Der Einschlag

Dienstag Abend lag ein Schnelltest auf dem Tisch, als wir nach Hause kamen. Ungewöhnlich, an einem Dienstag. Das Mädchen, neben dem das Märzkind gestern Abend in der Fahrschule gesessen hat, hatte heute morgen einen positiven Test. Da hat sie lieber auch mal einen gemacht nur so für`s Gefühl. Negativ. Alles tutti. Die Zeiten, wo uns sowas länger beunruhigt hat sind lange vorbei.

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Donnerstag morgen um halb neun klingelt das Telefon. Märzkind sagt, sie müsse bitte von der Schule abgeholt werden. Sofort. „Positiv?“, fragt der Liebste. „Jo“, sagt das Märzkind.

Der Liebste und ich gucken uns an. Das ist er also, der Moment vor dem wir uns seit zwei Jahren fürchten. Wie machen wir das denn jetzt? Das Telefon klingelt. Der offizielle Anruf der Schule. Das Kind wurde isoliert und muss bitte abgeholt werden. Der Liebste ist quasi auf dem Weg. Ich rufe in der Schule der anderen Kinder an. Positivtest bei Geschwisterkind. Wie hätten Sie es denn gern? Das gab es so anscheind noch nicht. Ob man mich zurückrufen kann? Sicher. Anruf beim Hausarzt. PCR-Test-Termin in zwei Stunden. Anruf der Schule, am liebsten wäre es ihnen, wenn ich die Kinder abholen würde, wenn das möglich ist. Natürlich, sonst hätte ich mich garnicht gemeldet. Die Frau aus dem Sekretariat sucht die Klassenlehrer, die holen die Kinder aus den Klassenräumen. Als ich ankomme sitzen sie auf dem Flur vor dem Sekretariat. Ich soll kurz warten, die wollen mir noch was sagen. Die Frau aus dem Sekretariat guckt, wer denn da die Kinder abholt und wünscht uns alles Gute.

Die Kinder erzählen auf dem Weg zum Auto, wie das gewesen ist, aus der Klasse geholt zu werden. Erst auf dem Flur hat man ihnen gesagt was los ist. „Was machen wir denn jetzt?“ „Jetzt gehen wir erstmal mit dem Hund“. Es weht ein eiskalter Wind im Feld. Der Regen gefriert auf dem Weg, es sieht aus wie eine Miniversion der Eisköniginnen-Filmkulisse. Dazu das Gefühl, dass man eigentlich gerade in der Schule sitzen müsste. Seltsam ist das.

Zu Hause stehe ich ein paar Minuten vorm Ofen. Der Liebste telefoniert. Spätschicht. Heute. Fragezeichen. Ich ziehe mich um und fahre mit dem Märzkind zum PCR-Test beim Hausarzt. Auf dem Weg ins Städtchen beginnt sie mit ihrer Kontaktnachverfolgung. Oh shit. Von den 13 Mädels, die am Sonntag beim Chearleading waren sind heute sieben positiv getestet worden. Die Trainierin hatte letztes Jahr eine Chemo. Die trainieren erst seit ein paar Wochen wieder und waren echt vorsichtig.

Der Liebste ist negativ und fährt an die Arbeit. So richtig wohl fühlt sich aber niemand dabei. Das Hygienekonzept wird nochmal verschärft und es gibt konkrete Absprachen, wie die Schichtübergabe laufen soll.

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Der Rest des Tages ist ruhig. Die Freundlichkeit der Menschen hat mir gut getan. Anscheind hatte ich, „im Fall des Falles“ mit Fackeln und Mistgabeln gerechnet. Das Gegenteil war der Fall. Jedes einzelne Telefonat, jede erhaltene whattsapp-Nachricht war freundlich und hilfsbereit. Im Hinterkopf habe ich eine Liste mit Leuten, die parat stehen, sollte hier irgendwas von außen gebraucht werden. Das entspannt.

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Freitag morgen, Anruf der Hausarztpraxis, PCR-Test ist positiv. Gesundheitsamt wird sich melden. Alles andere hätte mich auch gewundert. Das Märzkind ist krank. Es ist ein milder Verlauf, nach Definition der WHO. Nach meiner Definition ist das krasser scheiß. So krank ist noch keines meiner Kinder jemals gewesen. Ich bin froh, über jede einzelne Impfung, die dieser Haushalt schon bekommen hat.

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Samstag morgen bekomme ich eine whatsapp vom Julikind. Ob ich ihr wohl einen Tee bringen könnte? Ohoh. Ich schaue nach. Sie liegt im Bett, die Decke bis unters Kinn gezogen, die Augen fieberglänzend, ein Tränchen kullert. Sie will kein Corona. Trösten, lüften, Fieber messen. Der Liebste nimmt die Kinder mit zum Testzentrum im Nachbarort. Er braucht sowieso einen Test für die Arbeit. Nach einer halben Stunde kommen sie wieder, alle negativ. Blick auf das Julikind. Im Leben nicht. Wir machen einen Schnelltest. Der ist so schnell und so eindeutig positiv, dass man sich ernsthaft fragt, wie die das im Testzentrum hinbekommen haben, negativ zu testen. „Naja, die haben ihr eigentlich nur ganz vorn in der Nase…“, sagt das Julikind. Der Liebste ist der netteste Kunde der Welt. Er hat Verständnis für so gut wie alles. Verbale Eskalation ist mein Resort. Aber – er ruft da jetzt an, und sagt denen, dass sie das schon ordentlich machen müssen. Uuuuhuuuuhuhu, das hab ich so auch noch nicht erlebt.

Anruf bei 116117. Das Kind müsste einen PCR-Test machen. Da wo wir wohnen gibts aber keine, am Wochenende. Tja, dann nicht.

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Die Mädels bekommen ihr Essen gebracht, der Liebste ist an der Arbeit. Maikind und ich schauen uns an. „Was ißt du denn?“ Tisch decken für zwei Personen ist gar nicht so einfach. Es ist ungewohnt leise beim Essen. Jeder nimmt sein Zeug wieder mit in die Küche, zack Tisch abgeräumt.

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Das Tragen von FFP2 Masken ist mir im Sitzen schon anstrengend. Damit arbeiten kann ich eigentlich nicht. Ich komme körperlich an Grenzen. Ich mache nur das Nötigste. Trösten und betüddeln kann man zum Glück im sitzen.

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Montag morgen meint der Liebste, Symthome zu haben. Er reiht sich zusammen mit dem Julikind in die Schlange vorm Testzentrum ein. Ich fahre einkaufen. Als ich fertig bin sind die beiden etwa 50 Meter weiter vor gerückt, das kann noch dauern. Ich habe eine Zeitung gekauft, fürs Märzkind, dann lese ich die eben. Die Inzidenz im Kreis liegt bei fast 800. Kein Wunder, dass die Schlange da so lang ist. Nach einer halben Stunde kommen die beiden aus dem Testzentrum. Sie verziehen das Gesicht. Dieser Test, der ging bis an die Kotzgrenze und dann nochmal bis ans Gehirn, das muss man wirklich nicht haben. Der Liebste hat einen Zettel bekommen, wie man sich bestmöglich isolieren sollte, nachdem man positiv getestet worden ist. Och guck, so ein Zettel hätte uns am Donnerstag auch schon geholfen. Warum bekommt man den denn nicht direkt, wenn man ein postives Kind abholt?

Montags muss Kuchen bei der Omma geholt werden. Ich habe nicht die Kraft, ihr zu erklären, warum das diese Woche keine gute Idee ist. „Rein komme ich aber auf keinen Fall, Omma“, sage ich. Das ist ihr recht. Ich klingele mit FFP2, sie übergibt Kuchen und Kräutertee für die Mädels am ausgestreckten Arm. Ich gehe drei Schritte zurück und wir führen das gleiche Gespräch wie heute morgen am Telefon nochmal in echt.

Mann muss dem Tod auch mal eine Chance geben, sonst lebt man am Ende noch ewig.

Oma Ruth, 101 Jahre (auf dem Geburtstag des Julikinds)

Mittags ruft das Gesundheitsamt an. Das Märzkind reicht mir den Hörer weiter. Man freut sich, dass wir schon von selber mit dem Julikind beim PCR-Test waren. Alle Kinder werden in Quarantäne geschickt, ab jetzt. Wir Großen nicht, wir sind geboostert. Maikind hat die Möglichkeit sich rauszutesten, beim Julikind waren wir erstmal auf das Ergebnis. Man wird sich gegebenenfalls wieder melden.

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„Das Kabuff“ ist der homeschooling/Lese-/Weihnachtsgeschenke-Einpackraum. Eine Bank und ein Tisch stehen darin. Es als Zimmer zu bezeichnen, wäre geprahlt, aber gemütlich ist es. Maikind hilft mir, die Möbel raus und den Ausklappsessel reinzutragen. Man kann den Sessel nicht ganz ausziehen, aber fast. „Also, wenn hier einer schlafen kann, dann du“, sagt das Maikind und grinst so. Da muss ich ihn aber doch mal in die Seite pieksen. Kaum ist er 5 cm größer als ich wird er frech. Einen Moment lang fühlt es sich verrückt an, hier so provisorisch zu übernachten. Dann ist es schon morgen früh.

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Dem Julikind geht es zum Glück schnell wieder besser. Märzkind wird ein ganz kleines bisschen quengelig, weil sie wieder raus will. Ein gutes Zeichen. Nachdem sie ins Badezimmer und zurückgelaufen ist, legt sie sich kommentarlos wieder hin. Das dauert noch.

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Ich danke herzlich für an die Tür gehängte Süßigkeiten und DVD`s und den seelentröstenden Kartoffelsalat. Viele liebe Nachrichten haben uns durch diese Woche getragen.

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