Wir lassen uns ja gern überraschen

Ein strahlender Sommertag, 28°C sind es draußen, in der vollbesetzten Aula eher mehr. Dieser Feier allmählich die Luft aus, in jeder Hinsicht. Zwei von drei Abschlussklassen haben ihre Zeugnisse bereits erhalten, lange kann es nicht mehr dauern, wir sind tapfer. Dann, Verwirrung vor der Bühne. Spontan komme noch ein Programmpunkt hinzu, das sei nicht bekannt gewesen, aber „wir lassen uns ja gern überraschen“ sagt die Moderatorin. In Wahrheit wollen wir alle lieber fertig werden.

Aus selbst mitgebrachtem Beschallungsgerät ertönt ein Musikstück aus dem Filmklassiker „Bibi und Tina“. Die soeben geehrten Absolventen stellen sich vor der Bühne auf, haken sich unter und beginnen zu schunkeln. Das Publikum wundert sich. Sicher kommt da noch was. Einigen, die da so schunkeln ist es sichtbar unangenehm. Andere wischen sich Tränen der Rührung von den Wangen, derart theatralisch, ich muss ganz dringend mal irgendwas aus meiner Handtasche unter dem Stuhl… Mein Blick trifft den des Liebsten der gerade seinen Schuh… irgendwas. Sein Mundwinkel zuckt, ganz wenig nur aber jetzt ist es vorbei mitte Kontenongs. Wir schütten uns aus vor lachen, so unauffällig, wie das eben geht, wenn man in Reihe vier einer offiziellen Veranstaltung, nebeneinander, ziemlich am Rand sitzend zur gleichen Zeit den Kopf zwischen den Knien hält. Nützt nichts, the show must go on. Wir setzen uns aufrecht hin, der Liebste wischt unauffällig über seine Wange, ich gucke stur geradeaus. Jemand zupft von hinten an meinem Ärmel. Hoffentlich ist das keine Schunkelmutti. Ich gebe mir Mühe, mein Grinsen unter Kontrolle zu bekommen. Es gelingt einigermaßen, aber, so zu tun, als würde ich diesen Programmpunkt genießen, scheint mir unmöglich. Muss ich zum Glück auch nicht. Die Mutterkollegin auf dem Platz hinter mir neigt grinsend den Kopf in meine Richtung. „Guck mal – unsere“, sie deutet auf die festlich gekleideten Absolventen in den Reihen vor uns. Fast unsichtbar werden dort Köpfe geschüttelt und Augenrollen ausgetauscht. „die kotzen gleich im Strahl“. „Aber sie gucken so wohlerzogen dabei, da kann man wirklich stolz sein“, sage ich. Der neben uns sitzende Vaterkollege erwacht aus seiner Feierlichkeitsstarre. Er räuspert sich so, dass es vielleicht ein bisschen wie „fürchterlich“ klingt, bewegt sich dann kurz, so als hätte er bei über 30°C anderthalb Stunden auf Plastik gesessen. „32 Minuten“, sagt er, in abschließdem Tonfall. Wir gucken fragend. Solange habe es heute gedauert, bis zum Ausfall der Mikrofonanlage, erklärt er und bemerkt, dass es eigentlich schade sei, dass er deren Neuanschaffung nicht mehr erleben wird. Aber wenn wir gewettet hätten, hätte er tatsächlich 34 Minuten getippt und wäre damit ziemlich dicht dran gewesen, sagt er. „Ich hätte 42 getippt, glaube ich.“ „nää“, sagt die Mutterkollegin in der Reihe hinter uns, „länger als 40 Minuten hat das Mikro nie durchgehalten“. Es wäre ein knappes Rennen gewesen, sind wir uns einig und werden dann doch ein bisschen wehmütig. Die Schule verlassen wir alle leichten Herzens, aber dieses kleine Clübchen aus mittelmäßig engagierten Eltern, das war was besonderes.

Herzliche Grüße zum Jahrestag.

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