, die Herren – hatten gleich das Gefühl es irgendwo schon mal gehört zu haben, dieses Stück.

Für 12 Personen ist der Tisch gedeckt. Die Gäste bringen Essen mit, es wird schnell eng auf dem Tisch. Wir rücken Gläser etwas dichter, Schüsselchen zwischen Gedecke. De Omma hatte spontan doch lieber keine Lust auf Weihnachten, es stört ihren gewohnten Ablauf. Dafür haben alle Verständnis. Ich räume ein Gedeck wieder ab und „dann haben wir ja Platz für Kartoffelsalat“, sagt jemand. In der Küche wird die erste Flasche Sekt geöffnet. Brüderchen liegt im Krankenhaus (aus Gründen der Barrierefreit verzichten wir sonst auf Alkohohlausschank). Wir sind so wenig Leute wie wahrscheinlich noch nie, aber die die da sind, genießen den exklusiven Abend, ganz ohne Pflegebedarf. Ein Hauch von Müdigkeit, gegen 23.30 Uhr, dann kommt noch jemand, wir tauschen Geschenke aus, und, wenn wir jetzt alle noch wach sind, gehen wir nach draußen, um dem mitternächtlichen Glockengeläut zu lauschen, bei dem es sich im Grunde um ein Trinkspiel handelt. Es muss manuell, oben im Glockenturm geläutet werden, bis eine bestimmte Menge an Schnaps pro Person getrunken wurde, von jungen Menschen natürlich, die anschließend noch halbwegs heil die Leitern wieder runter kommen.

Mein erster Heilig Abend ohne Großeltern. Ein Meilenstein. Also, die Omas leben noch, waren halt nur nicht dabei.

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Der erste Feiertag wird bei Schwiegermutter gefeiert, in bombastischen Weihnachtsambiente. Schon in der Diele steht mehr Weihnachtsdeko als bei uns im ganzen Haus. Alle sind gekommen, es braucht zwei Tische, mittlerweile. Zu sechst sitzen wir schweigend am „Kindertisch“ im Wohnbereich. Der Schwippschwager steht auf und dreht die panflötenuntermalte Chormusik leiser. Besser. Ganz allmählich kommt ein Gespräch in Gang. Irgendwann ist die CD durchgelaufen und es wird still im Raum. So ist gut, sind wir uns einig, aber, wenn hier keine Musik läuft, das fällt bestimmt bald auf und dann kommt womöglich jemand und drückt wieder auf play. Schwippschwager und Nichte sichten das CD Sortiment. Es gibt zahlreiche Variationen des eben gehörten… und eine CD mit Vogelstimmen, die nehmen wir, unterhalten uns über Vogelarten und was man so erkennt….und fragen uns, wann das wohl auffällt und wem.

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Der zweite Feiertag versinkt in dichtestem Nebel, die andere Straßenseite ist nur schemenhaft zu sehen. Egal. Wir sind alle übersozialisiert und verbringen den Tag in Jogginghosen vor Bildschirmen sitzend, ernähren uns von Resten.

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Bemerknisse : Auffallend große Zufriedenheit mit Geschenken, dies Jahr. Es gab gewünschtes und gute Überraschungen. Ungewöhnlich wenig Süßigkeiten gab es, das fällt aber tatsächlich erst zwei Tage später auf. Macht garnichts, ist nur seltsam die Schnuckeschublade nach Weihnachten so leer zu sehen. Wenn jeder nur eine Sache zu Essen vorbereiten muss, wird alles mit Liebe gemacht – und das merkt man. Gutes Konzept. Der mittlere Neffe hat zum ersten Mal jemanden, der nicht zu seiner Kernfamilie gehört direkt angesprochen. Ein Meilenstein. Vielleicht gibt es eine Geschichte dazu, man weiß es nicht. Die Krippenfiguren passen dermaßen gut in die Wand, dass wir einen Moment überlegen, ob wir dafür nicht eine Lücke in der Trockenbauwand einplanen sollten.

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Ein Kaffeetrinken bei der Omma. Sie wirkt sortiert und zufrieden. Wir führen über anderthalb Stunden ein halbwegs fortlaufendes Gespräch, beobachten Vögel am Futterhaus, essen Kuchen. Weihnachtlicher braucht es garnicht werden.

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Spontanes Treffen zur Geschenkübergabe beim Patenkind. Memory, Mähdrescher und Monstertruck gespielt, andächtig drei Seiten Zeitung geschreddert. Der Liebste und ich fahren mit einem leicht nostalgischen Gefühl nach Hause.

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Feuerwerkseinkauf mit Maikind. Er zahlt die gescannten Waren an der Selbstbedienungskasse, ich das Feuerwerk an einer, wo schon jemand sitzt, der meine Volljährigkeit feststellen kann. Wir sind zeitgleich fertig.

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Der Liebste wollte das kalte Wetter für die Winterbehandlung der Bienen nutzen und ist früher wieder da, als gedacht. Am vorletzten Tag zeigt dieses Jahr uns nochmal den Mittelfinger.

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Jetzt noch ein bisschen putzen und aufräumen, Gästebettwäsche rauskramen und Buffet richten für Silvester. Das neue Jahr darf gerne gut werden.

Aschenbrödel und Nikolaus

Man nimmt den Topf mit Kartoffeln vom Herd, geht zwei Schritte und schüttet das heiße Wasser einfach ins Spülbecken ab. Es ist toll. Ich freue mich heute zum zehnten mal, oder so darüber. Ein Spülbecken mit Wasseranschluss in der Küche ist so dermaßen praktisch. Nach dem Abendbrot räumen wir feierlich die Spülmaschine ein, drücken den Knopf und lauschen einen Moment andächtig ihrem Arbeitsgeräusch. Man müsste sich eigentlich albern vorkommen dabei. Tun wir aber nicht, kein bisschen. Die Arbeitsplatte ist auch wieder da. Man kann in der Küche stehend Dinge zubereiten, das vereinfacht die Arbeitsabläufe, es kocht sich wie von selber, also fast. Man hatte sich tatsächlich schon gewöhnt, an die provisorische Lagerung von Dosen, Tellern und Kleinteilen und zieht ständig die falschen Schubladen. Bisschen fusskalt ist es, so direkt auf dem Estrich aber irgendwas ist ja immer.

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So, da nun klar ist, in welchem Zustand sich der Hauptraum an Heilig Abend befinden wird, können wir anfangen, über Details nachzudenken. Wo soll denn der Baum stehen, dieses Jahr? Wo die Leute sitzen? Wir überlegen, zählen Namen an Fingern ab, diskutieren Eventualitäten und sich daraus ergebende Gehwege. Wahrscheinlich sind wir nur zu zwölft. Die Möbel können genau so stehen bleiben, eine zusätzliche Tischplatte rein, ein paar Stühle vom Dachboden und fertig. „Nur zwölf?“, der Neue schmunzelt ein bisschen, sie feiern zu dritt, sagt er.

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„Wo sind wir eigentlich?“, fragt Julikind auf dem Heimweg. „Irgendwo zwischen dem Nachbarort und zu Hause, aber so ganz genau weiß ich es ehrlich gesagt auch nicht“. Es geht nur langsam voran. Wenn man an einem Leuchtpfosten vorbei fährt kann man gerade so die Reflektoren des nächsten Pfostens erkennen und wirklich nur die. Wir unterhalten uns darüber, was Leute von woanders so meinen, wenn sie „Nebel“ sagen, sowas wie hier kennen die garnicht.

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Die Musik aus „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“, gespielt vom Orchester, der Film läuft darüber auf Leinwand mit. Die Karten hatten wir bereits im Sommer gekauft. Ich war ehrlich gesagt skeptisch und daher auch nur mäßig aufgeregt, vorher. Aber, zu meiner Überraschung war das wirklich schön. Die Oper war beinahe ausverkauft, die Stimmung kulturell, kein merchandise, keine Plastikbecher. Eine interessante Mischung von Leuten im Weihnachtspulli bis hin zu russischen Damen in Abendgarderobe. Das Orchester war wirklich beeindruckend. Die Zugfahrt zurück auch, denn da war gerade ein Fussballspiel zu Ende gegangen. Es gab an dem Tag keinen extra Zug für die Fans, und der reguläre hatte laut Anzeige leider heute einen Waggon weniger als üblich. Frankfurt hat auffallend freundliche Fans. Aber, wie viele Leute wirklich in einen Zug reinpassen, das stellt man sich nicht vor, als Landei. Am Abend fühlt es sich so an, als wäre es eine ganze Reise gewesen.

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Uhhh ha, da war doch was. Am späten Abend des 5. Dezember schleicht der Nikolaus noch mal über den Flur und befüllt Stiefel. Die Kinder wundern sich am Morgen. Alle drei hatten es total vergessen. Ein Meilenstein. Da könnte der Nikolaus ja vielleicht in Rente gehen? Neee, neeee, neee, das nun nicht, sie waren einfach zu busy, sagen die Blagen.

Zwei kleine Nikoläuse kamen am späten Nachmittag zum Süßigkeiten einsammeln. Vielleicht fällt diese Tradition Halloween zum Opfer oder es liegt daran, dass der Bär jetzt früher rum geht. Der war gut gewickelt und hat so gebrüllt – „ein bisschen gruselt es immernoch“, sagt Julikind und fragt dann interessiert, wer denn drin steckt (im aus Strohschlangen massgewickelten Kostüm)

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Der Parkplatz, den wir als Haltestelle einer wöchentlichen Elterntaxifahrt nutzen wurde zum Großteil gesperrt, man baut eine Eisbahn auf mit Würstchenbuden und so. Eigentlich wollte ich die Wartezeit für Besorgungen in der Fussgängerzone nutzen, tja, dann nicht, Weiterfahrt zum Baumarkt mit Parkplatz.

Äh, hä? Einen Moment lang stehe ich leicht verwirrt vor dieser Drogeriemarkt-Produktinsel. Wo letzte Woche noch Nougatmandeln und Lebkuchen standen sind jetzt Konfettikanonen und Glücksschweinchen aufgebaut. Man möge sich mit Sylvesterkitsch eindecken – am Freitag vor dem zweiten Advent.

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Nach drei Tagen bei windigen 4°C und Regen von allen Seiten, fühlt sich eine Hunderunde bei 4°C ohne Wind und Regen unter blauem Himmel an wie Frühlingserwachen.

Licht und Schatten, Anfang Oktober

Man übermittelt mir ein alternatives Stellenangebot den Fall, dass sich ab Montag wirklich etwas ändern sollte. Doppelt so viele Stunden, doppelt so weiter Anfahrtsweg und ich zitiere „leider noch schlechter bezahlt“, was natürlich Gründe habe, die kurz erläutert werden. Das beantwortet nicht meine Frage.

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Donnerstag ist Feiertag. Beim Abendessen fragen wir uns gegenseitig, was wir eigentlich den ganzen Tag gemacht haben. Nichts.

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Der Vater vom Zauberer ist jetzt Hypnosetherapeut. Manche Sachen kann man sich nicht ausdenken. Herzliche Glückwünsche gehen ins Land der Friesen.

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Die neue Waschmaschine wird geliefert. Sie kalibriert sich und nimmt anschließend fast geräuschlos ihren Dienst auf. Einen Moment lang stehen wir staunend im Durchgang, kein Vergleich zum Sound der Alten. Man kann hier jetzt eigentlich ganz gut sein, ein Barhocker vielleicht noch, ein kleiner Klapptisch an die Wand… gibt auch gutes W-Lan.

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Diese Erkältung war nie richtig weg, wenn man ehrlich und jetzt lässt sie sich nicht mehr ignorieren. Ich schleppe mich durch den Samstag, nützt ja nichts. Alle anderen sind zum Hecken-Schneide-Einsatz bei Schwiegermutter.

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Ach, er hat dann übrigens gleich einen Termin, sagt der Liebste, beim Mittagessen am Sonntag. Das passt, sagt der Neue, er nämlich auch, da können sie gemeinsam fahren, Maikind kann leider nicht, er ist schon woanders verabredet, ihm sagt ja keiner was… wusste man ja selber nicht, manchmal ergibt es sich einfach und dann passt das… Spoileralarm: Autos kaufen ist eine Superkraft des Liebsten. Das macht der einfach so, nebenbei.

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Montag morgen, sieben Uhr, es wäre interessant zu wissen, ob es meinen Job noch gibt, denn gegebenfalls müsste ich mich gleich auf den Weg machen. Anfrage beim Auftraggeber. Eine ungewöhnlich lange Zeit kommt garnichts. Ich packe meine Tasche und wappne mich, für einen besonderen Tag. Dann erhalte ich doch eine Antwort. Ja, die Situation hat sich geändert, ich werde nicht länger gebraucht. Vielen Dank für die tolle Arbeit. Ich wünsche von Herzen alles Gute und meine es ehrlich. Wenige Minuten später erkundigt sich die, mit der ich vor Ort direkt zusammen gearbeitet habe, ob ich denn schon etwas gehört habe, ob wir heute kommen? „Auftraggeber sagt nein“, antworte ich. „gerade sitze ich hier und frage mich, ob mein Arbeitgeber davon weiß“. Zehn Minuten später kommt eine whatssapp vom Arbeitgeber. Du bist ab heute raus, aus dem Auftrag, bitte sag bescheid, ob du in die Alternative einsteigen möchtest. Ich brauche einen kurzen Moment. Das haben die doch mit Sicherheit am Freitag schon gewusst. Mit einem sanften innerlichen Klick löst Mental-Health-Sicherung aus. Nein, ich möchte nicht einsteigen.

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Der Triathlet klingelt und der Hund schlägt an. Da hat auch recht, sagt der Triathlet, und knuddelt den Hund, so lange wie er nicht mehr hier war. „Ich habe schon gehört“, sage ich und setze Kaffee an. Bei der Geschichte, die er zu erzählen hat, reicht Kaffee alleine nicht aus. Ich fülle eine Schale mit Spekulatius. Sein Bruder ist gestürzt, es gab eine unklare Formulierung in der Vorsorgevollmacht. Um die Betreuung offiziell übernehmen zu dürfen musste er eine Schufa-Auskunft und ein polizeiliches Führungszeugnis vorlegen. Natürlich, man versteht den Sinn dahinter, aber – zwei Wochen hat das gedauert, eine Ewigkeit, wenn jemand auf Intensiv liegt. Dann Grundbucheinträge besorgen, Besitz auflisten, Pflegeplatz finden, alles kompliziert und zeitaufwändig und Preisschilder an gelebtes Leben heften zu müssen macht traurig.

Och guck, vor einer Stunde dachte ich noch, mein Tag läuft scheiße – es geht wieder.

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Statt außer-Haus-Arbeit nehme ich mir den Wäscheberg vor. Später ein Telefonat mit der Freundin, wir waren so larifari verabredet für diese Woche und ich hätte Zeit. „Von heute auf morgen gekündigt? das ist blöd“, findet sie. „von heute auf morgen wäre völlig in Ordnung gewesen, die Nachricht kam eine halbe Stunde vor Arbeitsbeginn. Aber ist egal, eine Lernerfahrung“. Natürlich gibt es eine Wetterwarnung wegen ergiebigem Dauerregen, an dem Tag, an dem wir uns zum wandern verabredet hatten. Wir verlegen den Termin, auf wann anders.

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Die Äpfel sind reif. Wir brauchen Apfelmus. Einkochen funktioniert bei mir unter normalen Umständen im Autopilot. In der kleinen Fewo-Küche nicht, aber man gewöhnt sich.

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Märzkind bringt mir Blumen mit. Einfach nur so. Ein Glas Wein, Herbst-Wetterereignis vor dem Fenster, der Duft von frischem Apfelmus – Pause – mental health matters.

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„Was machen die da?“, fragt Julikind. Zu zweit stehen wir eine Weile am Fenster und blicken schweigend auf den Parkplatz. Drei Männer in Arbeitskleidung gehen um das „neue“ Auto herum, wechseln dabei regelmäßig die Richtungen, blicken auf Reifen, knien sich hin, stehen wieder auf, jemand holt einen Wagenheber. Irgendeinen Grund scheint das ganze zu haben, denn sie reden miteinander. Nur mal gucken würden sie wahrscheinlich ohne Worte, „keine Ahnung“, sage ich, es ist ein bisschen so, als würde man ins Aquarium gucken.

Maikind hat ein Auto gekauft, Wunschzustand zum Wunschpreis, es wurde Dienstag geliefert. Am Freitag bringt der Liebste das Wunsch-Kennzeichen mit, weil er natürlich jemanden kennt, die nebenberuflich für Leute zur Zulassungsstelle geht. Leider sind die Bremsen, die der Neue bestellt hatte noch nicht da, das verzögert den Einbau.

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Freitag morgen steht die nächste Messung der Bautrocknung an. „Was hat Ihnen denn der Kollege gesagt?“, fragt der freundliche junge Mann. „Es waren drei verschiedene Leute aus Ihrer Firma da, jeder hat was anderes gesagt.“ „Ja“, er lacht „das ist immer so“. Er misst nach, er murmelt. Das decke sich mit dem, was der Kollege vor zwei Wochen gemessen und angegeben hat. Er habe dann jetzt im Auftrag stehen, dass er die Fliesen abnehmen soll. „Aha“, sage ich.

Während der in der Küche die Fliesen von der Wand geholt werden, klingelt der Postbote, er braucht meine Unterschrift. Die offizielle Kündigung kommt per Einschreiben, außerdem ein Paket mit 6 Kartuschen gratis Waschmittel, die gabs zu der Waschmaschine dazu.

Eine halbe Stunde später bittet der Handwerker um Entscheidungen. Soll ihre Firma die Sanierung übernehmen? Jo, so hatten wir das gedacht. Natürlich, er könne das so schreiben aber, „ich sag Ihnen ganz ehrlich, dies Jahr wird das nichts mehr“ Ok. Neuer Plan.

Ich würde also bei verschiedenen Handwerksfirmen Kostenvoranschläge einholen, denn wir möchten die Räume gern zeitnah wieder nutzen. Er wirkt erleichtert, dann schreibt er jetzt Fremdfirmen und dann muss er garnicht sooo genau dokumentieren, und für die Wand da hätte er noch einen Rat, wenn ich Bedarf hätte. Gerne. Wo wir uns so nett unterhalten, „wieso hat der Kollege, der hier vor vier Wochen die Trocknungsgeräte hingestellt hat nicht schon sofort die Fliesen abgenommen?“, frage ich. Ja, es sei so, man würde meinen, diese Fliesen gäbe es nicht mehr, kann man aber natürlich bestellen, in einer Firma die Kleinstauflagen nach Muster fertigt – da kostet dann so eine Fliese 10x10cm 20 Euro. „Die Fliesen sind vierzig Jahre alt und naja, sehen sie ja selber… Wir hätten die dann einfach alle abgemacht und irgendwas neues hin“ „Das sagen Sie, das sage ich, aber es gibt Leute… das stellen Sie sich nicht vor“, sagt er.

Herbstanfang

Es gibt gute Nachrichten, mehrere. Hinter jeder steht eine Geschichte. Aus Zeit- und Verschwiegenheitsgründen werden die unerzählt bleiben. Allzuviel Vorstellungskraft braucht es allerdings nicht, wenn man schon mal mit Teenagern zu tun hatte oder mit Altbauten.

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Maikind hat seinen Führerschein bestanden und darf jetzt begleitet fahren.

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Wenn „alle“ zum essen da sind, bedeutet dass wieder 6 Personen. Auf dem Plus-Eins-Platz sitzt jetzt allerdings jemand anderes. Drei Tage geben sich alle Mühe einen guten Eindruck zu machen, dann ist die Integrationsphase abgeschlossen.

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Der Estrich in der Küche kann drin bleiben. Juhu! Der Fussboden im Wohnzimmer auch. Wer hätte gedacht, dass das mal als gute Nachricht durchgeht. Bautrockner laufen, man freut sich darüber, nach neun Wochen. Andererseits – die Geräuschkulisse, die Raumluft, die Umstände… die Trockner ziehen Lebensenergie. Als Symbolbild der Stimmung, diese im Gewürzregal vergessene Chili.

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Ein abrupter Wechsel der Jahrezeiten. Zwischen „boar ej, man schwitzt im sitzen“ und „hätte ich mal lieber Handschuhe mitgenommen“ liegen nur 36 Stunden.

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Wir hatten SterneHerzenBrezeln, gefüllte Herzen, Marzipan-Nougat Baumstamm, Blätterkrokant und Spekulatius. Ich wäre dann durch mit Weihnachten, von mir aus könnte das Sortiment wieder raus. Leider ist das Gegenteil der Fall. Die Drogerie bietet 30 verschiedene Adventskalender. Am ersten Oktober. Ich spüre das Erwachen meines inneren Grinches.

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Es ist nur eine Erkältung. Wobei das „nur“ sich auf den Covid-Massstab bezieht. Früher – da hätte ich durchaus gejammert. Drei Tage bin ich völlig fertig und werde dann wieder gesund. Einfach so. Schön ist das.

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Autsch. Da bin ich aber irgendwo ganz fies hängen geblieben. Ich ziehe meinen Arm und die Wäsche wieder aus der Waschmaschine, kann aber nichts finden. Merkwürdig. Bei der nächsten Ladung das gleiche, ich fluche und wundere mich, erkältungsbedingt allerdings nur ein bisschen. Stunden später kommt mir eine Idee, was das für eine Art Schmerz gewesen sein könnte, aber das ist unmöglich oder, frage ich Maikind. „Naaargh“, sagt er, muss er mal gucken. Beim Abendessen ist klar, ich hatte recht. Da fließt Strom, wo keiner sein sollte, er hat auch direkt einen verbraten gekriegt, musste er garnichts messen, sagt Maikind. „Und jetzt? Lieber nicht mehr benutzen?“, frage ich nach. „Auf. Keinen. Fall.“, sagt er und guckt dabei einen Lebensgefahr durch Dummheit Blick. Dachte ich mir schon.

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Erkenntnisse im Vorbeigehen: Man hat viel Platz, so ohne Spülmaschine und Unterschränke und Waschmaschine. Man braucht eigentlich ziemlich wenig Geschirr, wenn man immer alles sofort mit der Hand spült. Man gewöhnt sich an die seltsamsten Abläufe. Zum Kochen und spülen gehen wir jetzt eben einmal ums Haus, in die Ferienwohnung. Was für ein Glück, dass wir die haben!

Nach 10 Tagen ohne Waschmaschine ist die Definition von „nichts zum anziehen“ eine andere.

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Er würde eventuell heute noch einen Whiskey trinken, sagt der Liebste, abends nachdem wir gemeinsam den Abwasch gemacht haben. Ich auch. Problem: Da wo wir sind gibt es keinen Whiskey, und wo der Whiskey ist gibt es kein Sofa, niemand hat Lust noch zweimal ums Haus zu laufen. Eine halbe Stunde später sitzen wir auf dem Bett, jeder mit einem Buch und reichen uns hin und wieder das Glas rüber. Eine richtig gute Lösung, hätten wir schon eher mal drauf kommen können. Der angemessene Abschluss für so eine Woche. Naja, fast, es ist Dienstag. Eventuell gibt es eine leichte Tendenz Richtung Schnauze voll.

Normal wäre schön

Wir verlassen die angenehm temperierte Kirche in Richtung Friedhof. Draußen ist es heiß und hell und man hat irgendwie das Bedürfnis, sich mal zu schütteln. „Also, der Nachruf des Sportvereins war sehr schön“, raunt man sich zu, am Friedhofszaun. „Sollte ich versterben, während der örtliche Pfarrer Urlaub hat, lagert mich bitte ein“ , flüstere ich Märzkind zu „kein Ding“, sagt sie halblaut. Ein nebenstehender Verwandter hat uns wohl gehört und erkundigt sich ganz vorsichtig, ob uns denn diese Ansprache auch irgendwie – speziell – vorgekommen sei. Speziell? Die war schauerlich. Er wirkt erleichtert.

Wir gehen weiter und treffen den, den ich in letzter Zeit öfter auf Beerdigungen treffe, nur auf Beerdigungen. Den Liebsten hat er schon länger nicht gesehen, man begrüßt sich herzlich, „wie geht`s euch denn? alles gut?“ die Frage ist ehrlich gemeint und erfordert keinen small talk, „nnnnaaaarrrghhh“, macht der Liebste, untermalt von einer abwinkenden Geste. „wieso, was passiert?“, fragt der Bekannte besorgt. „naaa-ahhhnee“ sagt der Liebste. „Wasserschaden gehabt diese Woche“, erkläre ich, „mittlerweile haben wir wieder Wasser, und das Chaos einigermaßen im Griff, also, im direkten Vergleich zu dem, was andere diese Woche zu stemmen hatten“ sage ich und mache eine Geste Richtung Friedhof und Trauergesellschaft „haben wir kein Problem“. „…trotzdem blöd, im Urlaub“, sagt der Liebste. „Da haste recht“, sagt der Bekannte, „die meisten Leute wollen es immer schön haben. Im Urlaub dann nochmal ganz besonders. Ich bin da gerade an so einem Punkt – ich brauche garnicht besonders schön, wenn mir dafür das besonders blöde auch vom Leib bleibt. Normal finde ich gut.“ „Normal find ich auch schön“, sage ich, „wenn da einfach Wasser aus der Leitung kommt, zum Beispiel, das weißte nach zwei Tagen ohne ganz anders zu schätzen“, „… und so ein Küchenabbau ist gewissermaßen auch eine Familienaktivität“, ergänzt der Liebste, „beim Laminat raustragen kann sich jeder einbringen, haben ja alle Urlaub“. Wir lachen, so man eben lacht, am Rande von Beerdigungen. „Naja, Wasserschaden ist immer scheiße“, sagt der Bekannte in tröstendem Tonfall.

Ich sehe die Omma alleine in der Menschenmenge stehen. Eigentlich hatte ich gedacht, der Sohn, der nicht der Vatta ist würde sie mitnehmen, aber nun denn. Ich hake mich bei ihr unter. Sie begrüßt mich herzlich und erzählt, dass ihre Hände irgendwie so kribbeln als würde sie da vielleicht einen Krampf oder so, aber das kann ja nicht sein? Ob sie denn heute schon was getrunken hat, frage ich, betont beiläufig. Selbstverständlich. Sie hatte eine Tasse Kaffee heute Morgen. „Weißte was“, sage ich, „wir gehen jetzt einfach schon mal schon mal vor, zum Kaffee trinken“. „Das ist eine gute Idee“, sagt sie. Drei Meter weiter wird sie von freundlichen Menschen namentlich angesprochen und schaut mich fragend an. Ich kann leider nicht helfen, wir kennen uns nicht. Das stimmt, man erläutert das Bekanntheitsverhältnis, die Omma freut sich sehr. „und das ist ihre Tochter?“ fragen die Leute. „Ja genau“ sagt die Omma. „ähm, ich will ja nicht pingeling sein“, sage ich und stupse Omma sanft gegen die Seite, “ aber – du hast gar keine Tochter“. „Äh ja, nee“, sagt sie und muss selber lachen, „Enkeltochter?“ schlägt ihre Bekannte vor „sicher, die Enkelin isses“.

Normal halt.

Ende Juni

Das Familienunternehmen mit Tradition, ist dann wohl offiziell insolvent, jemand schickt mir einen link zum Insolvenzregister und wirkt überrascht. Ich leite die Nachricht an den Liebsten weiter, „tja“, sagt er nur. Die Teams Traditon und Familie haben schon vor Jahren Abschied genommen. Aus Gründen.

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Die Mülltonnen, die laut Plan heute hätten geleert werden sollen stehen immer noch genauso da wie heute morgen. Ich ziehe sie hundert Meter weiter, denn hier kommt morgen niemand durch. Die Tonne, die für den nächsten Tag auf dem Plan steht hole ich dazu.

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Endlich Sommer. Statt im Auto zu warten nehme ich mein Buch und setze ich mich auf die Brücke am rauschenden Bach, umgeben von grünen Wäldern. Auf der anderen Uferseite wird Heu gewendet, der Wind trägt den Geruch bis hierher, als wäre eine Postkarte lebendig geworden. Die beste Mutti-Taxi-Wartezeit des Jahres.

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Seine Mitfahrgelegenheit sollte eigentlich jetzt hier sein, aber, der, der im Städtchen zusteigt steht noch, sagt Maikind und wird ein bisschen blass. Klassenarbeit in der ersten Stunde – ob ich ihn vielleicht fahren würde? Ja sicher. Der Bus ins Nachbarstädtchen mit Berufsschule ist seit 28 Minuten weg (Stadtkindern muss man vielleicht erklären: der Bus bedeutet, da fährt heute sonst nichts mehr) Wir bringen Julikind noch zur Bushaltestelle auf dem Berg, und dann aber… och guck, das Auto vor uns an der Bahnschranke kennen wir, es hat mit 99,5%iger Wahrscheilichkeit genau den gleichen Weg und hätte Maikind bestimmt mitgenommen. Warum haben wir uns denn vorher nicht gesehen? Muttitaxi-rush-hour an der Bushaltestelle… mein Hirn spielt spontan 90er Jahre Musik: isn`t it ironic?

Wenn ich jetzt eh im Nachbarstädtchen bin, kann ich auch gerade noch ein paar Lebensmittel einkaufen. OK, ich hatte gedacht, die stellen die Straßensperre 10 Meter weiter hinten auf. Gut, dass ich unterwegs war, denn unsere Einfahrt ist jetzt dicht. Ich parke hinter dem Haus und trage alle Einkäufe durch den Garten.

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Lieferengpass, jeder bekommt nur eine Packung. Kein Problem, reicht mir, aber ääähhh? Der Liebste war für mich in der Apotheke und hat etwas abgeholt, das fast so heißt wie das, was ich brauche. Nachfrage in der Hausarztpraxis. Das Rezept war korrekt, wenn die Apotheke es so rausgibt, hat es den gleichen Wirkstoff in gleicher Dosierung, sagt die Dame am Telefon. Na gut.

Fun fact: Dieses Importprodukt hat einen fett gedruckten Warnhinweis auf dem Karton. The action of *Medikament hier in der Schachtel* may last for up to 6 hours, weitere Dosierungshinweise und Handlungsanweisungen für den Fall, dass es nicht besser wird plus Infos zur richtigen Lagerung. Man geht also davon aus, dass es zu medinzinischen Zwecken genutzt wird, von Leuten, die nachts gern schlafen möchten. Das ist nett. Auf der deutschen Packung steht nur der Wirkstoff.

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Der Linienbus ist wohl schon weg, als wir drei Minuten vor der laut App planmäßigen Abfahrtszeit an der Bushaltestelle ankommen. Da steht kein Mensch. Wer jetzt hier lang fährt will mit ziemlicher Sicherheit Richtung Städtchen, spontan ergibt sich eine Mitfahrgelegenheit. Das Kind, bei dem ich mir sicher war, dass es zur Bushaltestelle gefahren werden muss, verlässt, leicht gehetzt aber pünktlich das Haus und erwischt den Schulbus. AS-Taxi-Verspätung bis zu 15 Minuten ist normal, solange muss man warten, dann kann man anrufen, was Märzkind gerade tut. Aha, ja, hatte sie sich gedacht. Wir waren um 7.59 Uhr hier, es war knapp, deshalb wissen wir es genau. Anscheind hat man uns nicht kommen sehen, auf der langen Geraden. Oder… ist vielleicht schon um 7.58 Uhr losgefahren? Egal, der Anschluss ist weg.

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Der Hund hat sich geschnitten, so richtig. Jeder Schritt hinterlässt eine kleine Blutlache auf den weißen Fliesen. Wieso hab ich das denn nicht vorher schon gesehen? Er läuft ganz normal, aber der Flur sieht aus wie ein Tatort. Nicht so schlimm, wie es aussah, zum Glück, aber – einen Hund ruhig zu halten, der lieber raus möchte ist anstrengend.

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Der einzige Facharzt, bei dem überhaupt noch jemand das Telefon abnimmt, kann einen Termin im September anbieten, nachdem man glaubhaft versichert hat, dass man im Einzugsgebiet seiner Zuständigkeit wohnt, verweist aber darauf, dass das eigentlich zu spät sei, denn Zeit sei hier wichtig. Mit Dringlichkeitscode auf der Überweisung könnte man über das medizinische Versorgunszentrum eventuell einen früheren Termin beim anderen Facharzt bekommen. Wir wussten nicht, dass es Dringlichkeitscodes existieren. Anruf in der Hausarztpraxis. Überhaupt kein Problem, der muss allerdings persönlich abgeholt werden. Ab ins Städtchen. Die abholberechtigte Person bringt einen 2×3 cm großen Papierschnipsel, der aussieht wie aus einem Kita-Papierkorb entnommen, darauf steht schlicht Vermittlungscode und eine 12 stellige Zahlenkombi. Man fragt sich Verschiedenes. Anruf im MVZ. Leider sind im 50 Kilometer-Radius innerhalb der nächsten 6 Wochen überhaupt keine Facharzttermine zu bekommen. ACH! WAS! genau das war doch das Ausgangs-Problem. Von sowas steht nie was in der Landlust.

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Eine Person verlässt das Nachbarhaus. Ich erkundige mich, ob da alles soweit… oder sollte lieber heute Nachmittag nochmal jemand gucken? Alles gut, da drin, erfahre ich und noch einiges mehr.

Dorftratsch: Ein Esel ist gestorben und zwei Hunde beinahe, zum Glück ist jemand drauf gekommen, dass es eine Vergiftung sein könnte, gerade noch rechtzeitig. Als kurz danach ein Pferd krank wurde haben sie das Futter durchgesiebt. Gefunden wurden Glassplitter, Heftzwecke und Teile einer Pflanze die für Pferde giftig ist. Die wächst hier nicht. Es gibt einen Verdacht. Man möchte das garnicht weiter denken.

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De Omma würde ihren Geburtstag gern so feiern wie immer. Das wird nicht möglich sein. Gut. Dann Frühstück. So wie die letzten beiden Jahre. Da hatte sie am Wochenende. Dieses Jahr nicht. Wer arbeiten muss, oder verstorben ist, wird nicht kommen können und außerdem hat ihr Wunschlokal leider geschlossen. Ach was, das haben wir letztes Jahr auch gesagt, dann hat sie nachgefragt und es ging. Nnnjaaa, richtig. Aber, dies Jahr ist wirklich geschlossen und vielleicht könnte eine Feier in einem Betrieb, der mehr als 2 Beerdigungskaffees und ein Frühstück im Jahr ausrichtet sogar noch schöner werden. War doch prima da, macht sie genau so wieder, sagt de Omma. Cheerio – Miss Sophie!

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Es ist schon Ende Juni und man kann hier noch schwimmen, das ist toll, stellen der Liebste und ich fest. Der Edersee ist voll, die nächste Badestelle liegt somit nur 15 Minuten entfernt. Herrlich ist das. Und tatsächlich das erste Mal in diesem Jahr, das ich im Wasser bin. Zu Hause trage ich die Winterjacken auf den Dachboden.

Blumen und ein lost place

Julikind ist ganz aufgeregt. Es wird einen Vortrag geben heute, für alle, in der Festhalle, nachher noch einen workshop in der Schule, über cybermobbing, weil, damit kennt die sich ja wirklich aus, die arme…. Ich hab den Namen der Rednerin noch nie gehört. echt nicht? wie kann das sein? da fragt man sich aber schon…. Die junge Frau, war vor längerer Zeit Teilnehmerin der Sendung „germanys next Topmodel“ , hat das Format anscheind auf eigenen Wunsch verlassen und daraufhin feedback der aller übelsten Art bekommen. Sie tourt jetzt durch Schulen und betreibt Aufklärungsarbeit. Cybermobbing, Vertragsverhältnisse, Beauty-Standards, mental health, es dauert nur 3 Stunden, die Infos in pubertierende Gehirne so reinzubekommen, dass es verarbeitet wird. Ich bin begeistert.

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Da sind richtig viele, richtig schöne Fotos entstanden, auf der Feier. Als wäre ein Fotograf mitgelaufen. Märzkind macht immer tolle Bilder, es ist ihre Kamera. Maikind hat die benutzt um sich selber unsichtbar zu machen und so Leute vor die Linse bekommen, die seit Jahren auf keinem Bild drauf waren. Ungestellte Fotos erzählen interessante Geschichten.

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Der Garten sieht jeden Tag anders aus. Man sitzt so da und freut sich, diskutiert Rasenhöhen, Gießrituale und überlegt mit einem ersten Halbsatz, dass es vielleicht bald schon zu warm für so zum sitzen sein könnte. Ach was. Schön ist das.

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Aufgrund der außergewöhnlichen Umstände des kommenden Wochenendes bekomme ich schon Freitag einen Muttertagsstrauß – und was für einen. Boar. Gut, dass ich den nicht in den Status gestellt habe, stelle ich Sonntag abend fest. Da wären alle anderen Mamis (inklusive meiner, hüstel) aber traurig geworden. „Ahhh, kamma aber ruhig“, sagt Märzkind.

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Na, wer ist gleich auf dem ersten Bild der Fotostrecke vom Brauchtumsfest in der online Ausgabe der Regionalzeitung? Ich natürlich. Somit ist dokumentiert, dass ich da war. Leider kann man auch sehen, wieviel Spaß ich hatte. Vielleicht kann ich nächstes Jahr das ehrenamtliche Engagement der jungen Menschen irgendwie vom homeoffice aus würdigen. Mit hundert anderen Leuten aus dem gleichen Spülwasser trinken fühlt sich nach dreimal Corona nicht mehr gut an, Persönliche Befindlichkeit, ausgelöst durch den Biergeschmack, den das Wasser des Julikinds hatte, in Kombination mit Blasmusik und Schießsport. Gab den ganzen Morgen Freibier, gutes Fest

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Eine Cousine meiner Mutter meldet sich bei mir, mit der Bitte um Verbreitung einer Nachricht, zwecks Familientreffen. Aus Altersgründen muss die Organisation in die nächste Generation übergehen. Ich wundere mich kurz. Strenggenommen bin ich schon die übernächste Generation, andererseits, die Cousine meiner Mutter ist vielleicht 7 Jahre älter als ich, wenn überhaupt. Gebucht wurde, witzigerweise die Unterkunft, die nur drei Häuser von uns entfernt liegt. Der Liebste freut sich, wollte er sowieso mal gerne angucken, das Haus, und erkundigt sich, welche Cousine das denn da war am Telefon. Ich zeige ihm das whatsapp Foto. Sieht aus wie deine Cousine – nur halt mit braunen Haaren. „Fa-mi -li-en-treffen“, sage ich. De Mudda kommt auf 17 lebende Cousinen und Cousins aus dieser Richtung, hat sie extra nachgerechnet. Da sehen alle aus wie irgendwer.

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Eigentlich wollte ich nur kurz fragen ob alles OK ist, dann haben wir uns verquatscht. Die Gästin wird ein Haus kaufen hier im Ort. Es hat eine Weile gedauert, bis das möglich war, und heute war sie zum ersten Mal drin. Der letzte Mieter ist schon lange weg, wohin weiß eigentlich niemand. Bevor er ging hat er die Wasser- und Elektroleitungen ausgebaut und verkauft. An der Tür waren Zinken, jeder der wollte durfte rein. Also, da wo sie wohnt hätte es keine 10 Minuten gedauert, bis jemand diese kostenlose Übernachtungsmöglichkeit genutzt hätte, aber hier…? „Also, ich wüsste ehrlich gesagt garnicht, wie das Symbol für „jeder der will darf rein“ aussieht“, sage ich. Auf dem Dachboden haben sie Kinderkleidung gefunden und Spielzeug. Es gab ein Gerücht, dass der letzte Mieter mit einer Frau aus dem Ort verschwunden sei, erzähle ich und lasse es scherzhaft nach Aktenzeichen XY klingen, die hat einen Sohn. Die Gästin wird blass. „Der Junge – ist der noch da?“. Sicher, der wohnt bei seinem Vater. Sie wirkt erleichtert und möchte Fotos zeigen. Ein lost place, mitten im Dorf. Man braucht tatsächlich nicht viel Fantasie, um dort verschwundene Kinder zu vermuten.

Themenwoche Klamotten mit Blitz-Frühling

Neblig kalte 7°C sind als Ferienwetter ideal, um lange, lange aufgeschobenes zu erledigen.

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Wir schauen den Kleiderschrank des Julikinds durch. Da müsste eigentlich einiges zu klein sein, sie ist über Winter gewachsen. Nö. Im Gegenteil. Manches, was im Herbst knapp war passt wieder. Merkwürdig, aber erfreulich.

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Die riesige Plastikkiste, in der wir Klamotten für Flohmarkt sammeln, ist voll. Schneller als gedacht, könnten wir ja vielleicht schon den Frühlingsflohmarkt… je nach Wetterlage. Kiste auskippen, Preisvorstellungen machen, noch mehr Klamotten finden…

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Ich muss zwei bewährte Kleidungsstücke ersetzen, gerne ohne shopping Erlebnis. Im Online-Laden gibt Maßtabellen neben der Größenangabe. Ich suche ein Maßband und bestelle emotionslos ein T-Shirt Größe M und ein Top Größe 44/46. Beides passt einwandfrei. Tja dann, hab ich wohl drei Größen gleichzeitig, oder gar keine.

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Eine Socke reißt beim Anziehen, im Musterverlauf, oberhalb des Knöchels. Das hatte ich so auch noch nicht. Ok, die ist aus dem Socken-outlet-Laden, allerdings von einem Markenhersteller in einer Preisklasse wo man eine Haltbarkeit von mehr als fünf Monaten erwartet hätte. Funfact: die Socken mit tanzenden Lebkuchenmännern die von weitem auch als Blumenmuster durchgehen vom Kaffee-Discounter gehen in ihr zweites Jahr, ohne irgendwelche Ermüdungserscheinungen. Preis und Qualität haben nichts mehr miteinander zu tun.

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Ich ziehe mir normale, zueinander passende, saubere Sachen zum Einkaufen an. Also – wenn ich da jetzt so aufgedonnert hin gehe, dann müssen sie sich aber nochmal umziehen – sagen beide Mädels und verschwinden wieder in ihren Zimmern. Ich setze mich auf die Treppe und denke darüber nach.

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Das Prinzessinnen-Gen ist schwach in mir. All der Tüll und die funkelnden Steinchen, man fragt sich, ist es noch verrückt schon Wahnsinn, während man so in einem der mittig auf der Verkauffläche platzierten Aufbewahrungssessel für Angehörige sitzt. Aber die Show ist richtig gut. Der verantwortliche Fachverkäufer ist voll in seinem Element. Zwei Konfirmandinnen und eine Brautmutter probieren zeitgleich in verschiedenen Kabinen, bekommen jeweils passende Accessoires gereicht, werden nach getroffener Entscheidung in feiner Robe auf Socken rüber in die Schuhabteilung geschickt, kommen mit Schuhkarton zurück, werden wieder in Empfang genommen, Anruf in der Schneiderei, wenige Minuten später kommt eine Dame mit Nadelkissen am Arm, germurmelte Gespräche, dann ein Abholtermin, herzliche Verabschiedung, und alles wieder von vorne.

Zusammenfassend kann man sagen, es hat zweieinhalb Stunden gedauert, sich für das Kleid zu entscheiden, dass sie als allererstes anprobiert hat und ganz gut fand. Wir haben einen Abholtermin. Ich war tapfer. Die Mädels wundern sich, warum sie so hungrig sind, als wir den Laden verlassen.

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Freitag morgen Hunderunde bei 7°C und Nebel, wie immer. Nachmittags fühlt sich das Wetter schon ganz anders an. Am Wochenende ist Sommer: 25°C , strahlender Sonnenschein, Gartenarbeiten, Sonnencreme, draußen sitzen, Blütenexplosion überall, Freibadgedanken. Montag nachmittag steht Maikind verfroren unter dem kleinen Dach an Tor 2, als ich vorfahre. Heute morgen um fünf, als er los ist, war der Pulli angemessen warm. Jetzt nicht mehr. Dienstag morgen Hunderunde bei Sonnenschein durch herrlich frisches grün und an blühenden Hecken vorbei. Ich ziehe die Kapuze hoch und zum Glück war da noch ein paar Handschuhe in den Jackentaschen. 4°C und Wind. Durchschnittlich war dann wohl Frühling, diese Woche. Naargh.

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Bestes Flohmarktwetter, kurzentschlossen packen Märzkind und ich alles ins Auto. Aufbau war ab 7 Uhr, als wir um zwanzig vor acht ankommen, gibt es eigentlich schon keinen Stellplatz mehr. Man improvisiert. Wir verkaufen ganz gut, kommen aber auch zu verschiedenen Erkenntnissen, so über Vormittag. Ist ja alles auch immer zu Studienzwecken, mit angehender Sozialarbeiterin. Das Ziel war, mit weniger wieder nach Hause zu fahren und wir wundern uns am Ende, wie gut das geklappt hat. Märzkind hat ein paar Ohringe gekauft und ich tatsächlich garnichts. Noch nicht mal was aus irgendeiner verschenke-Kiste gekramt.

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Wenn der Vatta und ich zusammen sitzen und sonst keiner im Raum ist, tauschen wir gern Netzwerkinformationen aus dem gesundheitlichen Bereich. „Samma, weißt du, wieso der Menne im Krankenhaus ist?“ „Der Menne ist im Krankenhaus?“… es gäbe eine mögliche Erklärung, die wäre schlecht. „Der Herr E. ist verstorben, weißt du woran?“ „Welcher Herr E.?“ „Der- gestern“ „Ach. Du. Scheiße. Nee, weiß ich nichts“ wir schweigen einen Moment. „Ach, un de Elfriede hat Lungenkrebs, übrigens, ging ihr nicht so richtig gut, dachte man sich, dass was ist, aber… das dann doch nicht, eigentlich“. So, und schon liegt wirklich jedes „Problem“ wieder innerhalb der Komfortzone.

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Zack, drei Wochen Osterferien rum.