Ein Schrank voller Bettwäsche. Baumwolle und Leinen, gemangelt und akurat zusammengelegt. Ich liebe Stoffe. Ich kann nicht alle behalten, denn brauchen tue ich strenggenommen gar keine. Es ist kompliziert. Auf einen Kissenbezug sind Initalien gestickt, ich kann sie einer Urgroßmutter zuordnen, bewundere einen Moment die Handarbeit, und erinnere mich daran, wie die Omma mal gestenreich davon erzählt hat, wie man die Fäden in den Webrahmen einspannt, auf dem dieses Leinen vermutlich entstanden ist. Ein Zettel auf der Schranktür weist darauf hin, dass sich noch Verbandszeug hinter den Stapeln des zweiten Faches befindet. Ich ziehe einen Stapel nach vorn und finde ein Schreibheft darunter. In Grundschul-Handschrift steht dort ihr Name, 4. Klasse, da ist man ungefähr 10, das Heft ist 84 Jahre alt. Ach komm, wenn wir ehrlich sind – heute werde ich hier nicht weiterkommen. Ich schließe die Schranktür. Einen Meter weiter hängt das Medizinschränkchen an der Wand. Medikamente aussortieren sollte einfach sein. Ich schaue auf die Verfallsdaten und ja, das kann alles weg. Im obersten Fach findet sich eine stattliche Sammlung an Mullbinden. Ich ziehe das einzige verpackte Päckchen heraus und staune. Die Geschichte dazu wurde mir nie erzählt. Ich weiß nur, dass der Opa als „letzte Reserve“ kurz vor Kriegsende noch eingezogen wurde, mit 15 Jahren. Ich zeige den anderen, was ich gefunden habe.

Es ist Samstag Nachmittag. Wir waren nicht verabredet aber in jedem Raum scheint jemand zu sein. Ein Geruch von „wuäh, was isn das“ wabert durchs Treppenhaus. Im Keller werden gerade uralte Weckgläser geöffnet und der Inhalt entsorgt. Ein Wäschekorb voll leerer Schnapsflaschen steht im Flur. Der Inhalt wurde unter eine Hecke geschüttet, ob das Spätfolgen hat, wird der Frühling zeigen. Auf dem Dachboden läuft jemand hin und her, Kisten voller Honiggläser werden die Haustür rausgetragen. Im Wohnzimmer finde ich Brüderchen, er inspiziert ebenfalls einen Wäscheschrank. Wir begrüßen uns herzlich. „Wenn de Omma sehen würde, was wir hier heute machen, sie würde sich im Grabe umdrehen“, sagt er und da hat er wohl recht. Wir lachen, so, wie man eben lacht, drei Wochen nach der Beerdigung. Kaum jemand durfte je in ihre Schränke gucken. Wir waren alle ein bisschen neugierig. Spoileralarm, es gibt von allem reichlich. Gemeinsam gehen wir in die Küche, ziehen eine Schublade auf. Darin gemischtes. Brüderchen beginnt zu kramen. „Ach scheiße“, sagt er „so ein Ding hab ich letzte Woche gekauft“, „du hast ne Suppenkelle gekauft?“ erkundige ich mich und lache ihn ein bisschen aus, „jamann, hab nicht dran gedacht, scheiße ej“, murmelt er.

Auf der Fensterbank stehen eine Menge Vasen und Krüge, „Flohmarkt“ steht auf dem kleinen Zettel der daneben liegt, ich erkenne die Handschrift meiner Mutter. In einer Vase steckt ein Zettel, in Erwachsenenhandschrift weist de Omma darauf hin, dass diese Vase noch von ihrer Oma sei und wir sie stets in Ehren halten und nicht verkaufen sollen. Ich schmunzle und stecke den Zettel wieder zurück.

Ich trage eine Kiste mit Flohmarktware auf den Dachboden, und stelle sie zu den anderen unter einen Tisch. Auf dem Tisch liegt ein Buch, das war beim letzten Mal noch nicht da. Es sieht aus, als hätte es jemand aus der Hogwarts-Bibliothek entliehen. Ich klappe den Deckel auf. Eine Bibel von 1823. Lag in der Schublade des Gästezimmers, sagen die, die den Keller geräumt haben, und sowas wirft man ja nicht weg. Im Keller liegen auch die Schallplatten, die Julikind gesucht hat. Was drauf ist, ist total egal, sie wählt nach Größe aus, die werden Deko. Zwischen den Schallplatten findet sie ein Foto, in schwarz weiß, darauf eine Gruppe junger Männer. Schützenverein 1932, steht auf dem kleinen Schild im Fordergrund. Wo das Bild gemacht wurde kann man erraten, auch wenn das Gebäude im Hintergrund heute verfallener aussieht. „Das war Hitlerzeit“ murmelt Julikind. Ich nicke. Einen Moment lang sagt niemand was. Einige der Jungs sind vermutlich so alt wie Julikind. Ob sie mal ein Bild davon machen kann, fragt sie den Opa, für die Schule, sie haben das gerade in Geschichte.
